Ohne fürstlichen Segen.

Andreas Karlstadt - ein Reformator im Schatten Luthers.

Er habe einen "falschen Geist" und sei sein ärgster Feind geworden. Luthers Verdikt über ihn saß – für mindestens 500 Jahre. Erst in den letzten Jahrzehnten nähern sich die Reformationsforscher dem von Luther Verfemten unvoreingenommen und würdigen ihn nicht nur im Gegenüber zu Luther, sondern als eigenständigen Theologen: Andreas Bodenstein von Karlstadt.

In den Anfangsjahren der Reformation waren Luther und Karlstadt in Wittenberg, wie es der Reformationshistoriker Ulrich Bubenheimer schreibt, "Bundesgenossen und Rivalen zugleich". Der drei Jahre jüngere Karlstadt war mit der Uni-Karriere schneller als der Mönch Luther, so kam es, dass der ältere Luther beim jüngeren Karstadt promovierte. Beide gehörten zum Wittenberger Kreis, der unter reformgesinnten Kräften von sich reden machte, beide waren erfolgreiche Flugschriften-Autoren, beide stellten Thesen auf – gegen die herrschende Meinung. Zugegeben, Luthers 95 Thesen gegen den Ablass von 1517 machten kirchenpolitisch mehr Furore als die 151 Thesen von Karlstadt aus demselben Jahr, in denen es – ähnlich Luthers Position – darum ging, dass der Mensch die Gnade Gottes ohne eigenes Dazutun geschenkt bekomme. Ihr gemeinsamer Gegner, der Ingolstädter Theologe Johannes Eck forderte dennoch Karlstadt zur Disputation heraus. Luther aber sah seine Themen berührt, schloss sich der Disputation an und stahl dem Kollegen die Show, als er mit Eck um den Primat des Papstes stritt. Der wurde auch das zentrale Thema im römischen Prozess gegen Luther, durch den Luther zum reichsweiten "Star" der Reformation wurde.

Aber als Luther nach seinem großen Auftritt vor dem Reichstag in Worms von seinem Kurfürsten fürsorglich aus dem Verkehr gezogen und auf die Wartburg gebracht wurde, entwickelten sich die Dinge in Wittenberg weiter. Musste man aus der neuen Theologie nicht auf konkrete Folgerungen für den Gottesdienst und die Kirchenordnung ziehen? Für Karlstadt war klar: Eine "evangelische Messe" dürfe den Laien nicht mehr den Abendmahlskelch vorenthalten. Nachdem er sich eine Weile vor eigenen Gottesdiensten gedrückt hatte, feierte er Weihnachten 1521 den ersten Gemeindegottesdienst in Wittenberg mit Abendmahl in beiderlei Gestalt. Der Rat der Stadt verabschiedete eine neue Gottesdienst- und Sozialordnung, die auch die Entfernung der Heiligenbilder aus den Kirchen enthielt, ein Punkt den Karlstadt unterstützte. Die Dinge wurden geordnet, aber sie wurden vom Rat der Stadt geordnet, und der Kurfürst von Sachsen, Friedrich der Weise, war not amused, konnte er wegen der Reichspolitik diesen Übergang zu einem protestantischen Kirchenwesen gerade nicht gebrauchen.

Und Luther sah seine Felle als Anführer der Bewegung davon schwimmen. Also kam er von der Wartburg, predigte wortgewaltig gegen die Änderungen, weil sie die Gewissen der Schwachen verletzten, die noch an den Bildern hingen und durch ihre Entfernung irritiert würden. Karlstadts Gegenargument: Wer sich vor dem Abtun der Bilder fürchte, der zeige, dass er sie noch  ungerechtfertigterweise verehre: Das Äußere ist dem Wort Gottes nach zu ordnen, damit der Glaube der Menschen sich nicht an Falschem festmache. Luther hingegen sagt: Erst der neue Glaube, dann die Veränderung – und die nur mit dem Segen der Obrigkeit. Eine entschlossene Veränderung der Verhältnisse war ihm schnell Ausdruck einer "neuen Werkgerechtigkeit".

Karlstadt verließ Wittenberg, da er unter Zensur gestellt wurde: Aber in Orlamünde auf dem Land provozierte er noch mehr, weil er die Privilegien eines Professors ablehnte, einen Bauernkittel anzog und damit die Ständegesellschaft hinterfragte: Als Bruder Andreas setzte er eine Gemeindereform um – die Laien sollten entscheiden, wen sie als Pfarrer wollten. Der Obrigkeit war das verdächtig, Luther kam auf Visitationsreise und diskreditierte den Kollegen als "Rottengeist", also als Aufrührer. Karlstadt wurde aus Sachsen ausgewiesen und musste für die nächsten sechs Jahre ein unstetes Wanderleben führen.

Erst bei den Schweizer Reformatoren fand er Gnade und Ansehen: in Zürich, später in Basel – dort arbeitete er dann auch wieder als Professor. Die wilden Jahre der Reformation waren vorbei und eine Veränderung der Kirche von unten weitgehend auch.

Publik Forum / 10.6.2016


Stichworte:
Karlstadt, Luther, Reformation