Die Kirche für die Liebe?
Die Kirche des Mittelalters hatte ein Herz für die romantische Liebe. Nach dem Kirchenrecht konnten sich zwei Liebende die Ehe versprechen – und galten als sakramental verheiratet, also wenn sie denn auch noch die Ehe vollzogen, was aber heftig Liebenden meist nicht schwer fällt. Also stellen wir uns vor, dass der Hans seine Grete liebt und umgekehrt, beide sich ihre Liebe gestehen und fröhlich miteinander beischlafen – dann konnte der Vater der Grete toben, weil er seine Tochter doch einem anderen, aus seiner Sicht viel passenderen, versprochen hatte, aber den Segen der Kirche hatten die heimlich Liebenden. Und hatten somit gute Chancen einen Priester zu finden, mit dem sie ihre Heirat öffentlich machen konnten. Und dafür mussten die beiden nicht mal nach Las Vegas.
Normal war im Mittelalter die Sippenheirat, bei der die Oberhäupter der Familie befanden, wen ihre Sprösslinge zu heiraten hatten. Da ging es um Mehrung des Besitzes, um standesgemäßes Heiraten, um die „Reinhaltung des Blutes“ durch Verheiratung an Verwandte. Man denke nur an all die taktischen Eheschließungen der Herrscher. Beim einfachen Volk war es wohl so viel anders nicht. Und die Kirche? Gehörte also gar nicht zu den konservativen Mächten, die die Familie stützten, sondern war Vorkämpfer für die selbstbestimmte Liebe gegen die Macht der Familie? Nun ja, es gibt Forscher, wie den englischen Kulturwissenschaftler Jack Goody, die der Kirche in die Suppe spucken, in dem sie nahe legen, dass es der Kirche hier nicht nur um die Liebe ging – sondern um den Besitz.
Die Macht der Familien wurde gebrochen – besonders durch das Aufrichten von allerlei Ehehindernissen. Die Heirat unter Verwandten wurde immer stärker eingeschränkt. Das Kirchenrecht des Mittelalters verbot die Ehe unter Verwandten bis zum 14. Grad. Dazu kam der Ausschluss von geistigen Verwandten, die überhaupt nicht blutsverwandt waren, wie zum Beispiel Taufpaten. In der deutlich kleineren und überschaubareren Welt mittelalterlicher Dörfer und Städte waren das echte Ehehindernisse. Ebenso wirkte sich das Verbot der Wiederheirat Geschiedener aus und die Abschaffung der Adoption: Wer unverheiratet oder ohne Nachkommen blieb, dessen Besitz fiel oftmals mittels Schenkung und testamentarischer Verfügung an die Kirche.
Nun kann man darin eine Verschwörungstheorie sehen: Die Kirche wollte immer nur ans Geld der Leute. Dass die Kirche vom Geld anderer gelebt hat, ist freilich kaum zu bestreiten, aber idealiter hat die Kirche damit nicht nur sich selber versorgt, sondern auch die Armen, um die sich sonst keiner kümmerte. Die ersten Institutionen für Arme, Kranke, Gebrechliche waren in unseren Breiten Einrichtungen der Kirche. So gesehen hat die Kirche Geld vom Versorgungssystem Familie genommen und ein familienunabhängiges neues Versorgungssystem aufgebaut.
Man könnte also sagen, dass die Kirche in gewisser Hinsicht, die fürsorgende Rolle des Staates vorweggenommen hat. Auch heute ist der Staat für die soziale Sicherung zuständig – nicht mehr die Familie. Dass die Kirche zuerst und dann der Staat dabei Familienrollen übernommen haben, das zeigt sich bis in die Wortwahl. Der Staat als Versorger seiner Bürger ist bis heute „Vater Staat“, und die Kirche ist die „Mutter Kirche“.
Und noch etwas eint die Kirche und den Staat: Auch wenn beide heute die Familie als Keimzelle des Gemeinwesens beschwören, sie haben sich über viele Jahrhunderte gegen die Macht der Familien durchgesetzt. Die Sippen waren konkurrierende Autoritäten. Erst heute, da die Macht der Sippe gebrochen ist, können Kirche und Staat entspannt zum Erhalt der Kleinfamilie aufrufen.
SWR 2 Fünf vor Sechs / 26.3.2008
Normal war im Mittelalter die Sippenheirat, bei der die Oberhäupter der Familie befanden, wen ihre Sprösslinge zu heiraten hatten. Da ging es um Mehrung des Besitzes, um standesgemäßes Heiraten, um die „Reinhaltung des Blutes“ durch Verheiratung an Verwandte. Man denke nur an all die taktischen Eheschließungen der Herrscher. Beim einfachen Volk war es wohl so viel anders nicht. Und die Kirche? Gehörte also gar nicht zu den konservativen Mächten, die die Familie stützten, sondern war Vorkämpfer für die selbstbestimmte Liebe gegen die Macht der Familie? Nun ja, es gibt Forscher, wie den englischen Kulturwissenschaftler Jack Goody, die der Kirche in die Suppe spucken, in dem sie nahe legen, dass es der Kirche hier nicht nur um die Liebe ging – sondern um den Besitz.
Die Macht der Familien wurde gebrochen – besonders durch das Aufrichten von allerlei Ehehindernissen. Die Heirat unter Verwandten wurde immer stärker eingeschränkt. Das Kirchenrecht des Mittelalters verbot die Ehe unter Verwandten bis zum 14. Grad. Dazu kam der Ausschluss von geistigen Verwandten, die überhaupt nicht blutsverwandt waren, wie zum Beispiel Taufpaten. In der deutlich kleineren und überschaubareren Welt mittelalterlicher Dörfer und Städte waren das echte Ehehindernisse. Ebenso wirkte sich das Verbot der Wiederheirat Geschiedener aus und die Abschaffung der Adoption: Wer unverheiratet oder ohne Nachkommen blieb, dessen Besitz fiel oftmals mittels Schenkung und testamentarischer Verfügung an die Kirche.
Nun kann man darin eine Verschwörungstheorie sehen: Die Kirche wollte immer nur ans Geld der Leute. Dass die Kirche vom Geld anderer gelebt hat, ist freilich kaum zu bestreiten, aber idealiter hat die Kirche damit nicht nur sich selber versorgt, sondern auch die Armen, um die sich sonst keiner kümmerte. Die ersten Institutionen für Arme, Kranke, Gebrechliche waren in unseren Breiten Einrichtungen der Kirche. So gesehen hat die Kirche Geld vom Versorgungssystem Familie genommen und ein familienunabhängiges neues Versorgungssystem aufgebaut.
Man könnte also sagen, dass die Kirche in gewisser Hinsicht, die fürsorgende Rolle des Staates vorweggenommen hat. Auch heute ist der Staat für die soziale Sicherung zuständig – nicht mehr die Familie. Dass die Kirche zuerst und dann der Staat dabei Familienrollen übernommen haben, das zeigt sich bis in die Wortwahl. Der Staat als Versorger seiner Bürger ist bis heute „Vater Staat“, und die Kirche ist die „Mutter Kirche“.
Und noch etwas eint die Kirche und den Staat: Auch wenn beide heute die Familie als Keimzelle des Gemeinwesens beschwören, sie haben sich über viele Jahrhunderte gegen die Macht der Familien durchgesetzt. Die Sippen waren konkurrierende Autoritäten. Erst heute, da die Macht der Sippe gebrochen ist, können Kirche und Staat entspannt zum Erhalt der Kleinfamilie aufrufen.
SWR 2 Fünf vor Sechs / 26.3.2008



