"Wir waren die evangelische Kirche!"

Zeitzeugen erzählen über die Bekennende Kirche, die sich 1934 gegen den Druck der Nazis stellte.

„Für uns war das wie Brot, wie Lebensbrot. Ich wäre nicht im kirchlichen Dienst geblieben ohne die Barmer Theologische Erklärung.“ Ruhig, langsam und ohne Pathos erinnert sich Ilse Härter an die Zeit Ihres Theologiestudiums. Hier wird nicht verklärt, sondern nüchtern festgestellt. Die 92jährige sitzt in ihrem Wohnzimmer in Goch am Niederrhein. In Tübingen, wo sie studierte, wurde sie – wie sie sagt – vom 30. Januar 1933 „überrascht“. Viele ihrer Dozenten gehörten zu den „Deutschen Christen“. Diese Gruppe innerhalb der evangelischen Kirchen wollte die nationalsozialistische Ideologie mit dem christlichen Glauben verbinden, zu einem arischen, „heldischen“ Christentum. Ilse Härter war von ihrem Elternhaus her „nicht besonders kirchlich geprägt“, aber sie wusste: Mit den „Deutschen Christen“ wollte sie nichts zu tun haben. Sie überlegte, das Studium zu wechseln, wollte das aber ihren Eltern nicht zumuten. Sie wechselte nur den Studienort: In Königsberg lernte sie Professoren kennen, die für eine andere Kirche standen. Im Frühsommer 1934 hörte sie von der Synode, die sich am 31. Mai in der alten Gemarker Kirche in Wuppertal-Barmen getroffen und dort eine Erklärung mit sechs Thesen veröffentlicht hatte: Die Barmer Theologische Erklärung. Da war für Ilse Härter klar: „Das ist die Richtung, zu der ich gehöre.“

Das Jahr 1933 brachte für den deutschen Protestantismus rasante Veränderungen. Im nationalen Überschwang sollte aus den 28 Landeskirchen eine Reichskirche mit einem Reichsbischof geschaffen werden. Bei den ersten reichsweiten Kirchenwahlen im Juli 1933 gewannen die „Deutschen Christen“ in vielen Gebieten Mehrheiten. Einige Gemeinden und Pfarrer wehrten sich dagegen, dass in der Kirche das „Führerprinzip“ gelten solle. Sie luden Vertreter aus allen Landeskirchen zur „Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche“ ein. „Viele sagten damals: Wir wissen gar nicht, ob das erlaubt ist“, erzählt Wolfgang Scherffig, der im Mai 1934 in Marburg Theologie studierte. Die Synode sei ganz „unamtlich“ zusammengekommen. „Unamtlich“ vollzog sich so das kirchenhistorische Ereignis, dass zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Protestantismus Vertreter von lutherischen, reformierten und unierten Kirchen zusammenkamen und ein gemeinsames Bekenntnis verfassten – lange bevor lutherische und reformierte Kirchen miteinander Abendmahl feiern konnten. Herausgekommen sei ein „großartiges Wort“, sagt Wolfgang Scherffig. Seine Stimme wird eindringlich, fast beschwörend. Er redet mit dem ganzen Körper. Scherffig wohnt mit seiner Frau Ilse in einer kleinen Wohnung einer schicken Essener Seniorenresidenz. Fast alle seiner Bücher hat er fortgegeben; auch weil er kaum noch lesen kann. Nur die Bände der Kirchlichen Dogmatik von Karl Barth stehen noch in einem Wohnzimmerregal. Karl Barth war Scherffigs großer Lehrer – er war der maßgebliche Verfasser der Barmer Erklärung.

Wolfgang Scherffig ist sichtlich bewegt, als er die sechs Barmer Thesen zusammenfasst: Eine christliche Kirche habe nur Sinn, wenn sie sich allein an Christus orientiere. Zu Christus gehöre immer eine Gemeinde, die eine andere Gesinnung habe als die Welt drum herum. Und „die ganz wichtige fünfte These“, in der es um das Verhältnis der Kirche zum Staat geht. Den ersten verschachtelten Satz der fünften These kann Scherffig aus dem Kopf zitieren: „Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen.“ Mit langem Atem hat Scherffig alle Betonung auf die letzten beiden Substantive gelegt: „für Recht und Frieden zu sorgen“. Deswegen war Hitlers Grundeinstellung „hinfällig für uns“, resümiert Scherffig. Aber er gibt zu: Damals war „die politische Frage noch außen vor.“ Die kirchliche Opposition formierte sich unter dem Slogan: „Kirche muss Kirche bleiben“ und hielt den Streit mehrheitlich für ein reines Kirchenthema. „Seid untertan der Obrigkeit“, dieser Satz aus dem Römerbrief habe die Haltung vieler Christen zum Staat geprägt, sagt Scherffig. Die politische Erkenntnis über den wahren Charakter des NS-Staats habe sich erst langsam Bahn gebrochen. Scherffig blieb nach 1945 ein politischer Pastor: Er engagierte sich in den 50er Jahren gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und für die Versöhnung mit den Völkern Osteuropas – lange vor Willy Brandts Ostpolitik. Und er ist stolz, dass seine vier Söhne Kriegsdienstverweigerer sind. „...für Recht und Frieden zu sorgen.“



Die Bekenner von Barmen hatten vor allem den Kampf gegen einen Mann aufgenommen: den verhassten „ReiBi“, den Reichsbischof Ludwig Müller. Sie behaupteten, die wahre Deutsche Evangelische Kirche zu sein. Wer dazugehören wollte, musste eine grüne oder rote Mitgliedskarte unterschreiben. So entstand unter den evangelischen Christen eine Bekennende Kirche. Es kam zu Spaltungen in Gemeinden und Presbyterien. Pastoren, die zur Bekennenden Kirche gehörten, kamen in die Bredouille: sie unterstellten sich einer eigenen Bekenntnis-Kirchenleitung, führten ihre Kollekten dorthin ab – und wurden trotzdem von den Konsistorien der „offiziellen“ Kirche bezahlt und oftmals auch reglementiert.

Es waren die jungen Theologiestudenten wie Ilse Härter und Wolfgang Scherffig, die auf eine klarere Trennung von der Reichskirche drängten. Sie wollten ihre theologischen Prüfungen und ihr Vikariat bei der Bekennenden Kirche leisten, nicht unter Aufsicht der „offiziellen“ Konsistorien. Diese jungen Theologen wurden die sogenannten „Illegalen“. Ohne eine gesicherte Stellung lebten sie von den Spenden der bekennenden Christen und von der Courage einiger älterer Pfarrer, die sich einen jungen „Illegalen“ in die Gemeinde holten.

Wegen der finanziell ungesicherten Lage haben die Wolfgang und Ilse Scherffig erst nach sieben Jahren Verlobungszeit 1940 geheiratet. Aus der Bekennenden Kirche wurde Ihnen davon abgeraten. „Die Bekennende Kirche musste ja die Verantwortung übernehmen wegen des Geldes“, sagt Ilse Scherffig, „Und wenn im Krieg jemand fiel: wie sollte es dann gehen mit den Witwen?“ Ihr Mann ergänzt, dass er bis 1945 keinen Pfennig aus den Kirchensteuern bekommen habe. Und Ilse Härter meint nachdenklich, dass sie wohl sehr karg gelebt hätte. Das prägt sie bis heute. Pastoren, die jammern, dass sie zu wenig verdienen, kann sie nicht verstehen.

Auch wenn die Christen der Bekennenden Kirche keinen politischen Widerstand anstrebten, wurde das, was sie taten, doch politisch. Im Lauf der Zeit interessierte sich immer öfter die Geheime Staatspolizei dafür, was in den Gottesdiensten geschah und welche Flugblätter kursierten. Verschwiegenheit und Klugheit wurden zu wichtigen Tugenden. Edith Immer war damals eine Teenagerin in Wuppertal. Ihre Familie gehörte zur Bekennenden Kirche. Edith Immer erinnert sich, wie ihr späterer Mann Karl Immer junior, Sohn des Gemarker Pfarrers, zum Leidwesen der Familie 1934 noch SS-Anwärter war. Das prädestinierte ihn aber dazu, die „Blätter von der Synode heimlich zu verteilen.“ Niemand hätte einen Mann in SS-Uniform verdächtigt. Edith Immer lächelt: „Wie er merkte, wo der Hase hinlief, ist er auch aus der SS ausgetreten.“ Auch Margret Koenig, Tochter des Unterbarmer Pfarrers Julius Voget, erinnert sich, wie Flugblätter in einem Korb schmutziger Wäsche oder in der Schürze der Mutter versteckt wurden, wenn die Polizei am Pfarrhaus klingelte. Margret Koenig erzählt eifrig; sie ist stolz auf ihren Vater, „der sich immer den Mund verbrannt hat.“ Später hat sie – wie auch Edith Immer – einen Pfarrer geheiratet. Einmal, sagt Margret Koenig, habe ihr Vater einem ganzen Jahrgang von Konfirmanden denselben Konfirmationsspruch gegeben: „Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Edith Immer erinnert sich, wie ihr Schwiegervater am Sonntag nach der Pogromnacht 1938 auf der Kanzel der Gemarker Kirche stand und seiner Gemeinde sagte, er könne heute nicht predigen. Er las nur die zehn Gebote vor und einige andere Bibelstellen. „Da konnte die Gestapo nichts gegen machen.“

So mutig wie Karl Immer waren nicht viele Bekenntniskirchler. Je länger der „Kirchenkampf“ dauerte, desto kompromissbereiter wurde die Leitung der Bekennenden Kirche. Wolfgang Scherffig sucht vorsichtig nach Worten, er will wohl niemandem Unrecht tun. Schließlich meint er: „Die Älteren neigten immer wieder zu Kompromissen, zu denen wir sagten, dass das auf die Dauer nicht möglich ist.“ Die Leitung der Bekennenden Kirche im Rheinland drängte die jungen Theologen schließlich, sich beim Konsistorium „legalisieren“ zu lassen. Man hatte Angst vor der finanziellen Verantwortung gegenüber den „Illegalen“. Schließlich habe er dem Drängen nachgegeben und gegen Ende des Krieges einen Antrag beim Konsistorium gestellt, seufzt Scherffig. Aber: Er habe nie eine Antwort vom Konsistorium bekommen. Und verschmitzt fügt Scherffig hinzu: „Auch wenn ich es freundlich formuliert habe.“

Ilse Härter hat keinen solchen Antrag gestellt: „Wir waren in Barmen angetreten, die evangelische Kirche zu sein. Die anderen waren die Abweichler. Eigentlich hätten wir die legalisieren müssen, dann wären wir auf der Linie von Barmen gewesen.“ Ilse Härter ist besonders die zweite These der Barmer Erklärung wichtig geworden: Dass Jesus Christus Gottes Zuspruch und Anspruch auf das ganze Leben ist und kein Lebensbereich davon ausgenommen werden darf. Den Zuspruch Gottes habe sie erlebt, als sie mit „wackeligen Knien“ im Gestapo-Verhör saß und doch ruhig und schlagfertig reagieren konnte. Der Anspruch Gottes auf das ganze Leben hatte für sie politische Konsequenzen: Sie leistete keinen Eid auf Hitler, sie legte keinen Ariernachweis vor, sie half, Juden zu verstecken. Ein Erlebnis geht ihr dabei nicht aus dem Sinn. Sie atmet ein wenig tiefer, als sie es erzählt: Ein Gestapo-Mann klingelt am Pfarrhaus, in dem Härter als junge Theologin mit der Pfarrfamilie lebte. Sie öffnet die Tür und wird gefragt, ob sie Frau Neumann, die versteckte Jüdin, sei. Wahrheitsgemäß sagt sie ‚Nein’. „Im selben Augenblick habe ich gedacht: Ich hätte ‚Ja’ sagen müssen.“ Die Jüdin wird gefunden, der Pfarrer ins Rathaus geladen und gefragt, ob er nicht wisse, dass die Gesuchte eine Jüdin sei. Er sagt, wie vorher mit der Frau verabredet, er hätte sie für ein Berliner Bombenopfer gehalten. Er hofft, so die anderen versteckten Juden zu schützen – und fühlt sich nachher genauso schuldig wie Ilse Härter: Er wirft sich vor, dass er die Polizisten nicht angeschrieen hat: Ich wusste dass sie Jüdin war, ihr Verbrecher! „Was hätten Sie getan?“, fragt Härter und sagt dann in ihrer ruhigen aber bestimmten Art: „Jedenfalls haben wir da dem Anspruch nicht genügt. Also das muss ganz klar sein.“

Nach dem Krieg wurde auf das Versäumnis hingewiesen, dass in der Barmer Erklärung nichts zur Judenverfolgung gesagt wurde. Inzwischen steht wenige Meter neben der Kirche in Barmen-Gemarke eine neue Synagoge. Das Grundstück hat die Evangelische Kirche im Rheinland der jüdischen Kultusgemeinde geschenkt. Auch ein Zeichen für die christliche Schuld: Wir hätten früher politisch werden müssen.

Chrismon Rheinland / Mai 2004