Die Prognosen werden düsterer.

Zu Noam Chomskys Buch "Hybris".

Nach dem 11. September als alle westlichen Kommentatoren sich überboten, eine neue Zeit auszurufen, blieb Chomsky gelassen. Er kommentierte trocken, dass sich lediglich die Kanonen gedreht und Amerika nun nicht mehr das Monopol für Terrorangriffe hätte. Auch im danach ausgerufenen „Krieg gegen den Terror“ konnte Chomsky nichts Neues entdecken. Er erinnerte daran, dass die amerikanische Regierung schon unter Präsident Ronald Reagan in Lateinamerika einen vorgeblichen Anti-Terror-Krieg geführt hätte.

Der berühmte Linguist Noam Chomsky wird am Sonntag 75 Jahre alt. Und seit dem Vietnamkrieg kritisiert er konsequent und zunehmend sarkastischer die Außenpolitik seiner Regierung. Wer so lange im Geschäft ist, den schreckt so schnell nichts. Umso befremdlicher der Ton mit dem Chomsky sein neues Buch Hybris beginnt. Er zitiert den Biologen Ernst Mayr, der mit evulotionsbiologischen Argumenten das Ende der menschlichen Rasse herannahen sieht. Die Geschichte des Lebens widerlege die Behauptung, dass „Klugheit besser sei als Dummheit.“ Von Altersmilde keine Spur, mit zunehmenden Jahren verdüstert sich der Blick.

Konkret: Mit der amerikanischen Sicherheitsdoktrin vom September 2002 sieht Chomsky eine neue Qualität im amerikanischen Hegemonialstreben erreicht. Danach werde die USA alles unternehmen, um andere Mächte davon abzuhalten, mit der eigenen militärischen Macht gleichzuziehen. Zwar hätten amerikanische Regierungen immer schon die Sicherung der eigenen Vormachtsstellung vor das internationale Recht gestellt, aber erst jetzt sei diese Haltung zur offiziellen Doktrin erhoben worden. Und die Doktrin hat Folgen: Das einseitige Aufkündigen von Abrüstungsabkommen für biologische und atomare Waffen gehört ebenso dazu, wie das Boykottieren einer internationalen Rechtsordnung, und das einseitige Hochrüsten mit dem Raketenabwehrprogramm Ballistic Missle Defense und anderen High-Tech-Waffen.

Die Völker werden die Signale hören: Schwäche schützt vor Angriff nicht. Das Gegenteil sei der Fall, meint Chomsky, das Beispiel Nordkorea zeige es. Chomsky rechnet nicht nur mit einem Erstarken des islamistischen Fundamentalismus, sondern auch mit einem neuen und unkontrollierbaren Wettrüsten durch Staaten, die sich von den USA bedroht fühlen. Im Amerikanischen Original heißt Chomskys Buch Hegemony or Survival – Hegemonie oder Überleben.

Außer diesem neuen alarmierenden Ton findet sich in Chomskys Buch viel Bekanntes: Ein ungnädiges Gedächtnis, das immer wieder die alten Schandtaten der amerikanischen Außenpolitik hervorkramt und mit vielen Belegen untermauert. Außerdem: Wieder eine milde Verachtung für die, die dem amerikanischen Hegemonialstreben ihren intellektuellen Segen erteilen. Nach den vorgetragenen Begründungen für den Anti-Terror-Krieg hätten mehr Staaten das Recht die USA zu bombardieren als umgekehrt. Denn Chomsky geht von der ebenso schlichten wie entwaffnenden Moral aus, dass das, was für andere gelten soll, auch für die eigene Seite gelten müsse. In der Wirklichkeit, weiß Chomsky, entscheide aber keine Moral, sondern die Frage, „an welchem Ende des Gewehres man sitze“: Terroristen sind immer nur die anderen, auch wenn wir genau das selbe tun – nur mit besseren Waffen.

Es macht nicht wirklich Hoffnung, Chomsky zu lesen. Zwar behauptet er – in Anlehnung an eine Zitat aus der New York Times – dass die öffentliche Weltmeinung die einzige verbleibende Supermacht neben den USA sei, aber Chomsky ist zu sehr Anarchist um der zweiten Supermacht mehr als zwei Seiten seines Buches zu widmen: Er glaubt nämlich, dass die neuen Protestbewegungen nicht strategische Ratschläge von Gurus brauchen. Wenn die Menschen in diesen Bewegungen die öffentliche Propaganda durchschauten, nähmen sie ihre eigenen Interessen selbst in die Hand. Irgendwelche Belege für den Erfolg der Weltmeinung? Während der Vietnamkrieg noch in die Jahre kommen musste, bis sich erster Protest regte, so Chomsky, hätte sich diesmal schon vor Beginn des Irak-Krieges eine umfassende Protestbewegung gebildet. Man möchte den Fortschritt gern glauben.

In der Summe: Viel Bekanntes, nur alles noch viel schlimmer. Wer einige von Chomsky jüngsten Veröffentlichungen gelesen hat, findet hier vieles wieder, was er so oder ähnlich schon einmal gelesen hat. Wer aber noch nichts von Chomsky gelesen hat, dem sei das aktuelle Buch dringend empfohlen: Denn einmal muss man die Erfahrung gemacht haben, wie Chomsky die Perspektive zurechtrückt.

Das Buch Hybris von Noam Chomsky ist 320 Seiten stark und im Europa-Verlag erschienen. Es ist ab morgen im Buchhandel erhältlich und kostet Euro 19,90.

WDR 3 Meinungen über Bücher / 2.12.2003