Atheismus für Kinder.

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Ein Kinderbuch erregt in Deutschland die Gemüter.

Die Sintflutgeschichte ist eine harte Nuss für ein kleines Schwein: „Ich wette, der hat die Geschichte bloß erfunden, um uns Angst einzujagen“, meint das Ferkel zu seinem Freund dem Igel. Der vermeintliche Geschichtenerfinder ist ein orthodoxer jüdischer Rabbi mit Schläfchenlocken, der die beiden Tiere nicht überzeugen konnte: „Also ich glaub bestimmt nicht an einen Gott, der kleine Meerschweinchen ertränkt“, schließt der Igel das Thema für sich ab.
„Das Buch ist geeignet, Kinder und Jugendliche sozial-ethisch zu desorientieren“, befindet das deutsche Bundesfamilienministerium, gemeint ist das Kinderbuch „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“. Das Ministerium hat einen Indizierungsantrag an die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gestellt über den am 6. März entschieden wird. Bücher, die als jugendgefährdend eingestuft werden, dürfen nicht mehr frei beworben und in Läden ausgestellt werden, sondern nur noch auf Anfrage an Erwachsene verkauft werden. Im Internet dürfte das Buch auch nicht mehr vertrieben werden, da dort nicht gesichert wäre, dass es nicht an Jugendliche unter 18 Jahren gelangte. Das wäre ein herber Schlag für den Verkauf des Buches, der in diesen Tagen boomt. Der Internet Buchhändler amazon führte das Buch in den vergangenen zwei Wochen immer wieder unter seinen Bestsellern. Seit der Indizierungsantrag des Ministeriums am 29. Januar bekannt wurde, habe er weitere 4000 Exemplare verkauft, erklärt der Verleger, Gunnar Schedel vom Alibri-Verlag.

Worum geht es? Ein kleines Ferkel lebt glücklich mit seinem Freund dem Igel, bis die beiden eines Tages an ihrem Haus ein Plakat finden, auf dem steht: „Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas!“ Sie machen sich auf die Suche nach Gott und kommen auf einen Berg mit einer Synagoge, einer Kathedrale und einer Moschee. Begrüßt werden sie jeweils von einem wenig sympathischen Vertretern der Religion: Der Rabbi macht den beiden mit der Geschichte von der Sintflut Angst, der Bischof erklärt vor einem Kruzifix, dass Jesu Blut von Sünden reinwasche und beschimpft das Ferkel als dieses die Hostien auf dem Altar ißt: „’Das ist das Fleisch Jesu, der sich für uns geopfert hat.’ Oh, da wurde dem kleinen Ferkel aber übel! Äpfel und Möhren mochte es ja essen und Pilze auch, aber doch keinen Mann, der vor vielen Jahren gestorben war!“ In der Moschee dann wundern sich Ferkel und Igel über den „Sauberkeitsfimmel“ der Gläubigen, die sich vor jedem Gebet waschen. Sie werden von einem wütenden Mob aus der Moschee gejagt. Bevor die beiden Tiere wieder zu Hause ankommen geraten Rabbi, Bischof und Imam noch in eine Rauferei über den wahren Glauben. Ferkel aber resümiert: „Ich glaub ja, dass es den Herrn Gott überhaupt nicht gibt! Und wenn doch, dann wohnt der bestimmt nicht in diesen Gespensterburgen.“

Das deutsche Bundesfamilienministerium findet, dass in dem Buch die Besonderheiten jeder Religion der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Da das aber nach dem deutschen Medienschutzgesetz nicht für eine Indizierung reicht, läuft der Antrag auf einen Antisemitismus-Vorwurf heraus: Durch das Beispiel der Sintflut, „durch welche ‚Menschenbabys, Omas und Tiere’ vernichtet worden seien, wird die jüdische Religion als besonders Angst einflößend und grausam dargestellt.“ Und bei der Rauferei der Gottesmänner drücke der Rabbi dem Bischof eine Schriftrolle vor den Mund und drohe ihn zu ersticken. So würde suggeriert, „dass die jüdische Glaubensgemeinschaft andere Religionsgemeinschaften vernichten will.“
„Also ehrlich: Den Unterschied zwischen einer harmlosen Rauferei und einem Mordversuch sollte man doch schon erkennen können!“, erklärt der Autor des Buches Michael Schmidt-Salomon – und schiebt nach: „Nebenbei: Haben Sie schon einmal versucht, einen Menschen mit einer dünnen Papierrolle zu ersticken?"

Schmidt Salomon

Michael Schmidt-Salomon ist der Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, einer Stiftung, die seit vier Jahren mit dem Geld des ehemaligen Möbelfabrikanten Herbert Steffen einen „evolutionären Humanismus“ propagiert. „Wir sorgen dafür, dass die Aufklärung eine bessere PR bekommt“, erklärt Schmidt-Salomon. Für die Projekte der Stiftung stehen rund 60.000 Euro im Jahr zur Verfügung, darunter sind öffentlichkeitswirksame Aktionen wie die Verleihung des Deschner-Preises, Happenings in einer „religionsfreien Zone“ beim Kölner Weltjugendtag oder kürzlich eine „kritische Islamkonferenz“ mit Ralph Giordano. Michael Schmidt-Salomon hat sich als der medial präsenteste Kopf der humanistischen Szene etabliert. Er ist regelmäßiger Gast in Fernseh-Talkrunden oder Radiosendungen.

Im deutschen Feuilleton wurde das Buch von Schmidt-Salomon mehrheitlich als billige Atheisten-Propaganda abgelehnt, die dümmlich und indoktrinierend sei: Ein Verbotsantrag sei zuviel der Ehre. Dass ein Ministerium aber überhaupt mit Verboten in die Erziehungsarbeit von Eltern eingreift, erregte hingegen kaum jemanden.

Vertreter von Juden und Christen begrüßten den Verbotsantrag: So meint der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, das Buch sei zwar nicht antisemitisch, aber es missbrauche die Meinungsfreiheit: Besonders gefährlich erscheint Kramer ein Bild des Buches, auf dem eine Gruppe nackter Menschen wie zum Gruppenfoto aufgestellt ist: „Das dort dargebotene Bild nackter Menschen könnte heranwachsenden Kindern sogar Angst machen.“
Das Bistum Rottenburg-Stuttgart hat Strafanzeige wegen Volksverhetzung gestellt. Und der Tübinger Religionspädagoge Albert Biesinger zieht Parallelen zum Nazi-Blatt „Der Stürmer“: „Die Nazis haben jüdische Rabbis damals ähnlich dargestellt.“ Einen Vorwurf, den der Zeichner des Buches, Helge Nyncke, vehement und mit einer detaillierten Beschreibung von Stürmer-Karikaturen bestreitet.
Die Kulturbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Petra Bahr, sieht in dem Buch einen „fundamentalistisch-antireligiösen Grundton“, dem man aber nicht mit Verboten begegnen solle, sondern mit einer inhaltlichen Auseinadersetzung – in diesem Fall mit einem „harten Verriss“.
Aus der säkularen Szene äußerte sich der Humanistische Verband in Berlin, der an öffentlichen Schulen der deutschen Hauptstadt Lebenskunde-Unterricht als Alternative zum Religionsunterricht anbietet. Dort zeigte man sich unzufrieden über das Buch, da es einen falschen Eindruck vermitteln könne, wie in der humanistischen Lebenskunde über Religionen gesprochen werde. „Wir werden es im Lebenskundeunterricht nicht einsetzen“, erklärt der Verband und verweist auf seinen Lehrplan, in dem es heißt: „Zur humanistischen Bildung gehört auch ein Wissen über die Religionen. Religionen werden nicht diffamiert oder lächerlich gemacht. Im Gegenteil, sie werden als Versuche der Menschen interpretiert, Antworten auf ihre existenziellen Fragen zu formulieren.“

Michael Schmidt-Salomon kann man freilich unterstellen, dass er beim Schreiben des Buches nicht zuerst an Lehrpläne dachte, sondern dass er auch eine Provokation landen wollte: „Die entscheidende Frage ist jedoch: Ist es ‚Indoktrination’, wenn man Kinder in humorvoller Weise über die fehlende Logik und die Absurditäten der traditionellen Glaubenssysteme aufklärt?“, fragt er und behauptet, dass Kinder ein Recht auf Aufklärung hätten. „Ich mache Religionen nicht lächerlich, sie sind lächerlich aus sich selbst heraus.“

Die Furche / 13.2.2008


Stichworte:
Atheismus, Kind