Provokation.
Die Medientheorie von Noam Chomsky.
Viele Dissidenten, also Menschen, die dem „common sense“ ihrer jeweiligen Gesellschaften wiedersprechen, fühlen sich und ihre Erkenntnisse von den Medien ignoriert. Das geht auch Noam Chomsky - „America`s number one dissident“ (The Guardian) - so. Aber im Vergleich mit manchen Dissidenten kleinerer Ordnungszahl hat er nicht nur mit großem Gestus ein diffuses Unbehagen an den amerikanischen Leitmedien beklagt. Chomsky ist seinem Unbehagen mit der Gründlichkeit eines Empirikers nachgegangen und hat 1988 in seinem Buch „Manufacturing Consent“ zusammen mit Edward Herman ein sogenanntes Propaganda-Modell entwickelt, mit dem er beschreibt, wie Medien in der freien Welt „Konsens herstellen“.
Dieses Buch ist leider nie ins Deutsche übersetzt worden. Mit „Media Control“ liegt nun die (teilweise) Übersetzung von Chomsky-Büchern aus den Jahren 1989 und 2002 vor. Diese Texte haben zwar den Vorteil, dass sie zum Teil aktueller sind, aber den Nachteil, dass Chomsky bereits die Kritik an seinem Modell diskutiert - ohne dasselbe nochmal konzise darzustellen. Die deutschen Leser können diesen Mangel etwas ausgleichen, in dem sie zusätzlich das gute Lesebuch zum Chomsky-Film mit zu Rate ziehen (Noam Chomsky - Wege zur intellektuellen Selbstverteidigung. Medien, Demokratie und die Fabrikation von Konsens, hg v. Mark Achbar, Trotzdem Verlagsgenossenschaft 2001, 244 Seiten, 22 €).
Der häufigste Vorwurf gegen das Chomskys Modell lautet, dass es sich um eine Verschwörungstheorie handele: Als säßen einige Chefredakteure bei Präsidenten und Ministern am Tisch und einigten sich darauf, was berichtet werden darf und was nicht. Oder als intervenierten die Herrschenden bei jeder unliebsamen Berichterstattung bei dem entsprechenden Medienkonzern. Das tun sie zwar manchmal auch, aber das ist höchstens einer von mehreren Punkten, die Chomsky herausarbeitet: Er fragt ganz allgemein, nach welchen gesellschaftlichen und ökonomischen Mechanismen die amerikanischen Leitmedien funktionieren - und deswegen in außenpolitischen Belangen mit leichten Abweichungen die Perspektive ihrer Regierung teilen:
Der Markt, so Chomsky, fördere jene Zeitungen, die von Anzeigenkunden bevorzugt werden: Je wirtschaftsnäher eine Zeitung, desto eher bekomme sie Anzeigen und damit Geld, Auflage und Einfluss. Die Manager und Chefredakteure der Medienkonzerne gehörten ebenfalls zur Elite der „Privilegiengesellschaft“ und reflektieren also deren - horribile dictu - „Klasseninteressen“. Auch wenn solche Vokabeln bei uns kaum mehr salonfähig sind, der Sache nach ist dies kaum zu bestreiten. Die Medien, so Chomsky weiter, hingen von den Informationen ab, die sie von Regierung und Wirtschaftseliten bekämen. Letzte Illustration dieses Problems war der Irak-Krieg. Weiter: Wer sich mit Mächtigen anlege, müsse damit rechnen, dass er unter Beschuss gerate. Leichter sei es also, systemkonform zu berichten. In der Tat: Dass Saddam Hussein ein Schurke ist, kann man einfach nachplappern, es anderen Herrschern nachzuweisen, kostet mehr Zeit und Energie. Und außerdem sei der „Antikommunismus“ zu einer nationalen Religion emporgestiegen, d.h. der Verdacht „Kommunist“ zu sein oder solche zu unterstützen, schließe aus der Mainstream-Diskussion aus. Inzwischen freilich habe der Terminus „Terrorist“ diese Funktion übernommen. Chomsky zitiert aus Armeehandbüchern der US-Streitkräfte: Dort wird „Terrorismus“ definiert als „kalkulierte Anwendung oder Androhung von Gewalt ..., um durch Einschüchterung, Zwang oder Furchteinflößung Ziele zu erreichen, die ihrem Wesen nach politisch, religiös oder ideologisch sind.“ Trotz dieser bewundernswert offenen Definition spricht kaum jemand von Staatsterrorismus, wenn die US-Streitkräfte unter „kalkulierter Anwendung von Gewalt“ - und ohne rechtliche Legitimation - „politische Ziele erreichen“: Terroristen sind immer die Anderen. Chomsky kann mal wieder seine Thesen mit großen Mengen Belegmaterial untermauern. Besonders bemerkenswert ist es, wenn er auflistet, worüber berichtet wird, und worüber nicht berichtet wird: So wurde in amerikanischen Medien viel über die Massaker in Kambodscha berichtet, die offizielle Feinde der USA verübten, während die Berichterstattung über die indonesische Invasion in Ost-Timor zur selben Zeit fast ganz ausblieb. Schließlich verübten hier Freunde der USA die Massaker. Ebenso bekam der Mord an dem polnischen Priester Popieluszko in den achtziger Jahren mehr Aufmerksamkeit als die Ermordung von Erzbischof Oscar Romero in El Salvador. Es wäre reizvoll, mit Chomskys Thesen und durch seine Beispiele angeleitet, die selektive Wahrnehmung in deutschen Medien anhand aktueller Beispiele zu untersuchen. Vermutlich würde der Vergleich mit den bei uns gern kritisierten amerikanischen Medien nicht allzu schmeichelhaft ausfallen.
Chomsky ist ein anarchistischer Linker, Spezies einer fast ausgestorbenen Gattung, der beharrlich an das Credo der Demokratie glaubt: Dass allen Menschen gleiche Würde und gleiche Rechte zustehen. Diese Perspektive erklärt auch, warum Chomsky sein bestes Belegmaterial in der Außenpolitik findet: Dort nämlich können die Demokratien noch am allerwenigsten ihren Anspruch einlösen, den sie offiziell proklamieren. Gleichheit gilt bestenfalls für die eigenen Landsleute. Oder anders formuliert: Ein Toter Amerikaner oder ein toter Deutscher sind in ihren Heimatländern immer noch viel mehr wert als ein toter Iraker - auch und gerade in der medialen Wahrnehmung. Das heißt, die Medien haben ihren Anteil an dieser Ungerechtigkeit. Darin liegt Chomskys Provokation für Journalisten.
Noam Chomsky: Media Control. Wie die Medien uns manipulieren. Aus dem Amerikanischen von Michael Haupt, Europa-Verlag Hamburg / Wien 2003, 256 Seiten, 19,90 €.
epd-medien / 30.8.2003
Dieses Buch ist leider nie ins Deutsche übersetzt worden. Mit „Media Control“ liegt nun die (teilweise) Übersetzung von Chomsky-Büchern aus den Jahren 1989 und 2002 vor. Diese Texte haben zwar den Vorteil, dass sie zum Teil aktueller sind, aber den Nachteil, dass Chomsky bereits die Kritik an seinem Modell diskutiert - ohne dasselbe nochmal konzise darzustellen. Die deutschen Leser können diesen Mangel etwas ausgleichen, in dem sie zusätzlich das gute Lesebuch zum Chomsky-Film mit zu Rate ziehen (Noam Chomsky - Wege zur intellektuellen Selbstverteidigung. Medien, Demokratie und die Fabrikation von Konsens, hg v. Mark Achbar, Trotzdem Verlagsgenossenschaft 2001, 244 Seiten, 22 €).
Der häufigste Vorwurf gegen das Chomskys Modell lautet, dass es sich um eine Verschwörungstheorie handele: Als säßen einige Chefredakteure bei Präsidenten und Ministern am Tisch und einigten sich darauf, was berichtet werden darf und was nicht. Oder als intervenierten die Herrschenden bei jeder unliebsamen Berichterstattung bei dem entsprechenden Medienkonzern. Das tun sie zwar manchmal auch, aber das ist höchstens einer von mehreren Punkten, die Chomsky herausarbeitet: Er fragt ganz allgemein, nach welchen gesellschaftlichen und ökonomischen Mechanismen die amerikanischen Leitmedien funktionieren - und deswegen in außenpolitischen Belangen mit leichten Abweichungen die Perspektive ihrer Regierung teilen:
Der Markt, so Chomsky, fördere jene Zeitungen, die von Anzeigenkunden bevorzugt werden: Je wirtschaftsnäher eine Zeitung, desto eher bekomme sie Anzeigen und damit Geld, Auflage und Einfluss. Die Manager und Chefredakteure der Medienkonzerne gehörten ebenfalls zur Elite der „Privilegiengesellschaft“ und reflektieren also deren - horribile dictu - „Klasseninteressen“. Auch wenn solche Vokabeln bei uns kaum mehr salonfähig sind, der Sache nach ist dies kaum zu bestreiten. Die Medien, so Chomsky weiter, hingen von den Informationen ab, die sie von Regierung und Wirtschaftseliten bekämen. Letzte Illustration dieses Problems war der Irak-Krieg. Weiter: Wer sich mit Mächtigen anlege, müsse damit rechnen, dass er unter Beschuss gerate. Leichter sei es also, systemkonform zu berichten. In der Tat: Dass Saddam Hussein ein Schurke ist, kann man einfach nachplappern, es anderen Herrschern nachzuweisen, kostet mehr Zeit und Energie. Und außerdem sei der „Antikommunismus“ zu einer nationalen Religion emporgestiegen, d.h. der Verdacht „Kommunist“ zu sein oder solche zu unterstützen, schließe aus der Mainstream-Diskussion aus. Inzwischen freilich habe der Terminus „Terrorist“ diese Funktion übernommen. Chomsky zitiert aus Armeehandbüchern der US-Streitkräfte: Dort wird „Terrorismus“ definiert als „kalkulierte Anwendung oder Androhung von Gewalt ..., um durch Einschüchterung, Zwang oder Furchteinflößung Ziele zu erreichen, die ihrem Wesen nach politisch, religiös oder ideologisch sind.“ Trotz dieser bewundernswert offenen Definition spricht kaum jemand von Staatsterrorismus, wenn die US-Streitkräfte unter „kalkulierter Anwendung von Gewalt“ - und ohne rechtliche Legitimation - „politische Ziele erreichen“: Terroristen sind immer die Anderen. Chomsky kann mal wieder seine Thesen mit großen Mengen Belegmaterial untermauern. Besonders bemerkenswert ist es, wenn er auflistet, worüber berichtet wird, und worüber nicht berichtet wird: So wurde in amerikanischen Medien viel über die Massaker in Kambodscha berichtet, die offizielle Feinde der USA verübten, während die Berichterstattung über die indonesische Invasion in Ost-Timor zur selben Zeit fast ganz ausblieb. Schließlich verübten hier Freunde der USA die Massaker. Ebenso bekam der Mord an dem polnischen Priester Popieluszko in den achtziger Jahren mehr Aufmerksamkeit als die Ermordung von Erzbischof Oscar Romero in El Salvador. Es wäre reizvoll, mit Chomskys Thesen und durch seine Beispiele angeleitet, die selektive Wahrnehmung in deutschen Medien anhand aktueller Beispiele zu untersuchen. Vermutlich würde der Vergleich mit den bei uns gern kritisierten amerikanischen Medien nicht allzu schmeichelhaft ausfallen.
Chomsky ist ein anarchistischer Linker, Spezies einer fast ausgestorbenen Gattung, der beharrlich an das Credo der Demokratie glaubt: Dass allen Menschen gleiche Würde und gleiche Rechte zustehen. Diese Perspektive erklärt auch, warum Chomsky sein bestes Belegmaterial in der Außenpolitik findet: Dort nämlich können die Demokratien noch am allerwenigsten ihren Anspruch einlösen, den sie offiziell proklamieren. Gleichheit gilt bestenfalls für die eigenen Landsleute. Oder anders formuliert: Ein Toter Amerikaner oder ein toter Deutscher sind in ihren Heimatländern immer noch viel mehr wert als ein toter Iraker - auch und gerade in der medialen Wahrnehmung. Das heißt, die Medien haben ihren Anteil an dieser Ungerechtigkeit. Darin liegt Chomskys Provokation für Journalisten.
Noam Chomsky: Media Control. Wie die Medien uns manipulieren. Aus dem Amerikanischen von Michael Haupt, Europa-Verlag Hamburg / Wien 2003, 256 Seiten, 19,90 €.
epd-medien / 30.8.2003



