Vorläufer der Gesamtschule.
Johann Julius Hecker wollte das preußische Schulwesen reformieren.
„Man glaubt, je dümmer ein Untertan ist, je weniger sein Kopf durch Erkenntnis der Wahrheit auspolieret wird, desto mehr wird er sich alles wie ein Vieh gefallen lassen, man mache mit ihm, was man will“, entrüstete sich Johann Julius Hecker in einem Schreiben aus dem Jahr 1764. Der evangelische Oberkonsistorialrat aus Berlin ärgerte sich vor allem über die adligen „Obrigkeiten“ im damaligen Königreich Preußen. Von ihnen müsse „gefordert werden, dass die Kinder gehörig zur Schule gehen“.
Starke Worte eines Rheinländers. Am 7. November 1707 wurde Hecker als ältestes Kind eines Schulrektors im Ruhr-Städtchen Werden – heute ein Stadtteil Essens – geboren. Als Schüler der Lateinschule in Essen erhielt Häcker eine pietistische Prägung und ging zum Theologiestudium nach Halle an der Saale. Die Universität Halle war nicht nur die ihrer Zeit modernste Universität Preußens. Dort hatte auch der Pietist August Hermann Francke zunächst ein Waisenhaus mit Armenschule gegründet, dann weitere Schulen und Wirtschaftsbetriebe: die „Francke’schen Anstalten“. Theologiestudenten wie Hecker konnten dort parallel zum Studium unterrichten. So sammelte Hecker Lehrerfahrung und schrieb im zarten Alter von 26 Jahren ein Schulbuch über Botanik, im folgenden Jahr eines über Anatomie. Die Halle’schen Pietisten wollten Menschen nicht nur zu einer persönlichen Frömmigkeit erziehen, sondern auch zu „tüchtigen“ und nützlichen Bürgern. Das brachte den Pietisten die Wertschätzung der preußischen Könige ein: Zuverlässige Untertanen konnten sie gebrauchen. Freilich sollte die Erziehung der Untertanen nicht die Staatskasse belasten. Das Schulwesen war noch keine Aufgabe des Zentralstaats, sondern lag in der Hand lokaler Magistrate oder Patrone.
Die nahm sich Hecker später als Oberkonsistorialrat zur Brust. 1763 hatte der Theologe aus der Berliner Schul- und Kirchenbehörde ein „General-Landschulreglement“ auf den Weg gebracht, dass das Schulwesen in Preußen einheitlich regeln sollte. Es enthielt unter anderem Vorschriften über Schulbücher und Schulgeld. Eltern sollten bestraft werden, die ihre Kinder von der Schule fernhielten. Das strenge Regelwerk aus Berlin ließ sich bei den lokalen Patronen aber kaum durchsetzen. Das musste Hecker selber bei einer Visitation in seiner rheinischen Heimat erfahren. Da wurde über die Kosten der neuen Schulbücher geklagt. Außerdem sei die Besoldung der Schulmeister „blutschlecht“, da könne man keine gute Ausbildung der Lehrer verlangen. Und vor allem: Auf dem Lande sei der Schulbesuch im Sommer kaum durchzusetzen, da die Kinder den Eltern in der Landwirtschaft helfen müssten. So wurden schließlich wesentliche Bestimmungen des General-Landschulregelements abgeschwächt oder gar nicht erst ausgeführt. Die moderne Bildungsforschung urteilt hart über Heckers Werk: „Nach wenigen Jahren konnte die bloße Kenntnis von der Existenz des Reglements nicht mehr vorausgesetzt werden.“
Wenn Johann Julius Hecker als Gesetzgeber nur mäßig erfolgreich war, so war er es umso mehr als Schulpraktiker: 1747 hatte er als Pfarrer an der Berliner Dreifaltigkeitskirche mit der „Ökonomisch-Mathematischen Realschule“ einen neuen Schultyp gegründet. Bisher hatten die Kinder in den Schulen vor allem Sprachen, Religion und Geschichte gelernt. Hecker nahm nun die „Realien-Fächer“ dazu. Das waren unter anderen Mechanik, Mathematik und Architektur, Geografie und Naturkunde, aber auch Land- und Gartenbau, Seidenproduktion und Ökonomie. Besonders die beiden letzten Fächer zeigen den Bezug zu der sich verändernden Arbeitswelt. Die Schüler sollten für das Berufsleben, den immer wichtiger werdenden Handel und das Manufakturwesen gerüstet werden. Deswegen sehen Bildungsforscher in Heckers Schule eher einen Vorläufer der Berufsschulen als der heutigen Realschulen. Und noch eine Schulform kann sich auf Hecker als Vorläufer berufen: die Gesamtschule. Denn in Heckers Universalschule gab es Leistungsklassen: Man musste nicht alle „klassischen“ Schulfächer durchlaufen, um in den „Realien-Fächern“ zu lernen. Und: Wer in dem einen Fach einen fortgeschrittenen Kurs besuchte, musste dies nicht gleichermaßen in allen Fächern tun. Es könne – so schrieb Hecker – „auch wohl gar miteinander bestehen, dass ein Primaner im lateinischen die dritte Rechenklasse und ein Sekundaner im frantzösischen die unterste lateinische Classe besuchen muß.“ Nicht der Wunsch der Eltern – und damit der soziale Stand der Kinder – sollte entscheidend sein, sondern die Leistung, das „Ingenium“, der Schüler. So wurde Heckers Schule auch zu einem ersten Versuch einer sozial durchlässigen Schule.
Sein Projekt finanzierte der engagierte rheinische Pfarrer und Pädagoge auch durch Spenden und die Einnahmen einer Verlagsbuchhandlung. So konnte er die Kinder armer Eltern vom Schulgeld befreien. Und diese Kinder wurden dann nicht – wie sonst üblich – in einer Armenschule versammelt, sondern gleichberechtigt in seine Schule integriert. Das Lehrerseminar, das Hecker bei den preußischen Behörden anregte, musste er als „Privatinstitut“ gründen. Erst fünf Jahre nach seiner Gründung wurde es als öffentliches Lehrerseminar übernommen. Lehrerausbildung war damals noch etwas Neues. Die Dorfschulmeister waren normalerweise Handwerker, und an den Lateinschulen unterrichteten Theologen – aber nur so lange, bis sie eine in der Regel viel besser dotierte Pfarrstelle bekamen. Hecker half mit, dass Lehrer ein Beruf mit einer eigenen Ausbildung und Wertschätzung wurde.
Auch wenn seine Ökonomisch-Mathematische Realschule Nachahmer in anderen Teilen Deutschlands und in Österreich fand – sie wurde nicht zum Modell in Preußen. Im Gegenteil: Drei Jahre nach Heckers Tod im Jahr 1768 übernahm ein preußischer Minister die Verantwortung für Schule und Kirche, der eine ständische Unterscheidung in Bauern-, Bürger- und Gelehrtenschule bevorzugte. Die Bauern sollten nicht zu gebildet werden. Der Hecker’sche Impuls in Richtung Universalschule lief ins Leere. Heute ist Deutschland das Land, in dem das individuelle Bildungsniveau so stark wie in keinem anderen Industriestaat von der sozialen Herkunft der Schüler geprägt ist. Heckers Ideen haben vor 260 Jahren in eine andere Richtung gewiesen.
chrismon plus rheinland / August 2008
Starke Worte eines Rheinländers. Am 7. November 1707 wurde Hecker als ältestes Kind eines Schulrektors im Ruhr-Städtchen Werden – heute ein Stadtteil Essens – geboren. Als Schüler der Lateinschule in Essen erhielt Häcker eine pietistische Prägung und ging zum Theologiestudium nach Halle an der Saale. Die Universität Halle war nicht nur die ihrer Zeit modernste Universität Preußens. Dort hatte auch der Pietist August Hermann Francke zunächst ein Waisenhaus mit Armenschule gegründet, dann weitere Schulen und Wirtschaftsbetriebe: die „Francke’schen Anstalten“. Theologiestudenten wie Hecker konnten dort parallel zum Studium unterrichten. So sammelte Hecker Lehrerfahrung und schrieb im zarten Alter von 26 Jahren ein Schulbuch über Botanik, im folgenden Jahr eines über Anatomie. Die Halle’schen Pietisten wollten Menschen nicht nur zu einer persönlichen Frömmigkeit erziehen, sondern auch zu „tüchtigen“ und nützlichen Bürgern. Das brachte den Pietisten die Wertschätzung der preußischen Könige ein: Zuverlässige Untertanen konnten sie gebrauchen. Freilich sollte die Erziehung der Untertanen nicht die Staatskasse belasten. Das Schulwesen war noch keine Aufgabe des Zentralstaats, sondern lag in der Hand lokaler Magistrate oder Patrone.
Die nahm sich Hecker später als Oberkonsistorialrat zur Brust. 1763 hatte der Theologe aus der Berliner Schul- und Kirchenbehörde ein „General-Landschulreglement“ auf den Weg gebracht, dass das Schulwesen in Preußen einheitlich regeln sollte. Es enthielt unter anderem Vorschriften über Schulbücher und Schulgeld. Eltern sollten bestraft werden, die ihre Kinder von der Schule fernhielten. Das strenge Regelwerk aus Berlin ließ sich bei den lokalen Patronen aber kaum durchsetzen. Das musste Hecker selber bei einer Visitation in seiner rheinischen Heimat erfahren. Da wurde über die Kosten der neuen Schulbücher geklagt. Außerdem sei die Besoldung der Schulmeister „blutschlecht“, da könne man keine gute Ausbildung der Lehrer verlangen. Und vor allem: Auf dem Lande sei der Schulbesuch im Sommer kaum durchzusetzen, da die Kinder den Eltern in der Landwirtschaft helfen müssten. So wurden schließlich wesentliche Bestimmungen des General-Landschulregelements abgeschwächt oder gar nicht erst ausgeführt. Die moderne Bildungsforschung urteilt hart über Heckers Werk: „Nach wenigen Jahren konnte die bloße Kenntnis von der Existenz des Reglements nicht mehr vorausgesetzt werden.“
Wenn Johann Julius Hecker als Gesetzgeber nur mäßig erfolgreich war, so war er es umso mehr als Schulpraktiker: 1747 hatte er als Pfarrer an der Berliner Dreifaltigkeitskirche mit der „Ökonomisch-Mathematischen Realschule“ einen neuen Schultyp gegründet. Bisher hatten die Kinder in den Schulen vor allem Sprachen, Religion und Geschichte gelernt. Hecker nahm nun die „Realien-Fächer“ dazu. Das waren unter anderen Mechanik, Mathematik und Architektur, Geografie und Naturkunde, aber auch Land- und Gartenbau, Seidenproduktion und Ökonomie. Besonders die beiden letzten Fächer zeigen den Bezug zu der sich verändernden Arbeitswelt. Die Schüler sollten für das Berufsleben, den immer wichtiger werdenden Handel und das Manufakturwesen gerüstet werden. Deswegen sehen Bildungsforscher in Heckers Schule eher einen Vorläufer der Berufsschulen als der heutigen Realschulen. Und noch eine Schulform kann sich auf Hecker als Vorläufer berufen: die Gesamtschule. Denn in Heckers Universalschule gab es Leistungsklassen: Man musste nicht alle „klassischen“ Schulfächer durchlaufen, um in den „Realien-Fächern“ zu lernen. Und: Wer in dem einen Fach einen fortgeschrittenen Kurs besuchte, musste dies nicht gleichermaßen in allen Fächern tun. Es könne – so schrieb Hecker – „auch wohl gar miteinander bestehen, dass ein Primaner im lateinischen die dritte Rechenklasse und ein Sekundaner im frantzösischen die unterste lateinische Classe besuchen muß.“ Nicht der Wunsch der Eltern – und damit der soziale Stand der Kinder – sollte entscheidend sein, sondern die Leistung, das „Ingenium“, der Schüler. So wurde Heckers Schule auch zu einem ersten Versuch einer sozial durchlässigen Schule.
Sein Projekt finanzierte der engagierte rheinische Pfarrer und Pädagoge auch durch Spenden und die Einnahmen einer Verlagsbuchhandlung. So konnte er die Kinder armer Eltern vom Schulgeld befreien. Und diese Kinder wurden dann nicht – wie sonst üblich – in einer Armenschule versammelt, sondern gleichberechtigt in seine Schule integriert. Das Lehrerseminar, das Hecker bei den preußischen Behörden anregte, musste er als „Privatinstitut“ gründen. Erst fünf Jahre nach seiner Gründung wurde es als öffentliches Lehrerseminar übernommen. Lehrerausbildung war damals noch etwas Neues. Die Dorfschulmeister waren normalerweise Handwerker, und an den Lateinschulen unterrichteten Theologen – aber nur so lange, bis sie eine in der Regel viel besser dotierte Pfarrstelle bekamen. Hecker half mit, dass Lehrer ein Beruf mit einer eigenen Ausbildung und Wertschätzung wurde.
Auch wenn seine Ökonomisch-Mathematische Realschule Nachahmer in anderen Teilen Deutschlands und in Österreich fand – sie wurde nicht zum Modell in Preußen. Im Gegenteil: Drei Jahre nach Heckers Tod im Jahr 1768 übernahm ein preußischer Minister die Verantwortung für Schule und Kirche, der eine ständische Unterscheidung in Bauern-, Bürger- und Gelehrtenschule bevorzugte. Die Bauern sollten nicht zu gebildet werden. Der Hecker’sche Impuls in Richtung Universalschule lief ins Leere. Heute ist Deutschland das Land, in dem das individuelle Bildungsniveau so stark wie in keinem anderen Industriestaat von der sozialen Herkunft der Schüler geprägt ist. Heckers Ideen haben vor 260 Jahren in eine andere Richtung gewiesen.
chrismon plus rheinland / August 2008



