Migranten bringen Gottes Plan voran.
Die päpstliche Instruktion "Die Liebe Gottes zu den Migranten".
„Eine Strategie der Abgrenzung gegenüber dem Islam“ - so das deutsche Pressecho, als der päpstliche Rat der Seelsorge an Migranten Mitte Mai die Instruktion „Die Liebe Christi zu den Migranten“ vorstellte. Besondere Aufmerksamkeit bekam dabei die Warnung vor katholisch-muslimischen Mischehen. Diese Warnung, wohlgemerkt kein Verbot, steht allerdings keineswegs für den Gesamtcharakter des Papieres.
Besonders in der Einleitung und im ersten Teil ist die Instruktion theologisch progressiv und politisch radikal: Die multikulturellen Gesellschaften brächten den Plan Gottes einer „erneuerten Menschheit“ voran, heißt es dort (siehe oben). Die Migranten sind in dieser Sicht nicht nur die Motoren der Vergemeinschaftung, sondern sie erlitten auch die „Geburtswehen einer neuen Menschheit“. Die Anklänge an die lateinamerikanische Befreiungstheologie, die vom stellvertretenden und erlösenden Leiden der Armen spricht, sind unverkennbar. Hier wird mutig Theologie getrieben, weil nicht mehr allgemeine theologische Lehrsätze „von oben“ angewendet werden, sondern weil „unten“, auf der Erde, die „Zeichen der Zeit“ wahrgenommen und theologisch gedeutet werden. Außerdem ist es theologisch progressiv, weil auch den Nichtchristen eine entscheidende Rolle in Gottes Plan zugebilligt wird: Gottes Geist wirkt auch extra muros ecclesiae – außerhalb der dicken Kirchenmauern!
Man vergleiche damit das Wort der deutschen Bischöfe zur Integration: Die deutschen Bischöfe trauen nicht den Migranten, sondern nur der Kirche und Ihrer Integrationsarbeit zu, „Zeichen und Werkzeug für die Liebe Gottes“ zu sein. Man vertue sich nicht, das sind keine Kleinigkeiten, sondern grundlegend unterschiedliche Perspektiven mit praktischen Folgen: Bei den deutschen Bischöfe kommen die Migranten nur als zu unterstützende arme Menschen vor; im Vatikan-Papier als eigenständige Akteure. Während die deutschen Bischöfe sich nicht einmal trauen von der multikulturellen Gesellschaft zu sprechen, sondern nur von der „Migrationsgesellschaft“, scheut der päpstliche Rat keine deutliche politische Analyse: Als „unwirksam“ hätten sich „rein restriktive politische Maßnahmen“ erwiesen; sie führten nur zum Anstieg der illegalen Einreise. Es könne nicht angehen, gerade Flüchtlinge in prekären Situationen nur als „Last“, „Gefahr“ oder „Bedrohung“ anzusehen. Im Gegenteil provoziert das Phänomen der Migration „die Frage nach einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung für eine gerechtere Verteilung der Güter der Erde“. Früher hätte man gesagt: Der Vatikan stellt hier die Systemfrage. Wenn man diese Position auf die Flüchtlingspolitik in Deutschland projiziert, kann man feststellen: Rot-Grün wird vom Vatikan weit links überholt.
Die Instruktion „Die Liebe Christi zu den Migranten“ des Päpstlichen Rates der Seelsorge für die Migraten ist auf der Homepage des Vatikan verfügbar.
neue caritas / 18.11.2004
Besonders in der Einleitung und im ersten Teil ist die Instruktion theologisch progressiv und politisch radikal: Die multikulturellen Gesellschaften brächten den Plan Gottes einer „erneuerten Menschheit“ voran, heißt es dort (siehe oben). Die Migranten sind in dieser Sicht nicht nur die Motoren der Vergemeinschaftung, sondern sie erlitten auch die „Geburtswehen einer neuen Menschheit“. Die Anklänge an die lateinamerikanische Befreiungstheologie, die vom stellvertretenden und erlösenden Leiden der Armen spricht, sind unverkennbar. Hier wird mutig Theologie getrieben, weil nicht mehr allgemeine theologische Lehrsätze „von oben“ angewendet werden, sondern weil „unten“, auf der Erde, die „Zeichen der Zeit“ wahrgenommen und theologisch gedeutet werden. Außerdem ist es theologisch progressiv, weil auch den Nichtchristen eine entscheidende Rolle in Gottes Plan zugebilligt wird: Gottes Geist wirkt auch extra muros ecclesiae – außerhalb der dicken Kirchenmauern!
Man vergleiche damit das Wort der deutschen Bischöfe zur Integration: Die deutschen Bischöfe trauen nicht den Migranten, sondern nur der Kirche und Ihrer Integrationsarbeit zu, „Zeichen und Werkzeug für die Liebe Gottes“ zu sein. Man vertue sich nicht, das sind keine Kleinigkeiten, sondern grundlegend unterschiedliche Perspektiven mit praktischen Folgen: Bei den deutschen Bischöfe kommen die Migranten nur als zu unterstützende arme Menschen vor; im Vatikan-Papier als eigenständige Akteure. Während die deutschen Bischöfe sich nicht einmal trauen von der multikulturellen Gesellschaft zu sprechen, sondern nur von der „Migrationsgesellschaft“, scheut der päpstliche Rat keine deutliche politische Analyse: Als „unwirksam“ hätten sich „rein restriktive politische Maßnahmen“ erwiesen; sie führten nur zum Anstieg der illegalen Einreise. Es könne nicht angehen, gerade Flüchtlinge in prekären Situationen nur als „Last“, „Gefahr“ oder „Bedrohung“ anzusehen. Im Gegenteil provoziert das Phänomen der Migration „die Frage nach einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung für eine gerechtere Verteilung der Güter der Erde“. Früher hätte man gesagt: Der Vatikan stellt hier die Systemfrage. Wenn man diese Position auf die Flüchtlingspolitik in Deutschland projiziert, kann man feststellen: Rot-Grün wird vom Vatikan weit links überholt.
Die Instruktion „Die Liebe Christi zu den Migranten“ des Päpstlichen Rates der Seelsorge für die Migraten ist auf der Homepage des Vatikan verfügbar.
neue caritas / 18.11.2004