Für die kämpfenden Bauern.

Christoph Schappeler verbreitete republikanische Gedanken.

Die aufgeblasenen Herren, seien es Papst, Kaiser oder König, die meinen ihre Herrschaft stände ihnen von Geburt zu und die sich nicht für Amtleute Gottes halten, denen sei man keinen Gehorsam schuldig. Herrschaft sei ein göttliches Amt, das genauso ein "Schneider, Schuster oder Bauer" ausführen könne: Hauptsache er regiere allein nach den Geboten Gottes, und fördere den gemeinen Nutzen und halte die Menschen zur brüderlichen Einigkeit an. "Darum allein und aus keiner anderen Ursache ist eine Obrigkeit eingesetzt und von Gott verordnet."

So steht es geschrieben in der Flugschrift An die Versammlung gemeiner Bauernschaft aus dem Frühjahr 1525, als immer mehr Bauern sich zu bewaffneten Haufen zusammenschlossen, um ihren Forderungen gegenüber den Grundherren Nachdruck zu verschaffen. Der Flugschriftenautor kennt ihre Forderungen: Zu viele Frondienste auf den Feldern der Herren, ungerechtfertigte Abgaben, das Verbot Wild zu fangen, der Anspruch des Herren auf das beste Tier im Todesfall des abhängigen Bauern und last not least: die Leibeigenschaft, obwohl doch alle Menschen Gottes Eigentum seien. Die Bauern aber steckten in einem Babylonischen Gefängnis. Das erinnert an Luthers Schrift über die babylonische Gefangenschaft der Kirche: Wie Luther dort die biblisch nicht begründeten Riten der Kirche verwirft, genauso argumentiert der Autor dieser Schrift in Bezug auf die politische Herrschaft: was nicht biblisch ist, sollte nicht befolgt, sondern im Sinne der göttlichen Gebote verändert werden.

So etwas schrieb man im Jahr 1525 besser anonym. So wissen wir nicht mit Sicherheit, wer diesen Text geschrieben hat: Der Historiker Peter Blickle votiert seit einiger Zeit dafür, diese Schrift dem Memminger Reformator Christoph Schappeler zuzuschreiben. Dafür spricht einiges: Memmingen war ein Zentrum des Bauernaufstandes, dort wurden die berühmten 12 Artikel der schwäbischen Bauernschaft – vermutlich mit Unterstützung Schappelers – verfasst.

Schappeler

1472 in Sankt Gallen geboren, studierte Schappeler in Freiburg Theologie und Jura. Hochgebildet, aber unzufrieden mit seinem Studium wurde er 1513 Prädikant in Memmingen. In den frühen 20er Jahren wurde die Lage in der Stadt unruhig wegen der Luthersache; Schappeler hielt es für geraten in die Schweiz zu gehen. In Zürich präsidierte er bei der zweiten Zürcher Disputation, mit der Huldreich Zwingli die Reformation in Zürich durchsetzte.

Mit diesen Eindrücken kam Schappeler im Herbst 1523 predigte offen im Sinne der Reformation. Zu seiner Botschaft gehörte auch, dass er die Zahlung des Zehnten in Frage stellte: Diese Praxis habe keinen Anhalt am Neuen Testament. Darauf verweigerten einige Bürger ihre Zahlungen wie auch Bauern aus dem Umland. Es gab in Memmingen Stiftungen, wie das Spital, die zu einem guten Teil von Zehntzahlungen lebten. Der Memminger Stadtrat konnte sich mit den Zehntverweigerern einigen und die Zahlungen wieder durchsetzen, nur der Bäckermeister Heltzlin war nicht umzustimmen. Er kam ins Gefängnis. Das aber brachte die Bürger auf: Sie strömten zum Marktplatz, forderten die Freilassung des Bäckers und dass das Wort Gottes überall in der Stadt "so hell, lauter klar und ohne einen menschlichen Zusatz öffentlich gepredigt werde wie in Sankt Martin", der Predigtstätte von Schappeler. Nach Konflikten mit den Priestern, die sich gegen die Reformation wehrten, kam es wie in Zürich zu einer öffentlichen Disputation. Eine Ungeheuerlichkeit: Nicht ein bischöfliches Gericht oder ein Konzil sollte über Glaubensdinge entscheiden, sondern die Bürger nahmen die Angelegenheit selber in die Hand: Die Argumente der Kontrahenten sollten ausgetauscht werden und die Gebildeten der Stadt, sowie die Ratsherren und aus jeder Zunft ein Delegierter entschieden. Die Reformation wurde im Januar 1525 offiziell eingeführt.

Und die Bauern? Schappeler hat sie argumentativ unterstützt, in dem er die Willkürherrschaft delegitimierte und für eine "auf Zeit gewählte Obrigkeit" plädierte. Der Bewaffnung der Bauern zur Selbstverteidigung stimmte er zu; nur sollten sie nicht den ersten Schlag ausführen – eine Haltung, die den Bauern vielleicht ihren Erfolg gekostet hat: "Es gab eine sehr starke mentale Sperre gegen die Herren wirklich loszuschlagen", meint der Historiker Peter Blickle. Die Gegenseite hatte diese Skrupel nicht. Schappeler musste fliehen; das Eingreifen Gottes zugunsten der Bauern, das er erhofft hatte, blieb aus.