Ungreifbare Macht.

Wo ist die Macht? Oder kann man auch fragen: Wer hat die Macht? Ist die Macht denn etwas, das jemand – ein Einzelner oder eine Gruppe – hat? Oder ist die Macht etwas, das noch quasi „über“ denen existiert, die vermeintlich mächtig sind? Die Frage nach dem Wo der Macht, scheint auch aus anderem Grund berechtigt. Sie scheint nämlich verschwunden, die Macht. Früher ja, da gab es allmächtige Götter und davon abgeleitet mächtige Könige, heute gibt es noch die Götter, die ein jeder sich selber auswählt, und es gibt einige grausame Diktatoren, aber ihre Zahl scheint beständig abzunehmen. Die Macht wurde doch ersetzt durch demokratische und rechtsstaatliche Verfahren, durch eine Teilung der Macht. Und wenn das so ist, wenn die Macht derart geteilt, also gleichsam verdünnt wird, dann spricht man auch nicht mehr von Macht. Die Teilung der Macht heißt Gewaltenteilung. Letztlich geht nicht die Macht, sondern alle Staatsgewalt vom Volke aus und der Staat übt keine Macht aus, sondern er hat ein Gewaltmonopol. Da scheint die Macht von gestern zu sein. Wo gibt es heute noch Macht?

Macht werde sichtbar an denen, die die Macht erleiden und sich dagegen wehren. Das behauptete jedenfalls der große Theoretiker der Macht, Michel Foucault. Dieser Perspektivwechsel überrascht: Normalerweise wird die Macht bei denen gesucht, die man für mächtig halten könnte, nicht bei denen, die die Macht erleiden. Es gibt doch auch nach wie vor imposante „Zeichen der Macht“: Glaspaläste der Moderne von großen Banken oder Versicherungen, es gibt immer intelligentere Raketen und immer imposantere Düsenjäger und Kriegsschiffe, und es gibt immer noch ehrfurchteinflößende Krönungsrituale in der Kirche.

Aber haben diese alle die Macht? Diejenigen, die scheinbar mächtig sind, verweisen gerne auf noch Höheres, dem auch sie nur gehorchen: Auf den Sachzwang des Marktes, auf den Gegner, der ihnen den Krieg aufgezwungen habe, oder am besten gleich auf Gott, dem sie bei all ihrem Tun gehorsam sein müssten. Und in der Tat scheint die Macht der Mächtigen auch nicht mehr das, was sie mal war. Die Global Player der Wirtschaft, die großen Banken, die Herren der Börse, sie alle werden von den fallenden Kursen in den Abgrund gerissen. Auf einmal wird deutlich, worauf ihre vermeintliche Macht beruhte: Auf einem komplizierten System von Luftbuchungen. Entweicht die Luft zu stark, schrumpeln die Mächtigen auf Menschenformat. Auch die Kriegsherren haben wohl die Kraft der mehr oder weniger gezielten Zerstörung – Kollateralschäden waren noch in keinem Krieg zu vermeiden. Aber die Macht für Frieden und Demokratie zu sorgen, die haben sie nicht. Im Gegenteil: der Friede scheint zwischen den Panzern besonders schlecht zu gedeihen. Und die Bischöfe und Päpste, sie drohen vollends zur Folklore zu verkommen, weil ihnen nur noch die Herrschaft über die kleine Kaste der Geweihten bleibt. Der Rest des Kirchenvolkes macht vielleicht noch beim Spektakel mit, ignoriert die Weisungen von oben aber ansonsten souverän: In den Schlafzimmern der Menschen hat die Kirche schon längst keine Macht mehr .

Die ausgeübte Macht ist also höchst zweideutig, eindeutiger zeigt sich die Macht, bei denen, die sie erleiden: Bei denen, denen der Sachzwang des Marktes keine Zeit mehr zum selbstbestimmten Leben lässt, bei denen, deren Häuser zerstört und deren Verwandte tot sind, sie zeigt sich bei denen, die in der Katholischen Kirche für Veränderungen eintreten und dabei seit Jahrzehnten gegen Wände laufen.

Man muss sich also an die Kleinen halten, die für ihr eigenes Leben kämpfen, um den Schrecken der Macht zu beschreiben. Und man muss die Großen fragen, warum keiner die Verantwortung für die Macht übernehmen will – oder übernehmen kann.

SWR 2 Fünf vor Sechs / 9.2.2009


Stichworte:
Katholische Kirche, Macht