Neue Politische Theologien.

1968 und die Kirchen.

1968 protestierten die Studenten – auch Theologiestudenten. Es gab Theologen wie Joseph Ratzinger, die sich mit Grauen abwandten – von den protestierenden Studenten wie von den Professorenkollegen, die neue Herausforderungen aufnahmen. Diese Professoren waren freilich selber keine 68er – sie waren allesamt älter:

1967 forderte der katholische Theologe Johann Baptist Metz eine „Politische Theologie“ ein: Theologie sollte aus der Gefangenschaft der „bürgerlichen Religion“ befreit werden, wonach der Glaube für den Bereich des Privaten oder des Allerheiligsten reserviert war, aber nicht für die Fragen des öffentlichen Lebens.

O-Ton 1 Moltmann
In den sechziger Jahren haben Johann Baptist Metz und ich mit politischer Theologie angefangen. Die Idee war aber nicht Politik, sondern die Idee war Auschwitz: [...] So lange den Toten von Auschwitz keine Gerechtigkeit widerfährt, so lange sind sie uns gegenwärtig und so lange drängen sie uns aus dem Privatgehäuse von Religion und Theologie heraus in die politische Arena.

Theologie aus der Perspektive der Opfer. Dieser Grundgedanke verband die „politischen Theologen“ nicht nur mit den ermordeten Juden, sondern auch mit den Opfern ihrer Gegenwart: den Armen und Ausgestoßenen sowohl in Europa und Nordamerika, wie aber auch besonders in der Dritten Welt.
Der Anspruch, dass die Theologie auf den politischen Kontext einwirken solle, hieß freilich nicht, dass Theologen wie Metz und Moltmann sich nur noch um politische Fragen gekümmert hätten. Im Gegenteil:

O-Ton 2 Moltmann
Ich habe Wirtschaftsethik gemacht, soweit mir das geläufig ist, aber auch da kriegen Sie dann die Kritik, dass Sie nicht kompetent sind, dass Sie keine Betriebwirtschaft studiert haben und so weiter. [...] Und da dachte ich, also da muss man mit der Ethik aufhören.

Andere Theologen waren da nicht so zurückhaltend:
"Kritische Gesellschaftsanalyse ist also die Aufgabe auch des Theologen. Soll ausgerechnet er der Schuster sein, der bei seinem Leisten bleibt? Theologie ist keine Schusterei, vielmehr ist ihr nichts Menschliches fremd."
Das schrieb der Theologe Helmut Gollwitzer im Vorwort zu seinem Buch „Die kapitalistische Revolution“. Er sympathisierte nicht nur mit den protestierenden Studenten in Berlin, sondern war sich nicht zu schade von ihnen zu lernen – und legte eine marxistisch inspirierte Kapitalismuskritik vor.

O-Ton 3 Moltmann
Da hätte er von seiner Kenntnis des Marxismus her, den Leuten mal eine richtige Marxismuskritik sagen können statt zu sagen, dass es alles prima sei. Und „Die kapitalistische Revolution“, was er damals geschrieben hat, das war nicht so toll.

Gollwitzer beschrieb den Kapitalismus als permanente Revolution der Verhältnisse, als Klassenkampf von oben:

O-Ton 4 Gollwitzer
Das Wort Sozialer Friede vernebelt, dass unsere Gesellschaft eine Gesellschaft des Klassenkampfes ist; und zwar nicht eines Klassenkampfes der von einigen bösen Leuten inszeniert wird, sonder eines realen Klassenkampfes der ständig stattfindet, derer, die irgendwelche Macht oder die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel in Händen halten und darum ihre Interessen zu befriedigen eine ganz andere Möglichkeit haben als diejenigen, die diese Produktionsmittel nicht in den Händen haben. […] Selbstverständlich ist zwischen diesen Seiten natürlich kein sozialer Friede, sondern ständiger Kampf.

Der Impetus, Theologie von unten zu treiben, aus der Perspektive der Opfer, brach an verschiedenen Orten der Welt auf: Parallel zu Deutschland wurde auch in Lateinamerika die sogenannte Theologie der Befreiung formuliert. Den Begriff prägte der peruanische Theologe Gustavo Gutierrez:

O-Ton 5 Gutierrez
Die Theologie der Befreiung bemüht sich, eine Sprache über Gott zu sein; sie ist ein Versuch in einer Welt der Unterdrückung, des Unrechts und des Todes das Wort des Lebens gegenwärtig zu machen.

Damit wurde nicht nur eine Kritik der politischen Verhältnisse angestoßen, sondern auch eine Kritik an der Kirche und der in ihr vorherrschenden Theologie:

O-Ton 6 Gutierrez
Wir sagen oft: Die Armen sind ein Problem für die Kirche. Aber in der Tat, heute, die Kirche ist ein Problem für die Armen in der Welt.

Professoren wie Jürgen Moltmann und Norbert Greinacher versuchten die Befreiungstheologie auch in Deutschland bekannt zu machen. Auch wenn einige Schlagworte der Befreiungstheologie – wie die Option für die Armen – in der Kirche weit verbreitet sind. Den theologischen Betrieb habe sie nicht nachhaltig ändern können, so Moltmanns Einschätzung:

O-Ton 7 Moltmann
Es hat sich in der deutschen Theologie eigentlich nichts geändert: Über Befreiungstheologie, zum Beispiel, aus Lateinamerika, da gibt es in der evangelischen Theologie vielleicht fünf oder sechs, die das überhaupt gelesen haben. Der Rest sagt: „Ach, so was Exotisches. Beschäftigen wir uns lieber mit Luther oder mit Thomas von Aquin oder Augustin.“ [...] Das ist doch absurd. Man beschäftigt sich in der deutschen Theologie mit den Kirchenvätern – die Mütter haben wir sowieso schon wieder vergessen – aber mit den Schwestern und Brüdern in anderen Ländern überhaupt nicht. Die kennt man auch gar nicht.

WDR 5 Diesseits von Eden / 6.4.2008