Im Lager der dämonischen Mächte.
Kurt Gerstein: Christ, SS-Mann und Zeuge des Holocaust.
Ulrich Tukur spielte in dem Film „Die letzte Stufe“ den Christ und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. Nun kam Tukur kürzlich in Constantin Costa-Gavras Film „Der Stellvertreter“ auf die deutschen Leinwände. Dort spielt Tukur den Widerständler Kurt Gerstein. Beide Male zeigt uns Tukur gradlinige und klarsichtige Helden, die allein ihrem christlichen Gewissen verpflichtet sind und konsequent den Weg des Widerstandes gehen. In der Tat verbindet die beiden Männer einiges: Beide Männer waren 1945 39 Jahre alt, beide erlebten ihren 40. Geburtstag nicht mehr, beide waren Mitglieder der Bekennenden Kirche und im Widerstand gegen Hitler. Und doch: Die Ähnlichkeit der beiden Männer in der Darstellung durch Ulrich Tukur täuscht. Sie waren grundverschieden und gingen sehr unterschiedliche Wege:
Während Bonhoeffers Schicksalsentscheidung ihn 1939 aus dem sicheren Exil der USA zurück nach Deutschland in den organisierten Widerstand trieb, entschied sich Gerstein 1941 für den Eintritt in die SS und blieb bis Kriegsende ein Einzelkämpfer im Widerstand. Während Bonhoeffer schon 1933 verstand, was die Stunde geschlagen hatte, trat Gerstein im selben Jahr in die NSDAP ein. Während Bonhoeffer im April 1945 von den Nazis ermordert wurde, beging Gerstein dreieinhalb Monate später Selbstmord in französischer Kriegsgefangenschaft. Während Bonhoeffer das Bild eines eindeutigen Helden hinterlässt – wie es nur wenige gab, blieb das Bild Gersteins lange ambivalent und sein Beitrag für den Widerstand war umstritten.
Wer war Kurt Gerstein?
Als Sohn eines Landgerichtspräsidenten wuchs Kurt Gerstein in einem nationalkonservativen und großbürgerlichen Millieu auf. Dabei schlug das sechste der sieben Geschwister ein wenig aus der Art: Zum einen wegen seiner unbeherrschten Art und provozierenden Streichen. Ein Mitschüler erinnert sich: „Er existierte eigentlich nur noch von den ‚mildernden Umständen’, die man seiner Exzentrizität, seinem Witz und dem unbestreitbar Genialen in seinen Einfällen zubilligte.“ Einer dieser ‚genialen’ Einfälle war es im Kriegsjahr 1917 auf dem Generalkommando der Reichswehr in Saarbrücken eine weiße Fahne zu hissen.
Zum anderen sonderte der junge Kurt sich durch seiner Hinwendung zu einem persönlichen Glauben vom Rest der Familie ab. Gerstein fand gegen Ende seiner Schulzeit über einen Bibelkreis im Gymnasium Zugang zum Glauben. Für diesen Glauben setzte er sich mit jugendlichem Eifer ein: Während seiner Studienzeit engagierte er sich als Leiter von Schülerbibelkreisen, organisierte Fahrten und Zeltlager mit Jugendlichen, baute ein Freizeitheim auf und wurde schließlich im Herbst 1933 Führer der Jungmannschaft im Bund Deutscher Bibelkreise, d.h. er war reichsweit für die Arbeit mit Studenten, Werktätigen und Soldaten aus der Bibelkreisbewegung zuständig.
Fragt man heute Zeitzeugen, die Gerstein aus dieser Zeit kennen, dann berichten sie von einem „schlacksig-ungelenken“, aber charismatischen Jugendleiter: Exzentrisch, mit „süffisantem Humor“ und moralisch rigoros: Er sprach mit den pubertierenden Jungen – damals eine Seltenheit – über ihr Geschlechtsleben und war um „Ehre und Reinheit“ in diesen Dingen besorgt. Für solche „Reinheit“ ging er forsch zur Sache: Mit einem Trupp Jugendlicher beschmierte er nachts Apothekenfensterscheiben, wenn dort für Kondome geworben wurde. Genauso forsch protestierte er 1935 in der Hagener Stadthalle während der Aufführung eines neuheidnischen Theaterstückes. Während der Vorstellung sprang er auf und rief in den Saal: „Unerhört, wir lassen uns unseren Glauben nicht unwidersprochen öffentlich verhöhnen.“ Er wurde zusammengeschlagen und aus dem Theater gezerrt. „Gerstein tat immer das Abnormale“, erinnert sich einer seiner Jungen von damals.
Solche Erfahrungen wie in der Hagener Stadthalle führten Gerstein aber nicht zu einer Ablehnung des Nationalsozialismus. Auf Betreiben des Vaters traten am 1. Mai 1933 alle männlichen Mitglieder der Familie Gerstein in die NSDAP ein. Auch Kurt. Als 1934 alle Jugendverbände aufgelöst und in die Hitlerjugend eingegliedert wurden, protestierte Gerstein zwar, aber er vergaß nicht zu betonen, dass er den totalen Staat Hitlers „restlos bejaht“.
Gerstein hatte Bergbau studiert und legte im November 1935 sein Bergassessor-Examen ab. Seine erste Anstellung bei der staatlichen Saargruben-Verwaltung währte allerdings nicht lange. Im September 1936 wurde Gerstein verhaftet, weil er vier Predigten von Theologen der Bekennenden Kirche an sämtliche Staats- und Ministerialräte verschickt hatte. Natürlich anonym. Gerstein flog als Absender der Briefe auf, wurde von der Gestapo verhaftet, aus der Partei ausgeschlossen und verlor seinen Posten als Bergassessor. Die Beamtenlaufbahn konnte er damit vergessen. Eine Zeitlang lebte er noch von einer geerbten Beteiligung an einer Düsseldorfer Firma. Die ermöglichte es ihm, ein Zweitstudium anzufangen: Medizin und evangelische Theologie in Tübingen. Außerdem bemühte er sich in selbstverfassten Schriften um den „Jugendschutz“: Sexualaufklärung im konservativ-christlichem Sinne. Aber weder Studium noch Aufklärungsschriften liefen so, wie er sich das wünschte. 1938 wurde er zum zweiten Mal verhaftet und für 14 Tage in das Polizeigefängnis in Welzheim eingeliefert. Ein Besuch bei einem monarchistisch gesonnen Zirkel, mit dem er sonst nichts zu tun hatte, war ihm zum Verhängnis geworden. Diese Zeit im Polizeigewahrsam bezeichnete er später als die schlimmste Zeit seines Lebens. Er habe an Selbstmord gedacht. Man kann nur mutmaßen, was ihm Gefängnis angetan wurde.
Inzwischen ist Gerstein zum Außenseiter im NS-Staat geworden. Er sieht den Nationalsozialismus als Feind der Gerechtigkeit und als Feind der Kirchen. Die Gerechtigkeit sei „eine Hure des Staates“ geworden, schreibt er an einen Onkel in Amerika. Das hat er in Welzheim vermutlich am eigenen Körper erlebt. Und weiter schreibt er: Das Ziel des Nationalsozialismus sei „nicht nur die Vernichtung der katholischen und evangelischen Kirche, sondern jedes ernsthaften Gottesglaubens in Deutschland überhaupt“.
Eine kurze Anstellung in der Privatwirtschaft scheiterte im August 1940. Das wurde ein echtes Problem, da das Geld aus der Firmenbeteiligung versiegte. Außerdem hatte Gerstein 1937 seine Verlobte Elfriede Bensch geheiratet und nach der Geburt des ersten Sohnes im Oktober1939 eine Familie zu ernähren. Unterstützt vom Vater bemühte er sich deswegen, seinen Parteiausschluss aufheben zu lassen, der ihm viele berufliche Möglichkeiten verbaute.
In dieser Situation fiel der Entschluss, sich bei der SS zu bewerben. Wie Gerstein später in seinem berühmten Bericht schrieb, waren es die Gerüchte über Euthanasiemorde, die ihn zu diesem Schritt brachten: „Als ich von der beginnenden Umbringung der Geisteskranken in Grafeneck und Hadamar und andernorts hörte, beschloss ich auf jeden Fall den Versuch zu machen, in diese Öfen und Kammern hineinzuschauen, um zu wissen, was dort geschieht. Dies umso mehr, als eine angeheiratete Schwägerin Bertha Ebeling – in Hadamar zwangsgetötet wurde.“ In der Tat kursierte zu dieser Zeit in den Kreisen der Bekennenden Kirche in Württemberg ein Brief des Bischofs Theophil Wurm, in dem dieser die Ermordung geistig Behinderter anklagt. Bei der Trauerfeier seiner Schwägerin vertraute Gerstein sich auch dem befreundeten Pfarrer Otto Wehr an. Der berichtete später: „Meinen sehr starken Bedenken gegen diesen Plan, in das Lager der dämonischen Mächte hineinzugehen, begegnete er mit leidenschaftlich bewegter Entschlossenheit. Bei der den ganzen Menschen Kurt Gerstein charakterisierenden impulsiven Aktivität konnte es nicht zweifelhaft sein, dass es ihm mit seinen ganz ungewöhnlichen Gaben und Fähigkeiten gelingen würde, dahin zu kommen, wohin er wollte: in die Reichsführung der SS.“ Es kennzeichnet Gerstein, dass er sich nicht eben kleine Ziele steckte.
Trotzdem wird man auch Gersteins berufliche Situation als ein weiteres Motiv für diesen Schritt ansehen können. Außerdem bekam Gerstein den Hinweis, dass sein Wiederaufnahmeverfahren in die NSDAP mehr Erfolg haben würde, wenn er sich bei einem NS-Verband melden würde.
Am 15. März 1941 rückte Gerstein zur Grundausbildung bei der Waffen-SS ein. Dort gelang es dem gelernten Bergbauingenieur in relativ kurzer Zeit, sich zu einem Desinfektionsfachmann auszubilden: Im Hygiene-Institut der Waffen-SS baute er mobile Desinfektionsanlagen für Soldaten -, Gefangenen-, und Konzentrationslager. Desinfiziert wurde mit dem hochgiftigen Blausäurepräparat „Zyklon B“. Genau diese Tatsache führte den Desinfektionsfachmann Gerstein im August 1942 auf eine furchtbare Dienstreise: Die Ermordung der Juden erfolgte in den KZs bis dahin mit Dieselgasen. Man suche aber eine „bessere und schnellere Sache“. Mit 100 kg Blausäure im Gepäck fuhr Gerstein nach Polen in das Konzentrationslager Belzec.
Dort wirde er Augenzeuge des Holocaust. Er berichtet davon später: „Tatsächlich kam nach einigen Minuten der erste Zug von Lemberg aus an. 45 Waggons mit 6700 Menschen, von denen 1450 schon tot waren bei ihrer Ankunft. Hinter den vergitterten Luken schauten, entsetzlich bleich und ängstlich, Kinder durch, die Augen voll Todesangst, ferner Männer und Frauen.“ Die Menschen müssen sich ausziehen, bekommen die Haare geschnitten und werden nackt in die Gaskammern getrieben: „Die SS zwängt sie physisch zusammen, soweit es überhaupt geht.“ Der Dieselmotor wird angeworfen, aber er springt nicht an. „Die Menschen warten in ihren Gaskammern. Man hört sie weinen, schluchzen.“ Nach knapp drei Stunden springt der Motor an. Durch ein kleines Fenster kann Gerstein in die Kammer schauen: „Nach 28 Minuten leben nur noch wenige. Endlich nach 32 Minuten ist alles tot!“ Die Türen werden aufgerissen: „Wie Basaltsäulen stehen die Toten aufrecht aneinandergepresst in den Kammern. Es wäre auch kein Platz hinzufallen oder auch nur sich vornüber zu neigen. Selbst im Tode verkrampft noch die Hände, so dass man Mühe hat, sie auseinander zu reißen, um die Kammern für die nächste Charge freizumachen.“
Die mitgebrachte Blausäure läßt Gerstein vergraben. Sie sei in Zersetzung geraten, ist seine Ausrede.
Auf dem Rückweg im Nachtzug von Warschau nach Berlin. Gerstein ist noch voll von den schrecklichen Erlebnissen des Vortages. Im Zug trifft er einen Gesandten der schwedischen Botschaft, Göran von Otter. Ihm erzählt er, was er gesehen hat. Otter berichtet von der Begegnung später: „Gerstein war nur mit Mühe zu bewegen, leise zu sprechen [...] Wir standen die ganze Nacht zusammen, sechs Stunde, vielleicht auch acht Stunden. Und immer wieder sprach Gerstein von dem, was er erlebt hatte. Er schluchzte und schlug die Hände vors Gesicht. Ich dachte, er wird diese Gewissensqualen nicht mehr lange aushalten. Er wird sich verraten und sie werden ihn dann verhaften.“ Es bleibt nicht nur beim Diplomaten von Otter: „Das Ausland muss es wissen, es muss Weltgespräch werden“, ist sein Ziel. Gerstein informiert einen Freund aus Studienzeiten, der inzwischen beim holländischen Widerstand ist, er informiert Otto Dibelius vom Leitungskreis der Bekennenden Kirche und viele weitere Bekannte – und er versucht in die Botschaft des Vatikan zu gelangen und gibt einen Bericht beim Syndicus des Berliner Bischofs ab. (Das sind übrigens die einzigen nachweisbaren Kontakte Gersteins mit der katholischen Kirche. Die Figur Pater Ricardos und Gersteins Fahrt nach Rom im Film von Costa-Gavras sind Fiktion.) Aber das schlimmstmögliche passiert: nämlich nichts. Kirchen und Ausland schweigen zum Holocaust.
Gerstein riskiert sein Leben und verfällt zusehends, wie Freunde von ihm berichten. Er wird nervös und lebt in ständiger Angst, als Verräter verhaftet zu werden. Im Hygiene-Institut muss er Zyklon B beschaffen. Er weiß nun, was damit geschieht. Er habe alle Lieferungen, die er bestellen musste, unschädlich gemacht, sagt er später. Ob und wie ihm das wirklich gelungen ist, lässt sich heute allerdings nicht mehr nachweisen.
In den letzten Kriegstagen, Ende März 45, fährt er von Berlin zu seiner Familie nach Tübingen. Und später weiter mit dem Rad nach Reutlingen, wo er sich den französischen Truppen stellt. In französischer Gefangenschaft fängt er sofort an, alles aufzuschreiben, was er bei seiner Arbeit in der SS über den Holocaust gesehen und gehört hatte. Um Zeuge zu sein gegen die Verbrechen der Nazis. Die Franzosen sehen in seinem Bericht aber die Geständnisse eines deutschen SS-Mannes, klagen ihn als Kriegsverbrecher an und sperren ihn in das Militärgefängnis Cherche Midi in Paris. Ein Widerspruch, an dem Gerstein zerbricht. Der Wachmann, der am Nachmittag des 25 Juli 1945 seine Zellentür öffnet, findet Gerstein am Fensterkreuz erhängt.
Gerstein habe sich – wie andere Naziverbrecher auch – durch Selbstmord seiner Strafverfolgung entzogen, urteilte die Tübinger Spruchkammer 1950, als es um Rentenansprüche der Witwe Gersteins ging. Er hätte sich als Christ dem Mitwirken am Holocaust entziehen müssen. „Das ist die Moral der Spießer“, empört sich Iring Fetscher, Politologe aus Frankfurt, über das Tübinger Urteil. Hauptsache man habe sich rausgehalten. In der Tat haben sich viele Menschen nach dem Krieg damit selbst entschuldigt: Wir haben es ja nicht genau gewusst. Und vielfach wollte man es wohl gar nicht genau wissen. Besser nicht hinsehen und sich raushalten – eine Moral, mit der viele dem Untergang entgegenstolperten. Gerstein hatte den Willen zum Hinsehen. Auch auf die Gefahr, sich in eine ambivalente Situation zu manövrieren. Auch auf die Gefahr, dass aus dem, was er da zu sehen bekommt, eine Verantwortung erwächst. Gerstein hat die Verantwortung auf sich genommen, weitergesagt, was er gesehen hatte und sein Leben riskiert.
Hierin sind sich die beiden Widerständler Gerstein und Bonhoeffer wieder einig: Bonhoeffer schrieb in seiner Zelle: „Es kommt nicht darauf an, sich möglichst heroisch aus der Affäre zu ziehen. Gott wartet vielmehr auf unsere verantwortlichen Taten.“
Publik-Forum /10.5.2002
Während Bonhoeffers Schicksalsentscheidung ihn 1939 aus dem sicheren Exil der USA zurück nach Deutschland in den organisierten Widerstand trieb, entschied sich Gerstein 1941 für den Eintritt in die SS und blieb bis Kriegsende ein Einzelkämpfer im Widerstand. Während Bonhoeffer schon 1933 verstand, was die Stunde geschlagen hatte, trat Gerstein im selben Jahr in die NSDAP ein. Während Bonhoeffer im April 1945 von den Nazis ermordert wurde, beging Gerstein dreieinhalb Monate später Selbstmord in französischer Kriegsgefangenschaft. Während Bonhoeffer das Bild eines eindeutigen Helden hinterlässt – wie es nur wenige gab, blieb das Bild Gersteins lange ambivalent und sein Beitrag für den Widerstand war umstritten.
Wer war Kurt Gerstein?
Als Sohn eines Landgerichtspräsidenten wuchs Kurt Gerstein in einem nationalkonservativen und großbürgerlichen Millieu auf. Dabei schlug das sechste der sieben Geschwister ein wenig aus der Art: Zum einen wegen seiner unbeherrschten Art und provozierenden Streichen. Ein Mitschüler erinnert sich: „Er existierte eigentlich nur noch von den ‚mildernden Umständen’, die man seiner Exzentrizität, seinem Witz und dem unbestreitbar Genialen in seinen Einfällen zubilligte.“ Einer dieser ‚genialen’ Einfälle war es im Kriegsjahr 1917 auf dem Generalkommando der Reichswehr in Saarbrücken eine weiße Fahne zu hissen.
Zum anderen sonderte der junge Kurt sich durch seiner Hinwendung zu einem persönlichen Glauben vom Rest der Familie ab. Gerstein fand gegen Ende seiner Schulzeit über einen Bibelkreis im Gymnasium Zugang zum Glauben. Für diesen Glauben setzte er sich mit jugendlichem Eifer ein: Während seiner Studienzeit engagierte er sich als Leiter von Schülerbibelkreisen, organisierte Fahrten und Zeltlager mit Jugendlichen, baute ein Freizeitheim auf und wurde schließlich im Herbst 1933 Führer der Jungmannschaft im Bund Deutscher Bibelkreise, d.h. er war reichsweit für die Arbeit mit Studenten, Werktätigen und Soldaten aus der Bibelkreisbewegung zuständig.
Fragt man heute Zeitzeugen, die Gerstein aus dieser Zeit kennen, dann berichten sie von einem „schlacksig-ungelenken“, aber charismatischen Jugendleiter: Exzentrisch, mit „süffisantem Humor“ und moralisch rigoros: Er sprach mit den pubertierenden Jungen – damals eine Seltenheit – über ihr Geschlechtsleben und war um „Ehre und Reinheit“ in diesen Dingen besorgt. Für solche „Reinheit“ ging er forsch zur Sache: Mit einem Trupp Jugendlicher beschmierte er nachts Apothekenfensterscheiben, wenn dort für Kondome geworben wurde. Genauso forsch protestierte er 1935 in der Hagener Stadthalle während der Aufführung eines neuheidnischen Theaterstückes. Während der Vorstellung sprang er auf und rief in den Saal: „Unerhört, wir lassen uns unseren Glauben nicht unwidersprochen öffentlich verhöhnen.“ Er wurde zusammengeschlagen und aus dem Theater gezerrt. „Gerstein tat immer das Abnormale“, erinnert sich einer seiner Jungen von damals.
Solche Erfahrungen wie in der Hagener Stadthalle führten Gerstein aber nicht zu einer Ablehnung des Nationalsozialismus. Auf Betreiben des Vaters traten am 1. Mai 1933 alle männlichen Mitglieder der Familie Gerstein in die NSDAP ein. Auch Kurt. Als 1934 alle Jugendverbände aufgelöst und in die Hitlerjugend eingegliedert wurden, protestierte Gerstein zwar, aber er vergaß nicht zu betonen, dass er den totalen Staat Hitlers „restlos bejaht“.
Gerstein hatte Bergbau studiert und legte im November 1935 sein Bergassessor-Examen ab. Seine erste Anstellung bei der staatlichen Saargruben-Verwaltung währte allerdings nicht lange. Im September 1936 wurde Gerstein verhaftet, weil er vier Predigten von Theologen der Bekennenden Kirche an sämtliche Staats- und Ministerialräte verschickt hatte. Natürlich anonym. Gerstein flog als Absender der Briefe auf, wurde von der Gestapo verhaftet, aus der Partei ausgeschlossen und verlor seinen Posten als Bergassessor. Die Beamtenlaufbahn konnte er damit vergessen. Eine Zeitlang lebte er noch von einer geerbten Beteiligung an einer Düsseldorfer Firma. Die ermöglichte es ihm, ein Zweitstudium anzufangen: Medizin und evangelische Theologie in Tübingen. Außerdem bemühte er sich in selbstverfassten Schriften um den „Jugendschutz“: Sexualaufklärung im konservativ-christlichem Sinne. Aber weder Studium noch Aufklärungsschriften liefen so, wie er sich das wünschte. 1938 wurde er zum zweiten Mal verhaftet und für 14 Tage in das Polizeigefängnis in Welzheim eingeliefert. Ein Besuch bei einem monarchistisch gesonnen Zirkel, mit dem er sonst nichts zu tun hatte, war ihm zum Verhängnis geworden. Diese Zeit im Polizeigewahrsam bezeichnete er später als die schlimmste Zeit seines Lebens. Er habe an Selbstmord gedacht. Man kann nur mutmaßen, was ihm Gefängnis angetan wurde.
Inzwischen ist Gerstein zum Außenseiter im NS-Staat geworden. Er sieht den Nationalsozialismus als Feind der Gerechtigkeit und als Feind der Kirchen. Die Gerechtigkeit sei „eine Hure des Staates“ geworden, schreibt er an einen Onkel in Amerika. Das hat er in Welzheim vermutlich am eigenen Körper erlebt. Und weiter schreibt er: Das Ziel des Nationalsozialismus sei „nicht nur die Vernichtung der katholischen und evangelischen Kirche, sondern jedes ernsthaften Gottesglaubens in Deutschland überhaupt“.
Eine kurze Anstellung in der Privatwirtschaft scheiterte im August 1940. Das wurde ein echtes Problem, da das Geld aus der Firmenbeteiligung versiegte. Außerdem hatte Gerstein 1937 seine Verlobte Elfriede Bensch geheiratet und nach der Geburt des ersten Sohnes im Oktober1939 eine Familie zu ernähren. Unterstützt vom Vater bemühte er sich deswegen, seinen Parteiausschluss aufheben zu lassen, der ihm viele berufliche Möglichkeiten verbaute.
In dieser Situation fiel der Entschluss, sich bei der SS zu bewerben. Wie Gerstein später in seinem berühmten Bericht schrieb, waren es die Gerüchte über Euthanasiemorde, die ihn zu diesem Schritt brachten: „Als ich von der beginnenden Umbringung der Geisteskranken in Grafeneck und Hadamar und andernorts hörte, beschloss ich auf jeden Fall den Versuch zu machen, in diese Öfen und Kammern hineinzuschauen, um zu wissen, was dort geschieht. Dies umso mehr, als eine angeheiratete Schwägerin Bertha Ebeling – in Hadamar zwangsgetötet wurde.“ In der Tat kursierte zu dieser Zeit in den Kreisen der Bekennenden Kirche in Württemberg ein Brief des Bischofs Theophil Wurm, in dem dieser die Ermordung geistig Behinderter anklagt. Bei der Trauerfeier seiner Schwägerin vertraute Gerstein sich auch dem befreundeten Pfarrer Otto Wehr an. Der berichtete später: „Meinen sehr starken Bedenken gegen diesen Plan, in das Lager der dämonischen Mächte hineinzugehen, begegnete er mit leidenschaftlich bewegter Entschlossenheit. Bei der den ganzen Menschen Kurt Gerstein charakterisierenden impulsiven Aktivität konnte es nicht zweifelhaft sein, dass es ihm mit seinen ganz ungewöhnlichen Gaben und Fähigkeiten gelingen würde, dahin zu kommen, wohin er wollte: in die Reichsführung der SS.“ Es kennzeichnet Gerstein, dass er sich nicht eben kleine Ziele steckte.
Trotzdem wird man auch Gersteins berufliche Situation als ein weiteres Motiv für diesen Schritt ansehen können. Außerdem bekam Gerstein den Hinweis, dass sein Wiederaufnahmeverfahren in die NSDAP mehr Erfolg haben würde, wenn er sich bei einem NS-Verband melden würde.
Am 15. März 1941 rückte Gerstein zur Grundausbildung bei der Waffen-SS ein. Dort gelang es dem gelernten Bergbauingenieur in relativ kurzer Zeit, sich zu einem Desinfektionsfachmann auszubilden: Im Hygiene-Institut der Waffen-SS baute er mobile Desinfektionsanlagen für Soldaten -, Gefangenen-, und Konzentrationslager. Desinfiziert wurde mit dem hochgiftigen Blausäurepräparat „Zyklon B“. Genau diese Tatsache führte den Desinfektionsfachmann Gerstein im August 1942 auf eine furchtbare Dienstreise: Die Ermordung der Juden erfolgte in den KZs bis dahin mit Dieselgasen. Man suche aber eine „bessere und schnellere Sache“. Mit 100 kg Blausäure im Gepäck fuhr Gerstein nach Polen in das Konzentrationslager Belzec.
Dort wirde er Augenzeuge des Holocaust. Er berichtet davon später: „Tatsächlich kam nach einigen Minuten der erste Zug von Lemberg aus an. 45 Waggons mit 6700 Menschen, von denen 1450 schon tot waren bei ihrer Ankunft. Hinter den vergitterten Luken schauten, entsetzlich bleich und ängstlich, Kinder durch, die Augen voll Todesangst, ferner Männer und Frauen.“ Die Menschen müssen sich ausziehen, bekommen die Haare geschnitten und werden nackt in die Gaskammern getrieben: „Die SS zwängt sie physisch zusammen, soweit es überhaupt geht.“ Der Dieselmotor wird angeworfen, aber er springt nicht an. „Die Menschen warten in ihren Gaskammern. Man hört sie weinen, schluchzen.“ Nach knapp drei Stunden springt der Motor an. Durch ein kleines Fenster kann Gerstein in die Kammer schauen: „Nach 28 Minuten leben nur noch wenige. Endlich nach 32 Minuten ist alles tot!“ Die Türen werden aufgerissen: „Wie Basaltsäulen stehen die Toten aufrecht aneinandergepresst in den Kammern. Es wäre auch kein Platz hinzufallen oder auch nur sich vornüber zu neigen. Selbst im Tode verkrampft noch die Hände, so dass man Mühe hat, sie auseinander zu reißen, um die Kammern für die nächste Charge freizumachen.“
Die mitgebrachte Blausäure läßt Gerstein vergraben. Sie sei in Zersetzung geraten, ist seine Ausrede.
Auf dem Rückweg im Nachtzug von Warschau nach Berlin. Gerstein ist noch voll von den schrecklichen Erlebnissen des Vortages. Im Zug trifft er einen Gesandten der schwedischen Botschaft, Göran von Otter. Ihm erzählt er, was er gesehen hat. Otter berichtet von der Begegnung später: „Gerstein war nur mit Mühe zu bewegen, leise zu sprechen [...] Wir standen die ganze Nacht zusammen, sechs Stunde, vielleicht auch acht Stunden. Und immer wieder sprach Gerstein von dem, was er erlebt hatte. Er schluchzte und schlug die Hände vors Gesicht. Ich dachte, er wird diese Gewissensqualen nicht mehr lange aushalten. Er wird sich verraten und sie werden ihn dann verhaften.“ Es bleibt nicht nur beim Diplomaten von Otter: „Das Ausland muss es wissen, es muss Weltgespräch werden“, ist sein Ziel. Gerstein informiert einen Freund aus Studienzeiten, der inzwischen beim holländischen Widerstand ist, er informiert Otto Dibelius vom Leitungskreis der Bekennenden Kirche und viele weitere Bekannte – und er versucht in die Botschaft des Vatikan zu gelangen und gibt einen Bericht beim Syndicus des Berliner Bischofs ab. (Das sind übrigens die einzigen nachweisbaren Kontakte Gersteins mit der katholischen Kirche. Die Figur Pater Ricardos und Gersteins Fahrt nach Rom im Film von Costa-Gavras sind Fiktion.) Aber das schlimmstmögliche passiert: nämlich nichts. Kirchen und Ausland schweigen zum Holocaust.
Gerstein riskiert sein Leben und verfällt zusehends, wie Freunde von ihm berichten. Er wird nervös und lebt in ständiger Angst, als Verräter verhaftet zu werden. Im Hygiene-Institut muss er Zyklon B beschaffen. Er weiß nun, was damit geschieht. Er habe alle Lieferungen, die er bestellen musste, unschädlich gemacht, sagt er später. Ob und wie ihm das wirklich gelungen ist, lässt sich heute allerdings nicht mehr nachweisen.
In den letzten Kriegstagen, Ende März 45, fährt er von Berlin zu seiner Familie nach Tübingen. Und später weiter mit dem Rad nach Reutlingen, wo er sich den französischen Truppen stellt. In französischer Gefangenschaft fängt er sofort an, alles aufzuschreiben, was er bei seiner Arbeit in der SS über den Holocaust gesehen und gehört hatte. Um Zeuge zu sein gegen die Verbrechen der Nazis. Die Franzosen sehen in seinem Bericht aber die Geständnisse eines deutschen SS-Mannes, klagen ihn als Kriegsverbrecher an und sperren ihn in das Militärgefängnis Cherche Midi in Paris. Ein Widerspruch, an dem Gerstein zerbricht. Der Wachmann, der am Nachmittag des 25 Juli 1945 seine Zellentür öffnet, findet Gerstein am Fensterkreuz erhängt.
Gerstein habe sich – wie andere Naziverbrecher auch – durch Selbstmord seiner Strafverfolgung entzogen, urteilte die Tübinger Spruchkammer 1950, als es um Rentenansprüche der Witwe Gersteins ging. Er hätte sich als Christ dem Mitwirken am Holocaust entziehen müssen. „Das ist die Moral der Spießer“, empört sich Iring Fetscher, Politologe aus Frankfurt, über das Tübinger Urteil. Hauptsache man habe sich rausgehalten. In der Tat haben sich viele Menschen nach dem Krieg damit selbst entschuldigt: Wir haben es ja nicht genau gewusst. Und vielfach wollte man es wohl gar nicht genau wissen. Besser nicht hinsehen und sich raushalten – eine Moral, mit der viele dem Untergang entgegenstolperten. Gerstein hatte den Willen zum Hinsehen. Auch auf die Gefahr, sich in eine ambivalente Situation zu manövrieren. Auch auf die Gefahr, dass aus dem, was er da zu sehen bekommt, eine Verantwortung erwächst. Gerstein hat die Verantwortung auf sich genommen, weitergesagt, was er gesehen hatte und sein Leben riskiert.
Hierin sind sich die beiden Widerständler Gerstein und Bonhoeffer wieder einig: Bonhoeffer schrieb in seiner Zelle: „Es kommt nicht darauf an, sich möglichst heroisch aus der Affäre zu ziehen. Gott wartet vielmehr auf unsere verantwortlichen Taten.“
Publik-Forum /10.5.2002



