Verschleierte Macht in der Kirche.

„Die Könige herrschen über ihre Völker, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste und der Vornehmste wie ein Diener.“ Das habe Jesus seinen Jüngern gesagt. Aufgeschrieben steht es im Lukasevangelium. Der Kirche ist somit ins Stammbuch geschrieben, dass sie ein Gegenbild zur Welt der Machthaber sein soll. Das aber misslang gründlich. Sicher, die Ansage Jesu wurde in die kirchliche Rhetorik übernommen, so ist der Papst der „Diener der Diener Gottes“. Papst Benedikt bemühte dieses Understatement nach seiner Wahl zum Papst, als er auf den Balkon vor die jubelnden Massen trat: Er sei nur ein einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn. Freilich, was dieser Arbeiter sagt, ist im Weinberg Gesetz. Dafür haben Benedikts Vorgänger gesorgt: Konzil hin, Konzil her, die Machtfülle des Papstes in kirchlichen Dingen zu entscheiden, ist nach dem Kirchenrecht durch keinerlei Mitspracherechte anderer Instanzen angekränkelt.

Die Macht zeigt sich, bei denen, die sich gegen sie wehren: Sie zeigt sich darin, dass alles nichts nützt: Kein Argument, kein Kirchenvolksbegehren, keine protestantische Kirche, ja nicht mal das Konzil der katholischen Kirche vermochte an dem Allein-Stellvertretungsanspruch des Papstes etwas zu ändern: Er entscheidet, und die Dinge und Dogmen bleiben wie sie immer schon waren. Die Weihehierarchie der Katholischen Kirche funktioniert immer noch nach den feudalen Prinzipien des Mittelalters: Schutz und Versorgung durch die Oberen gegen Gehorsam der Unteren. Gegenüber dieser Verfassung der katholischen Kirche erwies sich noch jeder wind of change als laues Lüftchen.
Wer auf diese simplen historischen Zusammenhänge hinweist, gilt heute freilich schon als Radikaler. Die Kirche sei nun mal keine Demokratie, kommt es engagierten Katholiken lässig über die Lippen. Die Inkongruenz zu ihrem richtigen Leben, in dem sie alle gute Demokraten sind, meistern diese Christen souverän. Die Macht des Faktischen macht auch vor den Köpfen nicht halt.

Aber auch in der Kirche ist es wie anderswo nicht gern gehört, wenn man über Macht spricht. Das hatte der, auf den die Kirche sich beruft, nach dem Evangelienbericht vorausgesehen: „Die Machthaber lassen sich Wohltäter nennen.“ Genauso tut es auch die Katholische Kirche. Der Dienstvorgesetzte bittet seinen (in der Hierarchie untergeordneten) „Bruder“ herzlich, dieses oder jenes zu tun. Die herzliche Bitte freilich ist ein Befehl.
Ausgesprochen aber wird ein Befehl selten: Ein Bischof oder einer seiner Lautsprecher sagt nur, wie es ist in der Katholischen Kirche. Er sagt niemals nur seine Meinung zu einer Sache, er legt die ehrwürdige Tradition der Kirche aus: Manche Dinge ergeben sich aus der Sache, da braucht es keinen Befehl oder Verbot – nur Untergeben, die diesen repressiven Diskurs verstehen und mitmachen.
So tarnt sich die Macht als das Faktische oder – perfider noch – als Sorge. Der Hirte kümmert sich um seine Schafe. Das 2000 Jahre alte Bild sticht immer noch: Geistliche sehen sich gerne als die Hirten, die Verantwortung haben für die ihnen anvertrauten Schäfchen. Ein Bescheid-Wisser führt einen, der es leider selber nicht so genau weiß, auf den richtigen Weg. Den Schäfchen wird das verführerische Angebot gemacht, sich ihres Verstandes unter der Leitung eines anderen zu bedienen. Die fehlende Freiheit ist ein sicheres Indiz für die Wirksamkeit der Macht.

Wer glaubt der Pastor und Hirte sei von gestern, der schaue auf den Sozialstaat. Der hat viele Funktionen der Pastoralmacht übernommen: Er kontrolliert und überwacht die Hilfeempfänger. Der Widerstand gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen hat auch diese Seite: Der Staat verlöre Macht über die ihm anvertrauten „Klienten“. Und wo Macht im Spiel ist, sind Veränderungen – das zeigt die Katholische Kirche – nicht leicht zu haben.

SWR 2 Fünf vor Sechs / 10.2.2009