Neue Selbstverständlichkeiten.

Charles Péguy über die Veränderung durch das Geld.

Charles Péguy, ein Name, der hierzulande kaum bekannt ist: Dabei war der französische Schriftsteller zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine wichtige Stimme in der literarischen Szene seines Landes: Er leitete die Literaturzeitschrift "Cahiers de la Quinzaine", in der Autoren wie Romain Rolland, Anatole France, Georges Sorel und Leo Tolstoi schrieben. Péguy, Sohn eines Tischlers und einer Stuhlflickerin, kam aus Orleans, aus der Provinz, er war ein Bildungsaufsteiger. In dem nun vom Verlag Matthes und Seitz herausgegeben Essay mit dem Titel „Das Geld“ schwärmt er von seiner Schulzeit in Orleans, der er viel verdanke. Anhand seiner Erinnerungen entwirft Péguy eine grundsätzliche Kulturkritik.

Die Welt habe sich „seit Jesus Christus weniger verändert als in den letzten dreißig Jahren“ schrieb Charles Péguy 1913 in seinem Essay mit dem Titel „Das Geld“. Darin thematisiert er das titelgebende Geld allerdings nicht direkt, sondern lediglich über seine vermeintlich weltverändernden Wirkungen. Péguy blickt zurück in seine Kindheit, in der er noch eine ganz andere Welt kennengelernt habe: Eine Welt, in der eine Arbeit gut gemacht worden sei, nicht um sie besonders gewinnbringend zu verkaufen, sondern weil das Werk der Arbeit ein Wert an sich gewesen sei, nicht bloß ein Tauschwert. Und die Erfahrung habe zu dieser Zeit gelehrt, dass dem, der seine Arbeit gut mache und bereit sei sich mit wenig zu begnügen, Elend erspart geblieben sei.

Diese Welt aber sei eben in den letzten dreißig Jahren vergangen, weil der Geist der kapitalistischen Bourgoisie, die Aussicht auf finanziellen Gewinn,alles und alle infiziert habe: Man habe sich nicht mehr begnügt mit dem bescheidenen Leben, immer mehr Arbeiter hätten gewinnen wollen ohne zu arbeiten – durch Tricks, durch Spekulation, durch politische Forderungen. Besonders verhasst ist dem Autor der Streik, weil dort durch das in seinen Augen widernatürliche Nichtstun etwas erzwungen werden soll. So hat der ehemalige Sozialist Péguy für den Kopf der französischen Sozialisten Jean Jaurès nur Verachtung übrig, weil er den Sozialismus an das Bürgertum verraten habe, in dem er die Methoden des Bürgertums kopierte.

Dieser Rundumschlag Péguys erklärt sich nicht nur daraus, dass der französische Schriftsteller sich in seinen letzten Lebensjahren für den Katholizismus begeistert hat; es geht nicht nur um die verdorbene Welt angesichts eines vermeintlich christlichen Ideals. Viel mehr dürfte eine Rolle spielen, dass Péguy schon früh mit der Lebensphilosophie, z.B. durch Henri Bergson, in Berührung gekommen war: das einfache und konkrete Leben der Bauern und Arbeiter, fernab des Molochs Paris, das noch ohne Politik und abstrakte Ideen ausgekommen sei, wo es genügte, lesen und rechnen zu können – das schwebt Péguy vor. Dass es so ein einfaches und schönes Leben gegeben habe, weist er nicht nach, er argumentiert nicht mit Zahlen und Entwicklungen; Péguy erinnert sich und setzt auf die Evidenz dessen, was er da erinnert. Damit ist er aber freilich nur ein Zeuge seiner Zeit: des Fin de Siècle Anfang des 20. Jahrhunderts, dem die Moderne verdächtig und hohl geworden war.

Er macht mit seinen Erinnerungen kaum gültige Aussagen über die Jahrhunderte oder gar Jahrtausende davor: denn das Arbeitsethos, das er als Grundzug der antiken und der christlichen Welt beschreibt, ist wohl eher ein Produkt der mittelalterlichen Städte und damit einer frühen Form der Bürgerlichkeit und der kapitalistischen Wirtschaft, gegen die Péguy sich so wehrt. Auch wird man bezweifeln dürfen, dass die Ungleichheit der vormodernen Welt alle Menschen vor Elend bewahrt und Ihnen immer einen sicheren aber bescheidenen Wohlstand erlaubt habe.

All das würde die Übersetzung und Herausgabe eines 100 Jahre alten Textes in einer Taschenbuchreihe für ein allgemein interessiertes Publikum kaum rechtfertigen. Aber Péguys Erinnerungen treffen einen interessanten Punkt: Mit der kapitalistischen Moderne sind bestimmte Lebensformen und Weltbilder untergegangen, neue Selbstverständlichkeiten der Deutung von Mensch und Welt haben sich etabliert. Und vielleicht war der Beginn des 20. Jahrhunderts die letzte Zeit, in der man die alten Selbstverständlichkeiten noch erinnern konnte, so dass man den Wandel überhaupt wahrgenommen hat. Späteren waren die neuen Weltdeutungen eben so selbstverständlich, dass sie glaubten, sie beschrieben die Welt, wie sie immer schon gewesen sei.

Péguy erinnert zum Beispiel an die Vorstellung vom gerechten Preis, die über Jahrhunderte das Fundament wirtschaftsethischen Nachdenkens war; sie besagt, dass ein Gut nicht einfach soviel wert ist, wie man auf dem Markt dafür erlösen kann, sondern dass ein Werkstück einen inhärenten Wert hat, der sich – angesichts von Aufwand und Nutzen – innerhalb der Gemeinschaft rechtfertigen lassen muss. So kann der Text von Péguy dazu anregen, nachzudenken, welche Lebensformen und Weltdeutungen untergegangen sind im Zuge der Modernisierung – und welche davon es verdienen, nicht nur erinnert, sondern auch wiederbelebt zu werden: Darin sind sich Péguys und unsere Zeit ähnlich: Auch wir erkennen, dass mit der Moderne nicht alles besser geworden ist.

Charles Péguy, Das Geld, übersetzt und mit einem Vorwort von Alexander Pschera, Nachwort von Peter Trawny, Matthes & Seitz, Berlin 2017, 140 Seiten, 12 Euro.

SWR 2 Buchkritik / 7.4.2017