Der fleißige Außenseiter.

Erich-Fromm-Preis für einen radikalen Kritiker der US-Politik

Bescheiden sitzt er da in seinem Pulli. Dass er vor nur 25 Journalisten in einem kleinen Raum des Stuttgarter Landtag redet, scheint ihn nicht zu stören, er würde auch nicht anders reden, wenn hier 2500 Zuhörer säßen. Leise und freundlich redet der 81-jährige, während er die Politik seines Landes kritisiert wie kaum ein zweiter: Wie ein Buchhalter zählt er immer wieder die Schandtaten der amerikanischen Außenpolitik der letzten 60 Jahre auf, mit der die USA die eigenen Interessen mit offener oder verdeckter Gewalt und ohne Bindung an irgend eine Moral durchsetzten. Letztlich gipfeln seine Analysen darin, dass Amerikas Außenpolitik sich die Feinde schaffe, die sie zu bekämpfen vorgebe. Daher müsse man die Frage stellen, ob das nur ein Versehen sei oder beabsichtigt.

Auf jede Frage folgt ein kleiner Vortrag. Mit einem eingeschobenen »Ich weiß nicht, wie weit Sie das verfolgt haben« leitet er manche seiner Kurzvorträge ein. Chomsky hat »das« sehr weit und gründlich verfolgt und so oft aufgeschrieben oder erzählt, dass ihm auch Zahlen und Zusammenhänge aus vergangenen Jahrzehnten ohne Stichwortzettel präsent sind. Aus der Vielfalt der Fälle aber kristallisieren sich in seinen Analysen immer wieder die selben Konstellationen heraus: Außer den USA scheint es keine weiteren wesentlichen Akteure auf der Weltbühne zu geben: Nur Amerikas Gegner und seine Vasallen. Das heißt, dass auch Deutschland die wenig heroische Rolle zugewiesen bekommt, in außenpolitischen Belangen einfach keine spezifische Rolle zu spielen. Letztlich tue die deutsche Regierung das, was »der große Bruder« von ihm fordere. Ausnahmen wie das Nein zum Irak-Krieg bestätigen für Chomsky wohl nur die Regel.

Die Obama-Begeisterung in Europa quittiert Chomsky auch eher uncharmant, wenn er den Unterschied zwischen republikanischen und demokratischen Präsidenten auf den Nenner bringt, die einen würde die Europäer »Leutnant«, also Befehlsempfänger nennen und die anderen »Partner«, was nur eine Frage der Höflichkeit sei und keine grundsätzlich andere Politik kennzeichne. Die Europäer würden es offensichtlich schätzen, dass sie von Obama höflicher behandelt würden.

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Für seine Analysen braucht Chomsky keine Schärfe und keine Anklage; er erzählt einfach das, was er für die simplen Fakten hält: So ist es nun mal, mehr nicht. Nur manchmal hat er Spaß beiläufig und ohne besondere Betonung eine sarkastische Bemerkungen einfließen zu lassen wie die über den Unterschied zwischen Republikanischen und demokratischen Präsidenten. Solche überspitzten Bemerkungen sind natürlich angreifbar. Aber wer gegen Chomsky argumentieren möchte, muss sich warm anziehen: Denn er hat ein stupendes Wissen. Seine Bücher sind immer materialreich und seine Urteile nie aus der Luft gegriffen. Er wirkt wie einer, der durch sein Wissen überzeugen will. Jemand, der es sich in seiner Außenseiterposition zur Aufgabe gemacht hat, immer etwas mehr zu wissen als seine Gegner. Der Historiker Lawrence Friedman zieht den Vergleich mit anderen großen jüdischen Intellektuellen, wie Marx und Freud, die ihre Marginalisierungserfahrungen in christlichen Gesellschaften produktiv umgewandelt hätten in die Schaffung einer großen Gegenerzählung zum Mainstream ihrer Gesellschaften.

Seine Herkunft als Sohn eines aus Russland in die USA eingewanderten Hebräischlehrers für seine politischen Interventionen verantwortlich zu machen, solche psychologische Deutungen würde Chomsky vermutlich belächeln. Zu persönlich wäre ihm das. Da würde er sich vielleicht hinter einer launigen Bemerkung über die wissenschaftliche Unzuverlässigkeit der Psychologie schützen. Denn zu vielen wissenschaftlichen Theorien hat Chomsky ein distanziertes Verhältnis. Um die Welt zu begreifen, brauche es die nicht: Intellektuelle ließen es nur kompliziert klingen, was man auch einfach sagen könne.

Das erstaunt, denn berühmt geworden ist der Linguist aus Massachusetts durch Theorien, die nur ein kleiner Zirkel von Fachleuten vollständig versteht. Eine davon, die Theorie einer generativen Grammatik besagt vereinfacht gesagt, dass Kindern die Regeln zum Sätze bauen angeboren sind und nicht erst erworben werden müssen. Auf die immer wieder gestellte Frage, ob es eine Verbindung zwischen seinen politischen Thesen und seiner linguistischen Theorie gebe, weicht Chomsky aus. Eigentlich nicht, sagt er, und meint damit wohl, dass er auch dann gegen den Vietnam-Krieg gewesen wäre, wenn er andere Vorstellungen vom Spracherwerb von Kleinkindern hätte. Aber dann gibt er immerhin zu, dass sowohl seinen wissenschaftlichen Überzeugungen wie seinen politischen eine gewisse Sensibilität für die kreativen Potenziale der Menschen zugrunde liege.

Dazu passt, dass Chomsky es vermeidet, seinen Hörern irgendwelche Ratschläge mit auf den Weg zu geben, wie die Welt denn nun zu verbessern sei. Das wüssten die Menschen schon selber, meint er. Als ein libertärer Anarchist, für den Staaten Machtsysteme sind, glaubt er an die Selbstorganisation der Menschen. Das zeigt an, dass auch seine politischen Faktensammlungen nicht so theorielos sind, wie er gerne glauben macht. Wenn Zuhörer nach seinen düsteren Prognosen nach einem Hoffnungszeichen fragen, dann verweist er auf die »Bewegungen« - für den Frieden oder für eine gerechte Globalisierung.

Damit aber wird ein weiteres Chomsky-Dilemma sichtbar: Warum lassen sich die kreativen Menschen immer wieder von der staatlichen Propaganda verführen? Warum siegt die Aufklärung nicht über die Verdummung? Chomsky hat die mediale Beeinflussung der Massen in westlichen Demokratien zu einem seiner zentralen Themen gemacht: Die führe dazu, dass die Menschen auch gegen ihre faktischen Interessen wählen würden. »Die Menschen handeln irrational, wenn sie nur begrenzte Optionen haben.« Bei der jüngsten Senatoren-Nachwahl in Massachusetts seien Arbeiter und Gewerkschafter aus Enttäuschung über Obama nicht zur Wahl gegangen oder hätten den republikanischen Kandidaten gewählt, der schließlich den Senatssitz gewonnen hat.

Ob Chomskys düstere Analysen dazu angetan sind, die Menschen aus ihrer politischen Apathie zu befreien? Zumindest wirkt die Hoffnung, die Chomsky auf die Menschen setzt, manchmal wie eine verzweifelte; wenn die Menschen nicht gegen die Staatsmaschine ankämen, wäre auch sein Reden umsonst.

Publik Forum / 23.4.2010


Stichworte:
Linke Theorie, Terrorismus, USA