Antisemitismus bei moslemischen Jugendlichen.
Neue Herausforderung in der Integrationsdebatte.
Die Studie der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, über Antisemitismus in Europa sorgte für Aufsehen: Einmal weil sie mehrere Monate unter Verschluss geblieben war, bevor sie Ende letzten Jahres schließlich doch veröffentlicht wurde, und weil ihre Ergebnisse aufhorchen ließen: Besonders in Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden seien ein guter Teil der antisemitischen Täter junge Moslems, so eines der Ergebnisse der Studie. Antisemitismus unter jungen Moslems – ein Thema das zu wenig wahrgenommen wird? Das meinte jedenfalls die Bundeszentrale für politische Bildung. Darum setzte sie kurzfristig einen Workshop zu dem Thema auf das Programm der Vorbreitungstagung zur interkulturellen Woche 2004. Vertreter von Migrantenverbänden, Kirchen, Gewerkschaften und Flüchtlingsorganisationen, trafen sich in Düsseldorf, um über aktuelle Fragen der Integrationsdebatte zu sprechen - und sparten das heiße Eisen nicht aus. Christoph Fleischmann war dabei.
Das Projekt „Schule ohne Rassismus“ von action courage veranstaltete mit Schülern von deutschen Haupt und Berufsschulen offene Aussprachen – sogenannte Open Spaces. Die Jugendlichen konnten frei reden – und was sie sagten, war nicht immer politisch korrekt, berichtet Eberhard Seidel, Geschäftsführer von „Schule ohne Rassismus“:
Das Problem, so Eberhard Seidel, würde aber noch kaum beachtet. Bisher fehle eine wissenschaftliche Forschung zu dem Thema. Er selber habe recherchiert, welche moslemischen Gruppen antisemitische Gedanken verbreiten würden: Das in Schweden ansässige Radio Islam von Ahmed Rami biete über das Internet klassische antisemitische Propaganda an wie die Protokolle der Weisen von Zion, aber auch auf dem vielgenutzten Internetforum muslimmarkt.de fand Seidel die Rede eines moslemischen Holocaustleugners. Auch in großen muslimischen Verbänden wie Milli Görüs gäbe es immer noch antisemitische Tendenzen.
Nach der Studie der EU über Antisemitismus in Europa zeigte sich der Zentralrat der Muslime in Deutschland betroffen. Ihr Vorsitzender Nadeem Elyas:
Soll wohl heißen: Eine Israelkritische Haltung gebe es unter vielen Muslimen wegen des Nahostkonfliktes; dies sei kein Antisemitismus; aber diese israelkritische Haltung, das gibt auch Elyas zu, könne durchaus mit antisemitischen Vorurteilen und Stereotypen zusammengehen. Eberhard Seidel erkennt zwar an, dass der Zentralrat der Muslime sich dem Problem stellen will, verweist aber auf Versäumnisse in der Vergangenheit. Es reiche nicht, erst auf Vorwürfe von außen zu reagieren:
Die Soziologin Necla Kelek forscht über die Rolle des Islam für türkische Jugendliche in Deutschland. Sie sieht einen Grund für das Problem des Antisemitismus in einer fundamentalistischen Interpretation des Islam. Danach würden nur die Mitglieder der eigenen Religion als gute Menschen angesehen. So erfuhr sie bei ihren Befragungen von Jugendlichen:
O-Ton 4 Kelek
Dass wenn es um politische Positionen geht, dass dann ganz klar vermittelt wird, dass sie einzigartig sind, das ist ja auch in einem Vers im Koran, das auserwählte Volk, ihr seid die besten heißt es ja auch in der Sure 24 und genau diese Ausdrücke kommen. [...] 4’21 alle anderen machen alles falsch: Die Israelis sind gewalttätig, die Christen haben keine Moral mehr, ihre Töchter können alles machen, was sie wollen, es ist ja Soddom und Gomorrah, es ist ja Chaos, fithna.
Kelek meint, dass so eine Haltung nur durch eine Aufklärung des Islam überwunden werden könne. Die historische Erfahrung zeige aber, dass die religiösen Institutionen selber nicht willens seien, ihre Religion aufgeklärt zu interpretieren. Deswegen brauche es Druck aus der Gesellschaft:
SWR con.tra SWR international / 9.2.2004
Das Projekt „Schule ohne Rassismus“ von action courage veranstaltete mit Schülern von deutschen Haupt und Berufsschulen offene Aussprachen – sogenannte Open Spaces. Die Jugendlichen konnten frei reden – und was sie sagten, war nicht immer politisch korrekt, berichtet Eberhard Seidel, Geschäftsführer von „Schule ohne Rassismus“:
O-Ton 1 Seidel
Also die open spaces […], die haben, was das Thema Antisemitismus betrifft, erbracht, dass natürlich bei einer ganzen Reihe von Jugendlichen immer dann wenn die Sprache auf Nahen Osten, Israel, Palästinakonflikt kam, also sehr schnell antisemitischen Stereotype hochkamen, also der jüdischen Weltverschwörung gemeinsam mit den USA, die entsprechend Einfluss nehmen und für uns natürlich auch noch mal so ne Erkenntnis [...], dass nicht nur bei deutschen Jugendlichen relativ stark verbreitet ist, sondern auch bei Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund und dieses Problem stärker zu beachten wäre, um dann zu gucken, welche Gegenstrategien man entwickeln kann.
Also die open spaces […], die haben, was das Thema Antisemitismus betrifft, erbracht, dass natürlich bei einer ganzen Reihe von Jugendlichen immer dann wenn die Sprache auf Nahen Osten, Israel, Palästinakonflikt kam, also sehr schnell antisemitischen Stereotype hochkamen, also der jüdischen Weltverschwörung gemeinsam mit den USA, die entsprechend Einfluss nehmen und für uns natürlich auch noch mal so ne Erkenntnis [...], dass nicht nur bei deutschen Jugendlichen relativ stark verbreitet ist, sondern auch bei Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund und dieses Problem stärker zu beachten wäre, um dann zu gucken, welche Gegenstrategien man entwickeln kann.
Das Problem, so Eberhard Seidel, würde aber noch kaum beachtet. Bisher fehle eine wissenschaftliche Forschung zu dem Thema. Er selber habe recherchiert, welche moslemischen Gruppen antisemitische Gedanken verbreiten würden: Das in Schweden ansässige Radio Islam von Ahmed Rami biete über das Internet klassische antisemitische Propaganda an wie die Protokolle der Weisen von Zion, aber auch auf dem vielgenutzten Internetforum muslimmarkt.de fand Seidel die Rede eines moslemischen Holocaustleugners. Auch in großen muslimischen Verbänden wie Milli Görüs gäbe es immer noch antisemitische Tendenzen.
Nach der Studie der EU über Antisemitismus in Europa zeigte sich der Zentralrat der Muslime in Deutschland betroffen. Ihr Vorsitzender Nadeem Elyas:
O-Ton 2 Elyas
Wir haben diese Ergebnisse ernst genommen. [...] Wir werden die Konsequenzen, die sich für uns ergeben, ernst nehmen und umsetzen. Es kann sein, dass wir uns dann verstärkt um Aufklärung in den eigenen Gemeinden bemühen müssen, was wir schon immer tun. Überrascht hat mich die Studie insofern nicht, weil sich ein gewisser Antijudaismus unter Muslimen immer schon da war, was nicht zu verwechseln ist mit Antisemitismus, und dieser Antijudaismus ist eine verbale Variante des Antiisraelismus.
Wir haben diese Ergebnisse ernst genommen. [...] Wir werden die Konsequenzen, die sich für uns ergeben, ernst nehmen und umsetzen. Es kann sein, dass wir uns dann verstärkt um Aufklärung in den eigenen Gemeinden bemühen müssen, was wir schon immer tun. Überrascht hat mich die Studie insofern nicht, weil sich ein gewisser Antijudaismus unter Muslimen immer schon da war, was nicht zu verwechseln ist mit Antisemitismus, und dieser Antijudaismus ist eine verbale Variante des Antiisraelismus.
Soll wohl heißen: Eine Israelkritische Haltung gebe es unter vielen Muslimen wegen des Nahostkonfliktes; dies sei kein Antisemitismus; aber diese israelkritische Haltung, das gibt auch Elyas zu, könne durchaus mit antisemitischen Vorurteilen und Stereotypen zusammengehen. Eberhard Seidel erkennt zwar an, dass der Zentralrat der Muslime sich dem Problem stellen will, verweist aber auf Versäumnisse in der Vergangenheit. Es reiche nicht, erst auf Vorwürfe von außen zu reagieren:
O-Ton 3 Seidel
Es gab natürlich in der Vergangenheit wenig Hinweise aus dem Zentralrat der Muslime, was innerhalb des islamistischen-moslemischen Milieus in diese Richtung tut. Ein Stück weit ist da die Zivilgesellschaft auch auf Zusammenarbeit mit Gruppen wie dem Zentralrat der Muslime angewiesen.
Es gab natürlich in der Vergangenheit wenig Hinweise aus dem Zentralrat der Muslime, was innerhalb des islamistischen-moslemischen Milieus in diese Richtung tut. Ein Stück weit ist da die Zivilgesellschaft auch auf Zusammenarbeit mit Gruppen wie dem Zentralrat der Muslime angewiesen.
Die Soziologin Necla Kelek forscht über die Rolle des Islam für türkische Jugendliche in Deutschland. Sie sieht einen Grund für das Problem des Antisemitismus in einer fundamentalistischen Interpretation des Islam. Danach würden nur die Mitglieder der eigenen Religion als gute Menschen angesehen. So erfuhr sie bei ihren Befragungen von Jugendlichen:
O-Ton 4 Kelek
Dass wenn es um politische Positionen geht, dass dann ganz klar vermittelt wird, dass sie einzigartig sind, das ist ja auch in einem Vers im Koran, das auserwählte Volk, ihr seid die besten heißt es ja auch in der Sure 24 und genau diese Ausdrücke kommen. [...] 4’21 alle anderen machen alles falsch: Die Israelis sind gewalttätig, die Christen haben keine Moral mehr, ihre Töchter können alles machen, was sie wollen, es ist ja Soddom und Gomorrah, es ist ja Chaos, fithna.
Kelek meint, dass so eine Haltung nur durch eine Aufklärung des Islam überwunden werden könne. Die historische Erfahrung zeige aber, dass die religiösen Institutionen selber nicht willens seien, ihre Religion aufgeklärt zu interpretieren. Deswegen brauche es Druck aus der Gesellschaft:
O-Ton 5 Kelek
Die Kirche ist doch von außen, von aufgeklärten Philosophen, aufgeklärt worden; und sie wurde gezwungen von außen; die Kirche hat sich nicht von innen reformiert, sondern sie ist von außen gezwungen worden, dass sie reformiert. So eine Bewegung muss stattfinden. Und wenn nicht, wird das die Moschee nicht machen; genau wie die Kirche.
Die Kirche ist doch von außen, von aufgeklärten Philosophen, aufgeklärt worden; und sie wurde gezwungen von außen; die Kirche hat sich nicht von innen reformiert, sondern sie ist von außen gezwungen worden, dass sie reformiert. So eine Bewegung muss stattfinden. Und wenn nicht, wird das die Moschee nicht machen; genau wie die Kirche.
SWR con.tra SWR international / 9.2.2004



