Gedächtnisstützen.

Noam Chomsky beobachtet seit dem 11. September nicht viel Neues.

Sarkastisch und präzise eröffnet Noam Chomsky sein neues Buch. Während andere sich darin ergehen, dass nach dem 11. September nichts mehr so sein wird wie vorher, beschreibt der amerikanische Linguist Noam Chomsky nüchtern, was aus seiner Sicht wirklich neu ist: „Die schrecklichen Ereignisse vom 11. September besitzen zweifellos eine neue Qualität, die nicht in ihrem Umfang oder ihrem Charakter besteht, sondern im Ziel der Angriffe. Seit 1812 haben die Vereinigten Staaten keinen Angriff auf ihr Territorium mehr erlebt.“ (Der Angriff auf Pearl Harbor zählt nicht, Hawaii war damals Kolonie!) Ansonsten bleibt alles beim Alten für Chomsky. In den sechs kurzen Essays, die heute erscheinen, erweist Chomsky sich wieder einmal als Moralist, Pedant und Zeitungsleser. Ein Moralist, der notorisch vor der eigenen Haustür kehrt, d.h. die gewalttätige Außenpolitik seines eigenen Landes kritisiert. Mit Hilfe der Terrorismus-Definition des US-Strafgesetzbuches beschreibt Chomsky diese Politik als das, was angeblich nur die anderen sind, als terroristisch.

Ein Pedant ist Chomsky, weil er nicht müde wird, zu immer neuen Anlässen die alten Verbrechen der US-Außenpolitik der letzten vierzig Jahre aufzutischen. Recht hat er, aber für regelmäßige Chomsky-Leser wirkt das Redundanz-Theater etwas ermüdend.

Wirklich spannend wird Chomsky immer dann, wenn er als Zeitungsleser in Erscheinung tritt – im vorliegenden Band leider viel zu selten. Grund dafür ist sicher auch, dass die vorliegenden Essays aus Interviews entstanden sind. Spannend wird es, wenn Chomsky aus genauer Zeitungslektüre Sachen zusammenträgt, die jeder wissen kann – weil sie ja in weit verbreiteten Zeitungen stehen – die aber den wenigsten bewusst sind, weil diese Tatsachen offensichtlich nicht den Weg ins kollektive Gedächtnis der westlichen Welt geschafft haben. (Dort tummeln sich ja schon die Vorstellungen, dass nach dem 11. September nichts mehr so sein wird wie vorher.) In anderen Teilen der Welt werden diese Dinge dafür umso genauer wahrgenommen und erinnert. Mit seiner gnadenlos unparteiischen Haltung, die keinerlei nationale Loyalität akzeptiert, hilft der Zeitungsleser Chomsky dem Gedächtnis des Westens auf die Sprünge und liefert Gründe, warum Amerika in manchen Teilen der Welt nicht gut gelitten ist:

Kurz nach dem 11. September verglich Chomsky den Angriff auf das World Trade Center mit der Bombardierung der pharmazeutischen Fabrik im Sudan im August 1998 durch die US-Luftwaffe. Für den Vergleich musste er viel Prügel einstecken. Im vorliegenden Band trägt er nun zusammen, warum der Angriff auf die Fabrik von Al-Shifa mehr Menschenleben kostete als der Einsturz der Twin-Towers: 90 Prozent der pharmazeutischen Produkte des Sudan seien aus dieser Fabrik gekommen, berichtete der Boston Globe. Die Sanktionen gegen den Sudan hätten es unmöglich gemacht, diese Lücke durch Importe zu schließen – ganz abgesehen von den Kosten solcher Importe. Ein Jahr nach dem Angriff sei die Todesrate im Sudan wegen der fehlenden Medizin langsam angestiegen, so der Globe.

Eine Anfrage des Sudan bei der UNO, wie die Angriffe zu rechtfertigen seien, wurde von den USA blockiert. Ein Ersuchen bei der britischen Regierung, das Malaria-Mittel Chloroquin im Notfall zur Verfügung zu stellen, wurde abgelehnt. UN-Einrichtungen in Khartum und andere Hilfsorganisationen evakuierten ihre amerikanischen Mitarbeiter – viele lebensnotwendigen Hilfsprogramme in dem Bürgerkriegsland kamen zum Erliegen. Die Financial Times notierte im September 1998, dass sich mit den Bombardierungen auch die Hoffnungen erledigt hätten, dass „die islamistische Regierung des Sudans ihre Politik zugunsten pragmatischer Beziehungen mit dem Ausland neu orientiert“. Offensichtlich war die sudanesische Regierung damals gar nicht abgeneigt, mit dem Amerikanern zu kooperieren. Die New York Times berichtete, dass der Sudan zwei Verdächtige der Anschläge auf die amerikanischen Botschaften in Ostafrika an die USA ausliefern wollte. Die USA aber hätten abgelehnt und stattdessen bombardiert. Nach dem Angriff auf die Fabrik hätte der Sudan die Männer verärgert freigelassen. Der britische Observer zitiert einen CIA-Mann, der in dieser ausgeschlagenen Kooperation „das schlimmste Versagen des Geheimdienstes“ im Hinblick auf den 11. September sah. Der Sudan habe nämlich umfangreiche geheimdienstliche Materialien zu Usama bin Laden und zweihundert seiner Al-Qaida-Kämpfer gehabt. Wie man nach dem 11. September weiß, war die geheimdienstliche Informationslage zu Al-Qaida in den USA ja nicht derart blendend, dass man es sich leisten konnte, fremde Hinweise leichtfertig auszuschlagen.

Solche Informationen machen das Buch lesenswert. Davon wünscht man sich mehr. Von daher wird es Zeit, dass der Europa-Verlag für seine Chomsky-Edition auch Übersetzungen von Titeln angeht, in denen Chomsky ausführlicher zu einem Thema Stellung nimmt, wie zum Beispiel seine Schriften zur Rolle der Massenmedien in westlichen Demokratien. Chomsky in kleinen Häppchen ist zwar durchaus erfrischend, bietet auf die Dauer aber auch nicht so viel Neues – genau wie die Welt nach dem 11. September.

Noam Chomky: The Attack. Hintergründe und Folgen. Aus dem Amerikanischen von Michael Haupt. Europa-Verlag Hamburg / Wien 2002, 96 Seiten, € 9,90.

Frankfurter Rundschau / 4.2.2002


Stichworte:
11. September, USA