Nachher wie vorher.

Für Chomsky war der Kalte Krieg nur ein Sonderfall des Nord-Süd-Konfliktes.
In dem Film „The Fog of War“ darf sich der ehemalige US-Verteidigungsminister Robert McNamara tragisch geben: Man hätte damals an die Dominotheorie geglaubt: Wenn Südvietnam unter kommunistische Herrschaft kommt, greift der „Virus“ auch auf andere Staaten über. Erst bei einem Vietnambesuch in den 90er Jahren habe er gelernt, dass es der vietnamesischen Seite lediglich um die nationale Unabhängigkeit gegangen sei. Späte Einsicht.
Nach Noam Chomsky ist es der amerikanischen Politik während des Kalten Krieges genau darum gegangen: Den unabhängigen Nationalismus in der Dritten Welt klein zu halten. Der Westen sei nicht in erster Linie über den militärischen Einflussbereich der Sowjetunion besorgt gewesen, sondern über den ideologischen Einfluss durch die Systemkonkurrenz. Das heißt, andere Länder hätten, durch das Beispiel und die wirtschaftliche Kooperation mit der UDSSR ermutigt, eine eigenständige Wirtschaftspolitik anstreben und sich aus der Rolle von Rohstofflieferanten für die Industrienationen befreien können. Dagegen sei nicht nur in Vietnam interveniert worden. Die Kriegseinsätze seien mit der militärischen Bedrohung durch den Kommunismus und der „nationalen Sicherheit“ begründet worden. Ob die Eliten dabei die eigene Propaganda glaubten, wie Robert McNamara, oder nicht, ist für Chomsky irrelevant. Schade: Verbirgt sich dahinter doch die freilich schwer zu klärende Frage, ob das wirtschaftliche System die Politik des Kalten Krieges bestimmt hat, oder ob die Wirtschaft nur geschickt von einer politischen Paranoia profitiert hat. Chomsky bringt immerhin einige Belege bei, dass wirtschaftliche Erwägungen in der Politik der US-Regierungen eine größere Rolle gespielt haben als landläufig angenommen.
Kriege und hohen Rüstungsbudgets hätten das System eines „Militärkeynesianismus“ begründet: Schulden machen und Kriege führen für fortwährende öffentliche Investitionen in die Rüstungsindustrie; sozusagen „deficit bombing“. Ein System, das unter Ronald Reagan einen gewissen Höhepunkt erreicht habe und das zeige, dass die amerikanische Politik immer schon ein taktisches Verhältnis zu den Wirtschaftslehren hatte: Ob Chicago Boys oder Keynes; es sei genommen worden, was den großen US-Konzernen diente. Liberalen Freihandel hätten die US-Regierungen nur anderen Ländern gepredigt, während die eigene Wirtschaft durch protektionistische Maßnahmen geschützt worden sei. So gesehen besteht heute kein Grund für linke Wirtschaftsredakteure über eine Wiederkehr des Keynesianismus zu jubeln, nur weil George W. Bush das selbe macht wie Reagan - allerdings in größerem Maßstab. Und zur Rechtfertigung von Kriegen muss heute der „internationale Terrorismus“ herhalten. Eine marginale Wende in der amerikanischen Politik, die, nach Chomsky, bereits Vater Bush mit dem Golfkrieg 1991 eingeleitet habe. Kurz: Mit dem Ende des Kalten Krieges habe sich nur die Begründung für die Politik der US-Regierungen geändert, nicht deren Substanz.
Diese Perspektive aus dem im Amerikanischen Original bereits 1994 erschienen Buch eignet sich freilich nicht für den schnellen Anti-Amerikanismus von heute. Chomsky ordnet den Kalten Krieg in die „fünfhundert Jahre währende Geschichte der Eroberung der Welt durch die europäischen Großmächte“ ein. Die ehemalige Kolonie Amerika habe nach dem eigenen Machtzuwachs nur schnell von den europäischen Kolonisatoren gelernt.
Eine anregender Blick auf den Kalten Krieg, auch wenn Chomskys Parforceritt durch Politik und Wirtschaft des 20.Jahrhunderts (für ihn begann der Kalte Krieg bereits mit der Oktoberrevolution) nicht alle historischen Fragen berücksichtigen kann. Außerdem leidet dies Buch, wie viele andere von Chomsky, daran, dass es eher assoziativ als systematisch aufgebaut ist.
Die Furche / 21.10.2004
Nach Noam Chomsky ist es der amerikanischen Politik während des Kalten Krieges genau darum gegangen: Den unabhängigen Nationalismus in der Dritten Welt klein zu halten. Der Westen sei nicht in erster Linie über den militärischen Einflussbereich der Sowjetunion besorgt gewesen, sondern über den ideologischen Einfluss durch die Systemkonkurrenz. Das heißt, andere Länder hätten, durch das Beispiel und die wirtschaftliche Kooperation mit der UDSSR ermutigt, eine eigenständige Wirtschaftspolitik anstreben und sich aus der Rolle von Rohstofflieferanten für die Industrienationen befreien können. Dagegen sei nicht nur in Vietnam interveniert worden. Die Kriegseinsätze seien mit der militärischen Bedrohung durch den Kommunismus und der „nationalen Sicherheit“ begründet worden. Ob die Eliten dabei die eigene Propaganda glaubten, wie Robert McNamara, oder nicht, ist für Chomsky irrelevant. Schade: Verbirgt sich dahinter doch die freilich schwer zu klärende Frage, ob das wirtschaftliche System die Politik des Kalten Krieges bestimmt hat, oder ob die Wirtschaft nur geschickt von einer politischen Paranoia profitiert hat. Chomsky bringt immerhin einige Belege bei, dass wirtschaftliche Erwägungen in der Politik der US-Regierungen eine größere Rolle gespielt haben als landläufig angenommen.
Kriege und hohen Rüstungsbudgets hätten das System eines „Militärkeynesianismus“ begründet: Schulden machen und Kriege führen für fortwährende öffentliche Investitionen in die Rüstungsindustrie; sozusagen „deficit bombing“. Ein System, das unter Ronald Reagan einen gewissen Höhepunkt erreicht habe und das zeige, dass die amerikanische Politik immer schon ein taktisches Verhältnis zu den Wirtschaftslehren hatte: Ob Chicago Boys oder Keynes; es sei genommen worden, was den großen US-Konzernen diente. Liberalen Freihandel hätten die US-Regierungen nur anderen Ländern gepredigt, während die eigene Wirtschaft durch protektionistische Maßnahmen geschützt worden sei. So gesehen besteht heute kein Grund für linke Wirtschaftsredakteure über eine Wiederkehr des Keynesianismus zu jubeln, nur weil George W. Bush das selbe macht wie Reagan - allerdings in größerem Maßstab. Und zur Rechtfertigung von Kriegen muss heute der „internationale Terrorismus“ herhalten. Eine marginale Wende in der amerikanischen Politik, die, nach Chomsky, bereits Vater Bush mit dem Golfkrieg 1991 eingeleitet habe. Kurz: Mit dem Ende des Kalten Krieges habe sich nur die Begründung für die Politik der US-Regierungen geändert, nicht deren Substanz.
Diese Perspektive aus dem im Amerikanischen Original bereits 1994 erschienen Buch eignet sich freilich nicht für den schnellen Anti-Amerikanismus von heute. Chomsky ordnet den Kalten Krieg in die „fünfhundert Jahre währende Geschichte der Eroberung der Welt durch die europäischen Großmächte“ ein. Die ehemalige Kolonie Amerika habe nach dem eigenen Machtzuwachs nur schnell von den europäischen Kolonisatoren gelernt.
Eine anregender Blick auf den Kalten Krieg, auch wenn Chomskys Parforceritt durch Politik und Wirtschaft des 20.Jahrhunderts (für ihn begann der Kalte Krieg bereits mit der Oktoberrevolution) nicht alle historischen Fragen berücksichtigen kann. Außerdem leidet dies Buch, wie viele andere von Chomsky, daran, dass es eher assoziativ als systematisch aufgebaut ist.
Noam Chomsky, Neue Weltordnungen. Vom Kolonialismus zum Big Mac, Europa-Verlag Hamburg und Wien 2004, ca. 240 Seiten, € 18,40.
Die Furche / 21.10.2004



