Vielleicht kann die Liebe eine Rettung sein.

In Neuss sitzen Frauen in Haft und warten auf ihre Abschiebung.

„Das sind Männer, die behandeln eine Frau nicht wie einen Mensch, sondern wie einen Schuh, den sie verkaufen können. Die sagen: ‚Okay, ich habe dafür gezahlt, das ist meine und ich kann damit machen, was ich will.’“ Katharina Sarkowa (Name geändert) ist empört und aufgewühlt, denn es ist ihre eigene Geschichte, die sie erzählt. Mit 16 Jahren wurde Sie aus ihrer Heimat Tschechei an einen Bordellbesitzer in Deutschland verkauft. Im Bordell wurde sie geschlagen, Geld bekam sie keins. „Natürlich“ nicht, betont Katharina, als sei es töricht von ihr gewesen, jemals etwas anderes zu glauben. Eine hübsche junge Frau, sorgfältig geschminkt, in einem bunten Wollpullover. Im Kontrast dazu das trostlosen Zimmer des Gefängnispfarrers. Eine ausrangierte Couchgarnitur und alte abgenutzte Möbel, aber ein Gespräch und etwas Tee mit Schokoladenkeksen - Abwechslung im Gefängnisalltag. Frauen seien für diese Leute nur wie eine Tasse Tee, fährt Katharina in ihrer Empörung fort, wenn er nicht mehr schmecke, werde der Tee weggeschüttet. Sie korrigiert sich selbst: „Aber die schmeißen nicht weg, die verkaufen weiter. So geht das mit Frauen.“

18 Jahre ist Katharina alt. Sie wurde bei einer Polizeirazzia aufgegriffen, da sie keine gültigen Papiere besaß. Nun sitzt sie im Frauen-Abschiebegefängnis in Neuss und wartet auf ihre Abschiebung in die Tschechei. Dort machte sie ähnlich traumatische Erfahrungen wie in Deutschland. Katharina erzählt: Mit 14 Jahre lief sie von zu Hause fort, weil der Stiefvater sie missbrauchte. Die Mutter wollte sich nicht von ihm trennen. Auf der Straße nahm sie Drogen und machte „illegale Sachen“. Schließlich verliebte sie sich in einen Zigeuner. Der schickte sie nach Deutschland. Natürlich ginge es nicht um Prostitution. “Du musst nur mit Männern ein bißchen lachen - und die geben Dir dann Geld.“ Katharina spricht übertrieben ironisch und lacht über die Lügen, die sie sich anhören musste. Sie kennt ihren schäbigen Preis: Für 500 Euro sei sie verkauft worden.

Pater Wolfgang Sieffert kennt viele solche Geschichten. Der Dominikaner ist Gefängnispfarrer in der Abschiebehaft. Lässig fletzt sich der stämmige kleine Mann auf einen alten Sessel, seine Beine hängen über die Armlehne. Robust und bodenständig wirkt er. Trotzdem kann er sich nicht an die Geschichten gewöhnen, die er sich immer wieder anhören muss: Für ihn ist es ein Unding, dass Frauen wie Katharina im Gefängnis landen: „Die sitzen hier in einer Haftanstalt mit all ihren Ängsten, mit all ihren Traumatisierungen, mit Albträumen nachts, und wir sperren die ein.“ Und nach einer Pause fügt er leise hinzu: „Und es will im Grunde keiner hören.“

Wer in Abschiebehaft sitzt, hat kein Verbrechen begangen. Das einzige Vergehen der Frauen in Neuss ist es, dass sie nicht in Deutschland sein dürfen. Das Gesetz gibt den Ausländerämtern viel Freiraum für die Inhaftierung von Migranten. Wenn die Sachbearbeiter auf den Ämtern befürchten, ein Flüchtling, dessen Duldung bald ausläuft, könne untertauchen, dann beantragen sie bei einem Amtsrichter Abschiebehaft. Genau dasselbe kann die Polizei tun, wenn Sie Ausländer ohne legalen Aufenthaltsstatus aufgreift. Pater Wolfgang wird bei dem Gedanken an Amtsrichter wütend: „Der wirkliche Skandal ist, dass hier Leute auf einen Antrag vom Ausländeramt eingesperrt werden. Und das unterschreiben die Richter - ich sag mal: fast blind.“ Weil der Ordensmann sich damit nicht abfinden will, protestiert er regelmäßig jeden ersten Montag im Monat mit einer kleinen Gruppe von Gefängnispfarrern vor dem Innenministerium von Nordrhein-Westfalen. Eine der wenigen politischen Aktionen gegen Abschiebehaft - und ein Kampf gegen Windmühlen. Denn das Interesse der Politik an dem Thema ist denkbar gering. Im ersten Koalitionsvertrag der rot-grünen Bundesregierung vor vier Jahren wurde eine Überprüfung der Dauer von Abschiebehaft vereinbart. Die Überprüfung blieb aus. Im neuen Koalitionsvertrag taucht das Thema gar nicht mehr auf. Das geplante Zuwanderungsgesetz wird an der Haft ebenfalls nichts ändern.

So bleibt dem Gefängnisseelsorger nur, sich für kleine Verbesserungen im Haftalltag der über 70 Frauen aus rund 27 Ländern einzusetzen - und Gottesdienste zu feiern. Die Gefängnisliturgien gehörten für ihn zu den intensivsten Erlebnissen, die er mache, so Pater Wolfgang. Es sei spürbar, dass sie für die inhaftierten Frauen wichtig seien. Gott selbst sei mitleidend unter den Frauen anwesend, glaubt er - seit er begriffen habe, was Liebe bedeute.

Von der Macht der Liebe kann auch Katharina erzählen: Im Bordell lernte sie einen jungen Türken kennen, der keinen Sex von ihr wollte, sondern mit ihr redete - und sich in sie verliebt hat. Der erste Mensch, der sie nicht wie ein Ding behandelt habe, erzählt sie begeistert. Sie trafen sich immer wieder heimlich - ohne miteinander zu schlafen, strahlt Katharina. Mit seiner Hilfe und einigen angeheuerten Schlägern konnte sie sich von dem gewalttätigen Zuhälter freipressen. Sie arbeitete weiter in einem anderen Bordell, um Geld zu verdienen, damit sie endlich ihren Traumprinzen heiraten kann. Dazu kam es nicht mehr. Nun will sie ihn nach ihrer Abschiebung in der Tschechei heiraten. An dieser Hoffnung hält Katharina sich im Gefängnis fest.

Stuttgarter Zeitung / 25.01.2003


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