Familie als Agentur der Gesellschaft und Hort des Widerstandes.
Damals 68! Die Zeiten werden gerade wieder beschworen. Da galt vielen die bürgerliche Kleinfamilie als das letzte Relikt einer vergehenden Epoche. Nein mehr noch: Als „Agentur der Gesellschaft“, die die Normen, Werte und Tabus des Kapitalismus in die Köpfe der Menschen pflanzt.
Warum machen so viele beim Kapitalismus mit, auch wenn sie eigentlich nicht davon profitieren – warum handeln, denken und wählen Menschen gegen ihre eigenen Interessen? Eine Frage, die man sich immer noch stellen kann. Eine Antwort darauf war die Familie, die schon den Kindern die Werte und Normen ihrer Gesellschaftsschicht vermittelt, die sie einpasst in eine Schicht und eine Funktion, die ihnen dann als „normal“ und unabänderlich gilt. Es braucht keinen Gott mehr wie im geordneten Kosmos der mittelalterlichen Welt, um die Normativität des Faktischen zu sanktionieren. Die Familie regelt das.
Diese Erkenntnis freilich war älter als die 68er, die mit neuen Lebensformen experimentierten. Schon die Väter der 68er, Max Horkheimer, Theodor Adorno und Erich Fromm haben lange vor dem magischen Datum dazu Entscheidendes gesagt. Und sie, die alle aus bürgerlichen Häusern kamen sahen – im Gegensatz zu vielen ihrer Nachfolger – die Dialektik der Familie.
Einem Diktum von Horkheimer zu folge war die Familie nicht nur „Agentur der Gesellschaft“, sondern auch der „Hort des Widerstandes“ gegen die selbe. Denn Eltern vermitteln den Kindern nicht nur die Werte der kapitalistischen Gesellschaft, wo immer klar aufgerechnet und kalkuliert wird, wo einem selten etwas geschenkt wird. Nein, die Eltern leben gegenüber den Kindern oft das Gegenteil: Sie kümmern sich vorbehaltlos um die Kinder und schauen, dass es ihnen gut geht. Selbst Menschen, die sonst nur nach dem eigenen Vorteil schauen, opfern sich für ihre Kinder auf, sie bevorzugen die Kinder, sie halten zu ihnen, auch wenn sie etwas anstellen, sie lassen für die eigenen Kinder immer wieder Fünfe grade sein. So verlassen sie bei den Kindern die Logik dieser Welt.
Und auch das wussten die Frankfurter: Unter der Liebe der Eltern sind Erfahrungen möglich, wie sie ein Leben lang nur die Lüge behauptet: Erfahrungen von Heimat, in denen das Kind ganz und gar mit sich und der Welt im Reinen ist. Erfahrungen, die einen Glanz auf das Leben ausstrahlen: Für den einen mag es das Plätzchenbacken mit der Mutter gewesen sein. Wie er als Kind selig die Schüssel mit dem frischen Teig ausschleckte. Ein Moment voll Genuss und Zufriedenheit. Es gibt solche Momente in jeder – in jeder? hoffentlich in jeder – Kindheit, Momente, über denen ein Glanz und ein Zauber liegt, selige Momente, in denen die Welt rundherum in Ordnung ist, in denen man ganz bei sich und zugleich in der Welt geborgen ist. Diese Momente legen den Keim der Hoffnung auf eine bessere Welt in das Kind, die Hoffnung auf eine Welt, die eben so ist, wie sie in diesen Momenten kurz aufblitzt. Adorno bekannte einmal, dass das, was man im Leben realisiere, wenig anderes sei als der Versuch, die Kindheit verwandelnd einzuholen.
Dass Erwachsene, Eltern und Großeltern, Tanten, Onkeln und Freunde einem Kind einen Ort bereiten können, der solche seligen Momente möglich macht, das macht die Würde und die Schönheit von Familie aus. Können das die Großen wirklich? Nein, sie können es nicht, es passiert vermutlich einfach so, en passant, wenn die Erwachsenen sich liebevoll um das Kind kümmern und es nicht verwahrlosen lassen, dann entsteht nebenbei und unplanbar hier und da ein Augenblick, der einen Schein von Heimat in das kindliche Herz senkt.
SWR 2 Fünf vor Sechs / 28.3.2008
Warum machen so viele beim Kapitalismus mit, auch wenn sie eigentlich nicht davon profitieren – warum handeln, denken und wählen Menschen gegen ihre eigenen Interessen? Eine Frage, die man sich immer noch stellen kann. Eine Antwort darauf war die Familie, die schon den Kindern die Werte und Normen ihrer Gesellschaftsschicht vermittelt, die sie einpasst in eine Schicht und eine Funktion, die ihnen dann als „normal“ und unabänderlich gilt. Es braucht keinen Gott mehr wie im geordneten Kosmos der mittelalterlichen Welt, um die Normativität des Faktischen zu sanktionieren. Die Familie regelt das.
Diese Erkenntnis freilich war älter als die 68er, die mit neuen Lebensformen experimentierten. Schon die Väter der 68er, Max Horkheimer, Theodor Adorno und Erich Fromm haben lange vor dem magischen Datum dazu Entscheidendes gesagt. Und sie, die alle aus bürgerlichen Häusern kamen sahen – im Gegensatz zu vielen ihrer Nachfolger – die Dialektik der Familie.
Einem Diktum von Horkheimer zu folge war die Familie nicht nur „Agentur der Gesellschaft“, sondern auch der „Hort des Widerstandes“ gegen die selbe. Denn Eltern vermitteln den Kindern nicht nur die Werte der kapitalistischen Gesellschaft, wo immer klar aufgerechnet und kalkuliert wird, wo einem selten etwas geschenkt wird. Nein, die Eltern leben gegenüber den Kindern oft das Gegenteil: Sie kümmern sich vorbehaltlos um die Kinder und schauen, dass es ihnen gut geht. Selbst Menschen, die sonst nur nach dem eigenen Vorteil schauen, opfern sich für ihre Kinder auf, sie bevorzugen die Kinder, sie halten zu ihnen, auch wenn sie etwas anstellen, sie lassen für die eigenen Kinder immer wieder Fünfe grade sein. So verlassen sie bei den Kindern die Logik dieser Welt.
Und auch das wussten die Frankfurter: Unter der Liebe der Eltern sind Erfahrungen möglich, wie sie ein Leben lang nur die Lüge behauptet: Erfahrungen von Heimat, in denen das Kind ganz und gar mit sich und der Welt im Reinen ist. Erfahrungen, die einen Glanz auf das Leben ausstrahlen: Für den einen mag es das Plätzchenbacken mit der Mutter gewesen sein. Wie er als Kind selig die Schüssel mit dem frischen Teig ausschleckte. Ein Moment voll Genuss und Zufriedenheit. Es gibt solche Momente in jeder – in jeder? hoffentlich in jeder – Kindheit, Momente, über denen ein Glanz und ein Zauber liegt, selige Momente, in denen die Welt rundherum in Ordnung ist, in denen man ganz bei sich und zugleich in der Welt geborgen ist. Diese Momente legen den Keim der Hoffnung auf eine bessere Welt in das Kind, die Hoffnung auf eine Welt, die eben so ist, wie sie in diesen Momenten kurz aufblitzt. Adorno bekannte einmal, dass das, was man im Leben realisiere, wenig anderes sei als der Versuch, die Kindheit verwandelnd einzuholen.
Dass Erwachsene, Eltern und Großeltern, Tanten, Onkeln und Freunde einem Kind einen Ort bereiten können, der solche seligen Momente möglich macht, das macht die Würde und die Schönheit von Familie aus. Können das die Großen wirklich? Nein, sie können es nicht, es passiert vermutlich einfach so, en passant, wenn die Erwachsenen sich liebevoll um das Kind kümmern und es nicht verwahrlosen lassen, dann entsteht nebenbei und unplanbar hier und da ein Augenblick, der einen Schein von Heimat in das kindliche Herz senkt.
SWR 2 Fünf vor Sechs / 28.3.2008