Die Täter sind mit sich selbst barmherzig.

Zum Ende des Jahres der Barmherzigkeit.

Mit einem Sündenbekenntnis in einem Gottesdienst wollten sich die katholischen deutschen Bischöfe im März 2011, ein Jahr nach Aufdeckung massenhaften Missbrauchs durch Kleriker, selbstkritisch zeigen. Robert Zollitsch hatte als damaliger Vorsitzender der Bischofskonferenz die Aufgabe, in der Predigt das Gleichnis vom Weltgericht aus dem Matthäus-Evangelium zu deuten.

Er interpretierte den Text so, dass Gott da sei, wo Menschen Erbarmen bräuchten und erführen.
Im Gleichnis freilich identifiziert sich der Weltenrichter mit den Notleidenden, unabhängig davon, ob ihnen Erbarmen erwiesen wird oder nicht. Naheliegend wäre es gewesen, im Kontext der Missbrauchsdebatte zu sagen: das Entscheidende sei die Haltung zu den Notleidenden – also: zu den Opfern des Missbrauchs. Aber Zollitsch stellte in seiner Predigt nicht die Identifikation Jesu mit den Opfern in den Vordergrund, sondern das Erbarmen mit den Tätern: »Das Entscheidende ist das Erbarmen mit dem Schuldigen und das Verzeihen. Die aber sind für Menschen oftmals kaum möglich. Sie überfordern sie. Aber, wo sie gewährt werden, ereignet sich Göttliches.«
Auch wenn es die Opfer überfordert, sollen sie um Gottes Willen versuchen zu verzeihen? »Gott selbst ist es, der über alle menschlichen Möglichkeiten hinaus Erbarmen gewährt«, ist sich der Bischof gewiss. Dann kann man als Mensch wohl kaum dagegen sein? Zollitsch fährt fort: Da ja alle Menschen Sünder seien, seien sie folglich alle auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen: »Und weil keiner von uns ohne Sünde ist [...], gilt es in ganz besonders radikaler Weise: Es gibt ohne Erbarmen keine Zukunft.«

Im Kontext der Missbrauchsvorwürfe klingt diese Predigt geschmacklos: Hier entschuldigt sich die Institution für die von ihren Leuten begangenen Taten selber und spielt den Opfern die Verantwortung zu, doch bitte barmherzig mit den armen Sündern – also den Missbrauchstätern – zu sein. Eigentlich hätte diese Predigt einen Aufschrei der Empörung nach sich ziehen müssen. Dass er ausblieb, liegt wohl auch daran, dass alles so christlich selbstverständlich klingt, was Zollitsch sagte.

Vielleicht bedeutet das aber im Umkehrschluss, dass etwas mit den traditionellen kirchlichen Vorstellungen von Schuld und Vergebung nicht stimmt. Leider stellt bisher kaum jemand diese Frage – auch nicht der beliebte Papst, der ein Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen hat und dafür dieselben Konzepte im Kopf hat wie Zollitsch. Konzepte, die der Wirklichkeit schwerer Verbrechen nicht gerecht werden, sondern diese Verbrechen permanent verharmlosen.

Auch der Papst sieht Gottes Barmherzigkeit in erster Linie darin, dass Gott den Menschen vergibt – freilich durch die Diener der Kirche. Deswegen redet er in seiner Bulle zum Jahr der Barmherzigkeit, Misericordiae ­vultus, vom Bußsakrament und ermahnt die Priester, großzügig zu vergeben: »Die Beichtväter sind also berufen immer, überall, in jeder Situation und egal unter welchen Umständen Zeichen des Primates der Barmherzigkeit zu sein.« Die Erfahrung der Barmherzigkeit, so hofft der Papst, werde für den Beichtenden zur »Quelle der Befreiung«. Siehe, ich mache alles neu: Wie viele Missbrauchstäter und wie viele Personalchefs haben das irrtümlicherweise gehofft? Und das liegt nicht nur daran, dass man sich falsche Vorstellungen von pädophilen Neigungen machte, sondern dass man auch unrealistische Erwartungen in Bezug auf Gottes Erlösung und die eigene Pastoralmacht hatte und wohl immer noch hat.

Der Perspektive des Papstes liegen außerdem einige traditionelle Annahmen zugrunde, die sich fatal auswirken: Die christliche Anthropologie sieht das Problem des Menschen zuerst darin, dass er Sünder ist, also in einem gestörten Gottesverhältnis lebt. In der Handreichung der deutschen Bischöfe zum Jahr der Barmherzigkeit kann man lesen: Sünde sei etwas anderes als nur Schuld, also nicht nur ein Verstoß gegen (menschliche) Gebote und Gesetze, sondern auch eine Zurückweisung von Gottes Anspruch: Bei der Sünde geht es also um das Verhältnis zwischen dem Sünder und Gott, nicht zuerst um die zerstörte Gemeinschaft zwischen Menschen.

Das heißt: Es wird in der Perspektive dieser Anthropologie nicht differenziert zwischen Opfern und Tätern der Sünde. Dies müsste dann ja auch eine Differenzierung in Gottes Heilshandeln nach sich ziehen: Die Täter haben Vergebung nötig. Und die anderen, die Sünde erlitten haben? Wie wird deren Verlangen nach Anerkennung ihres Leides und Gerechtigkeit von Gott aufgenommen? Im Alten Testament wird Gott als der vorgestellt, der den Notleidenden Recht und Gerechtigkeit verschafft. Diese Form der Erlösung wird nicht mehr gepredigt, geschweige denn liturgisch dramatisiert. Beim Thema Gerechtigkeit fällt dem Papst nur ein, dass dies im religiösen Kontext schnell als ein unbarmherziger Legalismus – »Du musst dich an alle Regeln halten!« – missverstanden werden könne. Eigentlich aber bedeute Gottes Gerechtigkeit nichts anderes als seine Vergebung. Es bleibt den Opfern der bösen Taten also nur, sich auch als Sünder zu sehen – sind wir nicht alle irgendwann Sünder? –, um in den Bereich von Gottes Heilshandeln zu kommen.

Letztlich führt diese Anthropologie, nach der alle Menschen unterschiedslos als Sünder angesehen werden, zu einer unerträglichen Nivellierung verbrecherischer Taten: Ein Kind zu missbrauchen oder einen Menschen zu töten ist genauso Sünde wie ein liebloses Wort. Zwar kennt die katholische Sündenlehre eine Differenzierung zwischen ewigen Sündenstrafen, die Gott vergibt, und zeitlichen Sündenstrafen oder wie heutige Theologen lieber sagen: Sündenfolgen in der Welt. Aber im Jahr der Barmherzigkeit muss man sich auch über diese Folgen der bösen Tat nicht mehr zu sehr bekümmern: Für die gibt es einen Ablass. »Und trotzdem bleiben die negativen Spuren, die [die Sünden] in unserem Verhalten und in unserem Denken hinterlassen haben«, meint Franziskus in seiner Bulle zum Jahr der Barmherzigkeit. Doch er unterschlägt die Folgen im Leben der anderen, um sodann beruhigt anzufügen: »Die Barmherzigkeit Gottes ist aber auch stärker als diese. Sie wird zum Ablass, den der Vater durch die Kirche, die Braut Christi, dem Sünder, dem vergeben wurde, schenkt und der ihn von allen Konsequenzen der Sünde befreit, so dass er wieder neu aus Liebe handeln kann und vielmehr in der Liebe wächst, als erneut in die Sünde zu fallen.« Der Anspruch des Opfers an den Sünder taucht nirgends auf. Der Sünder wird auch nicht zu einer Transparenz und Öffentlichkeit gedrängt; er kann alles, was passierte, im Beichtstuhl bereinigen.

Wer nichts lernt, wiederholt dieselben Geschichten: Im Jahr 1969 berichtete der Spiegel über den ehemaligen Münchener Weihbischof Matthias Defregger, der als deutscher Hauptmann im Zweiten Weltkrieg an der Erschießung von 17 italienischen Geiseln im Dorf Filetto beteiligt gewesen war. Defregger gab an, er habe die Erschießung seinem Bischof gebeichtet und sei von seinen Sünden losgesprochen worden. Einer Konfrontation mit den Überlebenden in Filetto wich er aus – die Sache war ja mit Gott geklärt. Den italienischen Dorfbewohnern wurde aber von katholischen Würdenträger nahegelegt, dem Weihbischof zu vergeben, »weil wir als Christen nur aus gegenseitiger Vergebung leben«

Publik Forum / 18.11.2016