Das Canisius-Kolleg und die Jesuiten.

Ein Jahr Missbrauchsdebatte.

Heute vor einem Jahr fing die Welle der Enthüllungen an. Die Berliner Morgenpost berichtete über Missbrauchsfälle an der Jesuitenschule Canisiuskolleg in Berlin-Tiergarten. Ein Gesicht prägte die Diskussionen im Jesuitenorden und weit darüber hinaus. Der Rektor des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes. Dabei gerieten die in den Hintergrund, die die Welle ins Rollen gebracht hatten. Ehemalige Schüler des Kollges, die über das, was ihnen widerfahren war, reden wollten. Ein Beitrag von Christoph Fleischmann:

O-Ton Mertes
Sie müssen wirklich den Tag davor und den Tag danach unterscheiden. Es gibt, denke ich manchmal so Ereignisse, da sagt man es gibt ein Davor und Danach. […] Man konnte sich das nicht vorstellen davor und darum ist es so schwer sich vorzustellen, wie es davor war.

Pater Klaus Mertes, Direktor des Berliner Canisius-Kollges meint den 28.Januar letzten Jahres. Den Tag als in der »Berliner Morgenpost« von dem Brief berichtet wurde, den er an ehemalige Schüler geschrieben hatte: Darin ermutigte er mögliche Opfer sexuellen Missbrauchs sich zu melden. An dem Tag kamen viele Journalisten in sein Rektoratszimmer und fragte wie es zu systematischem Missbrauch durch Jesuiten haben kommen können. In der Kirche wurde Mertes als Aufklärer wahrgenommen und zum Teil auch angefeindet. Deswegen legt er Wert darauf, dass er nicht von sich aus an die Presse gegangen sei:

O-Ton 2 Mertes
Das ist eine ganz feine, aber mir sehr wichtige Unterscheidung: Mir war wichtig: Nicht ich gehe an die Öffentlichkeit, sondern [...] ich kommuniziere mit den Opfern und den potenziellen Opfern.

Den Anfang hatte aber nichts Mertes gesetzt, sondern ehemalige Schüler des Canisius-Kollegs, die sich im Herbst 2009 erstmals über ihre Missbrauchserfahrungen ausgetauscht haben. Drei von Ihnen gingen Mitte Januar zu Klaus Mertes, einer von ihnen war Matthias Katsch:

O-Ton 3 Katsch
Es ging tatsächlich darum, mit anderen »Leidensgenossen«, wenn Sie den Begriff so benutzen, in Kontakt zu kommen. Weil wir […] am Ende von 2009, diejenigen, die angefangen hatten, darüber zu sprechen, gemerkt hatten, wie gut das tut, und wir nach Wegen gesucht haben, an die anderen heranzukommen, weil uns war klar, dass wir nicht die einzigen sind – und das war die Intention in dem Gespräch mit Mertes, wie können wir das schaffen.

Aber es wurde mehr daraus als nur eine Selbsthilfegruppe. Eine Welle wurde losgetreten. Ein neues Thema habe den Nerv der Gesellschaft getroffen, meint Katsch rückblickend:

O-Ton 4 Katsch
Es ist eine Opfergruppe in den Blick geraten, die man vorher praktisch nicht gesehen hat: Nämlich Jungen, die Opfer von sexueller Gewalt werden. Man hat gemerkt, dass es da eine Leerstelle gibt, dass es kaum Beratungseinrichtungen und Unterstützung für diese Opfergruppe gibt und man da etwas schaffen muss. […] Dass das aufgedeckt wurde, ist ein enormer Schritt gewesen. Dass wir daran mitwirken konnten, dass wir das vielleicht auch ein Stück mit ausgelöst oder angeschoben haben, das war schon eine aufregende Erfahrung.

Auch und besonders die katholische Kirche hat nach dem Bekanntwerden von vielen Missbrauchsfällen in diversen Schulen und Gemeinden sich mit dem Thema im vergangenen Jahr beschäftigt. Aber Katsch ist darüber enttäuscht. In der Kirche habe sich zu wenig getan. Die Bischöfe verweigerten zum Beispiel einen direkten Dialog mit Betroffenen.
Die Jesuiten haben sich mit Opfervertretern, dem sogenannten Eckigen Tisch, getroffen – Mathias Bubel ist einer von Ihnen:

O-Ton 5 Bubel
Da saßen zwei Seiten sich gegenüber, die sich am liebsten nicht gegenüber gesessen hätten. Ich glaube, das trifft die Sache am Besten. Für uns war das schmerzlich, wir haben uns was ganz anderes vorgestellt. Wir dachten, dass da irgend eine Empathie oder Mitgefühl zu spüren ist, aber da haben wir uns geirrt. Bei uns kam nichts an, […] außer vielleicht so ein Gefühl der Angst, wir könnten in irgend einer Form einen Hebel ansetzen, den sie nicht abwehren können.

Am Eckigen Tisch wurde auch über Entschädigungszahlungen für die Opfer geredet. Nach einer Anzeige des Eckigen Tisches gegen die Jesuiten im November, haben diese den Kontakt mit den Opfervertretern abgebrochen. Inzwischen redet Klaus Mertes doch erst mit der Presse und dann mit den Opfern: Am Wochenende steckte er der »Berliner Zeitung«, dass der Orden eine Millionen für die mindestens gut 200 Opfer bereitstellen wolle, also 5000 Euro für jeden. Eine Zahl, die auch schon im Spätsommer über die Medien bekannt gegeben worden war. Matthias Katsch, der Sprecher des Eckigen Tisches, ist von der Kirche einmal mehr enttäuscht:

O-Ton 6 Katsch
Nach wie vor finde ich es einen falschen Ansatz, erst zu fragen, was können wir uns leisten und dann gucken wir, für wieviel das dann reicht individuell, für jeden Einzelnen. Was wäre denn, wenn wir dreihundert oder vierhundert Betroffene gewesen wären, wär auch nicht mehr Geld dagewesen bei den Jesuiten, dann wär das Zeichen, das sie uns geben können, ja noch geringer geworden, sondern es muss eigentlich umgekehrt laufen: Was ist ein angemessener Betrag, den wir für die Betroffenen leisten müssen, und dann gucken wir, wie wir das organisieren.

Der Eckige Tisch hat eine Summe von 82.373 Euro in den Raum gestellt. Dies sei die Summe, die in den letzten Jahren im Schnitt von deutschen und österreichischen Gerichten für Schäden an der Seele als Schadensersatz zugesprochen worden sei. 5000 Euro seien zu wenig:

O-Ton 7 Bubel
Dass ist ne Frechheit, das ist ein schlechter Witz, ich habe es schon mal gesagt: So ne Summe kriegt man beim Wasserschaden im Keller: Und ich habe keinen Wasserschaden im Keller.

WDR 5 Morgenecho / 28.1.2011