Den Islam gibt es auch aufgeklärt.

Muhammad Kalisch ist der erste Professor für islamische Religionslehre in Deutschland.
„Wenn Vernunft und Offenbarung kollidieren, ist die Vernunft vorzuziehen bei der Auslegung.“ Das sei die zaiditische Regel, der er sich verpflichtet wisse bei der Auslegung des Koran. Das sagt Muhammad Kalisch, der erste Professor für Islamische Religionslehre in Deutschland. Kalisch hat Spaß daran, wenn er sein Gegenüber überraschen kann und es gelingt ihm leicht zu überraschen, da er kaum einem Klischee entspricht, das man von einem islamischen Theologieprofessor haben mag: Kalisch ist kein typischer Moslem, weil er Deutscher ist; er wurde als Sven Kalisch geboren, bevor er mit 15 Jahren zum Islam übergetreten ist und den Namen Muhammad angenommen hat. Seine Konversion sei ein intellektueller Vorgang gewesen; die Aussagen des Islam über Gott und Mensch hätten ihn überzeugt. Das Christentum mit seinem „Zug zum Mysterium“ nicht.
Kalisch ist kein typischer Professor: Der 39jährige steckt in Pullover und Jeans und hat überhaupt nichts Professorales an sich. Der Drei-Tage-Bart sieht nicht nach intellektuellem Habitus aus; sondern eher so, als sei Rasieren lästig. Kalisch wirkt wie ein großer Junge, der unheimlich Spaß daran hat, in einem intellektuellen Wettstreit zu argumentieren und mit seinem Wissen und seiner Meinung zu verblüffen. Er schaut sein gegenüber fest in die Augen, hört genau zu, um dann sein Argument präzise und flüssig vorzubringen. Reden kann er gut; er war mal Rechtsanwalt. Kalisch hat Jura studiert und zu Themen des Islamischen Rechtes promoviert und habilitiert.
Und schließlich ist Kalisch auch deswegen untypisch, weil er sich zu der islamischen Minderheit der schiitischen Zaiditen rechnet; einer Glaubensrichtung, für die die Vernunft letzte Richtschnur der Glaubensauslegung ist. Das hat Folgen: Man müsse den Koran zeitbedingt verstehen und auslegen, sagt er: Es gehe im Koran nicht um ein Gesellschaftsmodell, das für alle Zeiten Gültigkeit beanspruche. Man müsse vielmehr erkennen, wie Mohammed zu seiner Zeit die Gesellschaft verändern wollte. „In der patriarchalischen Gesellschaft im alten Arabien ist durch den Koran die Stellung der Frau erheblich verbessert worden, aber es blieb immer noch eine Rolle in einem Kontext, in dem der Mann eine stärkere Position hat. Das ist aus der damaligen Zeit heraus verständlich.“ Und das heißt für Kalisch, dass die Rolle der Frau in einer anderen gesellschaftlichen Situation weiter verändert werden müsse. So geht moderner Islam. Das ist sehr ähnlich, wie sich moderne christliche Theologen vom Frauenbild des Apostel Paulus verabschieden. Kalisch weiter: Natürlich sei der Exodus der Israeliten, von dem auch der Koran erzählt, nicht tatsächlich passiert. Die Geschichte sei theologisch wahr, aber nicht historisch wahr. Die meisten christlichen Alttestamentler würden zustimmen und kaum ein Christ würde darin noch eine Zersetzung seines Glaubens sehen.
Das aber ist der Unterschied zur Situation von Kalisch. Die meisten islamischen Theologen sähen das anders, gibt er freimütig zu. Ja, der Islam habe eine Aufklärung nötig, sagt er. Zwar habe es in der islamischen Geschichte durchaus alle Voraussetzungen für eine Aufklärung gegeben, aber in den letzten Jahrhunderten seien diese Traditionen „gekappt“ worden. Enge dogmatische Strömungen hätten sich stattdessen durchgesetzt. Einige Konservative würden ihn wohl wegen seiner Ansichten exkommunizieren – wenn es so etwas im Islam gebe, feixt er. „Damit muss ich leben.“ Und das klingt so, als könne Kalisch recht gut damit leben.
Immerhin wurde seine Berufung durch die Universität Münster einem Beirat aus fünf moslemischen Verbänden vorgelegt. Die Verbände repräsentieren das Gros der Muslime in Deutschland, die in der Mehrzahl Sunniten sind, also keine Schiiten. In den Verbänden teilen auch die Wenigsten die rationalistische Theologie von Muhammad Kalisch. Trotzdem wurde er berufen. In der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ wurde gemutmaßt, dass er vielleicht gerade deshalb berufen wurde, weil er es keinem ganz Recht mache. Er steht sozusagen über den Gruppenegoismen der jeweiligen Verbände. Eine Interpretation die er mit einem Lachen quittiert: „Das mag sein.“ Aber dann fügt er noch hinzu, dass er sich um Ausgleich unter den einzelnen Gruppen bemühe und immer mit offenem Visier antritt: „Man kann mir alles vorwerfen, aber nicht, dass ich mich jemals verstellt hätte.“ Diese Ehrlichkeit wird auch von anderen anerkannt. So bescheinigt ihm die Marburger Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann, dass man mit ihm „auch wenn man in der Sache völlig unterschiedlicher Meinung ist, hervorragend reden kann.“
An seinem Lehrstuhl sollen ab dem Sommersemester islamische Religionslehrer ausgebildet werden. In einem dreijährigen Aufbaustudiengang zusätzlich zum normalen Lehramtsstudium. Allerdings: Islamischen Religionsunterricht gibt es in Deutschland bisher nur in Berlin: In Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland, zu dem auch Münster gehört, gibt es seit fünf Jahren an 110 Schulen das Fach „Islamische Unterweisung“. Andere Bundesländer haben ähnliche Projekte, aber in kleinerem Maßstab. Dieses Fach wird von muslimischen Lehrern unterrichtet, die bisher in Fortbildungen berufsbegleitend ausgebildet wurden. Der Unterschied zum christlichen Religionsunterricht ist der, dass das Gesetz die muslimischen Lehrer verpflichtet, eine neutrale Position einzunehmen. Der Hintergrund ist ein verfassungsrechtlicher: Religionsunterricht dürfen nur die Religionsgemeinschaften erteilen, nicht der Staat. Die muslimischen Verbände in Deutschland sind von den meisten Gerichten allerdings bisher nicht als Religionsgemeinschaften anerkannt worden, sondern lediglich als Interessenvertretungen; also dürfen sie keinen Religionsunterricht verantworten. Die Differenz zwischen Islamischer Unterweisung und einem islamischen Religionsunterricht sei in der Praxis nicht groß, meint auch Muhammad Kalisch, trotzdem setzt er sich für einen islamischen Religionsunterricht ein: „Ich denke schon, dass es einen Unterschied macht, ob sich jemand vor die Klasse stellt und einfach abstrakt über den Islam referiert, oder wenn ein Religionslehrer mit muslimischen Kindern und Jugendlichen über den Islam redet aus der persönlichen Perspektive eines gläubigen Muslim heraus.“ Das sei auch der Unterschied zwischen seinem Lehrstuhl und den Lehrstühlen für Islamwissenschaft. Die Spiritualität und Glaubenspraxis zeichne eine Theologie aus gegenüber einer bloßen Kunde von etwas, so Kalisch. „Das darf sich aber nicht auf die kritische Haltung der Wissenschaft auswirken“. Auch das deckt sich wohl mit dem Selbstverständnis der meisten christlichen Theologen.
Obwohl er in einer „Pioniersituation“ sei, schmiedet Kalisch schon neue Pläne: Neben dem dreijährigen Aufbaustudiengang plant er einen fünfjährigen Magisterstudiengang „Islamische Theologie“. „Wir haben da durchaus den Hintergedanken, dass das mal zu einer Imam-Ausbildung werden könnte.“ Schließlich sei es sinnvoll, dass Imame in Deutschland und auf gutem wissenschaftlichen Niveau ausgebildet würden. Bisher schätzt man, dass 90 Prozent der Imame in Deutschland aus dem Ausland „eingeflogen“ seien.
Bleibt viel zu tun für den neuen Professor, der nach seiner Berufung im letzten Sommer ein enormes Medieninteresse auf sich gezogen hat. Er antwortet bereitwillig, weil er es schätzt, dass „mit uns, und nicht über uns geredet wird.“ Im Gespräch kann er die Menschen überraschen – und das tut er gern. Er will – natürlich – nicht die Stimme des Islam in Deutschland sein, aber er ist eine islamische Stimme in Deutschland, und zwar eine, die ausgesprochen gewinnend und charmant ist.
reformierte presse / 4.3 2005
Kalisch ist kein typischer Professor: Der 39jährige steckt in Pullover und Jeans und hat überhaupt nichts Professorales an sich. Der Drei-Tage-Bart sieht nicht nach intellektuellem Habitus aus; sondern eher so, als sei Rasieren lästig. Kalisch wirkt wie ein großer Junge, der unheimlich Spaß daran hat, in einem intellektuellen Wettstreit zu argumentieren und mit seinem Wissen und seiner Meinung zu verblüffen. Er schaut sein gegenüber fest in die Augen, hört genau zu, um dann sein Argument präzise und flüssig vorzubringen. Reden kann er gut; er war mal Rechtsanwalt. Kalisch hat Jura studiert und zu Themen des Islamischen Rechtes promoviert und habilitiert.
Und schließlich ist Kalisch auch deswegen untypisch, weil er sich zu der islamischen Minderheit der schiitischen Zaiditen rechnet; einer Glaubensrichtung, für die die Vernunft letzte Richtschnur der Glaubensauslegung ist. Das hat Folgen: Man müsse den Koran zeitbedingt verstehen und auslegen, sagt er: Es gehe im Koran nicht um ein Gesellschaftsmodell, das für alle Zeiten Gültigkeit beanspruche. Man müsse vielmehr erkennen, wie Mohammed zu seiner Zeit die Gesellschaft verändern wollte. „In der patriarchalischen Gesellschaft im alten Arabien ist durch den Koran die Stellung der Frau erheblich verbessert worden, aber es blieb immer noch eine Rolle in einem Kontext, in dem der Mann eine stärkere Position hat. Das ist aus der damaligen Zeit heraus verständlich.“ Und das heißt für Kalisch, dass die Rolle der Frau in einer anderen gesellschaftlichen Situation weiter verändert werden müsse. So geht moderner Islam. Das ist sehr ähnlich, wie sich moderne christliche Theologen vom Frauenbild des Apostel Paulus verabschieden. Kalisch weiter: Natürlich sei der Exodus der Israeliten, von dem auch der Koran erzählt, nicht tatsächlich passiert. Die Geschichte sei theologisch wahr, aber nicht historisch wahr. Die meisten christlichen Alttestamentler würden zustimmen und kaum ein Christ würde darin noch eine Zersetzung seines Glaubens sehen.
Das aber ist der Unterschied zur Situation von Kalisch. Die meisten islamischen Theologen sähen das anders, gibt er freimütig zu. Ja, der Islam habe eine Aufklärung nötig, sagt er. Zwar habe es in der islamischen Geschichte durchaus alle Voraussetzungen für eine Aufklärung gegeben, aber in den letzten Jahrhunderten seien diese Traditionen „gekappt“ worden. Enge dogmatische Strömungen hätten sich stattdessen durchgesetzt. Einige Konservative würden ihn wohl wegen seiner Ansichten exkommunizieren – wenn es so etwas im Islam gebe, feixt er. „Damit muss ich leben.“ Und das klingt so, als könne Kalisch recht gut damit leben.
Immerhin wurde seine Berufung durch die Universität Münster einem Beirat aus fünf moslemischen Verbänden vorgelegt. Die Verbände repräsentieren das Gros der Muslime in Deutschland, die in der Mehrzahl Sunniten sind, also keine Schiiten. In den Verbänden teilen auch die Wenigsten die rationalistische Theologie von Muhammad Kalisch. Trotzdem wurde er berufen. In der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ wurde gemutmaßt, dass er vielleicht gerade deshalb berufen wurde, weil er es keinem ganz Recht mache. Er steht sozusagen über den Gruppenegoismen der jeweiligen Verbände. Eine Interpretation die er mit einem Lachen quittiert: „Das mag sein.“ Aber dann fügt er noch hinzu, dass er sich um Ausgleich unter den einzelnen Gruppen bemühe und immer mit offenem Visier antritt: „Man kann mir alles vorwerfen, aber nicht, dass ich mich jemals verstellt hätte.“ Diese Ehrlichkeit wird auch von anderen anerkannt. So bescheinigt ihm die Marburger Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann, dass man mit ihm „auch wenn man in der Sache völlig unterschiedlicher Meinung ist, hervorragend reden kann.“
An seinem Lehrstuhl sollen ab dem Sommersemester islamische Religionslehrer ausgebildet werden. In einem dreijährigen Aufbaustudiengang zusätzlich zum normalen Lehramtsstudium. Allerdings: Islamischen Religionsunterricht gibt es in Deutschland bisher nur in Berlin: In Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland, zu dem auch Münster gehört, gibt es seit fünf Jahren an 110 Schulen das Fach „Islamische Unterweisung“. Andere Bundesländer haben ähnliche Projekte, aber in kleinerem Maßstab. Dieses Fach wird von muslimischen Lehrern unterrichtet, die bisher in Fortbildungen berufsbegleitend ausgebildet wurden. Der Unterschied zum christlichen Religionsunterricht ist der, dass das Gesetz die muslimischen Lehrer verpflichtet, eine neutrale Position einzunehmen. Der Hintergrund ist ein verfassungsrechtlicher: Religionsunterricht dürfen nur die Religionsgemeinschaften erteilen, nicht der Staat. Die muslimischen Verbände in Deutschland sind von den meisten Gerichten allerdings bisher nicht als Religionsgemeinschaften anerkannt worden, sondern lediglich als Interessenvertretungen; also dürfen sie keinen Religionsunterricht verantworten. Die Differenz zwischen Islamischer Unterweisung und einem islamischen Religionsunterricht sei in der Praxis nicht groß, meint auch Muhammad Kalisch, trotzdem setzt er sich für einen islamischen Religionsunterricht ein: „Ich denke schon, dass es einen Unterschied macht, ob sich jemand vor die Klasse stellt und einfach abstrakt über den Islam referiert, oder wenn ein Religionslehrer mit muslimischen Kindern und Jugendlichen über den Islam redet aus der persönlichen Perspektive eines gläubigen Muslim heraus.“ Das sei auch der Unterschied zwischen seinem Lehrstuhl und den Lehrstühlen für Islamwissenschaft. Die Spiritualität und Glaubenspraxis zeichne eine Theologie aus gegenüber einer bloßen Kunde von etwas, so Kalisch. „Das darf sich aber nicht auf die kritische Haltung der Wissenschaft auswirken“. Auch das deckt sich wohl mit dem Selbstverständnis der meisten christlichen Theologen.
Obwohl er in einer „Pioniersituation“ sei, schmiedet Kalisch schon neue Pläne: Neben dem dreijährigen Aufbaustudiengang plant er einen fünfjährigen Magisterstudiengang „Islamische Theologie“. „Wir haben da durchaus den Hintergedanken, dass das mal zu einer Imam-Ausbildung werden könnte.“ Schließlich sei es sinnvoll, dass Imame in Deutschland und auf gutem wissenschaftlichen Niveau ausgebildet würden. Bisher schätzt man, dass 90 Prozent der Imame in Deutschland aus dem Ausland „eingeflogen“ seien.
Bleibt viel zu tun für den neuen Professor, der nach seiner Berufung im letzten Sommer ein enormes Medieninteresse auf sich gezogen hat. Er antwortet bereitwillig, weil er es schätzt, dass „mit uns, und nicht über uns geredet wird.“ Im Gespräch kann er die Menschen überraschen – und das tut er gern. Er will – natürlich – nicht die Stimme des Islam in Deutschland sein, aber er ist eine islamische Stimme in Deutschland, und zwar eine, die ausgesprochen gewinnend und charmant ist.
reformierte presse / 4.3 2005