Noam Chomsky - ein Pessimist, der seine Hoffnung auf die Menschen setzt.

Zur Verleihung des Carl von Ossietzky-Preises.

Am Sonntag bekommt der amerikanische Linguist Noam Chomsky den Carl-von-Ossietzky-Preis der Stadt Oldeburg verliehen. “Für seine für seine kritischen Analysen der Weltordnung und der Rolle der Medien“ - wie es die jury des Menschenrechtspreises erklärt. Seit dem Vietnamkrieg schreibt der inzwischen 75jährige Linguistikprofessor gegen die Politik der jeweiligen amerikansichen Regiurung an. Für einige ist er ein fantastischer Wissenschaftler, der merkwürdige politische Traktate schreibt - für die andere ist er der profilierteste Kritiker der amerikanischen Regierung, der auch einige abstruse linguistische Theorien verfasst hat. Christoph Fleischmann stellt den politisch aktiven Linguisten vor:

Die aktuellen Prognosen von Noam Chomsky werden immer düsterer:

O-Ton 1
If some rational person from Mars was observing the course of events here, I don’t think they would put a high probability on human survival for much longer.

Wenn ein intelligenter Beobachter vom Mars sich die Ereignisse hier anschauen würde, so würde er vermutlich die Wahrscheinlichkeit für ein langfristiges Überlebens der menschlichen Spezies nicht sehr hoch einschätzen.

Schuld daran ist für Chomsky die amerikanische Regierung; und zwar nicht nur die von George W.Bush: Chomsky kritisierte bisher jede amerikanische Regierung - er schrieb gegen die militärische Außenpolitik in Vietnam und in Chile, in Nicaragua, El Salvador, Grenada, Haiti, Sudan, Israel-Palästina, Kosovo, Afghanistan und Irak, um nur eine kurze Auswahl aus Chomskys Sündenregister zu nennen. Für ihn ist sein Land eigentlich an fast jedem Konflikt der Welt schuld. Andere Länder kommen in seinen Analysen nur als Opfer oder Vasallen der amerikanischen Macht in den Blick, nicht als eigenständige Akteure. Aber Chomsky ist kein Dogmatiker, der Glaubenssätze aufstellt, sondern ein Empiriker, der Belege zusammenträgt. Seine politischen Texte sind keine flotten Essays, sondern gründlich recherchierte Materialsammlungen. Auch für die dunkle Prognose des Marsmannes nennt Chomsky Gründe: Die gegenwärtige amerikansiche Politik verhindere nicht den Terror, sie fördere ihn:

O-Ton 2
It is by now reasonably well understood including the mainstream of the US Foreign Policy Elite and intelligence agencies: The programs that the government is carrying out are inciting proliferation of weapons of mass destruction and new forms of terror. And those will sooner or later be unified which could be quite horrendous.

Selbst die Eliten der US-amerikanischen Außenpolitik und die Geheimdienste wissen genau, dass die aktuelle Regierungspolitik die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und neue Formen des Terrors fördern. Über kurz oder lang kommen diese beiden Probleme zusammen. Und das kann ein Horrorszenario werden..

In seinem Hauptberuf forscht und lehrt Chomsky seit 1955 über Sprachwissenschaft am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Für viele Linguisten ist er immer noch eine feste Bezugsgröße: Berühmt wurde seine Theorie der Generativen Grammatik: Jedes Kind, so Chomsky, bringe eine Universalgrammatik mit auf die Welt. Die ermögliche es dem Kind, bei entsprechendem Umfeld, jede beliebige Sprache zu erlernen. Sprachfähigkeit sei also im Wesentlichen angeboren und nicht erworben.

Noam Chomsky setzt große Hoffnungen in die Kreativität des Menschen. Das verbindet seine linguistischen Theorien mit seinen politischen Schriften: Die öffentliche Meinung, so hat er kürzlich geschrieben, sei die zweite verbliebene Supermacht neben den USA, eine Supermacht, die sich in den letzten vierzig Jahren gut entwickelt habe:

O-Ton 3
40 years ago JFKennendy in 1962 send the US Air Force to bomb South Vietnam and began chemical warfare programs to destroy crops, started millions of people to concentration camps. There was no protest no discussion. I used to talk in groups with four people if we were lucky and it was four five years before any significant protest developed. By that time south Vietnam had been virtually destroyed. Lets come to the present. Now there had been massive protest before the war was even fought. […] That’ s a very significant change over 40 years.

Vor gut vierzig Jahren, 1962, schickte John F. Kennedy die Luftwaffe, um Südvietnam zu bombardieren. Er ließ chemische Waffen einsetzen, um die Felder zu zerstören, und er ließ Millionen Menschen in Lager einsperren. Es gab keinen Protest und keine Diskussionen. Ich sprach vor Gruppen, wo wir froh waren, wenn vier Leute kamen. Es dauerte vier oder fünf Jahre, bis es zu großen Protesten kam. Zu dieser Zeit war Südvietnam so gut wie völlig zerstört. Vor dem Irak-Krieg hingegen gab es massive Proteste, bevor der Krieg überhaupt angefangen hatte. [...] Das ist eine sehr bedeutende Veränderung in den letzten vierzig Jahren.

Der pessimistische Mahner Chomsky schreibt seinem eigenen Verständnis nach für die vielen Protestgruppen in der Welt: Er hofft, dass sie den Mann vom Mars vielleicht doch noch eines besseren belehren.

WDR 5 Morgenecho / 22.5.2004


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