Luther setzte sich durch.

Volker Leppin über Luther als Mystiker und Taktiker.

Luther war kein Lutheraner, sondern ein mittelalterlicher Mönch. Vieles, was heute typisch  lutherisch erscheint, war Teil einer spätmittelalterlichen Frömmigkeit. Volker Leppin stellt den frühen Luther überzeugend in den Kontext seiner Welt.

Von "einer reformatorischen Entdeckung", "umstürzenden Erkenntnissen" oder gar einem "reformatorischen Durchbruch" kann man in Lutherbiografien lesen: Gemeint ist damit, dass Luther irgendwann über dem Lesen der Bibel erkannt habe, dass der Mensch allein durch die Gnade Gottes gerecht gesprochen werden, ohne dass er das mit eigenen frommen Leistungen verdienen könne. Die katholische Kirche – so die protestantische Meistererzählung – habe aber die Notwendigkeit solcher frommen Leistungen behauptet, deswegen sei es zum Konflikt mit Rom gekommen.

Der Tübinger Kirchenhistoriker Volker Leppin zeigt nun, dass Luther mit seiner Meinung nicht allein war: Er lernte sie von seinem Ordensoberen Johann von Staupitz, der deswegen aber nicht ins Lager der Reformation wechselte – und Luther lernte von mittelalterlichen Mystikern wie Johannes Tauler; kurz: seine vermeintlich neue Lehre, war eine auch von anderen geteilte Option spätmittelalterlicher Frömmigkeit: "Wäre Staupitz nicht bei der alten Kirche geblieben, so würden ihn [seine] Aussagen heute wohl zum Star des Luthertums machen, und es wäre klar, dass die Heldenverehrung, die alles auf Luther konzentriert, an den historischen Gegebenheiten vorbei geht. Eine gänzlich "neue" Rechtfertigungslehre musste nicht entdeckt werden." (46)

Sie war vielmehr Teil einer auf Innerlichkeit und vertrauensvollen Liebe zu Gott setzenden Spiritualität, die besonders von Mönchstheologen geprägt wurde. In diese Tradition gehören auch Luthers berühmte 95 Thesen, die für eine innere Haltung der Buße gegen rein äußerliche Bußübungen plädierten. Aber in den Thesen steckten auch einige kritische Worte zum Papst; die kritischsten schiebt Luther Laien in den Mund – und gibt vor, den Papst vor solchen Äußerungen in Schutz nehmen zu wollen:

"Diese unverfrorene Ablassverkündigung führt dazu, dass es selbst für gelehrte Männer nicht leicht ist, die Achtung gegenüber dem Papst wiederherzustellen angesichts der […]  gewiss scharfsinnigen Fragen der Laien. Zum Beispiel: Warum räumt der Papst das Fegfeuer nicht aus um der heiligsten Liebe willen und wegen der höchsten Not der Seelen  […], wenn er doch unzählige Seelen loskauft wegen des unseligen Geldes zum Bau der Basilika."

In Rom war man hellhörig: Nicht die Frage nach Buße und Rechtfertigung wurde zum Zankapfel, sondern die Frage nach der Macht des Papstes. Der Gutachter der Kurie vertrat eine seinerzeit keineswegs allgemeingültige Lehre, nämlich die, dass der Papst nicht irren könne. Die Sache schaukelte sich hoch: Luther nannte als neues Kriterium um alle Lehre und den Papst zu beurteilen: die Heilige Schrift allein.

Leppin schildert überzeugend und spannend wie der Mystiker Luther zum Kirchenkritiker wurde – frei von den Selbststilisierungen des späten Luthers und der Lutheraner. Luther nahm die Rolle des Kritikers schnell an und wusste sich geschickt zu inszenieren: Er nutzte die damals neuen Medien, Flugschriften in der Landessprache, und damit nutzte er auch das Publikum im Kampf mit Rom; er spielte die nationale Karte aus: An den christlichen Adel deutscher Nation hieß eine Reformschrift des Jahres 1520: Deutschland leide unter der römischen Herrschaft. In der selben Schrift entwickelte Luther auch den Gedanken des allgemeinen Priestertums: jeder Christ sei ein Priester.

Dieses Traditionsstück, das gerne als Beleg für die demokratische Orientierung des Protestantismus zitiert wird, wendet Luther in besagter Schrift auf den Adel an: Die Fürsten sollten als Laienchristen die nötigen Reformen umsetzen. Die Bauern hingegen beriefen sich aus Luthers Sicht später zu Unrecht auf das Evangelium, wenn sie mehr Beteiligung forderten. Luther setzte auf die Fürsten zur Errichtung einer eigenen evangelischen Kirche.

Um seine persönliche Unabhängigkeit vom Landesfürsten, Friedrich dem Weisen, zu betonen, wird gerne folgende Begebenheit erzählt: Als Luther einmal gegen die Anweisung des Fürstenhofes von der Wartburg nach Wittenberg reiste, schrieb er seinem Kurfürsten einen freimütigen Brief, dass er mehr auf Gottes als auf den Schutz des Fürsten vertraue. Leppin kommentiert: "Er war immer noch der Unpolitische auf politischem Parkett – und zugleich einer, den man, liest man diesen Brief, nicht einfach als "Fürstenknecht" abstempeln kann."(177)

Ob Luther nach dem Wormser Reichstag wirklich noch gänzlich unpolitisch dachte, kann man in Frage stellen. Vielleicht gilt es immer noch als unschicklich, Luther nicht nur religiöse, sondern auch taktische Motive zu attestieren. Interessant aber: Hier ist in der Verneinung das hässliche Wort vom Fürstenknecht gefallen. Sollte Leppin dieselbe Technik anwenden wie Luther in den 95 Thesen: Kritik, die man anderen in den Mund legt, verneinen? Denn Leppins Darstellung legt schon nahe, dass Luther eben doch den deutschen Landesfürsten mächtig in die Karten spielte und die neu entstehende Kirche nicht nur unter Gottes, sondern vor allem der Fürsten Schutz stellte. Der Mystiker ist zum Strategen geworden. Ein wichtiger Beitrag zur Versachlichung des Lutherjubiläums.

Volker Leppin, Die fremde Refomation. Luthers mystische Wurzeln, C.H.Beck, München 2016, 248 Seiten, 21,95 €.

WDR 3 Mosaik / 15.4.2016