"Die Freiheit des Denkens".

Mirjam van Veen erzählt das Leben Sebastian Castellios (1515-1563).

Bei Reformation denken wir meistens an die wenigen großen Namen: Martin Luther in Deutschland, Johannes Calvin in der Schweiz. Sie sind es, die bei Veranstaltungen zur Reformationsdekade in der Regel im Mittelpunkt stehen. Aber die Reformation war eine Bewegung aus vielen Stimmen; nicht nur das Werk weniger bedeutender Männer. Eine der unbekannteren aber gleichwohl erstaunlich modernen Stimmen ist die des Basler Gelehrten Sebastian Castellio, der im 16. Jahrhundert schon für religiöse Toleranz warb. Zur 500. Wiederkehr seines Geburtsjahres ist nun eine neue Biografie über Castellio erschienen.

"Ich habe eben mit einem Kollegen darüber gesprochen, ob es überhaupt sympathische Figuren im 16. Jahrhundert gegeben hat und wir haben gesagt: Nein, gibt’s nicht." Die Amsterdamer Kirchenhistorikerin Mirjam van Veen hat eine Biografie über einen Mann des 16. Jahrhunderts geschrieben: Sebastian Castellio, ein Gelehrter, Bibelübersetzer, Druckereimitarbeiter und Griechisch-Professor.

"Ob Castellio eine sympathische Figur gewesen ist, bezweifel ich: Er hat eigentlich ständig gearbeitet, war davon überzeugt, dass man die Zeit gut nutzen sollte, denn die Zeit war von Gott gegeben und deswegen sollte man sie nicht nutzen, um ein Glas Bier zu trinken, sondern um zu arbeiten. Und außerdem hat er sich ständig mit der Religion beschäftigt." Also ein typischer Protestant? Nun, typisch für seine Zeit war Castellio wohl in der Hinsicht, dass er sich den dramatischen Veränderungen seiner Zeit stellte.


"Bis dahin hatte die katholische Kirche ein Monopol, und religiöse Diversität hat es eigentlich nicht gegeben", so van Veen, "und im 16. Jahrhundert ist diese Einheit völlig zerstört worden. Man konnte sich nicht vorstellen, dass eine Gesellschaft ohne kirchliche Einheit bestehen könnte. Man hatte die Vorstellung, dass ohne die kirchliche Einheit die Gesellschaft völlig in Chaos und Unruhe gestürzt würde."

Nicht nur, dass die Protestanten das religiöse Monopol der katholischen Kirche aufkündigten, daneben gab es beispielsweise diejenigen, die mit der christlichen Freiheit auch ihre politische Freiheit einforderten, es gab andere, die die Kindertaufe in Frage stellten und eine Kirchenordnung von unten anstrebten und es gab die, die fragten, ob ein Christ an die Trinität glauben musste – davon stand schließlich nichts in der Bibel.

Es ist eine Stärke von van Veens Biografie, dass sie Castellio in dieser Gemengelage plausibel positioniert und ihn nicht nur zu einem Vorläufer einer modernen Idee erklärt. "Die Neigung ist immer, ihn als Humanisten zu skizzieren und ihn als Wegbereiter der Toleranz und als Wegbereiter eines liberalen Protestantismus zu beschreiben. Ich glaube, dass das zu einseitig ist: Natürlich war er Wegbereiter der Toleranz, aber er war auch im Mittelalter verwurzelt und war auch nicht in der Lage, ein ganz moderner Mensch zu sein."

Aber Castellio stellte die Einheit zwischen religiösem Glauben und politischem Gemeinwesen in Frage. Die großen Reformatoren wollten schnell mit Hilfe der politischen Autoritäten wieder neue religiös-soziale Einheiten schaffen. "Der Umbruch bei Castellio ist der, dass er sagt: Die Lösung ist nicht, dass wir eine neue Einheit forcieren, sondern dass wir Diversität akzeptieren. Seine Zeitgenossen haben versucht, eine neue Einheit zu schaffen. Aber er war davon überzeugt, dass man jedenfalls temporär Diversität akzeptieren sollte. Und das war neu", so van Veen.

Castellio warnte vor der Gefahr, die in diesen Einheitsbemühungen lag: Das waren nämlich die Religionskriege – einer der ersten in seinem Geburtsland Frankreich: "Dieser Krieg ist anders als andere Kriege. Er ist nämlich ein Krieg ohne Ende. Jede Partei strebt danach, die andere vollständig zu vernichten. Beide Parteien haben außerdem feierlich gelobt, bis zum letzten Atemzug und letzten Blutstropfen zu kämpfen."

Van Veens Biografie ist in fasslichen kurzen Kapiteln geschrieben, elementarisiert das Leben und die Zeit Castellios überzeugend und ist doch immer solide aus den Quellen gearbeitet. Am Schluss steht Castellios "Kunst des Zweifelns": Castellio erkannte, dass Gott mehrdeutig sei: Der Streit der Interpretationen verweise darauf, dass die Wahrheit nicht eindeutig aufzufinden sei.

Und diesen Zug schätzt auch die Biografin an Castellio: "Dass er nicht nur in der Theorie diese Kunst des Zweifelns bevorzugt hat, sondern sie auch selber gelebt hat. Auch in seiner persönlichen Korrespondenz war er im Stande zu sagen: Ja, ich bin völlig davon überzeugt, aber es könnte sein, dass ich mich irre. Er war im Stande auch mit Leuten, die einer völlig anderen Meinung waren als er, Kontakte zu pflegen. Das finde ich sympathisch."

Mirjam van Veen, Die Freiheit des Denkens. Sebastian Castellio - Wegbereiter der Toleranz 1515-1563. Eine Biografie, Alcorde Verlag, Essen 2015.

Außerdem sind im Alcorde-Verlag drei Hauptschriften Castellios in deutscher Übersetzung erschienen:

Sebastian Castellio, Das Manifest der Toleranz. Über Ketzer und ob man sie verfolgen soll (aus dem Lateinischen von Werner Stingl), Alcorde Verlag, Essen 2013.

Sebastian Castellio, Gegen Calvin (aus dem Lateinischen von Uwe Plath), Alcorde Verlag, Essen 2015.

Sebastian Castellio, Die Kunst des Zweifelns und Glaubens, des Nichtwissens und Wissens (aus dem Lateinischen von Werner Stingl), Alcorde Verlag, Essen 2015.

Diesseits von Eden / 25.10.2015