Mit Jesus ist keine Familie zu machen.
Eine dieser Jesus-Erzählungen, die irgendwo in der langen Geschichte der Kirche verschütt gegangen sind – obwohl: bei der Kirche geht eigentlich nichts verloren, also könnte man besser sagen: Eine der Geschichten, die immer ganz anders interpretiert wurden, als man sie beim unbefangenen Lesen verstehen würde.
Die Geschichte, wie Jesus seine Familie abblitzen lässt: Mutter und Geschwister kommen zu dem Haus, in dem der umherwandernde unverheiratete Rabbi diesmal eingekehrt ist. Man sagt es ihm: Deine Familie wartet draußen. Er aber – statt zu ihnen zu gehen – fragt: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und dann gibt er selber die Antwort, in dem er auf die zeigt, die um ihn herum sitzen und ihm zuhören: Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.
Kann man sich deutlicher von der Herkunftsfamilie distanzieren? Und das zu einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der den Familienmitgliedern unbestritten die erste Loyalität zukam. Ein großer Teil der sozialen Sicherung lief noch über die Familie. Die soziale Stellung war durch die Familie festgelegt. Die Familie war noch das, was Konservative heute nur noch sentimental beschwören: Sie war die Urzelle der Gesellschaft.
In dieser Jesusgeschichte wird ein Kulturbruch symbolisiert, den das Christentum als es noch jung und hübsch war, lässig vollzog: An die Stelle der Sippe setzte Jesus das Ideal der Freundschaft, der Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die sich um ein Ziel, eine Idee versammeln: Das Reich Gottes, eine neue, eine bessere Welt, die bald kommen sollte und alles bisherige in den Schatten stellt, ja bis zur Bedeutungslosigkeit relativiert. Wie junge Menschen heute selbstverständlich das Haus und das Milieu ihrer Eltern verlassen, um ihr Ding zu machen – und vielleicht etwas Neues erreichen oder nach einigen Jahren wieder beim Vertrauten ankommen und das Leben der Eltern weiterführen. Jesus war einer der ersten, der diesen Weg gewiesen hat nach dem Motto Brich auf aus Deines Vaters Haus.
Aber die Familienväter, die Sippenchefs, die Honoratioren der Städte des Römischen Reiches, sie haben – als sie Christen wurden – das Christentum wieder auf den Boden des Bestehenden gebracht. Die Frau war wieder dem Manne untertan, die Kinder gehorsam und adrett, eine Zierde der Eltern und eine Stütze der Gesellschaft. Bis heute haben sie unter den Kirchenleuten die Überhand: Die Prediger christlicher Familienwerte, die Beschwörer der Heiligen Familie, die es zu verteidigen gilt, um die ein Schutzwall christlicher Werte aufgeschüttet wird – zur Not bis zur gesetzlichen Diskriminierung anderer Lebensformen. Aus dem erklärten Familiengegner Jesus ist der holde Knabe im lockigen Haar geworden, der geliebte Sohn seiner Mutter, der noch als erwachsener Mann im Schoß der Pieta, der Schmerzensmutter, liegt.
Der emanzipatorische Impuls, den Jesus gesetzt hat, der lebte trotzdem weiter. Im Mönchtum, in der heiligen Keuschheit von Männern und Frauen, die sich der Ehe und Familiengründung verweigerten, um ganz nach ihrem Ideal zu leben – und schließlich im Zölibat der Priester. Die Herkunftsfamilie wurde relativiert zugunsten eines höheren Zieles, zugunsten der Gemeinschaft der Gläubigen, der Gruppe der Gleichgesinnten – freilich auch zugunsten der kirchlichen Hierarchie mit ihren Gehorsamsstrukturen. Die Priester wurden der bürgerlichen Welt entzogen.
Dass dieser Stachel immer noch sticht, das merkt man nicht nur an marktschreierischen Anklagen gegen den Zölibat von denen, die nie damit in Berührung gekommen sind, sondern auch an dem Erfolg eines Bestsellers wie Dan Browns „Sakrileg“: Da werden Jesus eine Liebesgeschichte und ein Kind angedichtet. Jesus wird – endlich – ein normaler Mensch wie wir, Jesus wird zurück in die Sippe gebracht: Der Aufbruch aus des Vaters Haus ist endlich vorbei, der verlorene Sohn ist heimgeholt.
SWR 2 Fünf vor Sechs / 25.3.2008
Die Geschichte, wie Jesus seine Familie abblitzen lässt: Mutter und Geschwister kommen zu dem Haus, in dem der umherwandernde unverheiratete Rabbi diesmal eingekehrt ist. Man sagt es ihm: Deine Familie wartet draußen. Er aber – statt zu ihnen zu gehen – fragt: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und dann gibt er selber die Antwort, in dem er auf die zeigt, die um ihn herum sitzen und ihm zuhören: Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.
Kann man sich deutlicher von der Herkunftsfamilie distanzieren? Und das zu einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der den Familienmitgliedern unbestritten die erste Loyalität zukam. Ein großer Teil der sozialen Sicherung lief noch über die Familie. Die soziale Stellung war durch die Familie festgelegt. Die Familie war noch das, was Konservative heute nur noch sentimental beschwören: Sie war die Urzelle der Gesellschaft.
In dieser Jesusgeschichte wird ein Kulturbruch symbolisiert, den das Christentum als es noch jung und hübsch war, lässig vollzog: An die Stelle der Sippe setzte Jesus das Ideal der Freundschaft, der Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die sich um ein Ziel, eine Idee versammeln: Das Reich Gottes, eine neue, eine bessere Welt, die bald kommen sollte und alles bisherige in den Schatten stellt, ja bis zur Bedeutungslosigkeit relativiert. Wie junge Menschen heute selbstverständlich das Haus und das Milieu ihrer Eltern verlassen, um ihr Ding zu machen – und vielleicht etwas Neues erreichen oder nach einigen Jahren wieder beim Vertrauten ankommen und das Leben der Eltern weiterführen. Jesus war einer der ersten, der diesen Weg gewiesen hat nach dem Motto Brich auf aus Deines Vaters Haus.
Aber die Familienväter, die Sippenchefs, die Honoratioren der Städte des Römischen Reiches, sie haben – als sie Christen wurden – das Christentum wieder auf den Boden des Bestehenden gebracht. Die Frau war wieder dem Manne untertan, die Kinder gehorsam und adrett, eine Zierde der Eltern und eine Stütze der Gesellschaft. Bis heute haben sie unter den Kirchenleuten die Überhand: Die Prediger christlicher Familienwerte, die Beschwörer der Heiligen Familie, die es zu verteidigen gilt, um die ein Schutzwall christlicher Werte aufgeschüttet wird – zur Not bis zur gesetzlichen Diskriminierung anderer Lebensformen. Aus dem erklärten Familiengegner Jesus ist der holde Knabe im lockigen Haar geworden, der geliebte Sohn seiner Mutter, der noch als erwachsener Mann im Schoß der Pieta, der Schmerzensmutter, liegt.
Der emanzipatorische Impuls, den Jesus gesetzt hat, der lebte trotzdem weiter. Im Mönchtum, in der heiligen Keuschheit von Männern und Frauen, die sich der Ehe und Familiengründung verweigerten, um ganz nach ihrem Ideal zu leben – und schließlich im Zölibat der Priester. Die Herkunftsfamilie wurde relativiert zugunsten eines höheren Zieles, zugunsten der Gemeinschaft der Gläubigen, der Gruppe der Gleichgesinnten – freilich auch zugunsten der kirchlichen Hierarchie mit ihren Gehorsamsstrukturen. Die Priester wurden der bürgerlichen Welt entzogen.
Dass dieser Stachel immer noch sticht, das merkt man nicht nur an marktschreierischen Anklagen gegen den Zölibat von denen, die nie damit in Berührung gekommen sind, sondern auch an dem Erfolg eines Bestsellers wie Dan Browns „Sakrileg“: Da werden Jesus eine Liebesgeschichte und ein Kind angedichtet. Jesus wird – endlich – ein normaler Mensch wie wir, Jesus wird zurück in die Sippe gebracht: Der Aufbruch aus des Vaters Haus ist endlich vorbei, der verlorene Sohn ist heimgeholt.
SWR 2 Fünf vor Sechs / 25.3.2008



