Das Politische Nachtgebet in Köln.

1968 und die Kirchen.

In der kleinen gotische Antoniterkirche in der Kölner Innenstadt sind meistens einige Menschen: zum Beten, zum Dasitzen oder um die berühmte Skulptur von Ernst Barlach anzusehen: den Schwebenden.

O-Ton 1 Schmidt
Die ganze Kirche war ja dermaßen überfüllt, dass der etwas in den Hintergrund geriet, ne. Der ganze Altarraum war fast immer bis auf den letzten Platz mit sitzenden und stehenden Menschen erfüllt.

Erinnert sich der pensionierte Pfarrer und Historiker Klaus Schmidt an die politischen Nachtgebete, die im Herbst 1968 hier starteten.
Die evangelische Antoniterkirche war nur das Ausweichquartier für „den ökumenischen Arbeitskreis Politisches Nachtgebet“. Der katholische Mönch Fulbert Steffensky protestierte beim ersten Nachtgebet in Köln am 1. Oktober 1968:

O-Ton 2 Steffensky
Am Samstag Abend spät erfuhren die Veranstalter des Politischen Nachtgebetes, dass der Herr Kardinal Frings, diesen Gottesdienst in Sankt Peter verboten habe. Wir protestieren, gerade als katholische Christen gegen eine solche Weise des Vorgehens.

Aber auch der Präses der Evangelischen Kirche in Rheinland, Joachim Beckmann, hätte das Gebet gerne verboten, konnte aber nicht gegen den Willen des Presbyteriums der Antoniter-Gemeinde entscheiden.

O-Ton 3 Beckmann
Ich habe meinen damaligen Opponenten gesagt, dass die Sache, um die es den Leuten des Kölner Nachtgebet ging, von mir ernst genommen würde. Ich wäre der Meinung, in der christlichen Gemeinde solle man über diese Dinge miteinander sprechen, aber nicht etwas, das nur ein Gesprächsthema ist, zum Gottesdienst deklarieren. […] Im Gottesdienst geht es in erster Linie um die Auslegung des biblischen Wortes, also die Predigt und in zweiter Linie um das Gebet, die Fürbitte und den Lobpreis der Gemeinde.

Diese Elemente kamen freilich auch in den Nachtgebeten vor, aber es gab auch Informationen zu aktuellen politischen Themen: Der Vietnamkrieg, der Strafvollzug, die Schuld der Kirche, oder der Umgang mit Behinderten waren Themen. Das Wort Gottes sollte nicht vom Leben getrennt werden und einen „Sitz im Leben“ der Menschen bekommen:

O-Ton 4 Nachtgebet
Dubjek und Swoboda sind plötzlich zu Symbolen der Freiheit geworden. Die westliche Welt erklärte sich mit Ihnen und der gesamten CSSR solidarisch, weil sie es geschafft hatten dem, gewaltigen Imperialismus wenigstens eine moralische Niederlage beizubringen.

O-Ton 5 Schmidt
Diese Struktur: Dass man mit einer gründlichen Information anfängt. Dass eine Meditation ein unverzichtbarer integraler Bestandteil ist, die die Information reflektiert und meditiert, dass es zu einer Diskussion kommt [...], dass die stummen Schäflein nicht nur singen und beten, sondern mitreden. [...] Und dann, das war der schwächste Punkt [...], der vierte Punkt war der Aktionsteil. Der hat sich mal im schlimmsten Falle auf die Verteilung von Flugblättern beschränkt.

Die bekannteste aus dem Kreis der Nachtbeter war die junge Theologin und Germanistin Dorothee Sölle. Sie versuchte eine neue Sprache für den Glauben zu finden und trug bei dem ersten Nachtgebet ein eigenes Glaubensbekenntnis vor:

O-Ton 6 Sölle
Ich glaube an Gott, der die Welt nicht fertig geschaffen hat wie ein Ding, das immer so bleiben muss, der nicht nach ewigen Gesetzen regiert, die unabänderlich gelten: von Armen und Reichen, Sachverständigen und Uninformierten, Herrschenden und Ausgelieferten. Ich glaube an Gott, der den Widerspruch des Lebendigen will.

O-Ton 7 Schmidt
Die Provokation lag […] einmal in dem berühmten Glaubensbekenntnis von Sölle, wo Beckmann wiederum das Ende der anständigen Theologie eingeläutet sah, dass der Friede herstellbar sei und dass wir die Revolution Jesu betreiben würden.

Politische Nachtgebete haben sich freilich längst etabliert, genauso wie Sölles Gedichte – nicht nur auf Kirchentagen. Dreißig Jahre nach den Gebeten in der Antoniterkirche erinnerte sich die 68-jährige Dorothee Sölle:

O-Ton 8 Sölle 5’54
Ich war jetzt gerade [...] im Rheinland in Rheinhausen. Da hatten mich Leute eingeladen zu einem politischen Nachtgebet. [...] Das war eine ganze einfache Gemeinde, in einer Stadt, wo 16 Prozent arbeitslos sind, [...] mit [...] sehr guten Leuten, die einfach genau sagten, was sie dachten und den Mund nicht zu christlich voll nahmen, was mich oft stört. [...] Eine Frau hat da ein Glaubensbekenntnis formuliert. Das war vielleicht nicht ganz ausreichend, auch im Stil, aber die Ehrlichkeit dieses Bekenntnisses, das hat mich gefreut, [...] dass Leute den Mund nicht zu voll nehmen im Christentum. Also nicht mehr sagen, als sie wirklich sagen können.

Auch wenn sich Politische Gottesdienste etabliert haben, die Suche nach einer angemessenen Sprache über Gott zu reden, bleibt wohl als Herausforderung bestehen.

WDR 5 Diesseits von Eden / 13.4.2008