Ist nur ein toter Prophet ein guter Prophet?

Über den Kölner Pfarrer Georg Fritze.

Es waren nicht einfach „die Nazis“. „Die Nazis“, das waren die eigenen Leute, die Pfarrer Georg Fritze aus seinem Amt drängten. Es war auch nicht Adolf Hitler, der den Eid auf „den Führer“ gefordert hatten, es waren Kirchenmänner, die meinten, dass nur der ein guter Pfarrer sein könne, „der in unverbrüchlicher Treue zu Führer Volk und Reich steht“. Jeder Pfarrer, so sah es eine Verordnung vom 20. April 1938 aus dem Evangelischen Oberkirchenrat in Berlin vor, sollte „dem Führer des deutschen Reiches und Volkes“ Treue und Gehorsam schwören.

Pfarrer Georg Fritze aus Köln aber fürchtete, dass er mit einem Eid auf Hitler nicht mehr frei sei in seiner Verkündigung, dass er seine Predigten „mitbestimmt sein lassen solle von der nationalsozialistischen Weltanschauung“, und dass er auf alle Fälle nichts mehr gegen die nationalsozialistische Weltanschauung sagen dürfe. Da konnte und wollte Georg Fritze nicht einwilligen.

Es waren nicht einfach „die Nazis“, die den „roten Pfarrer“ denunzierten, sondern „die Nazis“ waren Mitglieder des Kölner Presbyteriums, die Fritze bei der Kirchenleitung anschwärzten. Und dann war es nicht die Gestapo, sondern die Kirchenverwaltung, das Evangelische Konsistorium der Rheinprovinz in Düsseldorf, das Fritze bescheinigte, dass er „einen Standpunkt eingenommen habe, der mit seinen Pflichten als Pfarrer und als Bürger des nationalsozialistischen Staates völlig unvereinbar sei.“

Damit nicht genug: Das Konsistorium verfügte, dass dem aufrechten Pfarrer kein Gehalt mehr ausgezahlt werden solle. Das war natürlich nicht rechtens – wie auch in der Kirchenbehörde bekannt war, aber man setzte auf die Justiz im deutschen Reich: Es werde sich „wohl kein deutsches Gericht finden […], das unter diesen Verhältnissen der Klage Fritze’s auf Gehaltszahlung stattgeben würde.“ Soweit kam es aber nicht: Fritze nahm sich einen Anwalt, der mit einem Verfahren vor einem „deutschen Gericht“ drohte, in Düsseldorf erkannte man, wie unhaltbar das eigene Vorgehen war, wollte aber dennoch ein „scharfes Zugreifen“ und eine „klare, energische Haltung“ gegen Fritze zeigen: So beurlaubte man ihn für ein knappes Jahr, um ihn dann zum 1. August 1939, seinem 65. Geburtstag, in den Ruhestand zu versetzen. Diesen Geburtstag erlebte Fritze aber nicht mehr.

Georg Fritze war schon lange vor dem Streit mit der Kirchenverwaltung ein Außenseiter in seiner Kirche. Nach seinem Theologiestudium in Halle und Marburg ging er 1899 in die Bergarbeiterstadt Charleroi; dort arbeitete er vier Jahre für die kleine Belgische Missionskirche und kam in Kontakt mit Arbeitern – und mit Christen aus anderen Ländern. Beides wurde wichtig für ihn: Die Sorgen der Arbeiter führten ihn in die SPD – damals eine Seltenheit für Pfarrer, da Sozialdemokraten und Sozialisten als „gottlos“ galten. Aber mehr noch: Georg Fritze gründet 1920 mit Freunden den „Bund religiöser Sozialisten Köln“: „Wir sind überzeugt, dass die gegenwärtig auf Mammonismus und schonungslosen Konkurrenzkampf aufgebaute inner- und zwischenstaatliche Gesellschaftsform in schroffstem Widerspruch zum Christusgeiste steht und darum durch eine neue ersetzt werden muss.“

Die Begegnung mit Christen in anderen Ländern war Anfang des 20. Jahrhunderts ebenfalls nicht selbstverständlich. Fritze hat in Belgien zudem seine zukünftige Frau kennen gelernt, die Holländerin Katharina Havelaer. Wer jenseits der Grenze geliebte Menschen und Glaubensgeschwister weiß, der kann wohl nicht ohne weiteres für einen schnellen Sieg der deutschen Truppen beten, wie es viele Pfarrer selbstverständlich während des Ersten Weltkrieges taten. „Ich begegne vielen Freunden, denen es geradezu eine religiöse Forderung ist, dass Deutschland siegt“, notierte Georg Fritze irritiert, „Ihrer sind viele, die den Sieg Deutschlands bewusst oder unbewusst identifizieren mit dem Sieg Gottes.“ Fritze predigt dagegen während des Krieges, dass das „Reich Gottes in allen Völkern aller Weltteile seine Glieder zählt und dass das Reich Gottes und das Reich des Vaterlandes, so sehr wir beides preisen, nicht dasselbe sind“.

Insgesamt muss man Georg Fritze politische Hellsichtigkeit bescheinigen: Als die Nazionalsozialisten an die Macht kamen, forderte er im Mai 1933 von seinem Generalsuperintendenten ein „deutliches Wort zur Judenfrage“. Er sah die ungerechte Behandlung der Juden, während Generalsuperintendent Ernst Stoltenhoff zur selben Zeit meinte, dass man allen Grund habe, zu dem „nationalen Umbruch“ „mit Dank gegen Gott ein freudiges Ja“ zu sagen. Die Mehrheit der Pfarrer war derart national-konservativ gestimmt, dass für sie die politische Gefahr immer von der linken Seite ausging.

1916 war Georg Fritze an die Evangelische Altstadt-Gemeinde Köln gewählt worden. Zuerst arbeitete er an der Trinitatiskirche, ab 1928 in der Kölner Südstadt an der Karthäuserkirche. In Köln erwarb sich der Pfarrer bei denen Respekt, die der Kirche damals schon mehrheitlich fern standen: den Arbeitern. Den Gürzenich, den großen Kölner Festsaal, füllte er im Januar 1919 gleich zweimal mit seinem Vortrag über „Kirche und Sozialdemokratie“. Er wollte darin nicht Jesus für die Sozialdemokraten vereinnahmen, sondern dem kirchlichem Sozialistenhass etwas entgegen setzen: Christus habe sein Volk in allen Parteien. „Hätte die Kirche nur immer gegen den Materialismus von oben gekämpft wie gegen den von unten!“

Als die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernahmen, stand Fritze auf der Seite der Bekennenden Kirche, also dem Teil der Evangelischen Kirche, der sich nicht von den Nationalsozialisten vereinnahmen lassen wollte. Aber mit seiner Position hatte Fritze keine Mehrheit im Presbyterium der Evangelischen Altstadt-Gemeinde Köln. In der Auseinandersetzung mit den Kollegen und Presbytern reibt sich der „rote Pfarrer“ auf. Schließlich erwirkten einige von ihnen im Oktober 1938 beim Konsistorium seine Beurlaubung. Ein herber Schlag für den Pfarrer. Er bat den Konsistorialpräsidenten, zu Weihnachten 1938 ausnahmsweise wieder predigen zu dürfen. Seine Bitte wurde abgelehnt. Zu Weihnachten erlitt Fritze einen Herzinfarkt und Anfang des folgenden Jahres einen Schlaganfall, an dem er am 3. Januar 1939 verstarb.

Der, der zu Lebzeiten in den eigenen Reihen als „pathologisch veranlagter Fanatiker“ galt, der erscheint den Nachgeborenen als einer der wenigen hellsichtigen und mutigen Köpfe in der Evangelischen Kirche seiner Zeit. Der Kirchenkreis Köln-Mitte vergibt seit 1981 die Georg-Fritze-Gedächtnisgabe an „Menschen und Gruppen, die sich für die Opfer von Diktatur und Gewalt einsetzen“. Und in dem offiziellen EKD-Gedenkband über „Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts“ hat auch Georg Fritze einen Platz gefunden. Es sei anerkannt worden, dass er wegen seiner christlichen Überzeugung gelitten habe und aufgrund dieser Leiden auch gestorben sei. So erklärt es die Wuppertaler Historikerin Sigrid Lekebusch, die den Beitrag über Fritze in dem Märtyrerbuch geschrieben hat. Es brauche auch in der Gegenwart Menschen, die Zivilcourage hätten und die bereit seien, sich gegen die Mehrheit zu stellen, so Lekebusch. Aber würde man solche vorbildlichen Außenseiter heute erkennen? Lekebusch zögert etwas mit der Antwort: „Außergewöhnliche Charaktere werden oft erst nach ihrer Zeit erkannt.“


Zum Weiterlesen:
Hans Prolingheuer, Der rote Pfarrer. Leben und Kampf des Georg Fritze (1974-1939), Köln (Pahl-Rugenstein) 2. Aufl. 1989.
„Ihr Ende schaut an…“ Evangelische Märtyrer im 20. Jahrhundert, hg. Von Harald Schultze u.a., Leipzig (Evangelische Verlagsanstalt) 2006. [darin zwei Spalten über Fritze]

erweiterte Fassung eines Textes aus chrismon plus rheinland / Juni 2008.