Zwangsarbeit im Pfarrhaus.
Historiker untersuchen, wie die Kirchen mit ihren Zwangsarbeitern umgingen.
Französische Gefangene hätten viele Freiheiten gehabt, erinnert sich der württembergische Ruhestandspfarrer Roland G., sie hätten sogar weiter ihre Uniform tragen dürfen. Viel schlechter seien die Polen angesehen gewesen; und auf der untersten Stufe hätten die Russen gestanden. „Das konnte man nicht greifen, das waren Stimmungen, die in der Luft lagen, ohne dass man sie greifen konnte“, versucht der Pfarrer die Wirkung der NS-Propaganda zu erklären.
Dass während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland auch die Kirchen Zwangsarbeiter beschäftigten, ist erst im Zuge der allgemeinen Diskussion über die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter in das Blickfeld der Öffentlichkeit geraten.
Die EKD und das Diakonische Werk sahen sich zu schnellem Handeln genötigt und haben im Juli 2000 beschlossen, zehn Millionen Mark in die Bundesstiftung zur Entschädigung der Zwangsarbeiter einzuzahlen. Dabei sollte es aber nicht bleiben. Schon einen Monat später kündigten die EKD und die Diakonie gemeinsam an, ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Zwangsarbeit in Diakonie und Kirche zu starten. Denn trotz den zahlreichen historischen Studien zum Kirchenkampf gibt es praktisch keine wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema. Erst in den letzten ein bis zwei Jahren sind in einigen Landeskirchen und diakonischen Einrichtungen regional begrenzte Nachforschungen begonnen worden. Ein erwünschter Nebeneffekt der historischen Forschungsarbeit ist es, Namen von noch lebenden ZwangsarbeiterInnen ausfindig zu machen. Dann kann diesen alten Menschen eine Bescheinigungen für ihre Zwangsarbeit ausgestellt werden, damit sie Geld aus der Bundesstiftung erhalten. Die württembergische Landeskirche geht noch weiter und will allen ermittelten Zwangsarbeitern zusätzlich 5000 DM zahlen und zu Begegnungen einladen.
Im März dieses Jahres hat die EKD-Forschungsgruppe unter der Leitung des Marburger Kirchenhistorikers Jochen-Christoph Kaiser ihre Arbeit aufgenommen. Im Herbst 2002 soll ein Sammelband erscheinen, der die Ergebnisse dokumentiert. Für Kaiser ist dabei die spannende historische Frage, wie die Kirche unter dem „doppelten totalitären Vorzeichen“ gelebt habe: dem totalen Staat und dem totalen Krieg.
Inzwischen zeichnen sich einige Konturen dieser Geschichte ab: In Kirche und Diakonie waren die meisten Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft beschäftigt, aber auch auf Friedhöfen oder in Pfarrhaushalten als Kindermädchen. Kriegsgefangene wie Zivilisten aus den von Deutschland besetzten Gebieten wurden zur Arbeit im „alten Reich“ zwangsweise dienstverpflichtet und zu ihren neuen Dienstorten gebracht. Insgesamt wird ihre Zahl auf rund zehn Millionen geschätzt. Die Bedeutung dieser erzwungenen Arbeit wird in einer Monografie zur Zwangsarbeit in Baden-Württemberg mit einem einzigen Satz beschrieben: „Ohne den Rückgriff auf die Arbeitskraft von Millionen ausländischer Arbeitskräfte hätte das deutsche Reich den Zweiten Weltkrieg nicht führen können.“
Kirchliche Stellen haben wie alle anderen Arbeitgeber ihren kriegsbedingten Mangel an Arbeitskräften bei den Arbeitsämtern angemeldet. Von dort bekamen sie dann, wenn sie Glück hatten, sogenannte Fremdarbeiter zugewiesen. Darin haben damals wohl die wenigsten ein Problem gesehen. Aber auch für die Nachgeborenen ist die Frage, wie die Zwangsarbeit in der Kirche zu bewerten ist, nicht leicht zu beantworten. Der Kirchenhistoriker Kaiser fragt: „Wenn sich ein Verwaltungsleiter einer diakonischen Einrichtung an das Arbeitsamt wendete und Arbeiter anforderte, und es keine deutschen gab, sondern nur Fremdarbeiter, er aber die Ernte einbringen musste, um seine Pflegebedürftigen zu ernähren, was sollte er tun?“ Es gehe darum, diese konkreten Zwänge aufzudecken und zu beschreiben. Freilich hätten sich manchmal auch Menschen hinter solchen Zwängen versteckt und Dinge mitgetragen die eben doch untragbar waren. Kaiser erinnert an das Euthanasie-Programm.
Für eine Bewertung des Themas sind die Erinnerungen der Opfer von großem Wert – wie z.B. die Erinnerungen aus den Briefen von Olga P., einer Frau aus Weißrussland. Als elfjähriges Mädchen kam sie mit ihrer Mutter und zwei Geschwistern auf dem Bahnhof einer württembergischen Kleinstadt an. Noch auf dem Bahnhof hätten die Deutschen sich die polnischen Arbeiter rausgesucht. Bis die Mutter mit den drei Kindern übrig blieb. Keiner wollte sie haben. Die Frau des Leiters eines Altenpflegeheims der Diakonie nahm sie schließlich mit. Sie mussten in der Landwirtschaft des Pflegeheims arbeiten. Die kleine Olga fuhr mit dem Bollerwagen die Milch in den Ort. „Dafür haben sie uns ernährt.“ Sie erinnert sich, wie der Heimleiter oft zu ihrer Mutter gesagt hat, dass die kleine Olga mehr arbeiten solle. „Aber meine Mutter sagte, dass bei uns Kinder in die Schule gehen.“ Trotzdem lobt sie den Heimleiter, dass sie genug zu essen hatten, weil das nicht selbstverständlich war. In den Lagern, in denen die Industriearbeiter untergebracht waren, herrschten viel schlimmere Zustände. „Wenn wir damals im Lager gewesen wären, würden wir vielleicht auf dem Friedhof begraben sein, wo die anderen 158 Menschen liegen. Im Lager haben die Leute damals gehungert, und wir haben wenigstens zu essen bekommen.“ Olga P. bekam aber auch die massiven Vorurteile gegenüber Menschen aus dem Osten zu spüren: „Seine Frau mochte Russen nicht“, erinnert sie sich. Olga wohnte mit ihren Geschwistern und der Mutter in einem kleinen Nebenhaus. Als das ukrainische Hausmädchen, das im Haus des Heimleiters ein Zimmer hatte, die kleine Olga mit auf ihr Zimmer nimmt, schimpft die Frau des Heimleiters, sie solle keine Russin ins Haus bringen. Die NS-Propaganda hatte gewirkt.
Pfarrer Roland G. erinnert sich an die Polin Katharina die im elterlichen Pfarrhaus als Haushaltshilfe tätig war: Es habe die „offizielle Anweisung“ gegeben, dass die Fremdarbeiter nicht mit am Familientisch sitzen durften. Seit den sogenannten Polenerlassen vom März 1940 mussten die Polen ein Abzeichen auf dem Mantel tragen: Ein P in einem auf dem Kopf gestellten Quadrat. Sie durften keine öffentlichen Veranstaltungen und Kirchen besuchen und keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Auch Ausgangsbeschränkungen gab es: „Gemäss den Vorschriften hatte sie abends nur bis 22 Uhr Ausgang; daran hat sie sich nicht immer gehalten. Umgekehrt empfing sie öfters Besuch von ihrem polnischen Freund, der in einem Rüstungsbetrieb arbeiten musste. Das entsprach natürlich nicht den Vorschriften, deren Einhaltung gelegentlich vom ‚Blockwart‘ der NSDAP kontrolliert wurde“, so Roland G. Auch bei der rationierten Essenszuteilung während des Krieges bekamen die Fremdarbeiter weniger. Wenn der 16-jährige Roland die Essensmarken für die Familie abholte, dann wurden die Marken mit den Sonderzuteilungen für die Polin abgeschnitten. Ein P auf der Lebensmittelkarte markierte die schlechtere Behandlung.
Ähnlich wie Olga P. erinnert sich auch Roland G, dass es den Fremdarbeiterinnen in den privaten Haushalten viel besser gegangen sei als in den Barackenlagern der Industrie. Dadurch kam die Familie in ein Dilemma, als Katharina schließlich durch die Schwester ersetzt werden konnte: Es gelang „meine älteste Schwester, damals 18-jährig, in den ‚kinderreichen‘ Haushalt zu holen anstelle von Katharina. So brauchte meine Schwester nicht in einem kriegswichtigen Betrieb zu arbeiten, sondern konnte meiner Mutter zur Seite stehen – bis Kriegsende. Katharina kam – so weit ich weiß – nun in einen Rüstungsbetrieb.“
Zeitzeichen / August 2001.
Dass während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland auch die Kirchen Zwangsarbeiter beschäftigten, ist erst im Zuge der allgemeinen Diskussion über die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter in das Blickfeld der Öffentlichkeit geraten.
Die EKD und das Diakonische Werk sahen sich zu schnellem Handeln genötigt und haben im Juli 2000 beschlossen, zehn Millionen Mark in die Bundesstiftung zur Entschädigung der Zwangsarbeiter einzuzahlen. Dabei sollte es aber nicht bleiben. Schon einen Monat später kündigten die EKD und die Diakonie gemeinsam an, ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Zwangsarbeit in Diakonie und Kirche zu starten. Denn trotz den zahlreichen historischen Studien zum Kirchenkampf gibt es praktisch keine wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema. Erst in den letzten ein bis zwei Jahren sind in einigen Landeskirchen und diakonischen Einrichtungen regional begrenzte Nachforschungen begonnen worden. Ein erwünschter Nebeneffekt der historischen Forschungsarbeit ist es, Namen von noch lebenden ZwangsarbeiterInnen ausfindig zu machen. Dann kann diesen alten Menschen eine Bescheinigungen für ihre Zwangsarbeit ausgestellt werden, damit sie Geld aus der Bundesstiftung erhalten. Die württembergische Landeskirche geht noch weiter und will allen ermittelten Zwangsarbeitern zusätzlich 5000 DM zahlen und zu Begegnungen einladen.
Im März dieses Jahres hat die EKD-Forschungsgruppe unter der Leitung des Marburger Kirchenhistorikers Jochen-Christoph Kaiser ihre Arbeit aufgenommen. Im Herbst 2002 soll ein Sammelband erscheinen, der die Ergebnisse dokumentiert. Für Kaiser ist dabei die spannende historische Frage, wie die Kirche unter dem „doppelten totalitären Vorzeichen“ gelebt habe: dem totalen Staat und dem totalen Krieg.
Inzwischen zeichnen sich einige Konturen dieser Geschichte ab: In Kirche und Diakonie waren die meisten Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft beschäftigt, aber auch auf Friedhöfen oder in Pfarrhaushalten als Kindermädchen. Kriegsgefangene wie Zivilisten aus den von Deutschland besetzten Gebieten wurden zur Arbeit im „alten Reich“ zwangsweise dienstverpflichtet und zu ihren neuen Dienstorten gebracht. Insgesamt wird ihre Zahl auf rund zehn Millionen geschätzt. Die Bedeutung dieser erzwungenen Arbeit wird in einer Monografie zur Zwangsarbeit in Baden-Württemberg mit einem einzigen Satz beschrieben: „Ohne den Rückgriff auf die Arbeitskraft von Millionen ausländischer Arbeitskräfte hätte das deutsche Reich den Zweiten Weltkrieg nicht führen können.“
Kirchliche Stellen haben wie alle anderen Arbeitgeber ihren kriegsbedingten Mangel an Arbeitskräften bei den Arbeitsämtern angemeldet. Von dort bekamen sie dann, wenn sie Glück hatten, sogenannte Fremdarbeiter zugewiesen. Darin haben damals wohl die wenigsten ein Problem gesehen. Aber auch für die Nachgeborenen ist die Frage, wie die Zwangsarbeit in der Kirche zu bewerten ist, nicht leicht zu beantworten. Der Kirchenhistoriker Kaiser fragt: „Wenn sich ein Verwaltungsleiter einer diakonischen Einrichtung an das Arbeitsamt wendete und Arbeiter anforderte, und es keine deutschen gab, sondern nur Fremdarbeiter, er aber die Ernte einbringen musste, um seine Pflegebedürftigen zu ernähren, was sollte er tun?“ Es gehe darum, diese konkreten Zwänge aufzudecken und zu beschreiben. Freilich hätten sich manchmal auch Menschen hinter solchen Zwängen versteckt und Dinge mitgetragen die eben doch untragbar waren. Kaiser erinnert an das Euthanasie-Programm.
Für eine Bewertung des Themas sind die Erinnerungen der Opfer von großem Wert – wie z.B. die Erinnerungen aus den Briefen von Olga P., einer Frau aus Weißrussland. Als elfjähriges Mädchen kam sie mit ihrer Mutter und zwei Geschwistern auf dem Bahnhof einer württembergischen Kleinstadt an. Noch auf dem Bahnhof hätten die Deutschen sich die polnischen Arbeiter rausgesucht. Bis die Mutter mit den drei Kindern übrig blieb. Keiner wollte sie haben. Die Frau des Leiters eines Altenpflegeheims der Diakonie nahm sie schließlich mit. Sie mussten in der Landwirtschaft des Pflegeheims arbeiten. Die kleine Olga fuhr mit dem Bollerwagen die Milch in den Ort. „Dafür haben sie uns ernährt.“ Sie erinnert sich, wie der Heimleiter oft zu ihrer Mutter gesagt hat, dass die kleine Olga mehr arbeiten solle. „Aber meine Mutter sagte, dass bei uns Kinder in die Schule gehen.“ Trotzdem lobt sie den Heimleiter, dass sie genug zu essen hatten, weil das nicht selbstverständlich war. In den Lagern, in denen die Industriearbeiter untergebracht waren, herrschten viel schlimmere Zustände. „Wenn wir damals im Lager gewesen wären, würden wir vielleicht auf dem Friedhof begraben sein, wo die anderen 158 Menschen liegen. Im Lager haben die Leute damals gehungert, und wir haben wenigstens zu essen bekommen.“ Olga P. bekam aber auch die massiven Vorurteile gegenüber Menschen aus dem Osten zu spüren: „Seine Frau mochte Russen nicht“, erinnert sie sich. Olga wohnte mit ihren Geschwistern und der Mutter in einem kleinen Nebenhaus. Als das ukrainische Hausmädchen, das im Haus des Heimleiters ein Zimmer hatte, die kleine Olga mit auf ihr Zimmer nimmt, schimpft die Frau des Heimleiters, sie solle keine Russin ins Haus bringen. Die NS-Propaganda hatte gewirkt.
Pfarrer Roland G. erinnert sich an die Polin Katharina die im elterlichen Pfarrhaus als Haushaltshilfe tätig war: Es habe die „offizielle Anweisung“ gegeben, dass die Fremdarbeiter nicht mit am Familientisch sitzen durften. Seit den sogenannten Polenerlassen vom März 1940 mussten die Polen ein Abzeichen auf dem Mantel tragen: Ein P in einem auf dem Kopf gestellten Quadrat. Sie durften keine öffentlichen Veranstaltungen und Kirchen besuchen und keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Auch Ausgangsbeschränkungen gab es: „Gemäss den Vorschriften hatte sie abends nur bis 22 Uhr Ausgang; daran hat sie sich nicht immer gehalten. Umgekehrt empfing sie öfters Besuch von ihrem polnischen Freund, der in einem Rüstungsbetrieb arbeiten musste. Das entsprach natürlich nicht den Vorschriften, deren Einhaltung gelegentlich vom ‚Blockwart‘ der NSDAP kontrolliert wurde“, so Roland G. Auch bei der rationierten Essenszuteilung während des Krieges bekamen die Fremdarbeiter weniger. Wenn der 16-jährige Roland die Essensmarken für die Familie abholte, dann wurden die Marken mit den Sonderzuteilungen für die Polin abgeschnitten. Ein P auf der Lebensmittelkarte markierte die schlechtere Behandlung.
Ähnlich wie Olga P. erinnert sich auch Roland G, dass es den Fremdarbeiterinnen in den privaten Haushalten viel besser gegangen sei als in den Barackenlagern der Industrie. Dadurch kam die Familie in ein Dilemma, als Katharina schließlich durch die Schwester ersetzt werden konnte: Es gelang „meine älteste Schwester, damals 18-jährig, in den ‚kinderreichen‘ Haushalt zu holen anstelle von Katharina. So brauchte meine Schwester nicht in einem kriegswichtigen Betrieb zu arbeiten, sondern konnte meiner Mutter zur Seite stehen – bis Kriegsende. Katharina kam – so weit ich weiß – nun in einen Rüstungsbetrieb.“
Zeitzeichen / August 2001.



