Reformierter Lehrling Luthers.
Zur Erinnerung an den Theologen Helmut Gollwitzer.
Wer heute evangelische Theologie studiert, kommt nicht unbedingt mit dem Namen Helmut Gollwitzer in Berührung. Der vor zehn Jahren, am 17. Oktober 1993 verstorbene Berliner Theologe ist innerhalb seines Faches nicht mehr sonderlich gefragt. Während über andere lebende oder verstorbene Kapazitäten Dissertationen geschrieben werden, findet man zu Gollwitzers Leben und Werk kaum ausführliche Monografien. Dabei war Gollwitzer zu seinen Lebzeiten ein Theologe, der über die Grenzen von Universität und Kirche hinaus bekannt war: Als Professor, der sich mit den protestierenden Studenten Berlins verbündete, der in der Friedensbewegung aktiv war - einer der immer wieder zu gesellschaftlichen Fragen Stellung bezog.
Beide Phänomene - die Vernachlässigung Gollwitzers in der Theologie und seine Bekanntheit zu Lebzeiten - sind wohl zwei Seiten der selben Medaille: Gollwitzer hat sich intensiv auf seine Zeit eingelassen. Es ging ihm nicht um zeitlose Wahrheiten, sondern darum, wie Gott für seine Zeit wirklich werden kann. Viele seiner Fachkollegen sind zurückhaltender, wenn es darum geht zu sagen, was in einer bestimmten Situation Gottes Wille ist. Schließlich macht man sich angreifbar damit. Gollwitzer aber ließ sich auf seine Zeit ein und war damit auch lernfähig, wenn die Zeiten sich änderten.
Geboren wurde Gollwitzer am 29. Dezember 1908 als Sohn eines bayerischen lutherischen Pfarrers. Er studierte wie der Vater Theologie. Aber er suchte schon früh den Kontakt mit der Welt jenseits der Kirchen und studierte zusätzlich Philosophie. Sein theologischer Lehrer wurde der reformierte Theologe Karl Barth. Seine zweite theologische Autorität war, getreu seiner Herkunft, Martin Luther. So gesehen kann man Gollwitzer durchaus als konservativen Theologen bezeichnen: In den theologischen Auseinadersetzungen der 50er und 60er Jahre schrieb er vehement gegen die Theologen, für die Gott nur eine Chiffre ihres Existenzverständnisses war.
Im Dritten Reich gehörte Gollwitzer zur Bekennende Kirche und wurde Nachfolger von Martin Niemöller an der Annenkirche in Berlin Dahlem. 1940 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und kam bei Kriegsende in russische Gefangenschaft. Gollwitzer sah dies als gerechte Strafe für seine Beteiligung in der Wehrmacht an. Als er nach viereinhalbjähriger Gefangenschaft wieder nach Deutschland zurückkehrte, schrieb er einen Bericht über seine Erlebnisse unter dem Titel "... und führen, wohin Du nicht willst." Gollwitzer kam durch die sowjetischen Arbeitslager zu einem reservierten bis ablehnenden Urteil gegenüber dem Marxismus, der für ihn folgerichtig zum Sowjetkommunismus führte. Im Atheismus des Marxismus sah er die Ursache für die von ihm erfahrene Inhumanität in der Sowjetunion. Damit passte sein Buch gut in die antikommunistische Stimmung der frühen Fünfziger, so dass das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen sogar eine Sonderausgabe des Buches drucken ließ.
Gollwitzers Freunde aus der Bekennenden Kirche, die sich gegen die restaurativen Tendenzen in der jungen Bundesrepublik wehrten, waren mindestens irritiert, wenn nicht verärgert. Allerdings blieb Gollwitzer nicht bei diesem Urteil stehen: Als Theologieprofessor zuerst in Bonn und ab 1957 in Berlin setzte er sich immer wieder mit Theorie und Praxis des Marxismus auseinander - bis hin zu seinen Bekenntnissen "Warum ich als Christ Sozialist bin" in den 70er und 80er Jahren.
Einen wichtigen Anstoß auf diesem Weg gab ein Treffen des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf 1966 zum Thema "Theologie der Revolution". Die Christen der ehemaligen Kolonialgebiete, die sich mit den Befreiungskämpfen ihrer Völker solidarisierten, traten den Vertretern der westlichen Kirchen selbstbewusst gegenüber. Gollwitzer erzählte, wie ihm ein Kirchenmann aus Mosambik sagte: "Du bist nicht mein Bruder!" Bruder könne er erst wieder sein, wenn er sich von der Ausbeuterpraxis seines Landes löse und sich auf die Seite der für Freiheit kämpfenden Völker stelle. Gollwitzer nahm diese Begegnung zum Anlass, die Klassengebundenheit der eigenen Person und seiner Kirchen zu thematisieren. 1968 vermittelte er das Thema "weltweite Gerechtigkeit" der Vollversammlung des ÖRK nach Deutschland. Sein Buch dazu trägt den Titel: "Die reichen Christen und der arme Lazarus". Vietnam, Chile und später Nicaragua waren Länder, für die er sich engagierte. Kritik löste seine Unterstützung für die Sammelaktion "Waffen für El Salvador" aus. Wie gesagt: Wer sein christliches Votum konkret macht, macht sich angreifbar. Gollwitzer nahm das in Kauf.
Und: Gollwitzer eignete sich ein enormes gesellschaftswissenschaftliches Wissen an, um kompetent Stellung nehmen zu können. Dafür entdeckte er auch den Wert der marxistischen Theorie. Er nutzte sie für seine Interpretation der Welt - am umfassendsten in seinem Buch "Die kapitalistische Revolution" von 1974, worin er den "Gang der internationalen Klassenkämpfe" und die Beteiligung der christlichen Kirchen daran analysierte: Gollwitzer sah im Kapitalismus ein "Privilegiensystem" und in seiner Ausbreitung eine permanente Revolutionierung der Lebenswelt und ein Bedrohung für die gesamte Menschheit, weshalb "wir nicht zu wählen haben, ob wir Revolution wollen oder nicht, sondern nur noch welche wir wollen: die schon in Gang befindliche und noch eskalierende Revolution der entfesselten Destruktivkräfte oder die Umkehr von der Destruktion zu einem konstruktiven Entwurf der menschlichen Gesellschaft." Dies waren für Gollwitzer nicht Ausflüge in den Grenzbereich der Theologie, sondern gehörte für ihn zum Eigentlichen der Theologie. Denn es wäre eine Selbsttäuschung des Theologen, "wenn er meinte, durch Verharren im Zeitlos-Grundsätzlichen vor der Beeinflussung durch seine politische und gesellschaftliche Umwelt frei zu sein." Zeitgebundenheit hieß für Gollwitzer also nicht, die Themen zu reiten, die gerade en vouge sind, sondern sich von den Problemen der Welt auch dahin führen zu lassen, wohin man nicht will. Und Zeitgebundenheit hieß für Gollwitzer auch, die eigene Gebundenheit an die Zeit mit zu reflektieren: "Das Durchdenken des politischen Bezuges und der gesellschaftlichen Konsequenzen der christlichen Verkündigung gehört je und je in einer gegebenen Zeit und Umwelt zu den Aufgaben nicht nur des Sozialethikers, sondern jedes Theologen."
Mit dieser weltoffenen Art Theologie zu treiben wurde Gollwitzer einer der Väter des jüdisch-christlichen Dialogs, einer, der die Auseinandersetzung mit dem Atheismus und der zeitgenössische Philosophie suchte, einer der Inspiratoren der sozialgeschichtlichen Bibelauslegung und er war der Theologe der wohl am deutlichsten die kapitalistische Gesellschaft kritisierte. Aber abgesehen davon, dass seine Kapitalismuskritik in Zeiten der Globalisierung wieder aktuell wird, ist es vor allem die Art und Weise wie Gollwitzer Theologie getrieben hat, die heute noch vorbildlich ist - obwohl sie so wenig Nachahmer gefunden hat. Dass sich Diktion und Themen mancher Gollwitzertexte überholt haben, ist kein Schaden, sondern ein Qualitätsmerkmal. Wenn dem nicht so wäre, hätte er nicht für seine Zeit geschrieben.
Bei aller Gesellschaftskritik blieb Gollwitzer ein reformatorischer Theologe par excellence. In seinem Buch "Krummes Holz - aufrechter Gang" führt er aus, dass der Sinn des Lebens nicht durch die Arbeit für eine bessere Welt erreicht, sondern empfangen wird: Durch die Zusage Gottes, dass er die Menschen gütig annimmt und die Welt zu einem heilvollen Ende bringen will. So wird der Mensch zu einem Mitarbeiter Gottes und engagiert sich für die ersten "Veränderungen im Diesseits". Wie Engagement und Glaube bei Gollwitzer zusammenhängen, zeigt ein Bonmont aus den Zeiten der Studentenproteste in Berlin: Gollwitzer gehörte zu den wenigen der "liberalen" Professoren, die auch noch zu den Studenten hielten, als diese radikaler wurden. Diese "Standfestigkeit" brachte Gollwitzer die Bewunderung mancher Studenten ein, die dies salopp quittierten: "Kunststück, Gollwitzer weiß eben, dass er in Gottes Hand ist."
Zeitzeichen / Oktober 2003