Energisch, ehrlich, fromm.
Am 27. April 2003 starb Dorothee Sölle.
Joachim Beckmann, in den Sechzigerjahren Präses der rheinischen Kirche, war außer sich: „Irrlehren“ und „Götzendienst“ sah er am Werk. „Ich beglückwünsche den Kardinal, dass er das Recht hat, so etwas in seiner Kirche zu verbieten.“ Der Kardinal – das war Josef Frings, der damalige Kölner Erzbischof. Der hatte einem Kreis von katholischen und evangelischen Christen im Herbst 1968 verboten, in einer katholischen Kirche ein „Politisches Nachtgebet“ zu feiern. Denn es ging dort um die die gesellschaftlichen Streitthemen der Zeit: den Vietnamkrieg, den Strafvollzug, die Schuld der Kirche, den Umgang mit Behinderten. Dazu gab es jedes Mal auch eine Meditation, die die politischen Themen mit dem Glauben verband, und am Ende die Aufforderung zum Handeln. Das schmeckte dem Kardinal nicht. Daraufhin fanden die Feiernden – zum Ärger des evangelischen Präses – Asyl in der evangelischen Antoniterkirche in Köln.
Mit dabei war eine junge Theologin aus Köln, die schon damals dafür stritt, das Wort Gottes nicht vom Leben zu trennen, sondern ihm einen „Sitz im Leben“ der Menschen zu verschaffen. In den Folgejahren prägte sie die Frömmigkeit vieler Christen in Deutschland. Am 27. April 2003 starb sie. Ihr Name: Dorothee Sölle.
Ein von ihr formuliertes Glaubensbekenntnis wurde damals in der Antoniterkirche gesprochen: „Ich glaube an Gott / der die welt nicht fertig geschaffen hat / wie ein ding, das immer so bleiben muss. / [...] ich glaube an jesus christus, / der aufersteht in unser leben, / dass wir frei werden / von vorurteilen und anmaßung, / von angst und hass, / und seine revolution weitertreiben / auf sein reich hin.“
Die Kirchenoberen sahen „das Ende der anständigen Theologie eingeläutet“, erinnert sich Klaus Schmidt, pensionierter evangelischer Pfarrer und Historiker aus Köln. Er war damals ebenfalls beim „Politischen Nachtgebet“ dabei.
Wenige Jahre vorher hatte Dorothee Sölle bereits mit einer Theologie „nach dem Tode Gottes“ Aufsehen erregt. Sie versuchte, „atheistisch an Gott zu glauben“, so eine ihrer berühmten Formulierungen. Für sie ging es um eine existenzielle Selbstklärung. Denn sie war eine Frau, die energisch und ehrlich zu sich und anderen war und keine halben Antworten akzeptieren wollte. Aufgewachsen in einem Kölner Professorenhaushalt, der kirchlich distanziert war, hatte sie Philosophie und alte Sprachen studiert. Nach einigen Semestern wechselte sie zur Theologie, weil es doch „mehr als alles geben musste“. Aber sie wollte auch nicht die Vernunft aufgeben, das klare und scharfe Denken. Wie also konnte man noch ehrlich an Gott glauben?
Klaus Schmidt erinnert an Sölles berühmte Frage, wie man angesichts von Auschwitz noch an einen allmächtigen Gott glauben könne. „Niemand kann sich um diese Frage herumdrücken“, sagt Schmidt. Aber, so kann man ergänzen, nur wenige stellten sich ihr so ehrlich wie Sölle. Das Bild vom allmächtigen Gott, „der alles so herrlich regieret“, war ihrer Meinung nach tatsächlich gestorben. Aber sie spürte ein Leben lang dem Gott „in uns“ nach wie ihn die Mystiker beschrieben. Sie fand Gott in der Liebe, den gelungenen Beziehungen zwischen Menschen: „Wenn wir in die Radikalität der Liebe einsteigen […], dann erscheint in unseren alltäglichen Vollzügen, das, was wir ‚Gott’ nennen.“
Für Sölle gehörten Frömmigkeit und politisches Handeln immer zusammen. Sie hat sich für die verelendeten Massen in der „Dritten Welt“ engagiert, für den Sozialismus, für die Frauen in der Kirche, gegen die Atomrüstung und zuletzt gegen den Irak-Krieg. Sie war gründlich und energisch in ihrem Engagement: eher preußisch-streng als rheinisch-lässig. Sie konnte wohl auch mal lachen und albern sein, erinnert sich Klaus Schmidt, aber eine typische fröhliche Rheinländerin sei sie nicht gewesen. „Bei ihr ist alles in die Leidenschaft des Wortes geflossen.“
In ihren Gedichte zeigt sich die Streiterin durchaus auch verletzlich: „meine feinde wenn sie wüssten / wie mutlos ich bin / rieben sich ihre klerikalen finger / ich kann dich nicht mitteilen jesus / du bist zu wenige du bist verbraucht / du bringst es nicht du bist allein / du bist zweideutig du bist käuflich / mit dir schläft jeder bischof“.
Der wissenschaftlichen Sprache und den fest definierten Begriffen der Theologen misstraute sie. Sie suchte nach einer neuen Sprache, um „Jesus mitzuteilen“, um über Gott zu reden, eine Art Gottespoesie. Darin sieht Klaus Schmidt ihr bleibendes Vermächtnis – und zitiert einen Satz von ihr: „Wenn die Menschen mit der größten Wahrhaftigkeit, deren sie fähig sind, das zu sagen versuchen, was sie wirklich angeht, dann beten sie und sind zugleich Dichter.“
Mit diesen Positionen konnte die Theologin in der deutschen Kirche keine Karriere machen. Einen theologischen Lehrstuhl bekam sie in Deutschland nie, in Amerika lehrte sie zwölf Jahre lang am Union Theological Seminary. Sie pendelte zwischen Deutschland und den USA und schrieb Bücher, reiste durch das Land, trat vor einer kleinen Frauengruppe in irgendeiner Dorfgemeinde ebenso auf wie auf dem Kirchentag in dicht gefüllten Messehallen. Ihre Bücher und Auftritte machten sie berühmt.
Nach Sölles Tod vor fünf Jahren erreichten ihren Ehemann, den Theologen Fulbert Steffensky, Hunderte von Briefen: Menschen, die sich bei ihm bedankten für das, was Dorothee Sölle ihnen bedeutet hat. Vielen hat sie einen Weg zum Glauben und zur Kirche erschlossen mit ihrer Sprache, die ganz unkirchlich war. Vielen hat sie sicher auch imponiert durch die Ehrlichkeit, mit der sie von Gott geredet hat.
Auch die Kirchenoberen zollten ihr nach ihrem Tod Respekt: „Ich bin mit großen Dank erfüllt, über das, was sie für das Denken und den Weg unserer Kirche bedeutet hat“, schrieb der damalige rheinische Präses Manfred Kock als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. „Was die Kirche dem Denken Dorothee Sölles verdankt, ist längst nicht mehr eine Randposition. Es ist eine deutliche Linie unserer Kirche geworden, die sie vor der Konventikelhaftigkeit bewahrt.“
Zum Weiterlesen:
Einen guten Einstieg in Ihr Denken vermittelt ihr Buch:

Biografien über Dorothee Sölle:
Ralph Ludwig, Die Prophetin. Wie Dorothee Sölle Mystikerin wurde, Wichern-Verlag 2008, 120 Seiten, 9,95 Euro.
Renate Wind, Dorothee Sölle. Rebellin und Mystikerin. Die Biografie, Kreuz Verlag 2008, 296 Seiten, 19,95 Euro.
chrismon plus rheinland / April 2008
Mit dabei war eine junge Theologin aus Köln, die schon damals dafür stritt, das Wort Gottes nicht vom Leben zu trennen, sondern ihm einen „Sitz im Leben“ der Menschen zu verschaffen. In den Folgejahren prägte sie die Frömmigkeit vieler Christen in Deutschland. Am 27. April 2003 starb sie. Ihr Name: Dorothee Sölle.
Ein von ihr formuliertes Glaubensbekenntnis wurde damals in der Antoniterkirche gesprochen: „Ich glaube an Gott / der die welt nicht fertig geschaffen hat / wie ein ding, das immer so bleiben muss. / [...] ich glaube an jesus christus, / der aufersteht in unser leben, / dass wir frei werden / von vorurteilen und anmaßung, / von angst und hass, / und seine revolution weitertreiben / auf sein reich hin.“
Die Kirchenoberen sahen „das Ende der anständigen Theologie eingeläutet“, erinnert sich Klaus Schmidt, pensionierter evangelischer Pfarrer und Historiker aus Köln. Er war damals ebenfalls beim „Politischen Nachtgebet“ dabei.
Wenige Jahre vorher hatte Dorothee Sölle bereits mit einer Theologie „nach dem Tode Gottes“ Aufsehen erregt. Sie versuchte, „atheistisch an Gott zu glauben“, so eine ihrer berühmten Formulierungen. Für sie ging es um eine existenzielle Selbstklärung. Denn sie war eine Frau, die energisch und ehrlich zu sich und anderen war und keine halben Antworten akzeptieren wollte. Aufgewachsen in einem Kölner Professorenhaushalt, der kirchlich distanziert war, hatte sie Philosophie und alte Sprachen studiert. Nach einigen Semestern wechselte sie zur Theologie, weil es doch „mehr als alles geben musste“. Aber sie wollte auch nicht die Vernunft aufgeben, das klare und scharfe Denken. Wie also konnte man noch ehrlich an Gott glauben?
Klaus Schmidt erinnert an Sölles berühmte Frage, wie man angesichts von Auschwitz noch an einen allmächtigen Gott glauben könne. „Niemand kann sich um diese Frage herumdrücken“, sagt Schmidt. Aber, so kann man ergänzen, nur wenige stellten sich ihr so ehrlich wie Sölle. Das Bild vom allmächtigen Gott, „der alles so herrlich regieret“, war ihrer Meinung nach tatsächlich gestorben. Aber sie spürte ein Leben lang dem Gott „in uns“ nach wie ihn die Mystiker beschrieben. Sie fand Gott in der Liebe, den gelungenen Beziehungen zwischen Menschen: „Wenn wir in die Radikalität der Liebe einsteigen […], dann erscheint in unseren alltäglichen Vollzügen, das, was wir ‚Gott’ nennen.“
Für Sölle gehörten Frömmigkeit und politisches Handeln immer zusammen. Sie hat sich für die verelendeten Massen in der „Dritten Welt“ engagiert, für den Sozialismus, für die Frauen in der Kirche, gegen die Atomrüstung und zuletzt gegen den Irak-Krieg. Sie war gründlich und energisch in ihrem Engagement: eher preußisch-streng als rheinisch-lässig. Sie konnte wohl auch mal lachen und albern sein, erinnert sich Klaus Schmidt, aber eine typische fröhliche Rheinländerin sei sie nicht gewesen. „Bei ihr ist alles in die Leidenschaft des Wortes geflossen.“
In ihren Gedichte zeigt sich die Streiterin durchaus auch verletzlich: „meine feinde wenn sie wüssten / wie mutlos ich bin / rieben sich ihre klerikalen finger / ich kann dich nicht mitteilen jesus / du bist zu wenige du bist verbraucht / du bringst es nicht du bist allein / du bist zweideutig du bist käuflich / mit dir schläft jeder bischof“.
Der wissenschaftlichen Sprache und den fest definierten Begriffen der Theologen misstraute sie. Sie suchte nach einer neuen Sprache, um „Jesus mitzuteilen“, um über Gott zu reden, eine Art Gottespoesie. Darin sieht Klaus Schmidt ihr bleibendes Vermächtnis – und zitiert einen Satz von ihr: „Wenn die Menschen mit der größten Wahrhaftigkeit, deren sie fähig sind, das zu sagen versuchen, was sie wirklich angeht, dann beten sie und sind zugleich Dichter.“
Mit diesen Positionen konnte die Theologin in der deutschen Kirche keine Karriere machen. Einen theologischen Lehrstuhl bekam sie in Deutschland nie, in Amerika lehrte sie zwölf Jahre lang am Union Theological Seminary. Sie pendelte zwischen Deutschland und den USA und schrieb Bücher, reiste durch das Land, trat vor einer kleinen Frauengruppe in irgendeiner Dorfgemeinde ebenso auf wie auf dem Kirchentag in dicht gefüllten Messehallen. Ihre Bücher und Auftritte machten sie berühmt.
Nach Sölles Tod vor fünf Jahren erreichten ihren Ehemann, den Theologen Fulbert Steffensky, Hunderte von Briefen: Menschen, die sich bei ihm bedankten für das, was Dorothee Sölle ihnen bedeutet hat. Vielen hat sie einen Weg zum Glauben und zur Kirche erschlossen mit ihrer Sprache, die ganz unkirchlich war. Vielen hat sie sicher auch imponiert durch die Ehrlichkeit, mit der sie von Gott geredet hat.
Auch die Kirchenoberen zollten ihr nach ihrem Tod Respekt: „Ich bin mit großen Dank erfüllt, über das, was sie für das Denken und den Weg unserer Kirche bedeutet hat“, schrieb der damalige rheinische Präses Manfred Kock als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. „Was die Kirche dem Denken Dorothee Sölles verdankt, ist längst nicht mehr eine Randposition. Es ist eine deutliche Linie unserer Kirche geworden, die sie vor der Konventikelhaftigkeit bewahrt.“
Zum Weiterlesen:
Die gesammelten Werke Sölles erscheinen derzeit im Kreuz Verlag. Sieben Bände der auf zwölf Bände angelegten Werkausgabe sind bereits erschienen.
Im Verlag Wolfgang Fietkau sind ihre sieben Gedichtbände nach wie vor erhältlich.
Im Verlag Wolfgang Fietkau sind ihre sieben Gedichtbände nach wie vor erhältlich.
Einen guten Einstieg in Ihr Denken vermittelt ihr Buch:
Dorothee Sölle, Es muss doch mehr als alles geben. Nachdenken über Gott, Herder Verlag Freiburg 2002, 127 Seiten, 8,90 Euro.

Biografien über Dorothee Sölle:
Ralph Ludwig, Die Prophetin. Wie Dorothee Sölle Mystikerin wurde, Wichern-Verlag 2008, 120 Seiten, 9,95 Euro.
Renate Wind, Dorothee Sölle. Rebellin und Mystikerin. Die Biografie, Kreuz Verlag 2008, 296 Seiten, 19,95 Euro.
chrismon plus rheinland / April 2008



