Aus Feinden müssen wieder Nachbarn werden.
Nach dem Bürgerkrieg auf den Nordmolukken kehren die ersten Flüchtlinge zurück.
Ein kleiner weißer Gedenkstein vor der Moschee von Gorua erinnert an den 31. Dezember 1999. Hier wurden damals 50 Menschen umgebracht. An der hinteren Wand in der Moschee sieht man einen neuen Farbanstrich. „Hier haben sie die Blutspuren übertüncht“, erklärt Jerda Djawa, eine junge Pastorin der Evangelischen Kirche von Halmahera. Vor der Moschee sitzen drei Männer mit ernsten Gesichtern. Sie sind Moslems aus Gorua. Sie gehören zu den ersten Flüchtlingen, die zurückgekehrt sind an den Ort des Massakers. Auf die Frage, ob sie Bitterkeit im Herzen spüren, antwortet einer der drei Männer knapp: „Es geht schon besser.“
Von Herbst 1999 bis in die Mitte des Jahres 2000 haben sich Christen und Moslems auf den Inseln der Nordmolukken brutal bekämpft. Es fing mit einem Gebietskonflikt auf Halmahera, der Hauptinsel der Nordmolukken, an. Einwanderer, von der Vulkaninsel Makian forderten einen eigenen Distrikt um den Ort Malifut. Dagegen wehrte sich die einheimische Bevölkerung aus dem Kao-Distrikt – nicht zuletzt, weil eine Goldmiene dem neuen Distrikt zugefallen wäre. Es kam zu Überfällen und schließlich zur Zerstörung Malifuts durch die Kao-Leute. Von Anfang an gab es gezielte Versuche, den Konflikt entlang der Religionsgrenzen zu schüren.
Die moslemischen Flüchtlinge aus Malifut, die in die Provinzhauptstadt Ternate geflohen waren, entluden im November 1999 ihren Hass in Pogromen gegen Christen. Jerda Djawa erinnert sich, als sie Ende 1999 vom Studium aus Yogyakarta wieder auf ihre Heimatinsel kam, sei sie bereits im Hafen gewarnt worden, sie solle aufpassen - weil sie eine Pastorin sei. Jede Gruppe hätte der anderen misstraut, so Djawa. So wäre es leicht gewesen, einen Anlass zum Kampf zu finden.
Im Galela-Distrikt sind ganze Landstriche verwüstet. Die Häuser wurden angezündet. Dachstuhl und Fenster brannten aus, nur die Fundamente und Mauern stehen noch. Der Regenwald auf Halmahera hat viele Ruinen schon wieder zurückerobert: Die Mauerreste versinken unter Büschen und Ranken. Mit Macheten, Speeren und selbstgebastelten Schrotflinten seien die Menschen aufeinander losgegangen, erklärt Ruddy Tindage, der beim Ausbruch der Kämpfe als Pastor in Galela arbeitete. In dem Ort Duma steht die Ruine einer großen Kirche. Der Turm wurde gesprengt. Hier wurde nicht nur mit Macheten und Speeren gekämpft. Im christlichen Tobelo, dem Nachbardistrikt zu Galela, ist man überzeugt, dass die indonesische Armee die Moslems mit schweren Waffen ausgerüstet hat. Außerdem kamen im Laufe des Frühjahrs 2000 Kämpfer des Lasker Jihad (Heiliger Krieg) in den Norden Halmaheras und haben die Kämpfe dort zugunsten der Moslems entschieden. Einer der führenden Leute aus Tobelo meint: „Wir kennen die Wurzel der Kämpfe: Wenn die Armee gewollt hätte, hätte sie hier innerhalb von 24 Stunden für Ruhe sorgen können.“ Eine Einschätzung, die einiges an Plausibilität hat, wenn man weiß, dass eigentlich der komplette Verkehr über eine Küstenstrasse laufen muss. Und derselbe Mann fügt hinzu: „Aber wir wollen die Armee nicht öffentlich angreifen, denn sie sollen weiter ihren Job machen.“
Auch die „International Crisis Group“ hat Material gesammelt, das belegt, dass Armee-Einheiten sich auf die Seite einer der kämpfenden Parteien geschlagen haben, bzw. dieselben mit Waffen versorgt haben statt die Kämpfe zu verhindern. Der Indonesienexperte vom Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland, David Tulaar, meint, es gebe bisher keine gesicherten Beweise dafür, dass Unruhen bewusst von der Militärführung geschürt würden, um die eigene Unabkömmlichkeit zu beweisen. Aber man müsse sich schon fragen, warum das indonesische Militär, das unter Suharto zur stärksten Armee Südostasiens geworden sei, sich in den jüngsten Konflikten so schwach und zurückhaltend zeige.
Der Krieg hat ein Drittel der Bevölkerung zu Flüchtlingen gemacht. Sie leben in selbstgebauten Hütten aus Holz und Palmwedeln, alten Markthallen oder – wenn sie Glück haben - bei Verwandten. Fast alle wollen zurück, aber die meisten sind misstrauisch, ob die Lage in ihrem Heimatort sicher ist. Außerdem fehlen Ihnen Mittel, um ihre Häuser wieder aufzubauen. Die Regierung will alle Flüchtlinge bis Jahresfrist zurücksiedeln. Das sei völlig unrealistisch, sagt Mona Saroinsong vom kirchlichen Krisenzentrum in Manado auf der Nachbarinsel Sulawesi. Die Regierung setze die Flüchtlinge unter Druck, in dem sie seit Anfang des Jahres die Hilfen an die Flüchtlingslager aufgekündigt habe. Die Zusagen der Regierung, dass die Rückkehrer Material zum Hausbau gestellt bekämen, fänden keinen Glauben bei den Flüchtlingen, so Saroinsong. Manche fürchteten auch die Rache ihrer alten Nachbarn – trotz der feierlich zelebrierten Versöhnung.
Pastor Ruddy Tindage zeigt ein Videoband von der Versöhnungszeremonie in Tobelo. Unter den Augen von Regierungsvertretern und Militärs trafen sich im April letzten Jahres christliche und moslemische Milizionäre. Sie legen ihre Waffen, mit denen sie sich bekämpft haben, in die Mitte: zwei Speere, zwei Schwerter und zwei Schilde. Darüber wird Kokosnussmilch gegossen als Zeichen der Reinheit und Zuckerwasser als ein Zeichen für ein süßes nicht mehr bitteres Herz. Dann übergeben die verfeindeten Milizionäre sich auf Schwertern Tabak.
Die Witwen aus Duma aber sind sich nicht sicher, was sie von dem Wort Versöhnung halten sollen. Sie hätten gesehen, wie ihre Männer in der Kirche umgebracht wurden, berichtet eine der Frauen, die nun in einem Flüchtlingslager in Tobelo leben. Außerdem sei eines ihrer Enkel entführt worden. Die Entführer würden 5 Millionen Rupiah Lösegeld von ihr verlangen. Ja, zurück nach Duma wolle sie schon. Aber nicht so bald, sagt sie.
In Ternate leitet der ehemalige Rektor der Christlichen Universität von Jagkarta, Judo Poerwowidagdo, einen Mediationskurs. In den Kursen kommen Moslems und Christen zusammen. Es gehe darum, dass die Menschen sich ihre eigenen traumatischen Erfahrungen bewusst machen, so Poerwowidagdo. Dann könnten sie auch anderen helfen und später in Konflikten moderieren. Viele Anregungen hat der engagierte Hochschullehrer von einer Reise nach Südafrika bekommen. Aber ob eine Wahrheits- und Versöhnungskommission für die Molukken das Richtige ist, will er nicht sagen. „Die Leute müssen selber ihre Lösung finden“, ist er überzeugt. Aber dann fügt er doch hinzu. „Eine Lehre aus Südafrika ist: Ihr müsst vergeben, sonst habt ihr keine Zukunft. Das schlagen wir den Leuten vor.“
Einstweilen müssen die Menschen alleine mit ihrer Wahrheit leben. Der alter Mann vor der abgebrannten Moschee in Gorua sagt, er kenne die Leute, die das Massaker angerichtet haben. Das ist nicht verwunderlich. Die Täter waren in den meisten Fällen die eigenen Nachbarn.
Frankfurter Rundschau / 16.7.2002
Von Herbst 1999 bis in die Mitte des Jahres 2000 haben sich Christen und Moslems auf den Inseln der Nordmolukken brutal bekämpft. Es fing mit einem Gebietskonflikt auf Halmahera, der Hauptinsel der Nordmolukken, an. Einwanderer, von der Vulkaninsel Makian forderten einen eigenen Distrikt um den Ort Malifut. Dagegen wehrte sich die einheimische Bevölkerung aus dem Kao-Distrikt – nicht zuletzt, weil eine Goldmiene dem neuen Distrikt zugefallen wäre. Es kam zu Überfällen und schließlich zur Zerstörung Malifuts durch die Kao-Leute. Von Anfang an gab es gezielte Versuche, den Konflikt entlang der Religionsgrenzen zu schüren.
Die moslemischen Flüchtlinge aus Malifut, die in die Provinzhauptstadt Ternate geflohen waren, entluden im November 1999 ihren Hass in Pogromen gegen Christen. Jerda Djawa erinnert sich, als sie Ende 1999 vom Studium aus Yogyakarta wieder auf ihre Heimatinsel kam, sei sie bereits im Hafen gewarnt worden, sie solle aufpassen - weil sie eine Pastorin sei. Jede Gruppe hätte der anderen misstraut, so Djawa. So wäre es leicht gewesen, einen Anlass zum Kampf zu finden.
Im Galela-Distrikt sind ganze Landstriche verwüstet. Die Häuser wurden angezündet. Dachstuhl und Fenster brannten aus, nur die Fundamente und Mauern stehen noch. Der Regenwald auf Halmahera hat viele Ruinen schon wieder zurückerobert: Die Mauerreste versinken unter Büschen und Ranken. Mit Macheten, Speeren und selbstgebastelten Schrotflinten seien die Menschen aufeinander losgegangen, erklärt Ruddy Tindage, der beim Ausbruch der Kämpfe als Pastor in Galela arbeitete. In dem Ort Duma steht die Ruine einer großen Kirche. Der Turm wurde gesprengt. Hier wurde nicht nur mit Macheten und Speeren gekämpft. Im christlichen Tobelo, dem Nachbardistrikt zu Galela, ist man überzeugt, dass die indonesische Armee die Moslems mit schweren Waffen ausgerüstet hat. Außerdem kamen im Laufe des Frühjahrs 2000 Kämpfer des Lasker Jihad (Heiliger Krieg) in den Norden Halmaheras und haben die Kämpfe dort zugunsten der Moslems entschieden. Einer der führenden Leute aus Tobelo meint: „Wir kennen die Wurzel der Kämpfe: Wenn die Armee gewollt hätte, hätte sie hier innerhalb von 24 Stunden für Ruhe sorgen können.“ Eine Einschätzung, die einiges an Plausibilität hat, wenn man weiß, dass eigentlich der komplette Verkehr über eine Küstenstrasse laufen muss. Und derselbe Mann fügt hinzu: „Aber wir wollen die Armee nicht öffentlich angreifen, denn sie sollen weiter ihren Job machen.“
Auch die „International Crisis Group“ hat Material gesammelt, das belegt, dass Armee-Einheiten sich auf die Seite einer der kämpfenden Parteien geschlagen haben, bzw. dieselben mit Waffen versorgt haben statt die Kämpfe zu verhindern. Der Indonesienexperte vom Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland, David Tulaar, meint, es gebe bisher keine gesicherten Beweise dafür, dass Unruhen bewusst von der Militärführung geschürt würden, um die eigene Unabkömmlichkeit zu beweisen. Aber man müsse sich schon fragen, warum das indonesische Militär, das unter Suharto zur stärksten Armee Südostasiens geworden sei, sich in den jüngsten Konflikten so schwach und zurückhaltend zeige.
Der Krieg hat ein Drittel der Bevölkerung zu Flüchtlingen gemacht. Sie leben in selbstgebauten Hütten aus Holz und Palmwedeln, alten Markthallen oder – wenn sie Glück haben - bei Verwandten. Fast alle wollen zurück, aber die meisten sind misstrauisch, ob die Lage in ihrem Heimatort sicher ist. Außerdem fehlen Ihnen Mittel, um ihre Häuser wieder aufzubauen. Die Regierung will alle Flüchtlinge bis Jahresfrist zurücksiedeln. Das sei völlig unrealistisch, sagt Mona Saroinsong vom kirchlichen Krisenzentrum in Manado auf der Nachbarinsel Sulawesi. Die Regierung setze die Flüchtlinge unter Druck, in dem sie seit Anfang des Jahres die Hilfen an die Flüchtlingslager aufgekündigt habe. Die Zusagen der Regierung, dass die Rückkehrer Material zum Hausbau gestellt bekämen, fänden keinen Glauben bei den Flüchtlingen, so Saroinsong. Manche fürchteten auch die Rache ihrer alten Nachbarn – trotz der feierlich zelebrierten Versöhnung.
Pastor Ruddy Tindage zeigt ein Videoband von der Versöhnungszeremonie in Tobelo. Unter den Augen von Regierungsvertretern und Militärs trafen sich im April letzten Jahres christliche und moslemische Milizionäre. Sie legen ihre Waffen, mit denen sie sich bekämpft haben, in die Mitte: zwei Speere, zwei Schwerter und zwei Schilde. Darüber wird Kokosnussmilch gegossen als Zeichen der Reinheit und Zuckerwasser als ein Zeichen für ein süßes nicht mehr bitteres Herz. Dann übergeben die verfeindeten Milizionäre sich auf Schwertern Tabak.
Die Witwen aus Duma aber sind sich nicht sicher, was sie von dem Wort Versöhnung halten sollen. Sie hätten gesehen, wie ihre Männer in der Kirche umgebracht wurden, berichtet eine der Frauen, die nun in einem Flüchtlingslager in Tobelo leben. Außerdem sei eines ihrer Enkel entführt worden. Die Entführer würden 5 Millionen Rupiah Lösegeld von ihr verlangen. Ja, zurück nach Duma wolle sie schon. Aber nicht so bald, sagt sie.
In Ternate leitet der ehemalige Rektor der Christlichen Universität von Jagkarta, Judo Poerwowidagdo, einen Mediationskurs. In den Kursen kommen Moslems und Christen zusammen. Es gehe darum, dass die Menschen sich ihre eigenen traumatischen Erfahrungen bewusst machen, so Poerwowidagdo. Dann könnten sie auch anderen helfen und später in Konflikten moderieren. Viele Anregungen hat der engagierte Hochschullehrer von einer Reise nach Südafrika bekommen. Aber ob eine Wahrheits- und Versöhnungskommission für die Molukken das Richtige ist, will er nicht sagen. „Die Leute müssen selber ihre Lösung finden“, ist er überzeugt. Aber dann fügt er doch hinzu. „Eine Lehre aus Südafrika ist: Ihr müsst vergeben, sonst habt ihr keine Zukunft. Das schlagen wir den Leuten vor.“
Einstweilen müssen die Menschen alleine mit ihrer Wahrheit leben. Der alter Mann vor der abgebrannten Moschee in Gorua sagt, er kenne die Leute, die das Massaker angerichtet haben. Das ist nicht verwunderlich. Die Täter waren in den meisten Fällen die eigenen Nachbarn.
Frankfurter Rundschau / 16.7.2002