Dein Reichtum komme.
Kapitalismus als Religion.
Musik 1 Dire Straits, money for nothing
[Originalversion vom Album “brothers in amrs” track 2] – langes Intro; einmal “I want buy, I want buying TV” freistehen lassen (ca. 0’20), dann unter Zitator und Sprecher unterlegen ggf. danach kurz frei; vor oder kurz nach dem Drum-Einsatz bei 1’12 aussteigen: Titelansage frei.
Sprecher:
Geiz ist geil, Kaufen ist cool und ohne persönlichen „benefit“ macht keiner mehr den Finger krumm. Der Kapitalismus, so scheint es, ist weit mehr als die Grundform unseres Wirtschaftssystems: er ist zu einem allumfassenden Ordnungsprinzip geworden, zu etwas, das immer tiefer eingreift in unsere sozialen Beziehungen. Aus der freundlichen Hilfe für den Kollegen wird die „interne Dienstleistung“, aus der großzügigen Spende der steuerliche Absatzvorteil, aus der Taufpatin wird die Sparbuch-Sponsorin. Oder ist Kapitalismus sogar noch mehr?
Zitator (Benjamin)
Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken.
Sprecher
Schrieb der Philosoph Walter Benjamin – vor mehr als 80 Jahren. Heute wird dieser Gedanke von Soziologen, Wirtschaftswissenschaftlern und Theologen wieder aufgegriffen. Sie wollen die Wirtschaftsform als Glaubenssystem entlarven: Kredit und Credo, Erlös und Erlösung, Gläubiger und Glauben - was ist dran an der religiösen Interpretation des Kapitalismus?
Musik kurz frei
Titelansage
Dein Reichtum komme.
Kapitalismus als Religion.
Eine Sendung von Christoph Fleischmann
Musik hoch und weg
Zitator (Benjamin)
Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, das heißt der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben.
Sprecher
Walter Benjamins Zeilen über Kapitalismus als Religion, geschrieben im Jahr 1921 sind Fragment geblieben. Doch seine These hat Konjunktur.
Sprecher
Der Tübinger Soziologieprofessor Christoph Deutschmann.
Musik 2 Dire Straits, money for nothing – Refrain
We gotta install microwave ovens
Custom kitchen deliveries
We gotta move these refrigerators
We gotta move these colour TV
Sprecher
Für den Soziologen geht es nicht nur um die kleinen Glücksversprechen des Kapitalismus: Mikrowelle, Gefriertruhe und Plasma-Bildschirm. Sondern um „Die Verheißung des absoluten Reichtums“. So hat Deutschmann auch sein Buch über die religiöse Natur des Kapitalismus genannt. „Absoluter Reichtum“ winke dem, der etwas erwerbe, was sich eigentlich nicht bezahlen lasse: etwas nicht-Gegenständliches, Immaterielles, nämlich menschliche Arbeitskraft. Wer soviel Kapital habe, dass er eine Produktion aufbauen und in Arbeitskräfte investieren könne, der kaufe damit keine einfache Ware mehr, sondern eine Verheißung: die Hoffnung auf das Wunder der Vermehrung.
Sprecher
Der Reiz des unbestimmbaren und tendenziell unabschließbaren Reichtums zeigt sich auch im Aktienbesitz. Über Aktien greifen die Menschen weit in die Zukunft, ja sie vergegenwärtigen die Unendlichkeit, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Christoph Binswanger von der Universität Sankt Gallen.
Sprecher
Die Unendlichkeit wird gegenwärtig. Das Unbestimmbare wird bestimmbar. Für den Soziologen und Systemtheoretiker Niklas Luhmann ist das das Kennzeichen der Religion: Religion entziffere die unbestimmbare und unabschließbare Welt und mache sie bestimmbar. Der Garant der Zukunft, jene letztlich nicht mehr hinterfragbare Kraft in der Unendlichkeit, das ist für den religiösen Menschen Gott. Doch der Kapitalismus braucht Gott dazu nicht mehr, sondern nur Geld und einen soliden Fortschrittsglauben: Die ökonomische Vorwärtsentwicklung ersetzt die religiöse Dimension der Ewigkeit. Denn auf meinem Konto kann ich die Unendlichkeit nur zählen, wenn die Wirtschaft immer weiter wächst - in die Unendlichkeit hinein.
Sprecher
Das Unbestimmbare bestimmbar und zählbar zu machen - dem katholischen Sozialethiker Friedhelm Hengsbach ist das zu wenig, um den Kapitalismus als Religion zu verstehen.
Sprecher
Konkrete historische Erfahrungen begründeten Religion – nicht abstrakte Zukunftsvorstellungen. Metaphern wie „Kapitalismus als Religion“ trügen zur Klarheit nichts bei. Man solle die Wirtschaft nicht theologisch, sondern ökonomisch analysieren, fordert der Theologe - um dann doch eine Einschränkung zu machen.
Musik (engl. 18. Jhdt), darüber
Zitator (Smith):
"Auch meine ich, dass die unsichtbare Hand des Marktes viel wirkungsvoller als die sichtbare Hand des Staates geeignet ist, nicht nur materielle Mittel für unmittelbar egoistische Ziele, sondern auch das Mitgefühl für selbstlose wohltätige Zwecke zu mobilisieren."
Adam Smith, schottischer Philosoph und Begründer der liberalen Wirtschaftslehre, gestorben 1790
Musik weg
Sprecher
Der altkatholische Theologe Franz Segbers glaubt nicht, dass er die Wirtschaft unzulässig theologisiert. Er will nur aufdecken, wo die Wirtschaftler selber – oft unbewusst – religiösen Vorstellungen folgen:
Musik 3 (engl. 18. Jhdt), darüber
Zitator (Smith)
Wenn daher jeder einzelne soviel wie nur möglich danach trachtet, sein Kapital zur Unterstützung der einheimischen Erwerbstätigkeit einzusetzen und dadurch diese so lenkt, dass ihr Ertrag den höchsten Wertzuwachs erwarten lässt, dann bemüht sich auch jeder einzelne ganz zwangsläufig, dass das Volkseinkommen im Jahr so groß wie möglich werden wird. Tatsächlich fördert er in der Regel nicht bewusst das Allgemeinwohl, noch weiß er, wie hoch der eigene Beitrag ist. [...] Er wird in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat.
Musik weg
Sprecher
Der Ökonom Hans-Christoph Binswanger kommt dem Theologen Franz Segbers zur Hilfe. Als einer der beiden Gründungsdirektoren des Instituts für Wirtschaft und Ökologie an der Universität Sankt Gallen hat er einen wenig beachteten Zusammenhang problematisiert: die Relation zwischen der Geldwirtschaft, die wachsen muss, und dem Naturverbrauch. Einer seiner Essays trägt den Titel: „Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen“. Der Glaube der Ökonomen besage zweierlei: Alles wird gut, wenn jeder seinen eigenen Vorteil sucht und: es wird immer so weitergehen. Diese Glaubenssätze würden mitunter auch gegen klare Erkenntnisse der Naturwissenschaften durchgehalten. Sein Beispiel: ein altbekannter Satz, von ihm wieder einmal gefunden in einer Festschrift zum 150jährigen Jubiläum einer Schweizer Bank:
Musik 4 Rio Reiser, Geld [Album „Unter Geiern CD 2 tr. 14] – Schlussstrophe mit Chorus
Geld macht nicht glücklich, es beruhigt nur die Nerven
und man muss es schon besitzen, um's zum Fenster rauszuwerfen.
Und man kann bekanntlich alles außer Liebe dafür kaufen,
doch der beste Weg von allen is'es einfach zu versaufen.
2x Geld! (Rio Chor: Mache haben's...)
Gib mir 'n bisschen Geld! (...manche haben's nicht)
Ich brauch Geld! (Aber ich werd einfach sauer...)
Gib mir'n bißchen Geld! (...wenn ich kein's krieg)
Sprecher
Kapitalismus als Religion – Das ist einerseits der Glauben an das ewige Wachstum. Walter Benjamin hat diesen inneren Zwang zur Expansion gesehen – lange bevor der Club of Rome „Grenzen des Wachstums“ forderte. Aber folgt man seiner kleinen Schrift von 1921, so ist der „Kapitalismus als Religion“ auch eine Methode, ein Ritual, oder besser gesagt: ein Kult.
Zitator (Benjamin):
Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultes. Ein ungeheures Schuldbewusstsein, das sich nicht zu entsühnen weiß, greift zum Kultus, um in ihm diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen.
Sprecher
Jene niemals sühnbare Schuld des Kapitalismus entdeckte Benjamin in den Schulden, der Kehrseite des Wachstums: Wo das Geld wächst, vermehren sich auch die Schulden. Der Soziologe Christoph Deutschmann:
Sprecher
Das Tretrad wird durch das Kapital in Schwung gehalten. Es sucht die günstigste Anlagemöglichkeit auf dem Globus. Und alle wollen das Kapital an den eigenen Standort binden und überbieten sich mit den höchsten Renditeversprechungen für Investoren. So verschuldet sich die Welt fortwährend freiwillig beim Kapital. Und sie trägt die aufgehäuften Schulden ab mit Arbeit und dem Verbrauch natürlicher Ressourcen. Karl Marx beschreibt in seinem „Kapital“ diesen Kreislauf so:
Zitator Marx
Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist (…) Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos. Der Gebrauchswert einer Ware ist nie als unmittelbarer Zweck des Kapitalisten zu behandeln. Auch nicht der einzelne Gewinn, sondern nur die rastlose Bewegung des Gewinnens.
Sprecher
Dass die konkrete Produktion von Gütern im Prinzip nur ein Nebenprodukt der Selbstvermehrung des Kapitals ist, sehen einige Sozialwissenschaftler und Theologen beim täglichen Blick in die Zeitung bestätigt.
Aus dem „Tretrad“ kapitalistischen Wirtschaftens werden immer mehr Menschen herausgeschleudert. Stichwort „Standortverlagerungen“: Grohe, AEG, Opel – alle haben profitable Betriebe in Deutschland, aber anderswo kann sich das Kapital eben besser vermehren, also fällt es Umzugs-Entscheidungen, ja mehr noch: Es halte damit Gericht über Menschen, sagt Franz Segbers.
Sprecher
Was ist das eigentliche Ziel unseres Wirtschaftens? So fragen Deutschmann, Binswanger, Segbers und andere. Sollte es nicht die konkrete Befriedigung menschlicher Bedürfnisse sein? Aber es ist wohl die Vermehrung des eingesetzten Kapitals. Die Wirtschaft dient also nicht mehr den menschlichen Bedürfnissen, sondern die Menschen dienen dem Wachstum des Kapitals.
O-Ton 17 Binswanger VIII 10’05
Der Gott des Westens ist eben das ewige Wachstum, die Vorstellung des ewigen Wachstums
.
Sprecher
Der Altkatholik Franz Segbers, der Professor für Evangelische Sozialethik ist, nennt Martin Luther als Gewährsmann für seine religiöse Interpretation der Wirtschaft. In unsere heutige Sprache übertragen schreibt Luther in seinem Katechismus:
Zitator Luther
Das erste Gebot heißt: Du sollst keine andere Götter haben. Und das bedeutet: du sollst mich allein für deinen Gott halten. Was ist damit gemeint? Was heißt das, „einen Gott zu haben“? Oder was ist „Gott?“ Die Antwort lautet: Gott ist das, von dem man alles Gute erwartet und zu dem man Zuflucht nimmt in jeder Notlage; Und „einen Gott haben“ bedeutet nichts anders als: ihm von Herzen trauen und glauben; Ich habe allerdings schon öfters darauf hingewiesen: allein das Trauen und Glauben des Herzens kann beides schaffen, einen Gott -- aber auch einen Abgott. Also: Woran du nun dein Herz hängst und worauf Du Dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott. So gibt es so manchen Menschen, der meint, er habe Gott, wenn er Geld und Gut hat. Und er verlässt sich darauf so steif und sicher, dass er auf keine andere Macht zählt. Ja. Dieser Mensch hat auch einen Gott, aber der heißt Mammon, das ist Geld und Gut. Daran hängt er sein ganzes Herz, an diesen allergewöhnlichsten Abgott auf Erden.
Musik 5 Ton Steine Scherben, Gold [vom Album „IV Die Schwarze“ – vorletzte Refrain ab 4’53 ggf. mit Wiederholung des Refrains.]
Mein Name ist Gold,
mein Name ist Geld,
mein Name ist Ruhm und Macht.
Und jeden Morgen bevor du aufstehst
hab ich dich umgebracht.
Du scheinst zu leben,
du scheinst zu scheinen,
aber du leuchtest nicht.
Du bist am Ende,
auch wenn die ganze Welt
heute noch von dir spricht.
Sprecher
Wenn aber die christliche Tradition so gegen den Mammon aufbegehrt: Wie haben sich dann die Kirchen gegen die „Religion des Kapitalismus“ gewehrt? Das Fazit von Walter Benjamin ist ernüchternd, ja eine Ohrfeige für die Kirchen: Der Kapitalismus habe sich wie ein Schmarotzer einen Wirt – das Christentum – gesucht und ihn schließlich verschlungen.
Zitator (Benjamin)
Der Kapitalismus hat sich auf dem Christentum parasitär im Abendland entwickelt, dergestalt, dass zuletzt im Wesentlichen seine Geschichte die seines Parasiten, des Kapitalismus ist. Das Christentum zur Reformationszeit hat nicht das Aufkommen des Kapitalismus begünstigt, sondern es hat sich in den Kapitalismus umgewandelt.
Sprecher
Besonders die Kirchen aus den Entwicklungsländern wiedersprächen der Religion des Kapitalismus, meint Franz Segbers. In den Industrieländern fällt der Widerstand nicht ganz so deutlich aus: Jüngstes Beispiel: die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen Anfang des Jahres. Bei dem internationalen Treffen meinten die deutsche Kirchenvertreter, die Theologie der Südkirchen würde die Globalisierung zu undifferenziert verurteilen. Mit einer derart radikalen Kritik an wirtschaftlichen Prozessen sei man nicht mehr „politikfähig“. Die reichen angepassten Christen und die armen bibeltreuen? Der katholische Sozialethiker Friedhelm Hengsbach weist auf einen sehr prominenten Kapitalismuskritiker des Nordens hin:
Sprecher
Mit anderen Worten: Kirchliche Kapitalismuskritik kann sehr unterschiedlich ausfallen. Die offiziellen Kirchenvertreter des Nordens und der verstorbene Papst kritisieren wohl einen ungezügelten Kapitalismus, aber als Religion oder gar Götzen würden sie das Kapital nicht bezeichnen. Die katholische Soziallehre möchte durch demokratische Mitbestimmung in den Betrieben die Interessengegensätze im Kapitalismus ausbalancieren. Je weniger radikal die Analyse, desto schwächer die Forderungen? Friedhelm Hengsbach:
Sprecher
Mehr Realismus oder mehr biblische Vision? Der Soziologe Christoph Deutschmann wagt einen Blick in die Zeit nach dem Kapitalismus. Er kann sich eine Zeit vorstellen, in der das Geld nicht mehr selbstvermehrendes Kapital ist, sondern nur noch ein Mittel zum Austausch von Gütern:
Sprecher
Noch ist der Platz der Religion besetzt. Vom Kapital und dem Glauben an seine ewige Vermehrung. Eine Analyse, die an eine alte Mahnung Jesu erinnert:
Zitator (Matthäus 6)
Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.
Musik 6 Rio Reiser wann? [Album „Unter Geiern“ CD 1 track 11] zweite Strophe, wenn genügend Zeit ist, auch die erste Strophe.
Du sagst, du willst die Welt nicht retten, das ist dir alles ne Nummer zu groß.
Und die Weltenretter war'n schon so oft da, nur die meisten verschlimmbessern bloß.
Und doch fragt mich jeder neue Tag, auf welcher Seite ich steh.
Und ich schaff's einfach nicht, einfach zuzusehen, wie alles den Berg runtergeht.
Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier?
Wie, wenn ohne Liebe? Wer, wenn nicht wir?
ENDE
RBB Kultur Gott und die Welt / 23.4.2006
[Originalversion vom Album “brothers in amrs” track 2] – langes Intro; einmal “I want buy, I want buying TV” freistehen lassen (ca. 0’20), dann unter Zitator und Sprecher unterlegen ggf. danach kurz frei; vor oder kurz nach dem Drum-Einsatz bei 1’12 aussteigen: Titelansage frei.
Sprecher:
Geiz ist geil, Kaufen ist cool und ohne persönlichen „benefit“ macht keiner mehr den Finger krumm. Der Kapitalismus, so scheint es, ist weit mehr als die Grundform unseres Wirtschaftssystems: er ist zu einem allumfassenden Ordnungsprinzip geworden, zu etwas, das immer tiefer eingreift in unsere sozialen Beziehungen. Aus der freundlichen Hilfe für den Kollegen wird die „interne Dienstleistung“, aus der großzügigen Spende der steuerliche Absatzvorteil, aus der Taufpatin wird die Sparbuch-Sponsorin. Oder ist Kapitalismus sogar noch mehr?
Zitator (Benjamin)
Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken.
Sprecher
Schrieb der Philosoph Walter Benjamin – vor mehr als 80 Jahren. Heute wird dieser Gedanke von Soziologen, Wirtschaftswissenschaftlern und Theologen wieder aufgegriffen. Sie wollen die Wirtschaftsform als Glaubenssystem entlarven: Kredit und Credo, Erlös und Erlösung, Gläubiger und Glauben - was ist dran an der religiösen Interpretation des Kapitalismus?
Musik kurz frei
Titelansage
Dein Reichtum komme.
Kapitalismus als Religion.
Eine Sendung von Christoph Fleischmann
Musik hoch und weg
Zitator (Benjamin)
Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, das heißt der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben.
Sprecher
Walter Benjamins Zeilen über Kapitalismus als Religion, geschrieben im Jahr 1921 sind Fragment geblieben. Doch seine These hat Konjunktur.
O-Ton 1 Deutschmann
Der Kapitalismus tritt die Nachfolge der Religion an, er erfüllt in unserer heutigen Gesellschaft die Funktionen, die früher die Religion hatte. Aber er ist natürlich nicht das selbe wie das Christentum oder der Islam, wie die traditionellen Religionen.
Also ich bin nicht Theologe, ich bin Soziologe. Die Soziologen lieben es, die Religion, wie alle sozialen Phänomene funktional, also unter dem Gesichtspunkt ihrer gesellschaftlichen Wirkung, zu untersuchen. Und unter diesem Gesichtspunkt spricht eben einiges für die genannte These.
Der Kapitalismus tritt die Nachfolge der Religion an, er erfüllt in unserer heutigen Gesellschaft die Funktionen, die früher die Religion hatte. Aber er ist natürlich nicht das selbe wie das Christentum oder der Islam, wie die traditionellen Religionen.
Also ich bin nicht Theologe, ich bin Soziologe. Die Soziologen lieben es, die Religion, wie alle sozialen Phänomene funktional, also unter dem Gesichtspunkt ihrer gesellschaftlichen Wirkung, zu untersuchen. Und unter diesem Gesichtspunkt spricht eben einiges für die genannte These.
Sprecher
Der Tübinger Soziologieprofessor Christoph Deutschmann.
O-Ton 2 Deutschmann III 2’10 2’24
Von daher ist es auch erklärbar [...], dass der Kapitalismus Erwartungen weckt und diese Erwartungen auch zu einem Teil befriedigen kann, die zum Teil [...] das kompensieren, was früher mal die Heilsversprechungen der Religion gewesen sind.
Von daher ist es auch erklärbar [...], dass der Kapitalismus Erwartungen weckt und diese Erwartungen auch zu einem Teil befriedigen kann, die zum Teil [...] das kompensieren, was früher mal die Heilsversprechungen der Religion gewesen sind.
Musik 2 Dire Straits, money for nothing – Refrain
We gotta install microwave ovens
Custom kitchen deliveries
We gotta move these refrigerators
We gotta move these colour TV
Sprecher
Für den Soziologen geht es nicht nur um die kleinen Glücksversprechen des Kapitalismus: Mikrowelle, Gefriertruhe und Plasma-Bildschirm. Sondern um „Die Verheißung des absoluten Reichtums“. So hat Deutschmann auch sein Buch über die religiöse Natur des Kapitalismus genannt. „Absoluter Reichtum“ winke dem, der etwas erwerbe, was sich eigentlich nicht bezahlen lasse: etwas nicht-Gegenständliches, Immaterielles, nämlich menschliche Arbeitskraft. Wer soviel Kapital habe, dass er eine Produktion aufbauen und in Arbeitskräfte investieren könne, der kaufe damit keine einfache Ware mehr, sondern eine Verheißung: die Hoffnung auf das Wunder der Vermehrung.
O-Ton 3 Deutschmann III 4’00
In diesem Augenblick steht dem Geld nicht etwas endliches Bestimmtes gegenüber, sondern etwas nicht Bestimmbares, denn das, was man mit menschlicher Arbeit erreichen kann, das wird keine Theorie jemals abschließend sagen können. [...] Die menschliche Arbeitskraft ist kreativ, kann unerhörte Dinge, von denen wir uns vielleicht noch gar nichts träumen lassen, hervorbringen und [...] daraus resultieren dann die mystischen Eigenschaften des Geldes, weil es genau diese Ressource Arbeitskraft, die solche Wunder hervorbringen kann, kontrolliert.
In diesem Augenblick steht dem Geld nicht etwas endliches Bestimmtes gegenüber, sondern etwas nicht Bestimmbares, denn das, was man mit menschlicher Arbeit erreichen kann, das wird keine Theorie jemals abschließend sagen können. [...] Die menschliche Arbeitskraft ist kreativ, kann unerhörte Dinge, von denen wir uns vielleicht noch gar nichts träumen lassen, hervorbringen und [...] daraus resultieren dann die mystischen Eigenschaften des Geldes, weil es genau diese Ressource Arbeitskraft, die solche Wunder hervorbringen kann, kontrolliert.
Sprecher
Der Reiz des unbestimmbaren und tendenziell unabschließbaren Reichtums zeigt sich auch im Aktienbesitz. Über Aktien greifen die Menschen weit in die Zukunft, ja sie vergegenwärtigen die Unendlichkeit, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Christoph Binswanger von der Universität Sankt Gallen.
O-Ton 4 Binswanger VI 0’43
Aktien sind so viel wert, wie man erhofft daraus gewinnen zu können. Diese Gewinne projiziert man in die Zukunft. Und der Aktienwert ist dann eigentlich die Vorstellung der zukünftigen Gewinne [...] 1’32 und das projiziert man in die unendliche Zukunft, das heißt die unendliche Zukunft wird gegenwärtig im heutigen Wert der Aktien. Das heißt, man stellt sich vor, dass das immer weiter geht in die Unendlichkeit, diese Gewinne, und tut die Summe aller künftigen Gewinne [...] im Aktienwert kristallisieren und kann es verkaufen. Die Aktie ist eigentlich ein Wert, der ins Unendliche geht, aber heute schon einen endlichen Wert hat.
Aktien sind so viel wert, wie man erhofft daraus gewinnen zu können. Diese Gewinne projiziert man in die Zukunft. Und der Aktienwert ist dann eigentlich die Vorstellung der zukünftigen Gewinne [...] 1’32 und das projiziert man in die unendliche Zukunft, das heißt die unendliche Zukunft wird gegenwärtig im heutigen Wert der Aktien. Das heißt, man stellt sich vor, dass das immer weiter geht in die Unendlichkeit, diese Gewinne, und tut die Summe aller künftigen Gewinne [...] im Aktienwert kristallisieren und kann es verkaufen. Die Aktie ist eigentlich ein Wert, der ins Unendliche geht, aber heute schon einen endlichen Wert hat.
Sprecher
Die Unendlichkeit wird gegenwärtig. Das Unbestimmbare wird bestimmbar. Für den Soziologen und Systemtheoretiker Niklas Luhmann ist das das Kennzeichen der Religion: Religion entziffere die unbestimmbare und unabschließbare Welt und mache sie bestimmbar. Der Garant der Zukunft, jene letztlich nicht mehr hinterfragbare Kraft in der Unendlichkeit, das ist für den religiösen Menschen Gott. Doch der Kapitalismus braucht Gott dazu nicht mehr, sondern nur Geld und einen soliden Fortschrittsglauben: Die ökonomische Vorwärtsentwicklung ersetzt die religiöse Dimension der Ewigkeit. Denn auf meinem Konto kann ich die Unendlichkeit nur zählen, wenn die Wirtschaft immer weiter wächst - in die Unendlichkeit hinein.
O-Ton 5 Binswanger II 0’21
Es ist zuzugeben, dass in der Wirtschaft auch absolute Werte [...] verfolgt werden, vielleicht ohne dass man es [...] wahrnimmt, auf jeden Fall ist das heute das wirtschaftliche Wachstum, das als absolutes Ziel gilt, ohne dass es hinterfragt wird. Früher hat man das noch begründen müssen, heute muss man’s eigentlich gar nicht mehr begründen.
Es ist zuzugeben, dass in der Wirtschaft auch absolute Werte [...] verfolgt werden, vielleicht ohne dass man es [...] wahrnimmt, auf jeden Fall ist das heute das wirtschaftliche Wachstum, das als absolutes Ziel gilt, ohne dass es hinterfragt wird. Früher hat man das noch begründen müssen, heute muss man’s eigentlich gar nicht mehr begründen.
Sprecher
Das Unbestimmbare bestimmbar und zählbar zu machen - dem katholischen Sozialethiker Friedhelm Hengsbach ist das zu wenig, um den Kapitalismus als Religion zu verstehen.
O-Ton 6 Hengsbach I 1’58
Ich finde, der Vergleich mit Kapitalismus und Religion, und Geld und Gott ist, meine ich, sehr diffus und unpräzise. Dieses sind mehr Bildwelten oder Sprechblasen oder sehr beliebige Vergleiche, [...] 3’10 In der Regel sind das formale Definitionen, die losgelöst sind von geschichtlichen Ursprüngen: Die Juden verstehen ihre Religion im Auszug aus Ägypten und die Christen beziehen sich auf die Person und das Handeln Jesu.
Ich finde, der Vergleich mit Kapitalismus und Religion, und Geld und Gott ist, meine ich, sehr diffus und unpräzise. Dieses sind mehr Bildwelten oder Sprechblasen oder sehr beliebige Vergleiche, [...] 3’10 In der Regel sind das formale Definitionen, die losgelöst sind von geschichtlichen Ursprüngen: Die Juden verstehen ihre Religion im Auszug aus Ägypten und die Christen beziehen sich auf die Person und das Handeln Jesu.
Sprecher
Konkrete historische Erfahrungen begründeten Religion – nicht abstrakte Zukunftsvorstellungen. Metaphern wie „Kapitalismus als Religion“ trügen zur Klarheit nichts bei. Man solle die Wirtschaft nicht theologisch, sondern ökonomisch analysieren, fordert der Theologe - um dann doch eine Einschränkung zu machen.
O-Ton 7 Hengsbach I 5’33
Darin sehe ich das Anliegen schon berechtigt an, dass der Kapitalismus nicht allein durch eine […] sozio-ökonomische Analyse zu fassen ist. Dass da Weltbilder, Leitbilder, Mythen eine große Rolle spielen. Beispielsweise die Glaubensbekenntnisse der Marktradikalen und die wirtschaftsliberale Propaganda.
Darin sehe ich das Anliegen schon berechtigt an, dass der Kapitalismus nicht allein durch eine […] sozio-ökonomische Analyse zu fassen ist. Dass da Weltbilder, Leitbilder, Mythen eine große Rolle spielen. Beispielsweise die Glaubensbekenntnisse der Marktradikalen und die wirtschaftsliberale Propaganda.
Musik (engl. 18. Jhdt), darüber
Zitator (Smith):
"Auch meine ich, dass die unsichtbare Hand des Marktes viel wirkungsvoller als die sichtbare Hand des Staates geeignet ist, nicht nur materielle Mittel für unmittelbar egoistische Ziele, sondern auch das Mitgefühl für selbstlose wohltätige Zwecke zu mobilisieren."
Adam Smith, schottischer Philosoph und Begründer der liberalen Wirtschaftslehre, gestorben 1790
Musik weg
O-Ton 8 Segbers I 5’15
Am Entstehungspunkt der modernen Marktwirtschaft steht Adam Smith mit seinem Begriff des Vertrauens auf die „unsichtbare Hand“. Er sagt also im Klartext: Wenn einzelne ökonomische Akteure nur frei agieren können und auf ihre eigene Vorteilsnahme bedacht sind, dann summiert sich der Egoismus der Vielen zum Gemeinwohl aller.
Am Entstehungspunkt der modernen Marktwirtschaft steht Adam Smith mit seinem Begriff des Vertrauens auf die „unsichtbare Hand“. Er sagt also im Klartext: Wenn einzelne ökonomische Akteure nur frei agieren können und auf ihre eigene Vorteilsnahme bedacht sind, dann summiert sich der Egoismus der Vielen zum Gemeinwohl aller.
Sprecher
Der altkatholische Theologe Franz Segbers glaubt nicht, dass er die Wirtschaft unzulässig theologisiert. Er will nur aufdecken, wo die Wirtschaftler selber – oft unbewusst – religiösen Vorstellungen folgen:
O-Ton 9 Segbers II 0’35
Adam Smith war Ethiker und Philosoph, das heißt, er war jemand, der als Ethiker und als Philosoph einen weltanschaulichen Rahmen gehabt hat und dieser Rahmen oder diese Grundlage haben ihn dazu geführt, auch bestimmte ökonomische Positionen zu begründen. [...] Adam Smith war zutiefst davon überzeugt, dass er gesagt hat: Die göttliche Vorsehung sorgt dafür, dass das Verhalten am Markt, auch das eigennützige Verhalten am Markt von verschiedenen Marktakteuren dennoch zu einem Wohl aller, zu einem Gemeinwohl summieren wird, weil Gott als der Schöpfer in seiner Vorsehung dafür sorgen wird, dass aus Schlechtem auch Gutes entstehen kann. Also damit lautet der Imperativ etwa: Sündige kräftig, gier deinen habsüchtigen Begierden nach und dazu leistest du einen Beitrag zum Wohlstand aller.
Adam Smith war Ethiker und Philosoph, das heißt, er war jemand, der als Ethiker und als Philosoph einen weltanschaulichen Rahmen gehabt hat und dieser Rahmen oder diese Grundlage haben ihn dazu geführt, auch bestimmte ökonomische Positionen zu begründen. [...] Adam Smith war zutiefst davon überzeugt, dass er gesagt hat: Die göttliche Vorsehung sorgt dafür, dass das Verhalten am Markt, auch das eigennützige Verhalten am Markt von verschiedenen Marktakteuren dennoch zu einem Wohl aller, zu einem Gemeinwohl summieren wird, weil Gott als der Schöpfer in seiner Vorsehung dafür sorgen wird, dass aus Schlechtem auch Gutes entstehen kann. Also damit lautet der Imperativ etwa: Sündige kräftig, gier deinen habsüchtigen Begierden nach und dazu leistest du einen Beitrag zum Wohlstand aller.
Musik 3 (engl. 18. Jhdt), darüber
Zitator (Smith)
Wenn daher jeder einzelne soviel wie nur möglich danach trachtet, sein Kapital zur Unterstützung der einheimischen Erwerbstätigkeit einzusetzen und dadurch diese so lenkt, dass ihr Ertrag den höchsten Wertzuwachs erwarten lässt, dann bemüht sich auch jeder einzelne ganz zwangsläufig, dass das Volkseinkommen im Jahr so groß wie möglich werden wird. Tatsächlich fördert er in der Regel nicht bewusst das Allgemeinwohl, noch weiß er, wie hoch der eigene Beitrag ist. [...] Er wird in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat.
Musik weg
O-Ton 10 Segbers I 9’35
Als vor etwa eineinhalb Jahren in Rüsselsheim Opel ökonomische Schwierigkeiten hatte, konnte man in der FAZ einen Kommentar lesen, in dem die Rede davon war, dass die unsichtbare Hand streichelt und straft: Sie straft denjenigen der nicht bereit ist, die notwendigen Anpassungsprozesse an die Globalisierung in die Wege zu leiten und sie streichelt denjenigen, der es tut. [...] Und meine These ist: Wir müssen als Theologen nicht Theologie reintragen, wo nicht Theologie ist. Aber unsere Aufgabe als Theologen ist es aufzudecken, dass dort Theologie und Religion missbraucht wird, um politische Absichten damit untermauern zu können. In einer Art und Weise, die sich nicht offen zu erkennen gibt.
Als vor etwa eineinhalb Jahren in Rüsselsheim Opel ökonomische Schwierigkeiten hatte, konnte man in der FAZ einen Kommentar lesen, in dem die Rede davon war, dass die unsichtbare Hand streichelt und straft: Sie straft denjenigen der nicht bereit ist, die notwendigen Anpassungsprozesse an die Globalisierung in die Wege zu leiten und sie streichelt denjenigen, der es tut. [...] Und meine These ist: Wir müssen als Theologen nicht Theologie reintragen, wo nicht Theologie ist. Aber unsere Aufgabe als Theologen ist es aufzudecken, dass dort Theologie und Religion missbraucht wird, um politische Absichten damit untermauern zu können. In einer Art und Weise, die sich nicht offen zu erkennen gibt.
Sprecher
Der Ökonom Hans-Christoph Binswanger kommt dem Theologen Franz Segbers zur Hilfe. Als einer der beiden Gründungsdirektoren des Instituts für Wirtschaft und Ökologie an der Universität Sankt Gallen hat er einen wenig beachteten Zusammenhang problematisiert: die Relation zwischen der Geldwirtschaft, die wachsen muss, und dem Naturverbrauch. Einer seiner Essays trägt den Titel: „Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen“. Der Glaube der Ökonomen besage zweierlei: Alles wird gut, wenn jeder seinen eigenen Vorteil sucht und: es wird immer so weitergehen. Diese Glaubenssätze würden mitunter auch gegen klare Erkenntnisse der Naturwissenschaften durchgehalten. Sein Beispiel: ein altbekannter Satz, von ihm wieder einmal gefunden in einer Festschrift zum 150jährigen Jubiläum einer Schweizer Bank:
O-Ton 11 Binswanger II 1’32
„Wer nicht wächst, stirbt.“ Das war allgemein bezogen, also nicht nur auf die Wirtschaft, und selbstverständlich ist es genau umgekehrt: Wer immer wächst, stirbt. Dann wäre er ja krank. Normales Wachstum zielt auf eine bestimmte Größe hin, die dann eingehalten wird und sich dann nicht mehr weiterentwickelt. Das zeigt eben wie absolut dieser Wachstumsgedanke ist, dass man selbst das Selbstverständliche nicht mehr wahrnimmt, das normalerweise ein Wachstum endet.
„Wer nicht wächst, stirbt.“ Das war allgemein bezogen, also nicht nur auf die Wirtschaft, und selbstverständlich ist es genau umgekehrt: Wer immer wächst, stirbt. Dann wäre er ja krank. Normales Wachstum zielt auf eine bestimmte Größe hin, die dann eingehalten wird und sich dann nicht mehr weiterentwickelt. Das zeigt eben wie absolut dieser Wachstumsgedanke ist, dass man selbst das Selbstverständliche nicht mehr wahrnimmt, das normalerweise ein Wachstum endet.
Musik 4 Rio Reiser, Geld [Album „Unter Geiern CD 2 tr. 14] – Schlussstrophe mit Chorus
Geld macht nicht glücklich, es beruhigt nur die Nerven
und man muss es schon besitzen, um's zum Fenster rauszuwerfen.
Und man kann bekanntlich alles außer Liebe dafür kaufen,
doch der beste Weg von allen is'es einfach zu versaufen.
2x Geld! (Rio Chor: Mache haben's...)
Gib mir 'n bisschen Geld! (...manche haben's nicht)
Ich brauch Geld! (Aber ich werd einfach sauer...)
Gib mir'n bißchen Geld! (...wenn ich kein's krieg)
Sprecher
Kapitalismus als Religion – Das ist einerseits der Glauben an das ewige Wachstum. Walter Benjamin hat diesen inneren Zwang zur Expansion gesehen – lange bevor der Club of Rome „Grenzen des Wachstums“ forderte. Aber folgt man seiner kleinen Schrift von 1921, so ist der „Kapitalismus als Religion“ auch eine Methode, ein Ritual, oder besser gesagt: ein Kult.
Zitator (Benjamin):
Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultes. Ein ungeheures Schuldbewusstsein, das sich nicht zu entsühnen weiß, greift zum Kultus, um in ihm diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen.
Sprecher
Jene niemals sühnbare Schuld des Kapitalismus entdeckte Benjamin in den Schulden, der Kehrseite des Wachstums: Wo das Geld wächst, vermehren sich auch die Schulden. Der Soziologe Christoph Deutschmann:
O-Ton 12 Deutschmann II 1’47
Kapitalismus funktioniert nur so, dass Kapital sich vermehrt, dass Vermögen gebildet werden. Die Kehrseite von Vermögen sind aber immer die Schulden. Schulden müssen aufgearbeitet werden. Und das System funktioniert nur so, dass immer neue Schulden erzeugt werden. Und wir kommen aus diesen Schulden nie heraus. Kapitalistisches Wachstum heißt immer auch Verschuldung. Es entsteht eine Art Tretrad, an dem die Menschen sich abarbeiten müssen, an das sie gebunden sind, aus dem sie nicht heraus kommen.
Kapitalismus funktioniert nur so, dass Kapital sich vermehrt, dass Vermögen gebildet werden. Die Kehrseite von Vermögen sind aber immer die Schulden. Schulden müssen aufgearbeitet werden. Und das System funktioniert nur so, dass immer neue Schulden erzeugt werden. Und wir kommen aus diesen Schulden nie heraus. Kapitalistisches Wachstum heißt immer auch Verschuldung. Es entsteht eine Art Tretrad, an dem die Menschen sich abarbeiten müssen, an das sie gebunden sind, aus dem sie nicht heraus kommen.
Sprecher
Das Tretrad wird durch das Kapital in Schwung gehalten. Es sucht die günstigste Anlagemöglichkeit auf dem Globus. Und alle wollen das Kapital an den eigenen Standort binden und überbieten sich mit den höchsten Renditeversprechungen für Investoren. So verschuldet sich die Welt fortwährend freiwillig beim Kapital. Und sie trägt die aufgehäuften Schulden ab mit Arbeit und dem Verbrauch natürlicher Ressourcen. Karl Marx beschreibt in seinem „Kapital“ diesen Kreislauf so:
Zitator Marx
Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist (…) Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos. Der Gebrauchswert einer Ware ist nie als unmittelbarer Zweck des Kapitalisten zu behandeln. Auch nicht der einzelne Gewinn, sondern nur die rastlose Bewegung des Gewinnens.
O-Ton 13 Deutschmann IV 5’33
Natürlich müssen weiterhin Waren produziert werden, es müssen Bedürfnisse befriedigt werden. Aber das ist sozusagen nur ein Nebenprodukt. Es hat eine funktionelle Bedeutung in dem Prozess der Selbstvermehrung des Kapitals. Es geht also nicht um die harmlose Befriedigung von Bedürfnissen, wie heute immer noch oft gesagt wird. Sondern es geht um die Verwertung des Kapitals.
Natürlich müssen weiterhin Waren produziert werden, es müssen Bedürfnisse befriedigt werden. Aber das ist sozusagen nur ein Nebenprodukt. Es hat eine funktionelle Bedeutung in dem Prozess der Selbstvermehrung des Kapitals. Es geht also nicht um die harmlose Befriedigung von Bedürfnissen, wie heute immer noch oft gesagt wird. Sondern es geht um die Verwertung des Kapitals.
Sprecher
Dass die konkrete Produktion von Gütern im Prinzip nur ein Nebenprodukt der Selbstvermehrung des Kapitals ist, sehen einige Sozialwissenschaftler und Theologen beim täglichen Blick in die Zeitung bestätigt.
Aus dem „Tretrad“ kapitalistischen Wirtschaftens werden immer mehr Menschen herausgeschleudert. Stichwort „Standortverlagerungen“: Grohe, AEG, Opel – alle haben profitable Betriebe in Deutschland, aber anderswo kann sich das Kapital eben besser vermehren, also fällt es Umzugs-Entscheidungen, ja mehr noch: Es halte damit Gericht über Menschen, sagt Franz Segbers.
O-Ton 14 Segbers V 8’57
Wir erleben doch mittlerweile, dass die Menschen in dieser Gesellschaft Angst um ihre Arbeitsplätze auch in den Betrieben haben, in denen gute Renditen erwirtschaftet werden. Wir reden ja gar nicht mehr darüber, dass Betriebe, die Schwierigkeiten am Markt haben, ihre Produktion verlagern müssen und Personal entlassen müssen, sondern hier geht es ja darum , dass es sogar Betriebe gibt, die gute Renditen einfahren, die profitabel wirtschaften und dennoch eine Politik verfolgen, die dazu führt, dass Menschen zu Opfern dieser Politik werden. Abstrakt kann man sagen: Der Weltmarkt wird zum Weltgericht für diese Menschen.
Wir erleben doch mittlerweile, dass die Menschen in dieser Gesellschaft Angst um ihre Arbeitsplätze auch in den Betrieben haben, in denen gute Renditen erwirtschaftet werden. Wir reden ja gar nicht mehr darüber, dass Betriebe, die Schwierigkeiten am Markt haben, ihre Produktion verlagern müssen und Personal entlassen müssen, sondern hier geht es ja darum , dass es sogar Betriebe gibt, die gute Renditen einfahren, die profitabel wirtschaften und dennoch eine Politik verfolgen, die dazu führt, dass Menschen zu Opfern dieser Politik werden. Abstrakt kann man sagen: Der Weltmarkt wird zum Weltgericht für diese Menschen.
Sprecher
Was ist das eigentliche Ziel unseres Wirtschaftens? So fragen Deutschmann, Binswanger, Segbers und andere. Sollte es nicht die konkrete Befriedigung menschlicher Bedürfnisse sein? Aber es ist wohl die Vermehrung des eingesetzten Kapitals. Die Wirtschaft dient also nicht mehr den menschlichen Bedürfnissen, sondern die Menschen dienen dem Wachstum des Kapitals.
O-Ton 16 Deutschmann VII 4’03
Der Gott des Westens ist in der Tat das Geld oder das Geldvermögen.
Der Gott des Westens ist in der Tat das Geld oder das Geldvermögen.
O-Ton 17 Binswanger VIII 10’05
Der Gott des Westens ist eben das ewige Wachstum, die Vorstellung des ewigen Wachstums
O-Ton 18 Segbers VI 2’37
Unsere Gesellschaft ist nur scheinbar nicht religiös. Unsere Gesellschaft ist so religiös, wie vielleicht kaum eine Gesellschaft bevor. Sie ist sich aber ihrer religiösen Struktur und Grundlage nicht bewusst, und kann deswegen auch nicht wahrnehmen, dass diese Gesellschaft dem Gott des Kapitals dient und diesem Gott des Kapitals alles unterordnet und alles opfert. Wir opfern dem Gott des Kapitals unsere sozialen Sicherungssysteme, wir sagen, wir müssten Arbeitszeiten verlängern, wir sagen wir können die Renten nicht mehr finanzieren. Das sind alles Opfer, die dem Kapital gebracht werden, damit es dem Kapital besser geht.
Unsere Gesellschaft ist nur scheinbar nicht religiös. Unsere Gesellschaft ist so religiös, wie vielleicht kaum eine Gesellschaft bevor. Sie ist sich aber ihrer religiösen Struktur und Grundlage nicht bewusst, und kann deswegen auch nicht wahrnehmen, dass diese Gesellschaft dem Gott des Kapitals dient und diesem Gott des Kapitals alles unterordnet und alles opfert. Wir opfern dem Gott des Kapitals unsere sozialen Sicherungssysteme, wir sagen, wir müssten Arbeitszeiten verlängern, wir sagen wir können die Renten nicht mehr finanzieren. Das sind alles Opfer, die dem Kapital gebracht werden, damit es dem Kapital besser geht.
Sprecher
Der Altkatholik Franz Segbers, der Professor für Evangelische Sozialethik ist, nennt Martin Luther als Gewährsmann für seine religiöse Interpretation der Wirtschaft. In unsere heutige Sprache übertragen schreibt Luther in seinem Katechismus:
Zitator Luther
Das erste Gebot heißt: Du sollst keine andere Götter haben. Und das bedeutet: du sollst mich allein für deinen Gott halten. Was ist damit gemeint? Was heißt das, „einen Gott zu haben“? Oder was ist „Gott?“ Die Antwort lautet: Gott ist das, von dem man alles Gute erwartet und zu dem man Zuflucht nimmt in jeder Notlage; Und „einen Gott haben“ bedeutet nichts anders als: ihm von Herzen trauen und glauben; Ich habe allerdings schon öfters darauf hingewiesen: allein das Trauen und Glauben des Herzens kann beides schaffen, einen Gott -- aber auch einen Abgott. Also: Woran du nun dein Herz hängst und worauf Du Dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott. So gibt es so manchen Menschen, der meint, er habe Gott, wenn er Geld und Gut hat. Und er verlässt sich darauf so steif und sicher, dass er auf keine andere Macht zählt. Ja. Dieser Mensch hat auch einen Gott, aber der heißt Mammon, das ist Geld und Gut. Daran hängt er sein ganzes Herz, an diesen allergewöhnlichsten Abgott auf Erden.
O-Ton 19 Segbers I 10’40
Wir müssen die biblische Götzenkritik wieder ernst nehmen, die uns vielleicht etwas abhanden gekommen ist, weil Gott auch im öffentlichen Leben kaum mehr eine Rolle spielt und damit, dass der Begriff Gottes abhanden gekommen ist, ist sozusagen auch der Begriff der Negation Gottes, nämlich in der Gestalt der Götzen, abhanden gekommen. III 10’05 In der theologischen Tradition ist mit Götze eine Macht beschrieben, die Leben vernichtet, die Tod schafft, während wir mit dem Namen Gott eine Macht in unserm Leben beschreiben, die befreit. Also ich muss danach fragen: Gibt es destruktive Kräfte, die eigentlich zerstörerisch wirken können. Und ich glaube in der Tat, dass wir dort, wo wir alles in Geld verwandeln, wir alles in Tod verwandeln.
Wir müssen die biblische Götzenkritik wieder ernst nehmen, die uns vielleicht etwas abhanden gekommen ist, weil Gott auch im öffentlichen Leben kaum mehr eine Rolle spielt und damit, dass der Begriff Gottes abhanden gekommen ist, ist sozusagen auch der Begriff der Negation Gottes, nämlich in der Gestalt der Götzen, abhanden gekommen. III 10’05 In der theologischen Tradition ist mit Götze eine Macht beschrieben, die Leben vernichtet, die Tod schafft, während wir mit dem Namen Gott eine Macht in unserm Leben beschreiben, die befreit. Also ich muss danach fragen: Gibt es destruktive Kräfte, die eigentlich zerstörerisch wirken können. Und ich glaube in der Tat, dass wir dort, wo wir alles in Geld verwandeln, wir alles in Tod verwandeln.
Musik 5 Ton Steine Scherben, Gold [vom Album „IV Die Schwarze“ – vorletzte Refrain ab 4’53 ggf. mit Wiederholung des Refrains.]
Mein Name ist Gold,
mein Name ist Geld,
mein Name ist Ruhm und Macht.
Und jeden Morgen bevor du aufstehst
hab ich dich umgebracht.
Du scheinst zu leben,
du scheinst zu scheinen,
aber du leuchtest nicht.
Du bist am Ende,
auch wenn die ganze Welt
heute noch von dir spricht.
Sprecher
Wenn aber die christliche Tradition so gegen den Mammon aufbegehrt: Wie haben sich dann die Kirchen gegen die „Religion des Kapitalismus“ gewehrt? Das Fazit von Walter Benjamin ist ernüchternd, ja eine Ohrfeige für die Kirchen: Der Kapitalismus habe sich wie ein Schmarotzer einen Wirt – das Christentum – gesucht und ihn schließlich verschlungen.
Zitator (Benjamin)
Der Kapitalismus hat sich auf dem Christentum parasitär im Abendland entwickelt, dergestalt, dass zuletzt im Wesentlichen seine Geschichte die seines Parasiten, des Kapitalismus ist. Das Christentum zur Reformationszeit hat nicht das Aufkommen des Kapitalismus begünstigt, sondern es hat sich in den Kapitalismus umgewandelt.
O-Ton 20 Segbers IV 1’03
Ich teile die Analyse von Walter Benjamin bezogen auf die Entwicklung des Christentums nicht. Ich denke, er hat im Blick in seiner Zeit, bestimmte Ausformungen des Christentums, aber wenn wir heute die ökumenische Christenheit uns ansehen, dann sehen wir dass es ganz entscheidende Kräfte gibt aus den Kirchen weltweit, die dieser Tendenz einer globalen Ausweitung eines Wirtschaftssystems, das nichts anderem dient als der permanenten Geldvermehrung, entscheidenden Widerstand leisten.
Ich teile die Analyse von Walter Benjamin bezogen auf die Entwicklung des Christentums nicht. Ich denke, er hat im Blick in seiner Zeit, bestimmte Ausformungen des Christentums, aber wenn wir heute die ökumenische Christenheit uns ansehen, dann sehen wir dass es ganz entscheidende Kräfte gibt aus den Kirchen weltweit, die dieser Tendenz einer globalen Ausweitung eines Wirtschaftssystems, das nichts anderem dient als der permanenten Geldvermehrung, entscheidenden Widerstand leisten.
Sprecher
Besonders die Kirchen aus den Entwicklungsländern wiedersprächen der Religion des Kapitalismus, meint Franz Segbers. In den Industrieländern fällt der Widerstand nicht ganz so deutlich aus: Jüngstes Beispiel: die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen Anfang des Jahres. Bei dem internationalen Treffen meinten die deutsche Kirchenvertreter, die Theologie der Südkirchen würde die Globalisierung zu undifferenziert verurteilen. Mit einer derart radikalen Kritik an wirtschaftlichen Prozessen sei man nicht mehr „politikfähig“. Die reichen angepassten Christen und die armen bibeltreuen? Der katholische Sozialethiker Friedhelm Hengsbach weist auf einen sehr prominenten Kapitalismuskritiker des Nordens hin:
O-Ton 21 Hengsbach V 4’47
Ich denke der verstorbene Papst Johannes Paul II war so einer, der gegen diesen ungezügelten und ungebändigten Kapitalismus schon auch gerade die Menschenrechte als Warntafel, als Begrenzungstafel aufgerichtet hat.
Ich denke der verstorbene Papst Johannes Paul II war so einer, der gegen diesen ungezügelten und ungebändigten Kapitalismus schon auch gerade die Menschenrechte als Warntafel, als Begrenzungstafel aufgerichtet hat.
O-Ton 22 Papst Johannes Paul II
Es darf nicht eine Welt entstehen, die erneut von einer radikalen kapitalistischen Ideologie geprägt werden könnte. Die Welt hofft auf ein Miteinander der Nationen und Staaten, das die Lebensrechte aller Menschen respektiert und ihre Entwicklung fördert.
Es darf nicht eine Welt entstehen, die erneut von einer radikalen kapitalistischen Ideologie geprägt werden könnte. Die Welt hofft auf ein Miteinander der Nationen und Staaten, das die Lebensrechte aller Menschen respektiert und ihre Entwicklung fördert.
O-Ton 23 Hengsbach II 8’52
Andererseits meint er, dass durch die Beteiligung am Produktivvermögen durch entsprechende Demokratisierung der Wirtschaft also durch Mitbestimmung im Betrieb und im Unternehmen diese Klassengegensätze entschärft werden können. Und in sofern gehen sie da von einer Umwandlung oder von einer Zähmung des Kapitalismus durch Menschenrechte durch die Gegenbewegung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus.
Andererseits meint er, dass durch die Beteiligung am Produktivvermögen durch entsprechende Demokratisierung der Wirtschaft also durch Mitbestimmung im Betrieb und im Unternehmen diese Klassengegensätze entschärft werden können. Und in sofern gehen sie da von einer Umwandlung oder von einer Zähmung des Kapitalismus durch Menschenrechte durch die Gegenbewegung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus.
Sprecher
Mit anderen Worten: Kirchliche Kapitalismuskritik kann sehr unterschiedlich ausfallen. Die offiziellen Kirchenvertreter des Nordens und der verstorbene Papst kritisieren wohl einen ungezügelten Kapitalismus, aber als Religion oder gar Götzen würden sie das Kapital nicht bezeichnen. Die katholische Soziallehre möchte durch demokratische Mitbestimmung in den Betrieben die Interessengegensätze im Kapitalismus ausbalancieren. Je weniger radikal die Analyse, desto schwächer die Forderungen? Friedhelm Hengsbach:
O-Ton 24 Hengsbach V 0’24
Die Kirchen, und auch Religionen, stehen immer in dieser Gratwanderung zwischen Anpassung und Widerstand. [...] Jede religiöse Bewegung lebt erst mal aus einem ungeheuren Aufbruch [...], und dann kommt die Phase sich zu integrieren oder jedenfalls sich auf die Gesellschaft einzulassen. Und in dem Ausmaß wie das sich einlassen geschieht, was auch die Überlebenschance einer Religion ist, gibt es dann auch die Abstriche gegenüber dem, was so im Ursprungszeitraum die Leute mal lebendig hat werden lassen. Ist das anders zu erwarten?
Die Kirchen, und auch Religionen, stehen immer in dieser Gratwanderung zwischen Anpassung und Widerstand. [...] Jede religiöse Bewegung lebt erst mal aus einem ungeheuren Aufbruch [...], und dann kommt die Phase sich zu integrieren oder jedenfalls sich auf die Gesellschaft einzulassen. Und in dem Ausmaß wie das sich einlassen geschieht, was auch die Überlebenschance einer Religion ist, gibt es dann auch die Abstriche gegenüber dem, was so im Ursprungszeitraum die Leute mal lebendig hat werden lassen. Ist das anders zu erwarten?
Sprecher
Mehr Realismus oder mehr biblische Vision? Der Soziologe Christoph Deutschmann wagt einen Blick in die Zeit nach dem Kapitalismus. Er kann sich eine Zeit vorstellen, in der das Geld nicht mehr selbstvermehrendes Kapital ist, sondern nur noch ein Mittel zum Austausch von Gütern:
O-Ton 25 Deutschmann VII 0’44
Wenn wir das Geld entmystifizieren, wenn wir das Geld mal wieder betrachten als etwas, mit dem man bestimmte irdische Zwecke erreichen kann, [...] eben ein Tauschmittel. [...] Aber darüber hinaus verspricht es nichts mehr. Die gewaltigen Erwartungen und Ansprüche, die wir heute in das Geld hineinprojizieren, die wir mit dem Geld verbinden, die verschwinden. [...] Wenn das so ist, dann wäre der Platz der Religion gewissermaßen wieder leer.
Wenn wir das Geld entmystifizieren, wenn wir das Geld mal wieder betrachten als etwas, mit dem man bestimmte irdische Zwecke erreichen kann, [...] eben ein Tauschmittel. [...] Aber darüber hinaus verspricht es nichts mehr. Die gewaltigen Erwartungen und Ansprüche, die wir heute in das Geld hineinprojizieren, die wir mit dem Geld verbinden, die verschwinden. [...] Wenn das so ist, dann wäre der Platz der Religion gewissermaßen wieder leer.
Sprecher
Noch ist der Platz der Religion besetzt. Vom Kapital und dem Glauben an seine ewige Vermehrung. Eine Analyse, die an eine alte Mahnung Jesu erinnert:
Zitator (Matthäus 6)
Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.
Musik 6 Rio Reiser wann? [Album „Unter Geiern“ CD 1 track 11] zweite Strophe, wenn genügend Zeit ist, auch die erste Strophe.
Du sagst, du willst die Welt nicht retten, das ist dir alles ne Nummer zu groß.
Und die Weltenretter war'n schon so oft da, nur die meisten verschlimmbessern bloß.
Und doch fragt mich jeder neue Tag, auf welcher Seite ich steh.
Und ich schaff's einfach nicht, einfach zuzusehen, wie alles den Berg runtergeht.
Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier?
Wie, wenn ohne Liebe? Wer, wenn nicht wir?
ENDE
Literaturhinweise:
Dirk Baecker (Hg.), Kapitalismus als Religion, (Kulturverlag Kadmos) Berlin 2. Aufl. 2004.
Hans-Christoph Binswanger, Geld und Magie. Eine ökonomische Deutung von Goethes Faust, (Murmann Verlag) Hamburg 2. vollständig überarbeitete Aufl. 2005.
Hans-Christoph Binswanger, Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen. Essays zur Kultur der Wirtschaft, (Gerling Akademie Verlag) München 1998.
Christoph Deutschmann, Die Verheißung des absoluten Reichtums. Zur religiösen Natur des Kapitalismus, (Campus Verlag) Frankfurt / Main 2. Aufl. 2001.
Christoph Deutschmann (Hg.), Die gesellschaftliche Macht des
Dirk Baecker (Hg.), Kapitalismus als Religion, (Kulturverlag Kadmos) Berlin 2. Aufl. 2004.
Hans-Christoph Binswanger, Geld und Magie. Eine ökonomische Deutung von Goethes Faust, (Murmann Verlag) Hamburg 2. vollständig überarbeitete Aufl. 2005.
Hans-Christoph Binswanger, Die Glaubensgemeinschaft der Ökonomen. Essays zur Kultur der Wirtschaft, (Gerling Akademie Verlag) München 1998.
Christoph Deutschmann, Die Verheißung des absoluten Reichtums. Zur religiösen Natur des Kapitalismus, (Campus Verlag) Frankfurt / Main 2. Aufl. 2001.
Christoph Deutschmann (Hg.), Die gesellschaftliche Macht des
Geldes. Leviathan Sonderheft 21 / 2002, (Westdeutscher Verlag) Wiesbaden 2002.
Friedhelm Hengsbach, Das Reformspektakel. Warum der menschliche Faktor mehr Respekt verdient, (Herder Spektrum) Freiburg i.Br. 2. Aufl. 2004.
Franz Segbers, Die Hausordnung der Tora. Biblische Impulse für eine theologische Wirtschaftsethik,(Edition Exodus) Luzern 2002.
Friedhelm Hengsbach, Das Reformspektakel. Warum der menschliche Faktor mehr Respekt verdient, (Herder Spektrum) Freiburg i.Br. 2. Aufl. 2004.
Franz Segbers, Die Hausordnung der Tora. Biblische Impulse für eine theologische Wirtschaftsethik,(Edition Exodus) Luzern 2002.
RBB Kultur Gott und die Welt / 23.4.2006



