"Auf einen Gott, der alles ist, lässt sich keine Religion aufbauen."

Die Giordano-Bruno-Stiftung wird zu einem Motor der säkularen Szene.

In Amerika heißen Sie „Brights“, die Cleveren oder Vernünftigen – und sie werden zu einer immer größeren Bewegung. Menschen, die nicht an Gott glauben, sondern nur an das, was man wissenschaftlich nachweisen kann. Menschen, die eben keiner Religion und weltanschaulichen Gruppierung angehören waren in Deutschland, wenn überhaupt, dann in den sogenannten humanistischen Verbänden engagiert, die u.a. immer noch die Jugendweihen organisieren. Die aber wirken ähnlich verstaubt wie die Kirchen, deren Rituale sie covern.
Seit einiger Zeit ist aber etwas Bewegung in die säkulare Szene gekommen: Die Giordano-Bruno-Stiftung will den Konfessionslosen eine bessere Außendarstellung verpassen – ihr medial agilster Mann ist der Philosoph und Werbefachmann Michael Schmidt-Salomon:

O-Ton 1
Wir kämpfen gegen die Vorstellung eines personalen Gottes, der bestimmte Eigenschaften hat; und diese Eigenschaften sind definiert in sogenannten Heiligen Schriften, aus diesen heiligen Schriften werden auch heute Normsätze abgeleitet für das Miteinander von Menschen.

Das sagt Michael Schmidt-Salomon, der Philosoph ist Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, einer Stiftung die sich dem evolutionären Humanismus verschrieben hat – also den Werten der Aufklärung, wie sie sich in den Menschenrechten niedergeschlagen haben, und einem naturalistischen Weltbild.

O-Ton 2
Ein Naturalist ist jemand, der davon ausgeht, dass es im Universum mit rechten Dingen zugeht […], der glaubt nicht daran dass Dämonen Kobolde oder Gottheiten in die Naturgesetze eingreifen.

In der humanistisch-säkularen Szene ist die Stiftung noch recht neu: Sie wurde Anfang 2004 mit dem Geld eines Hunsrücker Möbelfabrikanten gegründet. In ihrem Beirat versammelt die Stiftung Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen. Zum Selbstbewusstsein der Stiftung gehört es, dass man nicht für eine Minderheit spreche, sondern eine große schweigende Gruppe vertrete:

O-Ton 3
Wir wollen zum einen etwas erreichen für das Drittel der Gesellschaft, das konfessionslos ist, das bisher medial und politisch kaum repräsentiert ist in Deutschland. Da haben wir vorgeschlagen, es wäre gut, so etwas wie einen Zentralrat der Konfessionsfreien zu gründen.

Diese Einschätzung wird auch vom Religions-Monitor der Bertelsmann-Stiftung nicht irritiert. Der humanistischen Pressedienst, der unter anderem von der Giordano-Bruno-Stiftung getragen und finanziert wird, kritisiert die Bertelsmann-Zahlen: Die Fragen seien so gestellt und ausgewertet, dass mehr Menschen „religiös“ scheinen als es tatsächlich sind.
Schmidt-Salomon und Kollegen wollen die Gesellschaft auf eine humanistische Leitkultur verpflichten.

O-Ton 4
In meinem Buch „Manifest des evolutionären Humanismus“ finden sie ein Kapitel über die Leitkultur „Humanismus und Aufklärung“. Wer für aufklärerische Werte eintritt, muss auch daran interessiert sein, dass diejenigen, die aufklärerische Werte unterwandern oder letztlich sogar abschaffen wollen, dass die nicht die Mehrheit oder irgendwie ein starkes Gewicht in einer Gesellschaft bekommen.

Die fundamentalen Werte dieser Leitkultur können nicht mit wissenschaftlichen Mitteln bewiesen werden, das weiß auch Michael Schmidt-Salomon. Trotzdem glaubt er nicht, dass jeder sich seine Werte beliebig aussuchen könne: Er streitet nicht nur gegen die Wertvorstellungen der Kirchen, sondern auch der des organisierten Islam: Die Stiftung half den Zentralrat der Ex-Muslime zu gründen, eine Gruppe säkularer Muslime – und sie machte kürzlich mit einer kritischen Islamkonferenz auf sich aufmerksam, bei der Moscheebau-Kritiker Ralph Giordano auftrat. Den Moscheeverein Ditip, der in Köln eine große Moschee plant, will Schmidt-Salomon an seiner Leitkultur messen:

O-Ton 5
Ich sage nicht, dass Ditip jetzt mit den Werten der Aufklärung völlig nicht konform geht, aber wir müssen das erstmal überprüfen. Wir müssen kritisch überprüfen, sind das erstmal die, die wir stärken wollen oder vielleicht sind es andere, die säkularen Muslime, die ja gar keine große Moschee wollen.

Der Namensgeber der Stiftung ist der von der Kirche ermordete Theologe Giordano Bruno, der im 16. Jahrhundert lebte. Er war keineswegs ein Atheist im modernen Sinne, er glaubte, dass Gott in allem sei, aber das ist für Schmidt-Salomon nur die höfliche Form des Atheismus:

O-Ton 6
Sie können meinetwegen Gott definieren als die Summe allen Seins, und ihm alle Eigenschaften zuschreiben, mit diesem Gott habe ich keine Problem. Wenn Sie sagen wie Giordano Bruno: Gott ist alles. […] Die meisten Atheisten haben keine Probleme mit so einem mystischen Gottesbegriff. […] Denn auf der Basis eines solchen Gottesbegriffs, ein Gott der alle Eigenschaften hat, hat ja gar keine mehr, darauf lässt sich keine Religion aufbauen.

MDR Figaro Journal / 20.12.2007


Stichworte:
Atheismus, Islam