Leben mit sichtbaren Grenzen.

Porträt des Pastors und Sportlers Rainer Schmidt.
Rainer Schmidt bestellt im Biergarten ein Weizenbier. Der Kellner stellt das Halbliterglas kommentarlos vor ihn. Das Glas ist größer als Schmidts Oberarme. Unterarme und Hände hat er nicht. Er kam ohne sie und mit einem verkürzten rechten Bein auf die Welt. Kann er mit dem großen Glas umgehen? Hätte der Kellner nicht besser einen Strohhalm mitbringen sollen? Darauf angesprochen, lacht er. Ja das käme öfter vor, dass er das Bier mit Strohhalm serviert bekäme. Dann frage er meistens, ob er nach dem zweiten Bier schon besoffen in der Ecke liegen solle. Er grinst und hat wohl Spaß daran, wenn er die Leute verblüffen kann. Aber lieber ist es ihm, wenn die Leute fragen, ob er Hilfe brauche, statt einfach vorauszusetzen, dass er dieses oder jenes nicht könne. Das empfindet er als ausgrenzend. Genauso wie den Begriff „Behinderter“. Wer so rede, mache es zum wesentlichen Merkmal eines Menschen, dass er irgendeine Einschränkung habe. „Meine fehlenden Arme machen mich nicht aus. Mindestens genauso macht mich mein Humor aus, oder mein Charakter oder meine sportlichen Fähigkeiten.“ Ruhig und selbstverständlich klingt das; er klagt niemanden an – wieso auch: Die Leute meinen es ja nicht böse. Aber er selbst spricht statt von „Behinderten“ lieber von „Menschen mit einer besonderen Grenze“. Und Grenzen habe schließlich jeder Mensch: körperliche, geistige oder charakterliche Grenzen. „Ich bin ein normaler Mensch, habe aber eine besondere Begrenzung.“
In der Tat kann Schmidt fast alles, was man für ein „normales“ Leben können muss: Das Bierglas klemmt er zwischen die beiden Oberarme und stützt es zusätzlich mit dem Kinn ab. Kein Problem. Er brauche nur dann und wann ein paar „Hilfsmittel“ und „Hilfsmenschen“. Sein Auto ist mit einer Armprothese am Lenker ausgestattet, in die er seinen linken Oberarm steckt. Die Armaturen sind als Schalter rechts neben dem Fahrersitz, damit er sie mit dem rechten Oberarm bedienen kann. Ein weiteres enorm wichtiges Hilfsmittel ist ein Messingstab mit je einem Ring an jedem Ende. Eine Anziehhilfe, mit der Schmidt den eigens angebrachten Klettverschluss an der Hose schließen kann und das Hemd in die Hose stecken kann. Eine Erfindung seines Vaters. Fantasie und das Ausreizen von Grenzen gehören zu seinem Leben genauso wie zu jedem anderen.
Darüber hinaus kann Schmidt aber auch einiges mehr, als man für ein „normales“ Leben braucht. Er kann Tischtennis spielen. Den Schläger hat er mit einer besonderen Halterung am linken Oberarm fixiert und die fehlenden Unterarme macht er durch einen enormen Einsatz des Oberkörpers wett. Seit 20 Jahren spielt er so an der Weltspitze. Zum sechsten Mal fährt der 39jährige Mitte September zu den Paralympics nach Athen, den Weltspielen behinderter Sportler. Eine Leistung, die nur wenige seiner nichtbehinderten Kollegen vorweisen können. So gesehen bekommt der Satz von der „besonderen Grenze“ noch einmal eine andere Färbung. Fünf Medaillen hat er bei den Paralympics bisher gewonnen; davon einmal Gold im Einzel und zweimal Gold mit der Mannschaft. Außerdem ist er gerade amtierender Europameister. So fährt er auch nicht nur nach Athen, um das Leben im olympischen Dorf zu genießen, sondern um eine Medaille zu gewinnen. Zwar sei die Konkurrenz an der Weltspitze enger geworden, und von daher sei eine Medaille nicht vorhersagbar, aber: „Ich hab immer gesagt: Wenn ich sicher weiß, dass ich nur mit Glück das Viertelfinale erreiche, dann fahr ich nicht mehr hin. Schließlich hab ich alles gewonnen.“ Selbstbewusst ist er – und das wohl nicht nur im Sport. Den größten Teil seines Erfolges schreibt er aber nicht einem hartem Training zu, sondern seinen Eltern, die ihn früh gefördert haben: In den ersten Lebensjahren habe er durch Kindergymnastik eine gute Feinmotorik ausgebildet. Heute habe er diese Feinmotorik einfach. „Die kann ich auch kaum mehr trainieren. Ich trainiere Taktik, Beinarbeit und Schlagtechniken, aber das tut jeder. Talent ist es, den Ball genau dahin zu treffen, wo er hinsoll.“ Schmidt hat viel Lob für die „Hilfsmenschen“ um ihn herum: Wenn er von seinem größten Erfolg, der Goldmedaille bei den Paralympics in Barcelona, redet, dann erzählt er ausführlich von den taktischen Ratschlägen seines Trainers, die es ihm ermöglicht hätten einen eigentlich überlegenen Gegner doch noch zu besiegen. Bescheiden kann er die Hilfe durch andere anerkennen. Das ist vermutlich ein Ergebnis der intensiven Beschäftigung mit der eigenen Begrenzung. Und das unterschiedet ihn von vielen Menschen ohne besondere Grenzen: Er hat sich mit seinen Grenzen auseinandergesetzt, denn seine Grenzen waren nicht zu übersehen.
Die fehlenden Unterarme und Hände konnte Rainer Schmidt als Kind nicht verstecken. Aber sein verkürztes Bein mit der Prothese verbarg der Teenager schamhaft unter langen Hosen – bis zu dem Tag im Freibad, als er 13 oder 14 Jahre alt war: Er war auf einer Jugendfreizeit mit 30 anderen Jugendlichen. Trotz Hochsommer hatte er immer lange Hosen an, aber im Freibad musste er schließlich „die Hosen runterlassen“, erinnert er sich lächelnd. Er schnallte die Prothese ab und humpelte mit dem kurzen Bein ins Schwimmbecken. „Da hab ich den anderen Menschen nicht in die Augen geguckt nach dem Motto: ‚Ich will gar nicht sehen, was die denken.’“ Ein furchtbares Gefühl der Scham. Aber die anderen haben gut reagiert, in dem sie auf den humpelnden Rainer gar nicht reagiert haben. „Die haben so getan, als ob es das Normalste von der Welt wäre.“ Am Abend hat ihn dann ein Mädchen angesprochen, dass sie das unglaublich mutig gefunden habe und sie sich das nicht getraut hätte. An den folgenden Tagen ging es dann noch öfter ins Freibad. Und heute: Natürlich würden ihn die Leute immer noch angucken, wenn er ohne Prothese im Freibad humple, aber das würde ihm nicht das Schwimmen verleiden. „Die Behinderung hat ihren Schrecken verloren.“ Schließlich hat jeder Mensch Grenzen – die einen sieht man sofort, die anderen erst später.
Inzwischen ist Schmidt evangelischer Pastor und Trainer für Personalführung. Auch während seines Theologiestudiums hat er sich mit dem Thema Grenzen auseinandergesetzt. Seine Examensarbeit trug den Titel „Heil und Heilung“. Es gibt Christen, die von Gott Heilung ihrer Krankheiten und Behinderungen erbitten. Als Teenager habe er auch mit Gott gehadert, wieso er ohne Unterarme auf die Welt gekommen sei. Inzwischen will Schmidt so eine Fixierung auf seine Einschränkung nicht mehr mitmachen. „Wollen wir einen Gott, der uns grenzenlos macht?“, fragt er – und man merkt, dass ihm diese Vorstellung unsympathisch ist. Solche Wünsche scheinen ihm unreif. Dagegen erzählt er dann gerne die Geschichte von der Heilung des Gelähmten aus dem Markusevangelium, wo die Heilung nur „als Nebenprodukt abfällt“, weil es eigentlich um etwas ganz anderes gehe – nämlich um Heil, das heißt für Schmidt um gelingendes Leben in heilen Beziehungen: Ein Gelähmter wird von seinen Freunden durch das Dach zu Jesus gelassen. Dem Gelähmten wird darauf von Jesus Heil zugesagt: „Dir sind Deine Sünden vergeben“. Erst als sich einige der Umstehenden beschweren, wieso Jesus sich anmaße in Gottes Namen Sünden zu vergeben, fährt Jesus denen in die Parade: „Jetzt zeige ich Euch mal, wer hier die Macht hat: Steh auf, nimm Dein Bett und geh!“ Der Gelähmte wird geheilt - nur um den Leuten das Maul zu stopfen. In erster Linie sei dies keine Heilungsgeschichte, sondern eine Heilsgeschichten, resümiert der Pastor, „Heil ist da, wo Beziehungen in Ordnung sind und das kann man auch ohne körperliche Heilung erleben.“ Dass das so ist, dafür steht Rainer Schmidt mit seinem Lachen und seinem selbstbewussten Leben ein.
Bonner Generalanzeiger / 4./5.9.2004
In der Tat kann Schmidt fast alles, was man für ein „normales“ Leben können muss: Das Bierglas klemmt er zwischen die beiden Oberarme und stützt es zusätzlich mit dem Kinn ab. Kein Problem. Er brauche nur dann und wann ein paar „Hilfsmittel“ und „Hilfsmenschen“. Sein Auto ist mit einer Armprothese am Lenker ausgestattet, in die er seinen linken Oberarm steckt. Die Armaturen sind als Schalter rechts neben dem Fahrersitz, damit er sie mit dem rechten Oberarm bedienen kann. Ein weiteres enorm wichtiges Hilfsmittel ist ein Messingstab mit je einem Ring an jedem Ende. Eine Anziehhilfe, mit der Schmidt den eigens angebrachten Klettverschluss an der Hose schließen kann und das Hemd in die Hose stecken kann. Eine Erfindung seines Vaters. Fantasie und das Ausreizen von Grenzen gehören zu seinem Leben genauso wie zu jedem anderen.
Darüber hinaus kann Schmidt aber auch einiges mehr, als man für ein „normales“ Leben braucht. Er kann Tischtennis spielen. Den Schläger hat er mit einer besonderen Halterung am linken Oberarm fixiert und die fehlenden Unterarme macht er durch einen enormen Einsatz des Oberkörpers wett. Seit 20 Jahren spielt er so an der Weltspitze. Zum sechsten Mal fährt der 39jährige Mitte September zu den Paralympics nach Athen, den Weltspielen behinderter Sportler. Eine Leistung, die nur wenige seiner nichtbehinderten Kollegen vorweisen können. So gesehen bekommt der Satz von der „besonderen Grenze“ noch einmal eine andere Färbung. Fünf Medaillen hat er bei den Paralympics bisher gewonnen; davon einmal Gold im Einzel und zweimal Gold mit der Mannschaft. Außerdem ist er gerade amtierender Europameister. So fährt er auch nicht nur nach Athen, um das Leben im olympischen Dorf zu genießen, sondern um eine Medaille zu gewinnen. Zwar sei die Konkurrenz an der Weltspitze enger geworden, und von daher sei eine Medaille nicht vorhersagbar, aber: „Ich hab immer gesagt: Wenn ich sicher weiß, dass ich nur mit Glück das Viertelfinale erreiche, dann fahr ich nicht mehr hin. Schließlich hab ich alles gewonnen.“ Selbstbewusst ist er – und das wohl nicht nur im Sport. Den größten Teil seines Erfolges schreibt er aber nicht einem hartem Training zu, sondern seinen Eltern, die ihn früh gefördert haben: In den ersten Lebensjahren habe er durch Kindergymnastik eine gute Feinmotorik ausgebildet. Heute habe er diese Feinmotorik einfach. „Die kann ich auch kaum mehr trainieren. Ich trainiere Taktik, Beinarbeit und Schlagtechniken, aber das tut jeder. Talent ist es, den Ball genau dahin zu treffen, wo er hinsoll.“ Schmidt hat viel Lob für die „Hilfsmenschen“ um ihn herum: Wenn er von seinem größten Erfolg, der Goldmedaille bei den Paralympics in Barcelona, redet, dann erzählt er ausführlich von den taktischen Ratschlägen seines Trainers, die es ihm ermöglicht hätten einen eigentlich überlegenen Gegner doch noch zu besiegen. Bescheiden kann er die Hilfe durch andere anerkennen. Das ist vermutlich ein Ergebnis der intensiven Beschäftigung mit der eigenen Begrenzung. Und das unterschiedet ihn von vielen Menschen ohne besondere Grenzen: Er hat sich mit seinen Grenzen auseinandergesetzt, denn seine Grenzen waren nicht zu übersehen.
Die fehlenden Unterarme und Hände konnte Rainer Schmidt als Kind nicht verstecken. Aber sein verkürztes Bein mit der Prothese verbarg der Teenager schamhaft unter langen Hosen – bis zu dem Tag im Freibad, als er 13 oder 14 Jahre alt war: Er war auf einer Jugendfreizeit mit 30 anderen Jugendlichen. Trotz Hochsommer hatte er immer lange Hosen an, aber im Freibad musste er schließlich „die Hosen runterlassen“, erinnert er sich lächelnd. Er schnallte die Prothese ab und humpelte mit dem kurzen Bein ins Schwimmbecken. „Da hab ich den anderen Menschen nicht in die Augen geguckt nach dem Motto: ‚Ich will gar nicht sehen, was die denken.’“ Ein furchtbares Gefühl der Scham. Aber die anderen haben gut reagiert, in dem sie auf den humpelnden Rainer gar nicht reagiert haben. „Die haben so getan, als ob es das Normalste von der Welt wäre.“ Am Abend hat ihn dann ein Mädchen angesprochen, dass sie das unglaublich mutig gefunden habe und sie sich das nicht getraut hätte. An den folgenden Tagen ging es dann noch öfter ins Freibad. Und heute: Natürlich würden ihn die Leute immer noch angucken, wenn er ohne Prothese im Freibad humple, aber das würde ihm nicht das Schwimmen verleiden. „Die Behinderung hat ihren Schrecken verloren.“ Schließlich hat jeder Mensch Grenzen – die einen sieht man sofort, die anderen erst später.
Inzwischen ist Schmidt evangelischer Pastor und Trainer für Personalführung. Auch während seines Theologiestudiums hat er sich mit dem Thema Grenzen auseinandergesetzt. Seine Examensarbeit trug den Titel „Heil und Heilung“. Es gibt Christen, die von Gott Heilung ihrer Krankheiten und Behinderungen erbitten. Als Teenager habe er auch mit Gott gehadert, wieso er ohne Unterarme auf die Welt gekommen sei. Inzwischen will Schmidt so eine Fixierung auf seine Einschränkung nicht mehr mitmachen. „Wollen wir einen Gott, der uns grenzenlos macht?“, fragt er – und man merkt, dass ihm diese Vorstellung unsympathisch ist. Solche Wünsche scheinen ihm unreif. Dagegen erzählt er dann gerne die Geschichte von der Heilung des Gelähmten aus dem Markusevangelium, wo die Heilung nur „als Nebenprodukt abfällt“, weil es eigentlich um etwas ganz anderes gehe – nämlich um Heil, das heißt für Schmidt um gelingendes Leben in heilen Beziehungen: Ein Gelähmter wird von seinen Freunden durch das Dach zu Jesus gelassen. Dem Gelähmten wird darauf von Jesus Heil zugesagt: „Dir sind Deine Sünden vergeben“. Erst als sich einige der Umstehenden beschweren, wieso Jesus sich anmaße in Gottes Namen Sünden zu vergeben, fährt Jesus denen in die Parade: „Jetzt zeige ich Euch mal, wer hier die Macht hat: Steh auf, nimm Dein Bett und geh!“ Der Gelähmte wird geheilt - nur um den Leuten das Maul zu stopfen. In erster Linie sei dies keine Heilungsgeschichte, sondern eine Heilsgeschichten, resümiert der Pastor, „Heil ist da, wo Beziehungen in Ordnung sind und das kann man auch ohne körperliche Heilung erleben.“ Dass das so ist, dafür steht Rainer Schmidt mit seinem Lachen und seinem selbstbewussten Leben ein.
Rainer Schmidt: Lieber Arm ab als arm dran. Was heißt hier eigentlich behindert?, Gütersloher Verlagshaus 2004, 192 Seiten, 12,95 €.
Bonner Generalanzeiger / 4./5.9.2004



