Kittels Wörter.

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Aus dem ungeliebten Missionar ist ein Vorbild für interkulturellen Dialog geworden.

Die Mahatma Gandhi Road im südindischen Bangalore: Die Zweitakter knattern, es hupt, quietscht und rumpelt über die Hauptstrasse der Computerstadt. Auf einer Grünfläche in einem Straßendreieck, eine ruhige Insel im Verkehr, steht ein schwarzes Granitdenkmal. Kein Inder steht da auf dem Sockel, sondern dem Augenschein nach ein Europäer: Aus einem Talar mit einem lutherischen Beffchen guckt ein feines Gesicht mit Vollbart und kleiner Brille. Dr. Ferdinand Kittel steht auf dem Sockel. Ein deutscher Missionar, heißt es weiter. Im indischen Bundesstaat Karnataka kennt jedes Kind den freundlichen Mann mit dem Bart: Denn Kittel begründete vor über 100 Jahren ein Wörterbuch der Sprache Kannada, das bis heute weitergeführt wird. Kannada ist die indische Regionalsprache, die in Karnataka gesprochen wird. Dieses Wörterbuch machte Kittel so berühmt, dass er in der Hauptstadt Karnatakas in Granit verewigt wurde.

„Selbst nach hundert Jahren gibt es kein Wörterbuch wie dieses“, schwärmt der Kannada-Professor H.M. Maheshwaraiah von Kittels Leistung. Selbst die Philologen, die neue Wörterbücher erstellen, arbeiteten auf der Grundlage des alten „Kittel“, so Maheshwaraiah. „Die haben alle „den Kittel“ auf dem Schreibtisch stehen.“

In Indien ein gefeierter Mann, in seiner Heimat völlig unbekannt: In der Gesichtsdarstellung über die Basler Mission, die Wilhelm Schlatter Anfang des 20. Jahrhunderts geschrieben hat, kommt Kittel nur am Rande vor. Er hätte einige neue Missionsmethoden vorgeschlagen, die vom Komitee der Basler Mission aber nicht aufgegriffen wurden, wird dort berichtet. Seine eigene Missionsgesellschaft war offensichtlich nicht zufrieden mit ihrem sprachbegabten Missionar.

Kittel wurde 1832 als Sohn eines Prarrehepaares im ostfriesischen Resterhafe geboren, und wuchs in Aurich auf. Der Junge hatte glänzende Noten in der Schule, aber er brach ein Jahr vor dem Abitur die Schule ab. Ob aus Geldmangel des Vaters oder aus eigenmächtigem Entschluss, ist nicht ganz klar. Laut Familienchronik verließ Ferdinand die Schule, weil sie ihm nicht fromm genug war. Angeblich bemängelte er, dass in der Schule „nicht genug christlicher Geist herrsche und zu wenig Unterricht im Christentum erteilt werde“. Der siebzehnjährige Ferdinand wollte offensichtlich Ernst machen mit dem Glauben. Schließlich verkündete er, dass er Missionar werden wolle. Die Eltern ließen ihn gewähren. Vater Kittel war schließlich in Friesland ein Förderer und Geldsammler für die „Heidenmission“.

Zur Ausbildung wurde Ferdinand ans Seminar der Basler Mission geschickt, damals eine der größten Missionsgesellschaften im deutschsprachigen Raum. Am Baseler Seminar wurde überwiegend schwäbisch gesprochen. Handwerker und Landwirte aus dem württembergischen Pietismus lernten dort das Missionieren. Den ersten Kulturschock hatte der norddeutsche Kittel also schon hinter sich, als er gerade 21 Jahre jung nach Südindien geschickt wurde.

Eine bunte neue Welt erwartete ihn dort – und das etwas weniger bunte Leben auf einer Missionsstation mit anderen Missionaren aus Deutschland. Kittel war offensichtlich fasziniert von der fremden Welt um ihn herum. In seinen Briefen beschrieb er die Landschaft, die Pflanzen und die Menschen in Indien. Ihnen begegnete mit Zutrauen und fast kindlicher Unbefangenheit. Seine Kollegen schauten mitunter misstrauisch auf die „Heiden“. So missfiel ihnen die Unbefangenheit mit der Kollege Kittel sich auch um ein „notorisch schlechtes Weib“ kümmerte, weil sie sagte dass sie sich taufen lassen wollte. Kittel lehrte sie lesen und schenkte ihr Früchte. Das reichte für böse Gerüchte. Die Frau verschwand recht bald wieder. Es blieb die Häme der Missionarskollegen darüber, dass die Frau dabei einige Kleinigkeiten mitgehen ließ. Kittel begegnete den Fremden unvoreingenommen und mit Vertrauen; vielleicht nicht immer mit der nötigen kulturellen Sensibilität, wenn er Frauen die Hand gab, was in Indien völlig ungehörig war. Sein Sohn bescheinigte ihm später ein „kindliches Gemüt“. So freute er sich auch über die Kaffeebohnen, die „die durch eines Fuchses Gedärm gegangen waren“: Dadurch war die saftige Schale der Bohnen entfernt; die Bohnen konnten geröstet werden. Der Kaffe war nach Kittels Urteil „nicht übel“. „Vielleicht würdet Ihr ihn nicht getrunken haben“, schrieb er an seine Lieben daheim.

Wie seine Kollegen zog Kittel über die Dörfer und predigte. Darin war Kittel nicht ungeschickt, da er besser als viele seiner Kollegen die einheimische Sprache lernte. Ein Kollege, der mit ihm über Land zog, berichtete, dass Kittel viel verständlicher und populärer mit den kanaresischen Bauern reden könne als er selbst. Aber das gute Beherrschen der Sprache allein reichte nicht für den Missionserfolg. Kittel beklagte, dass seine Predigt nicht „die Herzen der Hindus“ erreichte. Also versuchte Kittel seine Missionsstrategie zu ändern: Dabei leitete ihn ein Gedanke des Apostels Paulus, der im ersten Korintherbrief geschrieben hatte, er sei, um das Evangelium verständlich zu machen, den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche geworden. So wollte Kittel den Indern ein Inder werden. Das hieß für ihn, nicht mehr in einem bequemen Bungalow in der Missionsstation zu wohnen, während die einheimischen Menschen in ärmlichen Hütten lebten. Kittel wollte das Los der Armen teilen. Also zog er in ein Dorf, wo er sich ohne Geld aus Europa, nur von eigener Hände Arbeit ernähren wollte. „Um den Herrn willen muss ich hinunter, um den armen Heiden das Maul zu stopfen, wenn sie in ihrem materialistischen Sinne von meinem Wohlstand und ihrem Elende reden, und um ihnen zu zeigen, dass unser Trost und Theil der Herr ist.“ Ohne das west-östliche Wohlstandsgefälle, sondern auf gleicher Augenhöhe wollte Kittel den Indern begegnen. Schließlich sei er nicht nach Indien gekommen, um unter seinesgleichen zu wohnen: „Wenn ich so am Abende mit Bruder Metz und Geschwister Mörike zusammen bin, und wir unseren Thee haben und ein Buch oder ein Gespräch dabei, so dünkt mich das freilich sehr nett. Aber wozu ein nettes Leben“, fragte er in einem seiner Briefe.

Um bei der Wahrheit zu bleiben, muss man wohl hinzufügen, dass es auch mit den lieben Kollegen Metz und Mörike nicht nur nett war. Sie hatten sich beim Komitee der Basler Mission wiederholt über ihren jungen Kollegen beschwert, den sie für zu wenig demütig und zu wenig folgsam hielten. Kittel fühlte sich von den beiden gegängelt und wollte eine neue Heimat in Indien finden. Also zog er in eine Dorfhütte. Aber noch etwas fehlte ihm zu seinem Glück. In einem Brief vertraute er dem Basler Missionsinspektor Friedrich Josenhans an: „Und wenn ich in solcher Stellung eine Frau hätte (nehmen Sie mir’s nicht übel, wenn ich so spreche, denn ohne die würde ich mich nicht unter die Heiden wagen) und sie wäre Schulmeisterin und ich Schulmeister, so wäre ich in einer Stellung, die ohne besonderen Glanz sein, aber mir nur als die einzige gefallen würde.“

Der angeschriebene Missionsinspektor Josenhans zeigte sich wenig begeistert von den Entwicklungen an der Heidenfront. Allein unter Heiden, also allein im „Feindesland“, so die Diktion in Basel, das konnte nicht gut gehen. Und was meinte Kittel mit der Frau? Hatte er etwa eine Einheimische zur Frau genommen? Normalerweise suchte das Komitee der Mission die Frauen für die Missionare aus. Kittels Ideen wurden nicht nur als jugendliche Flausen abgetan, er galt bei der Missionsleitung als hochgradig gefährdet. So beorderte Josenhans Kittel liebevoll aber unmissverständlich aus seinem Dorf zurück in die Missionsstation.

Kittel war folgsam und kam wieder auf die Missionsstation. Die Frauenfrage erledigte sich damit, dass das Komitee eine ihrer Meinung nach angemessene Frau für Kittel aussuchte: nämlich die Tochter des Vaihinger Dekans, Pauline Eyth. Sie kannte Kittel nur aus Briefen, als sie 1860 nach Indien geschickt wurde, wo sie Kittel heiratete. Aus ihrem Tagebuch geht hervor, dass sie ihre Ehe genauso als Berufung erlebte, wie Kittel seine Aufgabe in Indien. Tragischerweise starb Pauline Kittel nach nur dreieinhalb Jahren Ehe. Kein untypisches Schicksal. Das Leben in den Tropen war für Westler damals noch sehr entbehrungsreich, so dass viele vor der Zeit starben. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Kittel ihre jüngere Schwester, Wilhelmine Eyth. Insgesamt wurden sechs Kinder geboren, die zum Schulbeginn nach Deutschland geschickt wurden und so fern von den missionierenden Eltern aufwuchsen.

Nach dem gescheiterten Dorfexperiment galt Kittel als unsicherer Kantonist bei seiner Missionsgesellschaft. Es wurde erwogen, den unzuverlässigen Bruder wieder nach Hause zu rufen. Aber einige Missionare hatten Kittels Sprachbegabung erkannt. Hermann Mögling, ein älterer und ebenfalls eigenwilliger Kollege, bat das Basler Komitee, Kittel als Assistenten für Übersetzungen behalten zu dürfen. So studierte Mögling mit Kittel zusammen alte kanaresische Texte. Außerdem schlug er vor, Kittel als Lektor und Übersetzer in der Missionsdruckerei in Mangalore anzustellen. Die Basler Mission hatte dort eine eigene Druckerei, um Bibelübersetzungen, Schulbücher und Erbauungsschriften unter das Volk zu bringen.

Die Missionsdruckerei wurde das Asyl, das die Basler Mission ihrem ungeliebten Missionar in Indien gewährte. Kittel nutzte dieses Asyl: Er studierte die alte kanaresische Lyrik, schrieb Abhandlungen über kanaresische Literatur und beherrschte die Sprache Kannada bald so gut, dass er eigene kanaresische Texte in Versform verfassen konnte. So wollte er das Evangelium in einheimischer Art und Weise verkündigen. „Verse will eben der Hindu“, meinte Kittel. Seiner Missionsgesellschaft riet er, indische Musik und Feierkultur für die Ausbreitung des Evangeliums zu nutzen. Ihn begeisterten die bunten indische Feste: „Wir Evangelischen wenigstens bieten den Sinnen der Heiden sehr wenig; wir haben keine Processionen, keine eigentlichen religiösen Volksfeste, kein Gepränge in den Kirchen. Wir dürfen denn doch Pauli Worte ‚Allen Alles zu werden’, zu wenig ausgebeutet haben. Es dürften sich doch noch Ceremonien finden, die wir benutzen könnten beim Wirken auf’s Volk – unschuldige volkthümliche Weisen.“ Außerdem empfahl Kittel auch, an den Missionsschulen das Dichten und Musizieren mit einheimischen Instrumenten zu unterrichten.

Wieder war Basel nicht einverstanden. Im Sitzungsprotokoll des Basler Missionskomitees heißt es zu Kittels Vorschlägen: „So wenig die Komitee also einer energischen Pflege des christlichen Gesangs entgegentreten will, so sehr muss sie sich erklären gegen Elemente, welche dem apostolischen Zeugniß von Christo fremdartig sind und beschließt daher, den Bruder Kittel zu warnen, auf diesem Weg voranzugehen und ihm die evangelischen Grundgesichtspunkte über den rechten Gebrauch und den Charakter der christlich und kirchlich zulässigen Musik ans Herz zu legen.“ Als christlich galt nur der in Europa vertraute Choral. Die folgen solcher Entscheidungen reichen bis heute: Immer noch kann man in indischen Gemeinden deutsche oder englische Choräle singen hören, meist in die Landessprache übersetzt, und vorzugsweise mit schlechten elektronischen Orgeln begleitet.

So blieb Kittel nur seine philologische Arbeit. Wieder war es sein Kollege Hermann Mögling, der dem Basler Komitee vorschlug, Kittel solle ein Kannada-Lexikon erarbeiten. Basel war nicht begeistert, aber da für dieses Projekt noch weitere Geldquellen aufgetan werden konnten, willigte das Komitee schließlich ein. Die britische Kolonialregierung hatte den Wert von Kittels Arbeit erkannt und unterstützte das Projekt. Aber die Arbeit am Lexikon zog sich hin, das Komitee in Basel drängte immer wieder und Kittel versuchte neues Geld zu akquirieren, um „keine Verwilligung von der Komitee zu brauchen, was ihr sehr recht wäre und uns auch, denn so’ne Wörterbücherei wird von den Leuten zu Hause nicht recht geschätzt, könnt’s auch nicht werden. Gott gebe, dass ich etwas kriege.“ Kittel bekam immer etwas Geld zusammen, aber die Arbeit wuchs ihm über den Kopf: Er las erneut alte kanaresische Werke, sammelte Wörter, versuchte alle ihre Bedeutung so genau wie möglich zu bestimmen und die etymologischen Ableitungen herauszufinden.

Der indische Philologe Shrinivas Havanur ist von der Leistung Kittels beeindruckt: „Wie ein Eremit befasste sich Kittel ununterbrochen 10 bis 12 Jahre mit der Zusammenstellung von Wörtern aus verschiedensten Quellen und auf verschiedenste Weisen, mit der Zusammenstellung von Beispielsätzen, mit der Identifizierung von verwandten Wörtern und mit der Erklärung des einzelnen Wortes. Es ist unglaublich, das er allein circa 30.000 Wörter genauestens definierte. Dabei war ihm seine außerordentliche Geistskraft und Erinnerungsfähigkeit behilflich.“ Mit allen Vorarbeiten wurde das Lexikon ein Werk von rund zwei Jahrzehnten. Statt 700 bis 800 Seiten wurde das Wörterbuch 1700 Seiten stark, als es schließlich 1894 erschien.

Mit der Fertigstellung des Wörterbuches kam auch der Ruhm – weniger von den Basler Kollegen, aber von der indologischen Fakultät der Universität Tübingen. Von dort bekam Kittel den Ehrendoktortitel verliehen. Kittel starb am 19. Dezember 1903 in Tübingen. Noch in seinem Todesjahr konnte er eine kanaresische Grammatik fertig stellen.

Aus dem ehemals ungeliebten Missionar ist inzwischen ein Vorbild für interkulturellen Dialog geworden: Bernhard Dinkelaker, Generalsekretär des Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland, eine der Nachfolgeeinrichtungen der Basler Mission, erklärt heute, dass Kittel Unrecht geschehen sei. Für Dinkelaker ist Kittel jemanden, der die Basisqualifikationen für interkulturelle Begegnung in außerordentlicher Weise verkörperte: „Die Fähigkeit das Eigene zu reflektieren und das Fremde als Fremdes wahrzunehmen und verstehen zu lernen.“

Der Missionar Kittel taufte Zeit seines Lebens keinen Inder, aber mit seiner philologischen Arbeit wurde er zu einem Großen der indischen Literaturgeschichte, und seiner Missionsgesellschaft hätte er ein Vorbild für ein neues Missionsverständnis werden können.

Publik-Forum / 9.9.2005


Stichworte:
Indien, Mission