Wortmaschiene gegen Machtmaschiene.
Eine Würdigung zu Chomskys 75. Geburtstag.
„Staaten sind keine Agenturen für Moral“, sondern „Maschinen, die Macht ausüben.“ So ein zentrales politisches Credo des amerikanischen Linguisten Noam Chomsky. Wenn man der Maschine keine Zügel anlegt – durch internationales Recht oder durch Widerstand der eigenen Bevölkerung – dann übt sie ungehindert Macht aus. Chomskys Logik lässt erwarten, dass der Staat, der am mächtigsten ist, sich am wenigsten um Moral kümmert. Schurkenstaat Nummer eins ist für Chomsky deshalb sein eigener Staat, die USA. Von amerikanischen Regierungen Moral zu erwarten, wäre naiv oder opportunistische Propaganda.
Man mag gegen Chomsky einwenden, dass das ein zu einfacher Interpretationsrahmen ist, mit der er seit rund 40 Jahren gegen die Politik seiner Regierungen anschreibt. Das Problem bei diesem Vorwurf ist aber, dass Chomsky kein Dogmatiker ist, der Glaubenssätze aufstellt, sondern ein Empiriker, der Belege zusammenträgt. Seine politischen Texte sind derart mit Zitaten durchsetzt, dass man darin schon fast eine eigene Stilform sehen kann: Zitatencollagen mit sarkastischen Kommentaren, die nicht selten gegen die Intention des Zitierten gerichtet sind. Mit Hilfe dieser Belege aus der amerikanischen Mainstream-Presse und aus Fachpublikationen hält Chomsky akribisch die Untaten der amerikanischen Außenpolitik nach. Es ist schwer, gegen die gründlich recherchierten Belege und Chomksys Folgerungen zu argumentieren.
Der Staatsmaschine gehe es um Macht. Darum zielt Chomskys Kritik am jüngsten Irak-Feldzug, wie er sie in seinem neuen Buch Hybris zusammengefasst hat, auch nicht in erster Linie auf die wirtschaftlichen Eroberung. Das irakische Öl sei vielleicht ein angenehmer Nebeneffekt, aber letztlich gehe es um die Sicherung der amerikanischen Hegemonie, wie sie in der Nationalen Sicherheitsdoktrin vom September 2002 niedergeschrieben sei. Danach werde die USA alles unternehmen, um andere Mächte davon abzuhalten, mit der eigenen militärischen Macht gleichzuziehen.
Zum Bewerten der amerikanischen Politik braucht Chomsky wiederum nur eine einfache Moral: Es müssen für alle die selben Regeln gelten. Mehr Theorie braucht es für ihn nicht, um die Welt zu analysieren. In der Tat hält er komplizierte sozialwissenschaftliche Theoriebildung für manirierte Zeitverschwendung. Das macht ihn vielleicht auch so beliebt bei der Antiglobalisierungsbewegung, die ja ebenfalls einfach „Aufklärung“ betreiben will und – anders als noch die 68er – wenig politische Theoriebildung produziert. Dabei ist Chomsky, was seinen Hauptberuf angeht, durchaus kein Feind der Theorie: Als Linguist hat er mehrere hochkomplexe Theorien entworfen: Die Generative Transformationsgrammatik, die Prinzipien-und-Parameter-Theorie und das minimalistische Programm. Und Linguisten, die mit seinen Modellen arbeiten fürchten immer noch, dass der Altmeister mal wieder eine neue Änderung seiner Theorie vorlegt, und sie ihre Arbeiten dementsprechend anpassen müssen.
Chomskys politische Theoriebildung war dagegen schon sehr früh abgeschlossen: Chomsky, geboren 1928, wuchs als Kind zweier jüdischer Hebräischlehrer auf im Osten der USA auf. Über einen Onkel kam er in Kontakt mit dem jüdischen Arbeitermillieu in New York. Hier lernte er bereits als Teenager die Schriften von Rudolf Rocker kennen, eines aus Deutschland in die USA ausgewanderten Anarcho-Syndikalisten. Rockers Beschreibung des spanischen Bürgerkrieges führten bei Chomsky schon früh zu einer Abneigung gegenüber Marxismus und Leninismus. Dass es einer Avantgarde oder einer Diktatur des Proletariates bedürfe, um die Freiheit zu erringen, ist ihm suspekt. Bis heute glaubt er hartnäckig an die freie Assoziation von freien Menschen, die ihre Geschicke selber in die Hand nehmen. In seinem neuen Buch Hybris erklärt er – in Anlehnung an eine Zitat aus der New York Times – dass die öffentliche Weltmeinung die einzige verbleibende Supermacht neben den USA sei. Aber er ist zu sehr Anarchist um der zweiten Supermacht mehr als zwei Seiten seines Buches zu widmen: Er glaubt nämlich, dass die neuen Protestbewegungen nicht strategische Ratschläge von Gurus brauchen, sondern dass die Menschen in diesen Bewegungen, wenn sie die öffentliche Propaganda durchschauen, ihre eigenen Interessen selbst in die Hand nehmen.
Durch einen Aufsatz von Rocker wurde Chomsky auf die Verbindung von Anarchismus und klassischen Liberalismus aufmerksam und fand in dem deutschen Gelehrten Wilhelm von Humboldt eine weitere Inspirationsquelle. Gerne zitiert er das ganzheitliche Humboldtsche Bildungsideal: „Humboldt sagt es sehr poetisch: ‚Wenn man ein schönes Objekt sieht, das jemand unter Zwang und in Lohnarbeit angefertigt hat, dann können wir zwar bewundern, was dieser Mensch geleistet hat, werden aber das verachten, was er ist.’ Humboldt spricht da von fremdbestimmter Arbeit im Gegensatz zum kreativen Wollen.“ Dieses Freiheitsideal hält Chomsky den konservativen Versuchen entgegen, die Menschen zu beeinflussen. Besonders deutlich wird das in seiner Medientheorie, die er gegen einen der Erfinder der Public Relations, Walter Lippmann, positioniert. Dieser war Mitglied einer Propaganda-Kommission des vermeintlich liberalen Präsidenten Woodrow Wilson. Lippmanns Meinung nach seien die öffentliche Meinung und das Interesse des Gemeinwesen nicht deckungsgleich, weswegen verantwortliche Stellen um des Gemeinwohls willen „Konsens herstellen“ müssten. Solche Vorstellungen sind Chomsky ein Gräuel, er kann sie in einem Atemzug mit Lenins Vorstellungen von einer revolutionären Avantgarde nennen. So sind Chomskys Lieblingsfeinde auch nicht die erzreaktionären Nationalisten, sondern die vorgeblich liberalen Denker, die sich in den Dienst der Machtmaschine stellen.
Auch auf wirtschaftlichem Gebiet demaskiert er gerne die vorgeblich Liberalen oder Neoliberalen, die in Wahrheit die größten Protektionisten sind, nämlich die Regierungen Ronald Reagan und Margret Thatcher. Dabei ist Chomsky kein Freund liberaler Ökonomen, aber er ist für gleiche Regeln für alle und erkennt – was manche Theoretiker der Globalisierung übersehen – dass die Neoliberalen gar nicht so liberal sind, wie sie tun, sondern oft genug nach dem Motto verfahren: Freihandel ist gut für dich, aber nicht für mich.
Bei Humboldt fand Chomsky auch Gedanken zur Sprachentstehung, die ihm bei seinen linguistischen Forschungen halfen: Seit 1955 forscht und lehrt Chomsky am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und erregt seit dieser Zeit Aufsehen mit seinen linguistischen Theorien: Sprache werde nicht in erster Linie durch das Vorbild erworben, sondern jedes Kind bringe eine Universalgrammatik mit, die es ihm ermögliche, bei entsprechendem Umfeld, jede beliebige Sprache zu erlernen. Kurz: Sprache ist wesentlich angeboren und nicht erworben, wie der Behaviorismus meinte. Ein Reiz-Reaktions-Schema könne niemals hinreichend erklären, dass ein Kind in der Lage ist, eine unendliche Anzahl neuer Sätze nicht nur zu verstehen, sondern auch selbständig zu bilden. Sie müssen das mentale Werkzeug dazu also ererbt haben. Wie dieses ererbte Instrumentarium genau aussieht, hat Chomsky in immer weiteren Forschungen zu präzisieren versucht. Auch hier taucht das Ideal des freien Menschen auf, der von sich aus kreativ sein kann. Dass Chomsky der Behaviorismus verdächtig war, der meinte Menschen durch Erziehung problemlos in die eine oder andere Richtung prägen zu können, erklärt sich von seinem anarchistisch-liberalen Theoriehintergrund. Zwar lehnt es Chomsky vehement ab, eine Verbindung zwischen seinen linguistischen Forschungen und seinen politischen Schriften zu sehen, aber das muss man wohl nicht zu ernst nehmen – genauso wenig wie man ihm glauben muss, dass er in seinen politischen Schriften nur theorielose Fakten zusammentrage. Natürlich hat auch Chomsky eine Vorstellung von der Welt, auch wenn sei nicht Theorie nennen will. Sein deutscher Übersetzer Michael Haupt geht sogar noch weiter im Vergleich zwischen Chomsky dem Linguisten und dem politischen Schriftsteller Chomsky: Haupt spricht von Chomskys „politischer Universalgrammatik“: „Ein begrenzter Set von Grundsätze und Regeln reicht aus, um eine prinzipiell unbegrenzte Anzahl politischer Handlungen zu beschreiben. Anthropologische, psychologische, philosophische, geschichtstheoretische Erwägungen sind überflüssig“.
Auch wenn die unkomplizierte Kritik von Chomsky in vielen Punkten besticht, so bleibt Chomsky doch als Kritiker der Macht letztlich der Logik der Macht verhaftet. Dass zeigt sich konkret daran, dass für ihn die größte Macht Amerika eigentlich an allem schuld ist. Andere Länder kommen nur als Opfer oder als Vasallen der amerikanischen Macht in Betracht, nicht als eigenständige Akteure. So kann man zum Beispiel seine Analyse des Kosovo-Krieges dahingehend kritisieren, dass er die Rolle der europäischen Regierungen, die innerhalb der NATO die zögerliche Clinton-Administration zum Krieg drängten, völlig ausblendet. Ebenso ist seine Analyse des Israel-Palästina-Konfliktes, die unter dem Titel Fateful Triangle erschien, zwar instruktiv und lehrreich, aber letztlich eine Kritik der amerikanischen und israelischen Politik, bei der die Palästinenser nur als Statisten auftauchen. Außerdem bleibt Chomsky mit seiner immensen Textproduktion – 24 Bücher seit 1989 – immer reaktiv und zunehmend redundant. Die Macht schreitet voran und Chomsky folgt ihr so unerbittlich wie vorhersehbar. Eine Änderung ist nicht in Sicht. Seine Hoffnung, die Welt könne durch das freie Engagement der Menschen geändert werden, klingt etwas nach Zweckoptimismus. Während der Vietnamkrieg noch in die Jahre kommen musste, bis sich erster Protest regte, so Chomsky, hätte sich diesmal schon vor Beginn des Irak-Krieges eine umfassende Protestbewegung gebildet. Man möchte den Fortschritt gern glauben, aber selbst Chomskys Ton wird düsterer: Hegemony or Survival heißt das neue Buch im Amerikanischen Original: das Überleben der Menschheit stehe auf dem Spiel.
Am 7. Dezember feiert Chomsky seinen 75. Geburtstag. Eigentlich ist von seiner Seite aus alles gesagt, aber unprätentiös und unbestechlich wird die Textmaschine Chomsky in Vorträgen, Aufsätzen, Interviews und Büchern weiterarbeiten.
Man mag gegen Chomsky einwenden, dass das ein zu einfacher Interpretationsrahmen ist, mit der er seit rund 40 Jahren gegen die Politik seiner Regierungen anschreibt. Das Problem bei diesem Vorwurf ist aber, dass Chomsky kein Dogmatiker ist, der Glaubenssätze aufstellt, sondern ein Empiriker, der Belege zusammenträgt. Seine politischen Texte sind derart mit Zitaten durchsetzt, dass man darin schon fast eine eigene Stilform sehen kann: Zitatencollagen mit sarkastischen Kommentaren, die nicht selten gegen die Intention des Zitierten gerichtet sind. Mit Hilfe dieser Belege aus der amerikanischen Mainstream-Presse und aus Fachpublikationen hält Chomsky akribisch die Untaten der amerikanischen Außenpolitik nach. Es ist schwer, gegen die gründlich recherchierten Belege und Chomksys Folgerungen zu argumentieren.
Der Staatsmaschine gehe es um Macht. Darum zielt Chomskys Kritik am jüngsten Irak-Feldzug, wie er sie in seinem neuen Buch Hybris zusammengefasst hat, auch nicht in erster Linie auf die wirtschaftlichen Eroberung. Das irakische Öl sei vielleicht ein angenehmer Nebeneffekt, aber letztlich gehe es um die Sicherung der amerikanischen Hegemonie, wie sie in der Nationalen Sicherheitsdoktrin vom September 2002 niedergeschrieben sei. Danach werde die USA alles unternehmen, um andere Mächte davon abzuhalten, mit der eigenen militärischen Macht gleichzuziehen.
Zum Bewerten der amerikanischen Politik braucht Chomsky wiederum nur eine einfache Moral: Es müssen für alle die selben Regeln gelten. Mehr Theorie braucht es für ihn nicht, um die Welt zu analysieren. In der Tat hält er komplizierte sozialwissenschaftliche Theoriebildung für manirierte Zeitverschwendung. Das macht ihn vielleicht auch so beliebt bei der Antiglobalisierungsbewegung, die ja ebenfalls einfach „Aufklärung“ betreiben will und – anders als noch die 68er – wenig politische Theoriebildung produziert. Dabei ist Chomsky, was seinen Hauptberuf angeht, durchaus kein Feind der Theorie: Als Linguist hat er mehrere hochkomplexe Theorien entworfen: Die Generative Transformationsgrammatik, die Prinzipien-und-Parameter-Theorie und das minimalistische Programm. Und Linguisten, die mit seinen Modellen arbeiten fürchten immer noch, dass der Altmeister mal wieder eine neue Änderung seiner Theorie vorlegt, und sie ihre Arbeiten dementsprechend anpassen müssen.
Chomskys politische Theoriebildung war dagegen schon sehr früh abgeschlossen: Chomsky, geboren 1928, wuchs als Kind zweier jüdischer Hebräischlehrer auf im Osten der USA auf. Über einen Onkel kam er in Kontakt mit dem jüdischen Arbeitermillieu in New York. Hier lernte er bereits als Teenager die Schriften von Rudolf Rocker kennen, eines aus Deutschland in die USA ausgewanderten Anarcho-Syndikalisten. Rockers Beschreibung des spanischen Bürgerkrieges führten bei Chomsky schon früh zu einer Abneigung gegenüber Marxismus und Leninismus. Dass es einer Avantgarde oder einer Diktatur des Proletariates bedürfe, um die Freiheit zu erringen, ist ihm suspekt. Bis heute glaubt er hartnäckig an die freie Assoziation von freien Menschen, die ihre Geschicke selber in die Hand nehmen. In seinem neuen Buch Hybris erklärt er – in Anlehnung an eine Zitat aus der New York Times – dass die öffentliche Weltmeinung die einzige verbleibende Supermacht neben den USA sei. Aber er ist zu sehr Anarchist um der zweiten Supermacht mehr als zwei Seiten seines Buches zu widmen: Er glaubt nämlich, dass die neuen Protestbewegungen nicht strategische Ratschläge von Gurus brauchen, sondern dass die Menschen in diesen Bewegungen, wenn sie die öffentliche Propaganda durchschauen, ihre eigenen Interessen selbst in die Hand nehmen.
Durch einen Aufsatz von Rocker wurde Chomsky auf die Verbindung von Anarchismus und klassischen Liberalismus aufmerksam und fand in dem deutschen Gelehrten Wilhelm von Humboldt eine weitere Inspirationsquelle. Gerne zitiert er das ganzheitliche Humboldtsche Bildungsideal: „Humboldt sagt es sehr poetisch: ‚Wenn man ein schönes Objekt sieht, das jemand unter Zwang und in Lohnarbeit angefertigt hat, dann können wir zwar bewundern, was dieser Mensch geleistet hat, werden aber das verachten, was er ist.’ Humboldt spricht da von fremdbestimmter Arbeit im Gegensatz zum kreativen Wollen.“ Dieses Freiheitsideal hält Chomsky den konservativen Versuchen entgegen, die Menschen zu beeinflussen. Besonders deutlich wird das in seiner Medientheorie, die er gegen einen der Erfinder der Public Relations, Walter Lippmann, positioniert. Dieser war Mitglied einer Propaganda-Kommission des vermeintlich liberalen Präsidenten Woodrow Wilson. Lippmanns Meinung nach seien die öffentliche Meinung und das Interesse des Gemeinwesen nicht deckungsgleich, weswegen verantwortliche Stellen um des Gemeinwohls willen „Konsens herstellen“ müssten. Solche Vorstellungen sind Chomsky ein Gräuel, er kann sie in einem Atemzug mit Lenins Vorstellungen von einer revolutionären Avantgarde nennen. So sind Chomskys Lieblingsfeinde auch nicht die erzreaktionären Nationalisten, sondern die vorgeblich liberalen Denker, die sich in den Dienst der Machtmaschine stellen.
Auch auf wirtschaftlichem Gebiet demaskiert er gerne die vorgeblich Liberalen oder Neoliberalen, die in Wahrheit die größten Protektionisten sind, nämlich die Regierungen Ronald Reagan und Margret Thatcher. Dabei ist Chomsky kein Freund liberaler Ökonomen, aber er ist für gleiche Regeln für alle und erkennt – was manche Theoretiker der Globalisierung übersehen – dass die Neoliberalen gar nicht so liberal sind, wie sie tun, sondern oft genug nach dem Motto verfahren: Freihandel ist gut für dich, aber nicht für mich.
Bei Humboldt fand Chomsky auch Gedanken zur Sprachentstehung, die ihm bei seinen linguistischen Forschungen halfen: Seit 1955 forscht und lehrt Chomsky am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und erregt seit dieser Zeit Aufsehen mit seinen linguistischen Theorien: Sprache werde nicht in erster Linie durch das Vorbild erworben, sondern jedes Kind bringe eine Universalgrammatik mit, die es ihm ermögliche, bei entsprechendem Umfeld, jede beliebige Sprache zu erlernen. Kurz: Sprache ist wesentlich angeboren und nicht erworben, wie der Behaviorismus meinte. Ein Reiz-Reaktions-Schema könne niemals hinreichend erklären, dass ein Kind in der Lage ist, eine unendliche Anzahl neuer Sätze nicht nur zu verstehen, sondern auch selbständig zu bilden. Sie müssen das mentale Werkzeug dazu also ererbt haben. Wie dieses ererbte Instrumentarium genau aussieht, hat Chomsky in immer weiteren Forschungen zu präzisieren versucht. Auch hier taucht das Ideal des freien Menschen auf, der von sich aus kreativ sein kann. Dass Chomsky der Behaviorismus verdächtig war, der meinte Menschen durch Erziehung problemlos in die eine oder andere Richtung prägen zu können, erklärt sich von seinem anarchistisch-liberalen Theoriehintergrund. Zwar lehnt es Chomsky vehement ab, eine Verbindung zwischen seinen linguistischen Forschungen und seinen politischen Schriften zu sehen, aber das muss man wohl nicht zu ernst nehmen – genauso wenig wie man ihm glauben muss, dass er in seinen politischen Schriften nur theorielose Fakten zusammentrage. Natürlich hat auch Chomsky eine Vorstellung von der Welt, auch wenn sei nicht Theorie nennen will. Sein deutscher Übersetzer Michael Haupt geht sogar noch weiter im Vergleich zwischen Chomsky dem Linguisten und dem politischen Schriftsteller Chomsky: Haupt spricht von Chomskys „politischer Universalgrammatik“: „Ein begrenzter Set von Grundsätze und Regeln reicht aus, um eine prinzipiell unbegrenzte Anzahl politischer Handlungen zu beschreiben. Anthropologische, psychologische, philosophische, geschichtstheoretische Erwägungen sind überflüssig“.
Auch wenn die unkomplizierte Kritik von Chomsky in vielen Punkten besticht, so bleibt Chomsky doch als Kritiker der Macht letztlich der Logik der Macht verhaftet. Dass zeigt sich konkret daran, dass für ihn die größte Macht Amerika eigentlich an allem schuld ist. Andere Länder kommen nur als Opfer oder als Vasallen der amerikanischen Macht in Betracht, nicht als eigenständige Akteure. So kann man zum Beispiel seine Analyse des Kosovo-Krieges dahingehend kritisieren, dass er die Rolle der europäischen Regierungen, die innerhalb der NATO die zögerliche Clinton-Administration zum Krieg drängten, völlig ausblendet. Ebenso ist seine Analyse des Israel-Palästina-Konfliktes, die unter dem Titel Fateful Triangle erschien, zwar instruktiv und lehrreich, aber letztlich eine Kritik der amerikanischen und israelischen Politik, bei der die Palästinenser nur als Statisten auftauchen. Außerdem bleibt Chomsky mit seiner immensen Textproduktion – 24 Bücher seit 1989 – immer reaktiv und zunehmend redundant. Die Macht schreitet voran und Chomsky folgt ihr so unerbittlich wie vorhersehbar. Eine Änderung ist nicht in Sicht. Seine Hoffnung, die Welt könne durch das freie Engagement der Menschen geändert werden, klingt etwas nach Zweckoptimismus. Während der Vietnamkrieg noch in die Jahre kommen musste, bis sich erster Protest regte, so Chomsky, hätte sich diesmal schon vor Beginn des Irak-Krieges eine umfassende Protestbewegung gebildet. Man möchte den Fortschritt gern glauben, aber selbst Chomskys Ton wird düsterer: Hegemony or Survival heißt das neue Buch im Amerikanischen Original: das Überleben der Menschheit stehe auf dem Spiel.
Am 7. Dezember feiert Chomsky seinen 75. Geburtstag. Eigentlich ist von seiner Seite aus alles gesagt, aber unprätentiös und unbestechlich wird die Textmaschine Chomsky in Vorträgen, Aufsätzen, Interviews und Büchern weiterarbeiten.
Larissa MacFarquhar / Michael Haupt, Wer ist Noam Chomsky?, Europa-Verlag Hamburg und Wien 2003, 136 Seiten, sFr 17,40.
Noam Chomsky, Hybris. Die endgültige Sicherung der globalen Vormachtstellung der USA, aus dem Amerikanischen von Michael Haupt; Europa-Verlag Hamburg und Wien 2003, 320 Seiten, sFr 33,60.
WOZ / 11.12.2003
Noam Chomsky, Hybris. Die endgültige Sicherung der globalen Vormachtstellung der USA, aus dem Amerikanischen von Michael Haupt; Europa-Verlag Hamburg und Wien 2003, 320 Seiten, sFr 33,60.
WOZ / 11.12.2003