Wunschdenken.

Noam Comsky "Offene Wunde Nahost" und Marcel Pott "Schuld und Sühne im gelobten Land".

Staaten sind „Maschinen, die Macht ausüben“ und Menschen unterdrücken. Der mächtigste Staat unterdrückt demnach am meisten - und ist kraft seiner Macht für fast alle Konflikte und Missstände in der Welt mitverantwortlich. So könnte man die einfache, anarchistisch inspirierte Hermeneutik des amerikanischen Linguisten Noam Chomsky beschreiben, mit der er quasi jedes Problem der Welt analysiert: Die Vereinigten Staaten sind schuld. So auch im Nahostkonflikt, den Chomsky in seinem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch beschreibt. Amerika ermögliche seinem „Vasallen“ Israel eine imperialistische Politik gegenüber den Palästinensern, die bestenfalls in neokolonialer Abhängigkeit von Israel existieren dürften. Etwas anderes - Oslo hin, Camp David her - sei nie ernsthaft von den führenden Staatsvertretern Israels geplant gewesen, so Chomskys Grundthese.

Er erinnert daran, dass die Option einer Vertreibung der Palästinenser, die heute in israelischen Medien diskutiert wird, keineswegs neu ist, sondern seit der Staatsgründung immer wieder als eine reale Möglichkeit angesehen wurde. Auch wird deutlich, dass der Siedlungsbau nicht eine Angelegenheit religiöser Fanatiker ist, sondern von den beiden großen Parteien gezielt als militärische und politische Strategie angewandt worden ist - auch nach dem Osloer Abkommen. Der sogenannte Friedensprozess war für Chomsky nur eine Farce, da den Palästinensern nie ein lebensfähiger Staat in Aussicht gestellt worden ist.

Die amerikanische Politik sieht Chomsky spätestens seit Henry Kissinger dadurch charakterisiert, dass sie sich weitgehend die israelische Position zu eigen macht. Nur bei groben Menschenrechtsverletzungen kritisiere Washington die israelische Politik, lasse sich aber auch dann nicht davon abhalten, die kritisierte Politik weiter mit erstaunlichen Geldsummen zu finanzieren - und perpetuiere damit den Konflikt. Die Nachweise dazu sind in der Tat erhellend und demaskieren die vermeintlichen Friedensbemühungen der wechselnden amerikanischen Regierungen bestenfalls als halbherzig und schlimmstenfalls als Propaganda, um das eigene Gesicht zu wahren.

Etwas tiefer geht Chomskys Analyse, wenn er den entscheidenden Geburtsfehler Israels darin sieht, dass man einen demokratischen und jüdischen Staat schaffen wollte. In den vierziger Jahren stand Chomsky als junger jüdischer Student den Ideen von sozialistischen Zionistengruppen wie Avukah und Hashomer Hatzair nahe, die beide einen Staat zweier Nationen in Palästina aufbauen wollten, also keinen rein jüdischen Staat. Eine Position, die freilich kaum Widerhall fand bei denen, die in Palästina Fakten schufen. Chomsky kommentierte seinen jugendlichen Vorstellungen später so:„Im Nachhinein, fürchte ich, war das meiste davon Wunschdenken.“ Mit diesem unbekümmerten anarchistischen Wunschdenken sind die Chomsky-Analysen bis heute grundiert. Nirgends findet man einen Hinweis, wie ein Problem konkret gelöst werden könnte, welche Schritte auf der Agenda stehen müssten. Spricht man Chomsky darauf an, so erklärt er unbekümmert, dass sich zu allen Zeiten Menschen fänden, die ihr Schicksal in die eigene Hand nähmen und gegen die „Machtmaschinen“ für eine lebenswertere Welt streiten würden - und Erfolg hätten. Chomsky glaubt an die Kraft freier Assoziationen, denen er nicht zu sagen braucht, was sie tun müssen. Mit seinen Analysen will er lediglich das Halbdunkel ideologischer Nebelwerfer lichten. Das gelingt ihm, aber die meisten Leser treiben seine Analysen wohl nicht in die freie Assoziation, sondern eher in den Sarkasmus.

Neben der Gründungsphase und einem kurzen Blick auf den Sechs-Tage-Krieg beschreibt Chomsky vor allem die Situation vor und während der ersten Intifada. Besonders ausführlich analysiert er die Invasion in den Libanon mit den Massakern von Sabra und Shatila. Etwas knapper kommt die Zeit nach Oslo zur Sprache. Die aktuelle Situation seit September 2000 wird nur im Vorwort zur deutschen Ausgabe gestreift.

Hier könnte das Buch von Marcel Pott (Schuld und Sühne im Gelobten Land) weiterhelfen, wenn es denn etwas mehr enthielte, als das, was man auch im Frühjahr 2002 in deutschen Medien lesen konnte. Und wenn Pott seinen Lesern das Wort „Tabu“ ersparen würde, das er zwar in Anführungszeichen setzt, aber dann streitet er doch dafür, dass man als Deutscher endlich die israelische Politik kritisieren dürfe. Warum schreibt er nicht einfach, wie er die politische Situation im Nahen Osten und die deutsche Israelpolitik einschätzt? Man muss ja wirklich nicht dem Argument folgen, dass aus unserer besonderen Verantwortung für Israel die Lieferung von Fuchs-Panzern folgt. Aber das geht doch auch ohne Tabubruch-Gerede.

Pott schätzt die Lage im Israel-Palästina-Konflikt ähnlich ein wie Chomsky. Und obwohl er auch ähnlich arbeitet wie Chomsky - er schöpft viel aus veröffentlichten Zeitungsartikeln - merkt man doch den Unterschied: Er bringt sein Material kaum in eine geordnete Form, sondern stellt seine Quellen lose nebeneinander, so dass sein Buch mehr den Wert eines Lesebuches hat, als einer eigenständigen Analyse.

Daneben stellt Pott, der von 1983 bis 1992 ARD-Korrespondent in Beirut und Amman war, noch einige längere Interviews, die er selbst geführt hat. Da er sich dabei aber mehr aufs Stichwortgeben beschränkt, haben die Interviews den Charakter von Gastbeiträgen. Darunter ist der von Moshe Zuckermann, der sehr exakt und klar die Aporien der gegenwärtigen Situation herausarbeitet, sicher der Lohnendste: Die Bedingungen für einen Frieden, wozu eine Räumung „nahezu aller“ Siedlungen gehöre, sei innenpolitisch kaum realisierbar. Eine Friedenslösung würde die Identität vieler Israelis als Zionisten in Zweifel ziehen. Längerfristig sieht er eine Lösung in einer „konföderativen Struktur zwischen Israel und Palästina“. Das hat Ähnlichkeiten mit Chomskys „Wunschdenken“ aus den Vierziger Jahren.

Noam Chomsky: Offene Wunde Nahost. Israel, die Palästinenser und die US-Politik. Aus dem Amerikanischen von Michael Haupt, Europa Verlag Hamburg 2002, 354 Seiten, 19,90 €.

Marcel Pott: Schuld und Sühne im gelobten Land. Israels Sonderrolle im Schutz der westlichen Welt, Verlag Kiepenheuer und Witsch Köln 2002, 228 Seiten, 19,90 €.

Fankfurter Hefte / April 2003


Stichworte:
Nahost-Konflikt, USA