Die Schar der Bedrängten.

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Reise in ein isoliertes Land - Impressionen aus dem Iran.

Gleich rechts hinter dem Eingang ist das schiitische Urbild jeden Martyriums ausgestellt: Goldfarbene Hände aus Metall mit aufgemalten Blutspuren. Sie erinnern an die Schlacht von Kerbala, bei der Imam Husain mit dem Ehrentitel „Haupt der Märtyrer“ mit 72 Getreuen im Kampf gefallen ist. Husains Bruder Abbas wollte Wasser holen für die Kämpfer und ihre Frauen und Kinder, dabei wurden ihm die Hände von einem feindlichen Kämpfer aus dem überlegenen Heer der Umaiyaden abgehackt. Im Märtyrermuseum in Isfahan kehrt die abgehackte Hand immer wieder – auf kitschigen grellfarbenen Bildern von Soldaten, genauso wie in den Vitrinen, in denen Jacken, Waffen, Briefe und andere Utensilien von iranischen Soldaten ausgestellt sind, die im Krieg gegen den Irak gefallen sind. Denn um die Gefallenen dieses achtjährigen Krieges geht es im Märtyrermuseum. Als Märtyrer gelten sie allesamt, nicht nur die Freiwilligen der sogenannten Märtyrerbrigaden, sondern auch die einfachen Soldaten, die gefallen sind – sie alle sind Märtyrer des schiitischen Islam. Zu sehen sind auch Ausschnitte aus den Testamenten der Verstorbenen. Dies sind keine Bestimmungen, was mit dem Besitz der Soldaten zu geschehen hat, sondern mehr oder weniger persönliche Bekenntnisse über die Größe Gottes und des Korans und die Notwendigkeit, Opfer zu bringen.

Auch der Bruder von Rostam Shapour (Name geändert) war Soldat im Krieg und wurde aufgefordert, vor einem gefährlichen Vorstoß sein Testament zu schreiben; aber zum Glück sei es nicht zu dem erwarteten Einsatz gekommen. Der 40jährige Shapour, der im Südwesten des Iran groß geworden ist, lebte nahe der Front. Er hat studiert und nennt sich einen „modernen Moslem“; die frommen Bekenntnisse angesichts des Todes respektiere er, aber das klingt so, als seien ihm die Texte ähnlich befremdlich wie mir. Seit drei Jahren wartet er auf einen positiven Bescheid zu seinem Auswanderungsantrag nach Kanada. Er will fort, denn hier müsse man doch immer Angst vor einem neuen Krieg haben. Außerdem will er der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit und der Enge der staatlich verordneten Moral entfliehen.

Prozessionen zu Ehren Husseins

Die schiitische Gründungsgeschichte, die Schlacht von Kerbala, wird jedes Jahr in den ersten zehn Tagen des Monates Muharram vergegenwärtigt – in Prozessionen und Passionsspielen. Sie prägt das Bewusstsein der Iraner und hat sich mit dem persischen Stolz vermischt, das einzige Land zu sein, das von den muslimischen Arabern erobert wurde und trotzdem seine Eigenständigkeit in Sprache und Kultur bewahrt hat. Das Problem sei die Kolonisation und die Globalisierung, kann man als Erklärung hören. Die Iraner könnten viel weiter sein in der Entwicklung des Landes. Aber das amerikanische Handelsembargo behindere den Iran schon seit vielen Jahren. „Weil wir Muslime sind, werden wir minderwertig behandelt.“ Der das sagt, ist kein islamischer Fundamentalist, sondern ein Ingenieur und Intellektueller der Mittelschicht. Die Mischung aus antiimperialistischer Rhetorik und positivem Bezug auf den Islam ist typisch: In der islamischen Revolution wurde der Schah nicht von einigen starren Mullahs vertrieben, sondern von nahezu allen Bevölkerungsgruppen. Für die linken Intellektuellen war der Islam eine Chiffre, die für eine eigenständige Entwicklung des Iran stand – ohne Bevormundung und wirtschaftliche Abhängigkeit vom Westen.

Heute kann man die Zeit des Schahs entweder in den alten Palästen im kühlen Norden Teherans bewundern, wo vor der Kulisse des Alborz-Gebirges kleine aber prunkvoll ausgestattete Paläste an den märchenhaften Star der westlichen Boulevardzeitungen erinnern, den Schah von Persien. Die andere Seite des Schah-Regimes findet man im Ebrat-Museum unweit des Außenministeriums: Der runde Innenhof dieses mehrstöckigen Gebäudes sei extra so gebaut worden, dass man die Schreie der Inhaftierten nicht auf der Straße hören konnte, erklärt der Museumsführer den jungen Studenten von der Azad-Universität.

Das Foltergefängnis wurde Museum

Das Museum war früher ein Gefängnis des SAVAK, des Geheimdienstes des Schah. Die Folterungen, mit denen die Inhaftierten gequält wurden, sind mit Wachsfiguren nachgestellt: Die Brutalität des SAVAK war berüchtigt. Geistliche wie der jetzige Staatsführer Ali Chamenei waren hier ebenso inhaftiert wie Kommunisten. Neben Wachsfiguren und Fotos der Opfer findet man auch ausführliche Tafeln zu den Tätern – jeweils mit dem Hinweis, ob sie nach der Revolution hingerichtete wurden oder geflohen sind, zum Beispiel nach Amerika. Die Negativfolie ist immer präsent. So etwas wie hier gebe es auch heute noch in Abu Ghraib und Guantanamo, so der alte Mann, der die Führung macht und früher selber hier einsaß. Einer der Studenten meint nachher, dies Gefängnis sei nur wegen des Einflusses von Amerika möglich gewesen. Was er damit genau meint, bleibt offen: Wollte er daran erinnern, dass die amerikanische Regierung den Schah an der Regierung gehalten hat gegen den gewählten Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh? Oder wollte er sagen, dass es so etwas heute in der islamischen Republik nicht mehr gibt? Ein Blick in den Jahresbericht von amnesty international stimmt pessimistisch: In vielen Gefängnissen und Haftzentren werde weiterhin routinemäßig gefoltert.

Zwei Studenten wagen sich nach der Führung durch das Ebrat-Gefängnis hervor: Dies hier sei doch realer als der Holocaust, erklären sie. Einer ist sogar so keck und meint, er sei schon mal in Deutschland gewesen und habe so eine Folterstätte dort nicht gesehen. Auf die eindringliche Mahnung, dass man in Deutschland sehr wohl Konzentrationslager besichtigen könne und es dort überhaupt keine Zweifel am Holocaust gebe, weiß er nichts zu erwidern.

Iranische Fußballstars

Später fragt er nach den iranischen Fußballspielern in der Bundesliga und freut sich, dass der Gast aus Deutschland die wichtigsten Namen parat hat. Beim Verabschieden bescheinigen die Studenten, dass sie gerne mal nach Deutschland kämen. Einer meint – vielleicht um die provokante Frage nach dem Holocaust zu erklären – die Deutschen seien bei einigen nicht gut gelitten, da sie Saddam Hussein mit Giftgas ausgestattet hätten, das dieser auch im Krieg gegen Iran eingesetzt habe. In der Tat erinnert eine große Tafel vis a vis der deutschen Botschaft in Teheran an die Lieferungen deutscher Firmen an den Irak: „Iraner, die das ständige Martyrium ihrer geliebten Söhne mitansehen müssen, die Opfer dieser tödlichen Waffen geworden sind, sollen niemals die Komplizenschaft und unbestreitbare Rolle der deutschen Regierung in diesem abscheulichen Verbrechen vergessen.“ Das schiitische Grundgefühl, zur kleinen Schar der Bedrängten zu gehören, die einem übermächtigen Feind gegenübersteht, findet also immer wieder Anhaltspunkte an der Wirklichkeit. Aber es ist eben auch abrufbar und politisch instrumentalisierbar wie das Märtyrermuseum in Isfahan zeigt.

Die Erklärung des Studenten zu möglichen Ressentiments gegen Deutsche war aber unnötig: Niemand hat mir die Giftgas-Lieferungen vorgehalten. Die orientalische Gastfreundschaft ist stärker als das mögliche Ressentiment. Oftmals wurde ich auf der Straße angesprochen und willkommen geheißen oder gleich zum Tee eingeladen.

Satellitenschüsseln auf allen Dächern

Es überwiegt die Freude, dass ein Gast aus dem Westen sich auf die Reise in den Iran gemacht hat. Das allein scheint mich für viele Iraner positiv auszuzeichnen. „Ich gratuliere Dir“, sagt Amir, ein junger Student, den ich am Flughafen treffe. Es sei nicht selbstverständlich, dass ich in den Iran gereist sei, wo doch im Westen so viel Negatives über den Iran berichtet werde. Das westliche Bild ihres Landes kennen die Iraner von CNN, BBC oder auch vom ZDF. Satellitentechnik macht es möglich. „Westfernsehen“ ist zwar verboten, aber es scheint nicht mehr ernsthaft verfolgt zu werden. Fast jeder gibt es freimütig zu und selbst Hotels empfangen die entsprechenden Sender. Und natürlich will auch Amir in den Westen zum Studieren; am liebsten in die USA.

Mir als Ausländer gegenüber reden die Iraner schnell von ihrem Verdruss über ihre Regierung und besonders über ihren Präsidenten. Sie schimpfen, weil sich seit dem Amtsantritt von Mahmud Ahmadinedschad die wirtschaftliche Lage verschlechtert hat und notwendige Investitionen wegen der unsicheren Lage ausbleiben – und weil die Liberalisierungen aus der Ära Chatami nicht weitergeführt werden: Kopftuchzwang, Alkoholverbot und staatliche Moralvorstellungen finden viele aus der gebildeten und konsumorientierten Mittelschicht eher peinlich. Einige wenige teilen auch die Ansicht von Ahmad Shirzad, dem bekannten Physiker und Blogger, der die zivile Nutzung der Atomkraft für unnötig hält: „Meiner Meinung nach lohnt sich die Kernenergie für uns nicht, wenn es bedeutet, dass wir in zehn Jahren alles andere im Land schließen müssen.“

Dass sich aber bei einem Angriff von außen die Unzufriedenen gegen ihre Regierung wenden werden, wie es einige Strategen aus dem Umfeld der US-Regierung hoffen, ist mehr als unwahrscheinlich. Dann wird die Schar der Bedrängten mit religiösem oder nationalem Eifer für ihre Eigenständigkeit kämpfen.

eins - Entwicklungspolitik Information Nord-Süd / Juni 2007.




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Stichworte:
Iran, Kampf der Kulturen