Beten für die Krieger.

Eine Pastorin im Streit der Religionen auf den Nordmolukken.

Lange Zeit lebten Christen und Muslime auf den Nordmolukken friedlich miteinander. Dann wurde die Inselgruppe zum Schauplatz des indonesischen Machtkampfes und die Religion zum trennenden Merkmal. Eine junge Theologin will, dass sich dies nicht mehr wiederholt.


Jerda Djawa bewegt sich souverän. Sie ist Pastorin. Und Theologiedozentin. Das sind zwei Berufe, die in Indonesien hohes Ansehen genießen. Sie redet mit den Leuten immer freundlich, lächelt und zeigt dabei, dass sie ihren Platz in der Gesellschaft kennt. Die 33-Jährige ist Frauenbeauftragte der Gemeinschaft indonesischer Kirchen. Eine Stelle, die ihr vieles ermöglichen kann.

Doch Jakarta ist zu groß für Djawa. Deshalb möchte sie nach Ablauf ihres Vertrages wieder zurück in ihre Heimat Halmahera, in die ländliche Gesellschaft der Hauptinsel der Nordmolukken. Dorthin, wo alles einfacher und die Gesellschaft noch klar strukturiert ist, Dort, wo sie den Krieg miterlebt hat, wo die Erinnerung daran sie überall einholt.

Es war der 26. Dezember 1999, als der Bürgerkrieg auf den Nordmolukken ihren Heimatort Tobelo erreichte. "Ich war bei meiner Freundin, um ihr frohe Weihnachten zu wünschen", erzählt Djawa. Da sah sie viele Leute laufen. "Die Menschen riefen: Die Moslems haben das Altenheim angezündet. Seit dieser Nacht haben wir uns gegenseitig angegriffen." Ausgehend von einem Gebietskonflikt zwischen Einwanderern und Einheimischen im Nachbardistrikt wurde der Krieg schnell entlang der Religionsgrenzen geschürt. Frauen und Kinder wurden in Sicherheit gebracht, die meisten Kirchenoberen flohen. Die junge Pastorin aber blieb und sah sich plötzlich mit einem unerwarteten Problem konfrontiert: "Bevor die Männer irgendwohin gingen, um ihre Dörfer zu beschützen, kamen sie zu mir, dass ich für sie bete."

Das kam ihr widersinnig vor. "Wenn ich für die Christen bete, was ist mit den Moslems? Und wenn ich für die Moslems bete, ich denke, bevor ich Amen gesagt hätte, hätten die Christen mich umgebracht. Sie hätten gesagt: Warum betet die Pastorin für unsere Feinde und nicht für uns?" Die, die sonst zu ihr als Pastorin aufsehen, haben sie schließlich gezwungen. Nach vier Tagen Zögern betete sie vor den Kämpfern: "Gott wir sind Deine Schöpfung. Auch die Moslems sind Deine Geschöpfe. Bitte stoppe das Kämpfen. Dein Wille wird geschehen und nicht unser Wille." Zufrieden war sie damit aber auch nicht, denn sie spürte, dass die Kämpfer nicht verstanden hatten, was in ihr vorging. Sie haben ihre Pastorin als eine Art Talisman gebraucht.

Vor den Resten der Moschee in Gorua zieht Djawa die Schuhe aus, ehe sie den Platz betritt. Die Moschee ist nur noch ein ausgebranntes Betongerippe – an einigen Stellen wieder dürftig geschmückt von den ersten moslemischen Rückkehrern. Hier wurden 50 Moslems, die in die Moschee geflüchtet waren, umgebracht. Von Kämpfern, für die Djawa gebetet hat? "Die Leute haben sich nicht dafür interessiert, dass ich ihnen gesagt habe, sie sollen keine Frauen und Kinder töten." Die jungen Moslems vor der Moschee mit ihren ernsten Gesichtern machen ihr Angst. "Sie verbergen etwas." Zwar wurde inzwischen auf Halmahera wieder Versöhnung gefeiert: Die Krieger haben in feierlichen Zeremonien geschworen, das Kämpfen zu beenden. Aber die Menschen kennen die Mörder ihrer Familienangehörigen - oft die eigenen Nachbarn - und bleiben mit diesem Wissen allein. Denn niemand will eine Untersuchung dessen, was passiert ist. Niemand will die Verantwortlichen benennen, weil man fürchtet, das könne die alten Wunden wieder aufreißen.

Auch Djawa ist skeptisch: "Es geht nicht einfach zu sagen: Ich habe Deine Mutter umgebracht." Solch einen öffentlichen Gesichtsverlust kann sie sich nicht vorstellen. Nicht in ihrer Heimat Indonesien, wo das freundliche Lächeln zur Pflicht geworden ist.

Es scheint ihr aber dringend nötig, dass die Kirche ihre Theologie überdenkt. "Während der Kämpfe habe ich mit einem Mann gesprochen, für den waren Moslems Ungläubige. Der ist mit in den Krieg gezogen und hat gesagt, wir müssen sie zu Jesus bringen. Dieselbe Haltung gibt es auch bei den Moslems."Deshalb müsse Schluss sein mit der Indoktrination der Kinder, denen gesagt wird, sie sollten nicht mit Moslems spielen. Das Misstrauen sei doch ein Grund für die Kämpfe. Das würde sie gerne als Dozentin am Theologischen Seminar in Tobelo vermitteln. Als Pastorin in einer Gemeinde zu arbeiten, kann sie sich nicht mehr vorstellen.

INFO: Der Bürgerkrieg auf den Molukken, einer Gruppe von 1000 Inseln südlich der Philippinen, hat seit 1999 mehr als 4000 Tote gefordert. Von 1,1 Millionen Molukkern war lange Zeit fast die Hälfte auf der Flucht. 


 
 Südwestpresse / 18.9.2002