"Für die sind Christen und Soldaten eins."

Christen fliehen aus dem Irak - und stranden in Istanbul.

m Irak sind nicht nur Militäreinrichtungen, Regierungsgebäude und ausländische Firmen Ziele von Anschlägen, immer öfter explodieren Bomben vor Kirchen. Von moslemischen Terroristen werden die einheimischen Christen mit den Armeen aus christlichen Ländern gleichgesetzt. Sie gelten als Kollaborateure. Immer mehr von Ihnen fliehen. Aber die christlichen Länder wollen sie nicht haben. Vor den Toren Europas stranden sie. In den hässlichen Stadtvierteln von Istanbul. Dort sind sie zwar in Sicherheit, eine Chance auf ein würdiges Leben haben sie aber nicht. Christoph Fleischmann hat mit zweien von ihnen gesprochen.

O-Ton 1 – Momtaz
If I stayed in Iraq in Mossul, I was now dead. They came to my house after I fled two days. The came to my father searching for me. They didn’t find me, so they went to my brothers house. They went at three p.m. they shoot them. They killed his son and they injured my brother.

Wenn ich in Mossul geblieben wäre, wäre ich jetzt tot. Zwei Tage nachdem ich geflohen bin, kamen Sie zu meinem Haus. Sie gingen zu meinem Vater, um nach mir zu suchen. Als sie mich nicht fanden, gingen sie zum Haus meines Bruders. Sie gingen um drei Uhr Nachmittags dorthin. Sie töteten seinen Sohn und verwundeten meinen Bruder.

Erzählt Momtaz. Mit seiner Frau und fünf Kindern ist er vor zwei Monaten aus dem Irak geflohen. Er ist Christ und gehört zur syrisch-chaldäischen Kirche. Er arbeitete bei den Koalitionstruppen als Übersetzer. Darum galt er einigen seiner Landsleute als Kollaborateur. Aber er denkt, dass die Feindschaft gegen ihn nicht nur mit seinem Job zusammenhängt. Drohungen richteten sich zunehmend gegen alle Christen.

O-Ton 2 - Momtaz
Well, two years ago, when coalition forces come to Iraq and made many changes in Iraq, I felt, tat it was very good, but […] there are many, many people now against coalition forces and against every Christian, because they think: coalition forces are all christians. […] They make the same case: Coalition forces with Christians. They said: Those came to kill muslims. You are Christians, so you are with coalition forces.

Nun vor zwei Jahren als die Koalitionstruppen in den Irak kamen und viel veränderten, da dachte ich, es wird alles gut. Aber heute gibt es sehr viele Leute die gegen die Koalitionstruppen und gegen alle Christen sind. Sie denken: Die Soldaten sind alle Christen. Sie setzen Soldaten und Christen gleich. Sie sagen: Die kamen um Moslems zu töten, und ihr Christen seit doch für die Koalitionstruppen.

Die einzige offene Grenze aus dem Irak sei derzeit die türkische Grenze, berichtet er. Früher seien Christen auch nach Jordanien oder Syrien geflohen. Das ginge jetzt nicht mehr. Darum fliehen die Christen inzwischen in die Türkei. Sie gehen bis nach Istanbul, weil dort eine kleine syrisch-chaldäische Gemeinde existiert. 700 bis 800 chaldäische Christen leben dort; inzwischen sind ungefähr 5000 bis 6000 Flüchtlinge dazu gekommen. Sie haben keinen Rechtsstatus in der Türkei, aber sie können sich dort immerhin beim UN-Flüchtlingskommissariat melden, um als Flüchtlinge anerkannt zu werden. Damit sie dann vielleicht in Kanada oder Australien aufgenommen werden. Viele warten jahrelang, weiß Otmar Oehring. Er ist Menschenrechtsreferent beim katholischen Hilfswerk missio, das auch die chaldäische Gemeinde in Istanbul unterstützt.

O-Ton 3 - Oehring
Die Tatsache, dass es chaldäische Flüchtlinge gibt, die schon seit mehr als zehn Jahren hier in der Türkei leben, zeigt doch, dass bei diesen Auswahlverfahren [...] immer wieder eine Vielzahl von Menschen durch alle Raster fällt und dann in der Türkei bleibt. Und da stellt sich dann natürlich die große Frage, wie sollen diese Menschen eigentlich hier in der Tükei leben, wie sollen sie ihren Lebensunterhalt sichern? Sie sind ja dann in irgend einer Weise zwar als Flüchtlinge anerkannt, aber irgendwie in der Türkei von den Behörden als Illegale angesehen.

Das heißt positiv: Im günstigsten Fall werden sie von den Behörden in Ruhe gelassen, im schlimmsten Fall kann die Polizei sie aufgreifen und mit der Ausweisung drohen. Arbeiten können sie nur illegal, ihre Kinder können nicht in die staatliche Schule. Das heißt, sie leben von der Solidarität untereinander und der Unterstützung, die sie von der Kirche bekommen – und von der Arbeit ihrer Kinder: Leyla, ihren vollen Namen will sie nicht sagen, floh vor sechs Jahren mit ihrem Mann und den vier Kindern aus dem Irak:

O-Ton 4 – Leyla
I have two big sons, they are working. My sons are working, he is thirteen years old, the older and the younger is eleven years old. They are working from the morning until eleven o’clock in the night.

Ich habe zwei große Söhne. Meine Söhne arbeiten. Der ältere ist dreizehn Jahre alt und der jüngere ist elf. Sie arbeiten vom Morgen bis abends elf Uhr.

Ihre beiden Mädchen, sechs und zehn Jahren alt, haben Glück. Sie können noch auf die Grundschule gehen, die die Caritas für die Flüchtlingskinder betreibt.

Mamtuz und Leyla, die beiden Christen wollen weiter, irgendwohin, wo sie besser leben können. Das christliche Europa, vor dessen Toren sie warten, lässt sie nicht herein. Die islamische Türkei duldet sie immerhin stillschweigend.

In Deutschland haben die irakischen Flüchtlinge kaum Chancen. In der letzten Woche beklagte der Caritas-Verband, dass das Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge Widerrufsverfahren einleite gegen irakische Flüchtlinge, die vor Saddam Hussein geflohen sind. Mit diesen Verfahren droht den Flüchtlingen ein unsicherer Rechtsstatus und die Abschiebung - sobald die Innenminister meinen, dass es im Irak wieder sicher sei.

Deutschen Welle Gott und die Welt / 1.12.2004


Stichworte:
Irak-Krieg, Türkei