Klarheit statt Harmonie.

Zum ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin.

Ein „Meilenstein für die Ökumene“ war er für die Veranstalter, der erste Ökumenische Kirchentag in Berlin. Das sei er gerade nicht gewesen, sagen die Kritiker. Und ganz Besorgte sehen gar Rückschritte für die Ökumene, weil nun die Trennung beim Abendmahl von beiden Seiten bestätigt und eine Änderung nicht in Sicht sei.

Die Veranstalter bemühten sich sichtlich um Harmonie zwischen den Konfessionen - vielleicht musste das so sein beim ersten gemeinsamen Großprojekt. Nur haben sie damit die bestehenden Konflikte eher verdunkelt als erhellt. Doch zum Glück gab es die Harmoniestörer in der Gethsemane-Kirche. Die haben mit ihren Abendmahlsfeiern zwar auch nicht den Prozess zu einem offiziellen gemeinsamen Abendmahl befördert, aber sie haben Reaktionen provoziert: In ökumenischer Eintracht wurden sie von katholischen wie von evangelischen Bischöfen - und selbst Bischöfinnen abgestraft: Margot Käßmann erklärte zum Beispiel ungefragt, dass sie das Abendmahl nicht zum „Provokationselement eines Kirchenkampfes“ machen würde. Und damit wurden die Prinzipien, nach denen der real existierende Katholizismus wie der genauso reale Protestantismus funktionieren, bis zur Kenntlichkeit entstellt:

Katholisch ist es, wenn vieles verboten ist, man aber trotzdem alles machen kann, solange man es nicht laut sagt. Kongenial in Worte fasste das der Vorsitzende der katholischen Bischofkonferenz, Karl Lehmann, im taz-interview. Er bejahte die Frage, ob er einem Protestanten schon einmal die Hostie gereicht habe: „Aber ich habe vorher gesagt, dass ich das zwar nicht propagiere, aber in einem bestimmten Fall und unter bestimmten Bedingungen dulde.“ So ist das Rom-kompatibel.

Protestantisch ist es, wenn man stolz auf ein protestantisches Profil ist, aber im Ernstfall lieber die Zumutungen der anderen schluckt und sie „Partner“ nennt, obwohl man selber nur die Rolle des Juniorpartners zugewiesen bekommt. Die Bezeichnung der protestantischen Kirchen als „kirchliche Gemeinschaften“ von Seiten Roms fand im Jahr 2000 noch den scharfen Protest von Manfred Kock, dem Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die neuerliche Wiederholung dieses Terminus in der Papst-Enzyklika vom Gründonnerstag kommentierte Kock gelassener: Er sehe in der Enzyklika keinen Rückschlag für die Ökumene, sondern lediglich die Feststellung eines Zustandes. Da fühlte sich der Redenschreiber des Papstes ermuntert, solche Zustandsbeschreibung auch beim Grußwort für den Kirchentag nicht auszulassen: Während der Papst den Kardinal Sterzinsky begrüßte, in „dessen Erzdiözese dieses Treffen stattfindet“, begrüßte er parallel nur den evangelischen Bischof von Berlin Brandenburg, Wolfgang Huber - und ließ aus: In dessen Landeskirche der Kirchentag stattfindet - weil Kirche und Protestantismus ja zwei einander ausschließende Bereiche sind. Und wer daran schuld ist, sagte der Papst auch: Der Kirchentag werde im „Land, in dem die westliche Kirchenspaltung ihren Anfang nahm“ gefeiert. Das ist historisch gesehen nicht wirklich zutreffend: Die Bannbulle, die Luther exkommunizierte, wurde in Rom unterzeichnet. Aber es zeigt, wie man in Rom denkt: nicht historisch, sondern dogmatisch. Und so hat der Harmonie-Kirchentag - das ist die amüsante Volte bei der Geschichte - unfreiwillig den Stand der evangelisch-katholischen Beziehungen grell beleuchtet.

Wie es in der Ökumene weitergeht, konnte man in Berlin nur am Rande erfahren, weil sich die Kirchenoberen auf den großen Podien zum Thema Ökumene damit begnügten, ihren großen Schmerz über die Trennung am Tisch des Herrn und die großen Hoffnungen auf eine baldige Tischgemeinschaft zu beteuern. Besser wäre es gewesen, in der Sache weiter zu fragen! Klar ist: Die Trennung am Tisch des Herrn hängt am unterschiedlichen Amts- und Kirchenverständnis. An diese Brocken muss man ran: Rom akzeptiert nur die Eucharistiefeier eines Priesters, der in der apostolischen Sukzession geweiht ist, also in der Nachfolge der ersten Apostel steht. Das aber sei bei den Protestanten nicht der Fall. (Außerhalb der katholischen Kirche hätten nur die orthodoxen Kirchen, die Suzkession bewahrt. Deswegen kann ein Katholik zur Not zu einem orthodoxen Priester zur Kommunion gehen, aber nicht zu einem evangelischen Pfarrer.) Was ist mit apostolischer Sukzession gemeint? Eine ungebrochene Kette von Handauflegungen von der Urkirche bis heute? Wohl kaum - wiewohl man in Rom einen kreativen Umgang mit der Geschichtsdarstellung pflegt. Wenn es heißt, die Tradition der Apostel fortzusetzen - diesen Anspruch haben auch die Protestanten. Gunther Wenz, evangelischer Theologieprofessor aus München diagnostizierte zutreffend, dass der Papst in seiner letzten Enzyklika beim Amtsverständnis recht „flott“ argumentiert habe, als würde sich von selbst verstehen, was eine apostolische Amtssukzession bedeute. Da muss nachgefragt werden. Das bringt mehr, als sich zu überlegen, ob man die Ausnahmeregelungen, die Protestanten die Teilnehme an der katholischen Eucharistie gestatten, nicht doch etwas weiter fassen könne. Zu diesem Thema liege der katholischen Bischofskonferenz ein Papier vor, erklärte der Rottenburger Bischof Gebhardt Fürst, dass man bald beraten wolle. Damit zeigen die katholischen Bischöfe nur ihre Angst vor Rom, dass sie das nicht schon vor dem Kirchentag getan haben.

Freilich haben die Protestanten beim Thema Amtsträger auch noch Arbeit zu leisten: Denn was die Ordination, also die Amtseinsetzung eines evangelischen Pfarrers bedeutet, ist selbst unter der betroffenen Personengruppe mehr als unklar. Das zeigt schon die Tatsache, dass in den unterschiedlichen Gliedkirchen der EKD die Pfarrer zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihrer Berufslaufbahn ordiniert werden. Keineswegs ist die Ordination überall tatsächlich die Voraussetzung um die Sakramente zu verwalten - wie es wohl ursprünglich mal gedacht war. Diese Unklarheit haben die deutschen Protestanten erkannt. So kursiert bei den Landeskirchen ein Arbeitspapier zum Thema Ordination, das ab September diesen Jahres vom theologischen Ausschuss der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) in eine stabile Form gebracht werden soll. Bleibt zu hoffen, dass dies nicht dazu genutzt wird, unter dem Etikett „ökumenische Verständigung“ klerikalisierende Tendenzen in den evangelischen Kirchen zu fördern. Denn nach Luther gibt es eben keinen wesensmäßigen Unterschied zwischen einem normalen Christen und einem Amtsträger - vielmehr: „Was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht zu sein.“ Aber der Reformator fügt hinzu: „Obwohl es nicht jedem ziemt, solches Amt auszuüben.“ Eine schöne Dialektik, die aber für das Gespräch zwischen den Konfessionen einige Klarstellungen erfordert.

Mit den Fragen nach dem Amt der Pfarrer stellen sich aber auch zugleich weitere Fragen, nämlich wie sich die Amtsträger zu den sehr unglücklich „Laien“ genannten Christen verhalten? Und: Was gehört wesentlich zur Kirche - und was nicht? Da braucht es innerkatholische und innerprotestantische Klärungsprozesse: Und die sind für die Kirchenleitungen unter Umständen viel unangenehmer als der ökumenische Dialog:

Sind die unterschiedlichen Kirchenorganisationen nur „historisch gewachsene“ Kirchenformen, die nicht konstitutiv sind für das, was Kirche im Kern ausmacht? So stand es in dem Papier der drei Ökumene-Institute heißt, die Anfang April sieben Thesen zur Eucharistischen Gastfreundschaft veröffentlicht haben.[1] Dann wäre auch die katholische Hierarchie nur eine zeitlich bedingte Organisationsform von Kirche und nicht die allein mögliche. Das könnte in der Tat die größte Sorge in Rom sein, weswegen die anderen Kirchen und deren Amtsträger abgewertet werden: Dass nämlich auf einmal auch innerkatholisch die Amtshierarchie in Frage gestellt wird: Wenn ich anderswo genauso „gültig“ die Eucharistie feiern kann, dann wird die apostolische Sukzession in ihrer Bedeutung relativiert. Die apostolische Sukzession ist aber der theologische Topos, der die Kirchenhierarchie abstützt: Geistliche Macht wird immer nur von oben nach unten verliehen. Es geht beim Abendmahlsstreit also auch um die Frage, ob eine Kirche im 21. Jahrhundert tatsächlich noch organisiert sein muss, wie ein feudaler Ständestaat. Die katholische Kirche hat zwar nicht ihre Lehre, aber doch ihre Organisation relativ unbeschadet durch die Aufklärung gebracht. Das erklärt, warum der Streit beim Abendmahl so hartnäckig ist.

Freilich werden damit auch die protestantischen Kirchen gefragt, was Kirche ausmacht und sie zusammenhält: Dass der Protestantismus seit dem 16. Jahrhundert kein verbindliches Glaubensbekenntnis mehr zustande gebracht hat, in dem gesagt wird, was heute zu glauben ist - die Barmer Theologische Erklärung wurde leider nicht von allen betroffenen Kirchen in diesem Sinne rezipiert - das zeigt, dass auch in den evangelischen Kirchen viel Arbeit zu tun bleibt. Im selben Zeitraum war die katholische Kirche wesentlich produktiver und hat immerhin in zwei Konzilien ihre Botschaft aktualisiert.

Wenn man das Ganze in dieser Dimension sieht, dann merkt man, dass hier nicht flotte Sprüche weiterhelfen, wie der von Margot Käßmann: „Ich hoffe, dass ich noch zu meinen Lebzeiten mit einem katholischen Priester zusammen das Abendmahl feiern kann.“ Gut, aber davor müssen noch einige dicke Bretter gebohrt werden. Das sollte man den Leuten nicht verschweigen. Freilich hat die Bischöfin recht, wenn Sie mit dem Hinweis auf ihre Lebenszeit meint, dass sich die Diskussion irgendwann mal mangels Masse erledigt haben könnte: Sowohl beim Abendmahl in der Gethsemane-Kirche wie bei den großen Ökumene-Podien waren die Teilnehmer in der Mehrzahl über 40 Jahren. Für die Leute unter 30 - immerhin 40% der Kirchentagsbesucher - sind das vermutlich schon Auseinandersetzungen von gestern gewesen.

Dass alldieweil schon viele Gemeinden „vorpreschen“ und gemeinsam Abendmahl feiern, ist kein Problem - solange sie wissen was sie tun. Gute Gründe gibt es genug für sie. Und wenn sie wie im Berliner Beispiel Klarheit produzieren, kann das der Ökumene nur gut tun. Parallel zu den theologischen Einigungen, muss die Ökumene schließlich auch von den Menschen mit Leben gefüllt werden, was vielerorts ja auch geschieht. Man darf sich nur nicht der Illusion hingeben, damit die römische Kirchenleitung allzu sehr zu beeindrucken. Aus römischer Perspektive ist Deutschland ein Teil der Weltkirche - und mehr nicht. Daneben wird in Deutschland auch die ökumenische Zusammenarbeit kirchlicher Verbände weitergehen, und die Kirchen werden sich weiterhin gemeinsam zu politischen Fragen äußern. Hinter all diese Gemeinsamkeiten kann man nicht zurück - auch wenn noch einiges an theologischem und kirchenpolitischem Streit ansteht.

So bleibt zu hoffen, dass der Harmoniekurs des Ökumenischen Kirchentages nur dem Umstand geschuldet war, dass er der erste seiner Art war. Wenn die evangelisch-katholischen Treffen in hoffentlich nicht zu langen Rhythmen zur guten Gewohnheit werden, dann kann man sicher wieder klarer zur Sache kommen. Also war der Kirchentag kein Meilenstein, aber auch kein Rückschritt, sondern ein Zwischenbericht zum Stand der ökumenischen Beziehungen zwischen Katholiken und Protestanten. Als solchen kann man ihn wertschätzen.

[1] Centre d’Études Oecuméniques (Strasbourg), Institut für Ökumenische Forschung (Tübingen), Konfessionskundliches Institut (Bensheim): „Abendmahlsgemeinschaft ist möglich“, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt / Main, 84 Seiten, Euro 6,50; ISBN 3-87476-431-1.

Frankfurter Hefte / Juli-August 2003