"Man muss aufpassen, dass man nicht krank wird."

Die Malteser Migranten Medizin - ein Gesundheitsdienst für "Illegale".

Papierlose, heimliche Menschen oder Illegale werden sie genannt. Menschen aus dem Ausland, die in Deutschland leben, obwohl sie nach dem Gesetz gar nicht hier sein dürfen. Die Schätzungen schwanken zwischen einer halben Million und eineinhalb Millionen Menschen, die ohne Aufenthaltsstatus in Deutschland leben. Ihr ständiger Begleiter ist die Angst, von der Polizei oder der Ausländerbehörde entdeckt zu werden: So wird alles, Arbeit, Schulbesuch, Wohnung zum Problem – auch der Arztbesuch. Auf einem Kongress des Deutschen Caritasverbandes und des Katholisch Sozialen Instituts in Bad Honnef wurden diese Woche Hilfsmöglichkeiten für Papierlosen vorgestellt. Die Sozialarbeit kümmert sich schon seit langer Zeit um diese Menschen, die Politik hingegen, schweigt das Problem der Illegalen weitgehend tot. Christoph Fleischmann hat sich in Bad Honnef umgehört.

Mehmet, 26 Jahre alt, war drei Jahre lang illegal in Deutschland. Das schwierigste für ihn, sagt er, waren die Arztbesuche:

O-Ton 1 Mehmet
Man muss natürlich viel aufpassen, dass man nicht krank wird. Das ist sehr schwierig als Illegaler im Krankenhaus. Wenn man als Selbstzahler hingeht, fragt auch keiner haben sie einen Status. Das einfachste ist natürlich, man geht mit jemand anderes’ Papiere hin oder spricht irgendwelche Menschen an. Es gibt ja gute Menschen in Deutschland, sehr viele, die dann sagen: okay ich mach das.

Also Ärzte, die ohne Bezahlung oder gegen ein geringes Entgeld arbeiten und die vor allem weder Polizei noch Ausländerbehörde Bescheid sagen, dass sie einen "Illegalen" in der Praxis haben. Ein Risiko bleibt ein Arztbesuch aber immer. Deswegen gehen illegalisierte Menschen in der Regel nur dann zum Arzt, wenn es wirklich nicht mehr anders geht.

O-Ton 2 Franz
Die Menschen, die zu mir kommen, sind überwiegend kränker, das liegt einfach daran, dass sie länger warten, dass sie es entweder nicht wissen, oder weil sie davon ausgehen, ich wird wieder von allein gesund. Das zum Arzt gehen wegen Lappalien kommt bei Illegalen praktisch nicht vor.

So Adelheid Franz, sie ist Ärztin für Allgemeinmedizin und leitet in Berlin die Malteser Migranten Medizin. Dort behandelt sie alle Menschen die nicht krankenversichert sind, darunter auch viele "Illegale". Den Bedarf kann sie aber allein bei weitem nicht decken. Die Malteser Migranten Medizin vermittelt ärztliche Hilfe an ein Netz von 100 Ärzten und sieben Krankenhäusern in Berlin: Ärzte, die ehrenamtlich behandeln und zusichern keine Daten an die Ausländerbehörden weiterzugeben. Ein Arzt sei nicht verpflichtet, einen Ausländer ohne Aufenthaltsstatus zu denunzieren, stellt Adelheid Franz klar, trotzdem weiß sie, dass Ärzte, die nicht zu ihrem Netz gehören und genau das mitunter tun:

O-Ton 3 Franz
Krankenhäuser mit denen ich kooperiere haben Vertraulichkeit zugesichert und ich habe auch noch keinen Fall erlebt, wo die Vertraulichkeit verletzt worden ist, ich habe allerdings erlebt, dass aus bestimmten Krankheitsgründen, die in dem Haus nicht mehr behandelt werden konnten, Patienten in andere Häuser verlegt wurden, mit denen ich keine Absprachen getroffen habe, und wo Patienten dann sofort gemeldet wurden, teilweise noch grade aus der Narkose erwacht, von der Polizei erwartet und in Handschellen so wie sie laufen konnten abgeführt wurden. Das sind Dinge, wo ich finde, dass Krankenhäuser ganz klar ihre Obhutspflicht für Patienten auch verletzen. Das sind Dinge, die angeprangert gehören.

Auch Rita Sußmuth, Vorsitzende des Zuwanderungsrates der Bundesregierung, zeigte sich von dem Engagement der Berliner Ärzte beeindruckt:

O-Ton 4 Süßmuth
Und wenn ich das Beispiel Berlin nenne, im Bereich der gesundheitlichen und medizinischen Versorgung, ist es ein Netzwerk, das bekannt gegeben wird und dafür Sorge trägt, dass Menschenwürde nicht unter die Räder kommt.

Für die Politik räumt Süßmuth Versäumnisse ein:.

O-Ton 5 Süßmuth
Ich will Ihnen sagen, wir sind in unserer Kommission nicht am Grundsatz der Menschenwürde und des Lebensschutzes von Lebensbedrohten gescheitert, sondern an der Frage, macht bitte einen Vorschlag, wer es denn dann finanzieren soll, den wir auf die Schnelle auch nicht hinbekommen. Wir sind weniger am Grundsatz gescheitert als an der Frage: Wer finanziert's?

So delegieren die Politiker elementare Aufgaben des Lebensschutzes - und vielleicht auch ihr Gewissen - an das couragierte ehrenamtliche Engagement einiger Bürger.

SWR con.tra SWR international / 24.10.2003


Stichworte:
Gesundheit, Illegalität