Supermacht öffentliche Meinung.

Interview mit Chomsky über sein Buch "Hybris".

Der amerikanische Linguist Noam Chomsky ist seit den fünfziger Jahren eine feste Bezugsgröße für Linguisten weltweit. Seit 1955 lehrt er am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Mit seiner Theorie von der generativen Transformationsgrammatik erklärte er, dass Kinder die wesentlichen Voraussetzungen zum Spracherwerb nicht erlernen müssen, sondern bereits vererbt bekommen.
Seit dem Vietnam-Krieg kritisiert er regelmäßig die US-amerikanische Außenpolitik. Dadurch hat er sich weltweit ein hohes Ansehen erworben. Aus gründlicher Zeitungslektüre und guter Kenntnis von Fachliteratur trägt er viele Belege für die Verbrechen der amerikanischen Außenpolitik zusammen und stellt sie der „veröffentlichten Meinung“ gegenüber. Dabei ist seine Kritik am Machtstreben der USA aus anarchistischen wie aus liberalen Motiven gespeist. Am 7. Dezember feiert Chomsky seinen 75. Geburtstag. Lange Zeit war er im deutschen Sprachraum nur Linguisten und Anarchisten bekannt. Seit dem Jahr 2000 erscheint eine Auswahl seiner politischen Schriften im Europa Verlag. Soeben, am 3. Dezember, ist sein neues Buch dort erschienen:

Noam Chomsky, Hybris. Die endgültige Sicherung der globalen Vormachtstellung der USA, aus dem Amerikanischen von Michael Haupt; Europa-Verlag Hamburg und Wien 2003, 320 Seiten, Euro 20,50.

Ihr neues Buch heißt im Amerikanischen Original „Hegemony or Survival“. Ist die amerikanische Hegemonialpolitik von heute schlimmer als in den letzten dreißig Jahren?


Ja, die Gefahren haben signifikant zugenommen. Nicht, dass es vorher nicht schlimm gewesen sei: Arthur Schlesinger hat die Kuba-Kriese 1962 als den gefährlichsten Moment der Menschheitsgeschichte beschrieben. Letztes Jahr lernten wir, dass es viel gefährlicher war, als wir bisher angenommen hatten. Wir waren praktisch nur ein Wort von einem endgültigen Nuklearkrieg entfernt. Aber nun ist es viel gefährlicher. Die Bush-Regierung beharrt auf einer Extremposition, eine Art radikaler Nationalismus: Die Pläne, die derzeit entwickelt werden und die Politik, die ihnen zugrunde liegt, bedrohen in der Tat das Überleben der Menschheit.

Sie meinen, ein Nuklearkrieg sei wahrscheinlich?


Sie können nicht sagen, wie wahrscheinlich, aber so wahrscheinlich, dass ein vernünftiger Mensch das nicht tolerieren kann. Und die neuen Pläne, die nun umgesetzt werden, erhöhen die Möglichkeit dazu. Selbst der Mainstream der US-amerikanischen Außenpolitik und die Geheimdienste wissen genau, dass die aktuellen Regierungsprogramme die Proliferation von Massenvernichtungswaffen und neue Formen von Terror fördern. Und über kurz oder lang kommen diese beiden Probleme zusammen. Und das kann ein Horrorszenario werden. Die Regierung verkündete im September 2002 nicht nur die Nationale Sicherheitsdoktrin und die Invasion des Irak. Sofort danach wurden internationale Abkommen unterlaufen, die die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und die Militarisierung des Weltraums begrenzen sollen.

Aber Sie sagen, dass auch das Establishment beunruhigt ist. Hat sich die Bush-Regierung nicht selbst innerhalb der amerikanischen Gesellschaft isoliert?


Ja, es gab eine beispiellose Kritik aus dem Establishment der amerikanischen Außenpolitik. Das ist richtig. Und es gab überwältigende internationale Proteste in einem Ausmaß, wie nie zuvor. Aber das Problem ist komplex: Die Wirtschaftsbosse sind besorgt über die amerikanische Außenpolitik, aber sie mögen die Innenpolitik von Bush. Die bringt die amerikanische Gesellschaft auf lange Sicht in eine sehr schwere Krise verbunden mit vielen kurzfristigen Geschenken an einen sehr kleinen Kreis von Wohlhabenden und Privilegierten.

Sie erwähnen die amerikanische Steuerpolitik. Die Regierung vergrößert damit das ohnehin schon große Haushaltsdefizit.

Es gibt einen enormen Transfer von Gütern an die extrem Wohlhabenden und den absichtlichen Versuch, die sozialen Sicherungssysteme zu zerstören. Wir erleben ein starkes Anwachsen der Macht des Staates. Die Wirtschaft ist immer mehr von dem guten Willen von Fremden z.B. aus Asien abhängig, die die amerikanische Politik finanzieren, die sowohl zu dem Handelbilanzdefizit wie zum Haushaltsdefizit führt. Und früher oder später muss das zusammenbrechen. Das ist ein langfristiges Problem. Kurzfristig gibt es enorme Gewinne für die Privatwirtschaft. Die Steuereinnahmen von Unternehmen sind auf dem niedrigsten Stand – vermutlich seit den 30er Jahren. Das kommt durch Steuersenkungen für die Wohlhabenden wie durch vermehrte Möglichkeiten, der Steuer ganz zu entkommen.

Führt das wachsende Defizit zum Krieg? Die USA brauchen ja Geld oder Güter von irgendwoher.

Ja, sie verdienen durch den Krieg ein bisschen, aber das ist nicht der Rede wert angesichts der Ausmaße, die wir vor uns haben. Ich glaube nicht, dass das Ziel der Irakinvasion die Ausbeutung der weltweit zweitgrößten Ölreserven war. Indirekt war es das vielleicht, aber es war nicht der ausschlaggebende Punkt.

Sie schreiben in ihrem neuen Buch, dass nur noch zwei Supermächte übrig geblieben sind: Die amerikanische Regierung und die öffentliche Meinung? Über die eine Supermacht schreiben Sie über 200 Seiten, über die andere nur zwei. Warum?

Das war ein Zitat aus der New York Times, dass es nur noch zwei Supermächte auf der Erde gibt: Washington und die öffentliche Meinung der Welt. Was ich schreibe ist ja an die zweite Supermacht adressiert, nicht an die erste. Ich glaube und hoffe, dass die zweite Supermacht, die öffentliche Meinung in der Welt und in Amerika, die schlimmsten Gefahren beseitigen und den Kurs in eine konstruktive Richtung ändern kann. Ich brauche nicht über die zweite Supermacht zu schreiben, weil ich sie ja anspreche.

Was macht sie sicher, dass die zweite Supermacht wirklich den Kurs ändern kann?

Ich bin keineswegs sicher. Wenn ein intelligenter Beobachter vom Mars sich die Ereignisse hier anschauen würde, so würde er vermutlich die Wahrscheinlichkeit für ein langfristiges Überlebens der menschlichen Spezies nicht sehr hoch einschätzen. Ich bin keineswegs sicher, es ist nur eine Hoffnung, die einige Wahrscheinlichkeit für sich hat.

Beim Irak-Krieg gelang es der amerikanischen Regierung wieder einmal, wie Sie sagen würden, „Konsens herzustellen“.

Das ist wahr. Es gab eine massive Propagandakampagne von Regierung und Medien, die im September 2002 begann, als der Krieg angekündigt wurde. Und es ist wahr, dass diese Kampagne die amerikanische Öffentlichkeit binnen weniger Wochen völlig isoliert hat von der Weltöffentlichkeit. Aber der Erfolg war begrenzt: Die Kampagne erreichte wohl etwa die Hälfte der Bevölkerung. Die Opposition gegen den Irak-Krieg in den USA war dagegen jenseits jeden historischen Vergleichs. Es gab massiven Protest bevor der Krieg überhaupt öffentlich verkündet wurde. Und die Effekte auf die öffentliche Meinung sind zeitlich eng begrenzt. Letzten April wollte eine große Mehrheit der Bevölkerung die Verantwortung im Irak komplett an die Vereinten Nationen übertragen. Und die selbe Mehrheit ist gegen weitere US-Interventionen. Um diese Stimmung zu überwinden, werden neue massive Propagandakampagnen nötig sein. Wie lange sie wirken werden, dass liegt an uns. Das sind schließlich keine Naturgesetze.

Sie kritisieren die amerikanische Politik seit rund 40 Jahren. Ist es da nicht enttäuschend zu sehen, wie sehr solche Propaganda immer noch wirkt?

Sie wirkt zwar, aber immer weniger. Wenn sie die Situation von heute mit der vor vierzig Jahren vergleichen, dann hat sich viel verbessert. John F. Kennedy schickte 1962 die Luftwaffe, um Südvietnam zu bombardieren und ließ chemische Waffen einsetzen und Millionen Menschen in Lager einsperren. Es gab keinen Protest und keine Diskussionen. Ich sprach in Gruppen, wo wir froh waren, wenn vier Leute kamen. Es dauerte vier oder fünf Jahre, bis es zu signifikanten Protesten kam. Zu dieser Zeit war Südvietnam so gut wie völlig zerstört.

Und vor dem Irak-Krieg gab es massive Proteste, bevor der Krieg überhaupt angefangen hatte. Bekannt gewordene interne Dokumente zeigen, dass die Regierung sehr genau weiß: Sie können nur gegen viel schwächere Gegner militärisch vorgehen. Und das auch nur, wenn sie erwarten können, dass die Militäraktion schnell beendet werden kann. Sonst können sie die politische Unterstützung nicht aufrecht erhalten. Das ist eine sehr bedeutende Veränderung in den letzten vierzig Jahren. Und das ist nur eine von vielen Veränderungen in der Gesellschaft.

Das Gespräch führte Christoph Fleischmann.

Die Furche / 4.12.2003


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USA