Noam Comsky und die Linke: Politischer Dissident ohne Theorie.
Interview mit dem Chomsky-Herausgeber Michael Haupt.
Christoph Fleischmann sprach mit Michael Haupt. Er lebt als freier Übersetzer und Philosophiedozent bei Hamburg. Seit 1989 übersetzt er Texte von Noam Chomsky. Er ist Herausgeber der Chomsky-Edition, die seit Herbst 2000 im Europa-Verlag erscheint
Noam Chomsky schreibt seit den sechziger Jahren politische Streitschriften, aber erst seit dem 2000 erschienenen Werk »Profit Over People« (Profit vor dem Menschen) scheint Chomsky auch in Deutschland für ein breiteres Publikum interessant zu werden. Warum erst die späte Entdeckung?
Das hängt, denke ich, mit zwei Umständen zusammen: Zum einen hat das Ende des Kalten Krieges dazu beigetragen. Daraus ist die Einsicht erwachsen, daß die USA als einziger Global Player übriggeblieben sind und damit auch eine Wirtschaftsordnung ungehindert in Bereiche erstrecken kann, die sie vorher nicht erreicht hat. Das andere ist eine neue Aufmerksamkeit für die damit verbundenen Globalisierungseffekte, die aber nicht mehr mit den Methoden der alten Linken arbeitet, also mit einer Ideologiekritik und einem aufwendigen theoretischen Apparat. Es sind vielmehr Gruppen wie ATTAC, denen es in irgend einem Sinn um Aufklärung per se geht.
Und das korrespondiert mit Chomsky, der im sozialwissenschaftlichen Bereich jedwede Theorie ablehnt?
Chomsky spricht sich gegen Theorie im sozialwissenschaftlichen Kontext aus, insofern sie nicht mehr ist als ein kopflastiger Überbau, der eine unvoreingenommene Behandlung der Fakten gar nicht mehr zuläßt. Natürlich hat er als Sprachwissenschaftler eine durchaus komplexe Theorie entworfen. Aber im gesellschaftlichen Bereich arbeitet er mit einem Modell, das letztlich aus der Aufklärung stammt: Es gibt so etwas wie Faktenwahrheit, und es gibt die Verdrehung dieser Faktenwahrheit. Um das darzustellen, braucht man keinen theoretischen Überbau. Man braucht keine komplizierte Theorie des Politischen, um zu erklären, daß es Interessen und Interessenkonflikte gibt und daraus resultierend verschiedene Darstellungen dessen, was geschehen ist. Um diese Faktenwahrheit darzustellen, hat Chomsky einen eigenen Stil entwickelt.
Das ganze Chomsky-Universum besteht gewissermaßen aus Quellen, aus denen er zitiert, ohne daß er direkt ein historisches Quellenstudium betreibt. Es gibt für ihn Dokumente, in denen die Wahrheit zu Tage tritt - gewollt oder ungewollt. Zum Beispiel später freigegebene Papiere des National Security Council, wo offen gesagt wird, welchen Leitlinien die amerikanische Außenpolitik folgt, während in der offiziellen Darstellung humanitäre Werte oder ähnliches vorgeschoben werden. Das versucht er zu kontrastieren. Er benutzt aber auch sehr oft normale bürgerliche Medien als Quellen, wie die großen amerikanischen Tageszeitungen.
Im Grunde benutzt er alles als Quelle. Er stellt die Wahrheit zugleich mit ihrer Verdrehung dar - und das macht die Sprengkraft seiner Texte aus. Er versucht, als Detektiv zu arbeiten und der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Sie ist gut versteckt in dem Geräusch der Medien, aber sie ist aufzuspüren: In Widersprüchen, in Darstellungen, die wider ihren Willen etwas verraten, von dem, was wirklich stattgefunden hat. Man kann die Wahrheit auch noch in ihrer Verdrehung erkennen. Aber Chomsky stellt nicht nur dar, er bewertet auch. Er ist Moralist in gewisser Weise - auch das hat er von der Aufklärung. Aber er ist kein Moralprediger. Er sagt, daß es Menschenrechte gibt, und die müssen für alle gelten.
Chomsky fragt nie, wie die richtige Erkenntnis in konstruktives gesellschaftliches Handeln umgesetzt werden kann. Warum?
Er geht davon aus, daß es dafür Bürgerrechtsbewegungen gibt. Da steht er in der Tradition der USA. Es gibt keine Partei, die so was durchsetzen kann. Das wäre unsinnig. Dahinter steckt der - wenn man so will - im guten Sinne naive Furor, der die Bürgerrechtsbewegung mit Martin Luther King und anderen gekennzeichnet hat: Es gibt keinen Grund, warum Schwarze nicht gleichberechtigt sein sollen. Er hofft auf die Menschen, die sich dieser Ideen annehmen und versuchen, sie durchzusetzen, wie heute die Globalisierungsgegner in Seattle oder Genua.
Heute erscheint im Europa-Verlag der Band »People Without Rights: Kosovo, Ost-Timor und der Westen!, 160 Seiten, Euro 12,90.
Junge Welt / 18.03.2002
Noam Chomsky schreibt seit den sechziger Jahren politische Streitschriften, aber erst seit dem 2000 erschienenen Werk »Profit Over People« (Profit vor dem Menschen) scheint Chomsky auch in Deutschland für ein breiteres Publikum interessant zu werden. Warum erst die späte Entdeckung?
Das hängt, denke ich, mit zwei Umständen zusammen: Zum einen hat das Ende des Kalten Krieges dazu beigetragen. Daraus ist die Einsicht erwachsen, daß die USA als einziger Global Player übriggeblieben sind und damit auch eine Wirtschaftsordnung ungehindert in Bereiche erstrecken kann, die sie vorher nicht erreicht hat. Das andere ist eine neue Aufmerksamkeit für die damit verbundenen Globalisierungseffekte, die aber nicht mehr mit den Methoden der alten Linken arbeitet, also mit einer Ideologiekritik und einem aufwendigen theoretischen Apparat. Es sind vielmehr Gruppen wie ATTAC, denen es in irgend einem Sinn um Aufklärung per se geht.
Und das korrespondiert mit Chomsky, der im sozialwissenschaftlichen Bereich jedwede Theorie ablehnt?
Chomsky spricht sich gegen Theorie im sozialwissenschaftlichen Kontext aus, insofern sie nicht mehr ist als ein kopflastiger Überbau, der eine unvoreingenommene Behandlung der Fakten gar nicht mehr zuläßt. Natürlich hat er als Sprachwissenschaftler eine durchaus komplexe Theorie entworfen. Aber im gesellschaftlichen Bereich arbeitet er mit einem Modell, das letztlich aus der Aufklärung stammt: Es gibt so etwas wie Faktenwahrheit, und es gibt die Verdrehung dieser Faktenwahrheit. Um das darzustellen, braucht man keinen theoretischen Überbau. Man braucht keine komplizierte Theorie des Politischen, um zu erklären, daß es Interessen und Interessenkonflikte gibt und daraus resultierend verschiedene Darstellungen dessen, was geschehen ist. Um diese Faktenwahrheit darzustellen, hat Chomsky einen eigenen Stil entwickelt.
Das ganze Chomsky-Universum besteht gewissermaßen aus Quellen, aus denen er zitiert, ohne daß er direkt ein historisches Quellenstudium betreibt. Es gibt für ihn Dokumente, in denen die Wahrheit zu Tage tritt - gewollt oder ungewollt. Zum Beispiel später freigegebene Papiere des National Security Council, wo offen gesagt wird, welchen Leitlinien die amerikanische Außenpolitik folgt, während in der offiziellen Darstellung humanitäre Werte oder ähnliches vorgeschoben werden. Das versucht er zu kontrastieren. Er benutzt aber auch sehr oft normale bürgerliche Medien als Quellen, wie die großen amerikanischen Tageszeitungen.
Im Grunde benutzt er alles als Quelle. Er stellt die Wahrheit zugleich mit ihrer Verdrehung dar - und das macht die Sprengkraft seiner Texte aus. Er versucht, als Detektiv zu arbeiten und der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Sie ist gut versteckt in dem Geräusch der Medien, aber sie ist aufzuspüren: In Widersprüchen, in Darstellungen, die wider ihren Willen etwas verraten, von dem, was wirklich stattgefunden hat. Man kann die Wahrheit auch noch in ihrer Verdrehung erkennen. Aber Chomsky stellt nicht nur dar, er bewertet auch. Er ist Moralist in gewisser Weise - auch das hat er von der Aufklärung. Aber er ist kein Moralprediger. Er sagt, daß es Menschenrechte gibt, und die müssen für alle gelten.
Chomsky fragt nie, wie die richtige Erkenntnis in konstruktives gesellschaftliches Handeln umgesetzt werden kann. Warum?
Er geht davon aus, daß es dafür Bürgerrechtsbewegungen gibt. Da steht er in der Tradition der USA. Es gibt keine Partei, die so was durchsetzen kann. Das wäre unsinnig. Dahinter steckt der - wenn man so will - im guten Sinne naive Furor, der die Bürgerrechtsbewegung mit Martin Luther King und anderen gekennzeichnet hat: Es gibt keinen Grund, warum Schwarze nicht gleichberechtigt sein sollen. Er hofft auf die Menschen, die sich dieser Ideen annehmen und versuchen, sie durchzusetzen, wie heute die Globalisierungsgegner in Seattle oder Genua.
Heute erscheint im Europa-Verlag der Band »People Without Rights: Kosovo, Ost-Timor und der Westen!, 160 Seiten, Euro 12,90.
Junge Welt / 18.03.2002



