Betrachtungen statt Befindlichkeit.

Die Tagebücher des Henry David Thoreau.

Henry David Thoreau war lange Zeit in Deutschland vor allem mit seinem Hauptwerk Walden und dem Aufsatz Über Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat bekannt, beide lagen u.a. als erfolgreiche Diogenes-Taschenbücher vor. Aber in den letzten fünf Jahren boomt Thoreau in Deutschland: Weitere Texte wurden ins Deutsche übersetzt: Wilde Früchte (Manesse) Die Wildnis von Maine und Ktaadn (bei Jung und Jung), Ich befuhr einen Fluss bei günstigen Winden (Der andere Trommler) und Kap Cod (Residenz Verlag) – nicht mitgezählt all die neu zusammengestellten Bände mit ausgewählten Essays vornehmlich zu Naturthemen. Aber das zweifellos ehrgeizigste Projekt hat sich der Verlag  Matthes und Seitz vorgenommen: In 12 Bänden will er eine Auswahl aus den Tagebüchern von Thoreau vorlegen. Als Zwanzigjähriger begann Thoreau Tagebuch zu schreiben und hielt dies 24 Jahre bis kurz vor seinem Tode durch. Manche sagen, dies sei Thoreaus eigentliches Hauptwerk. 

Schon der erste Eintrag ist effektvoll. Hier schreibt einer, der Schriftsteller werden möchte: „Was tun Sie gerade?“, fragte er. „Führen Sie Tagebuch?“ Also machte ich heute meinen ersten Eintrag. […] Ich suche eine Dachkammer auf. Die Spinnen dürfen nicht gestört, der Boden nicht gefegt und das Gerümpel nicht in Ordnung gebracht werden. [I, 5]

Der, der fragte, war Thoreaus Freund und Mentor, der 14 Jahre ältere Ralph Waldo Emerson, einer der Köpfe der sogenannten Transzendentalisten.
Die Sache ist nicht ohne Ironie: Thoreau, der in seinem Erfolgswerk Walden bekennt, dass er von einem Schriftsteller im Wesentlichen einen einfachen und aufrichtigen Bericht über sein eigenes Leben erwarte, der gibt in seinem Tagebuch erstaunlich wenig über sich und sein Innenleben preis. Mit Walden hat Thoreau, wie manche sagen, das Memoir in der amerikanische Literatur begründet oder doch wenigstens den Essay als höchst subjektive Ausdrucksform in die Neue Welt gebracht. Aber ausgerechnet in der Form, in der das Persönliche gewöhnlich viel Platz einnimmt, bleibt Thoreau sparsam mit biografischen Details. "Ich würde mich gern selbst beschreiben, obwohl ich mir selbst ein recht uninteressanter Gegenstand bin – ich zwinge mich sogar jetzt, dies zu schreiben. Was bin ich gegenwärtig? Ein von Krankheit befallenes Nervenbündel, das zwischen Zeit und Ewigkeit steht wie ein welkes Blatt, das noch zitternd an seinem Stängel hängt. Einen elenderen Gegenstand kann man sich nicht vorstellen." [II, 18]

Henry David Thoreau

Stattdessen notiert Thoreau Naturbeobachtungen, kurze Erzählungen von interessanten Begegnungen in der Natur oder auf seinen Reisen und Aphorismen und Meditationen über die Kunst und das Leben. "Wenn, wie jetzt im Januar, ein Südwind den Schnee schmelzen lässt und der bloße Boden zutage tritt, mit trockenem Gras bedeckt und gelegentlich welken Blättern, die darüber im Zweifel zu sein scheinen, ob sie ihr Grün ganz aufgeben oder in Erwartung des neuen Jahres neue Säfte aufsaugen sollen – in einer solchen Jahreszeit, scheint der Erde selbst ein Wohlgeruch zu entströmen, und der Südwind bringt auch meine äußeren Hüllen zum schmelzen –, dann ist sie meine Mutter Erde." [I, 278]

Thoreau hat offensichtlich von Anfang an sein Tagebuch als Stilübung und Materialsammlung angelegt und auch so genutzt: Seine Vorträge und Bücher schöpfen aus dem Tagebuch, aus dem er mitunter ganze Seiten herausgeschnitten hat, um sie seinen Veröffentlichungen einzufügen. In der deutschen Übersetzung zeigen Fußnoten die Parallelen an.

Was im Tagebuch immer wieder zum Ausdruck kommt, ist die Lebensphilosophie von Thoreau: Wenn der Mensch sich auf Farben, Klänge und Gerüche der Natur einlässt, sich in ihre Rhythmen einschwingt, findet er zu sich selber; "Ich muss mein Leben ebenso passiv empfangen wie das Weidenblatt, das über dem Bach flattert. Ich darf nicht für mich sein, sondern Gottes Werk, und das ist immer gut. Ich werde geduldig die Winde abwarten und wachsen, wie die Natur es bestimmt. […] Ich habe das Gefühl, als legte ich zu jeder Zeit mein Leben und die Verantwortung fürs Leben in Gottes Hände und könnte ebenso unschuldig und sorgenfrei werden wie eine Pflanze oder ein Stein." [I, 285f.]

Thoreau findet Gott in der Natur; es ist nicht das Gottesbild, das die Kirchen verkündigen. Interessant ist, dass die Harmonie mit der göttlichen Natur bei Thoreau zusammengeht mit einem sehr robusten Individualismus; ja er scheint gerade aus der Begegnung mit der Natur Distanz zur Gesellschaft und Kraft zum Widerspruch zu finden: "Weder die Doktrinen der Verzweiflung, geistiger oder politischer Knechtschaft, noch Pfaffenlist oder Tyrannei wurden je von jemandem gelehrt, der die Harmonie der Natur ganz in sich aufgenommen hat." [I, 273]

Die Harmonie mit der Natur ist auch sein poetologisches Programm: Aufgabe der Kunst ist es, die Natur, wie sie vor Augen liegt, und die in ihr waltenden Gesetze in einfacher – man könnte sagen – naturanaloger Form zu beschreiben: "Jede wahre Größe nimmt einen so ausgeglichenen Verlauf und ist derart anspruchslos wie ein Pflug in der Furche. Sie trägt das schlichteste Kleid und spricht die schlichteste Sprache. Sie befasst sich mit Versen von Sommerfäden und Tau, mit Hartheu und Gilbweiderich, denn sie hat sich nie aus ihrer Ruhe erhoben und weiß nicht das Geringste von auswärtigen Gebieten. Himmel ist der innerste Ort. Die Guten brauche nicht weit zu reisen." [I, 270]

Es macht Spaß in den Tagebüchern zu lesen; die kurzen, klaren Schilderungen und Gedanken erfrischen und machen den Blick frei für Wesentliches. Die Übersetzung von Rainer G. Schmidt ist elegant, ebenso die Ausstattung der Tagebücher. Ein kleiner Schönheitsfehler wurde im zweiten Band gleich korrigiert: Nun orientiert eine Kopfzeile darüber, in welchem Jahr man sich gerade befindet, das erspart Hin-und Herblättern.

Wenn man neben der Lektüre der Tagebücher auch die Biografie von Frank Schäfer zur Hand hat, kann man einige Einträge mit der Biografie Thoreaus verbinden. So löste der tragische Tod der Bekannten Margaret Fuller im Jahr 1850 keine detaillierte Beschreibung des Schiffsunglückes aus, sondern eine bewegende Carpe-Diem-Meditation: "Wenn du irgendein Risiko kennst, das du eingehen kannst, gehe es ein. Wenn du von etwas weißt, habe Vertrauen. Bemühe dich nicht, religiös zu sein; es wird dir nie gedankt werden. Wenn du einen Nagel einschlagen kannst und du Nägel zum Einschlagen hast, dann schlage sie ein. Wenn du gern irgendwelche Experimente machen möchtest, dann mache sie; jetzt ist deine Chance. Hege keinen Zweifel, wenn sie dir nicht behagen. Schick sie in die Kneipe. Iss nicht, bevor du hungrig bist; es besteht kein Bedarf. Lies keine Zeitung. Schaffe dir bessere Voraussetzungen melancholisch zu sein. Sei so melancholisch wie irgend möglich und notiere das Ergebnis." [II, 282]
Auch wenn die Tagebücher nicht viele biografische Daten liefern, kommt man in ihnen dem Einzelgänger Thoreau durchaus nahe.

Henry David Thoreau, Tagebuch I und II, aus dem Amerikanischen von Rainer G.Schmidt. Bd. II mit einem Nachwort von Holger Teschke, Matthes&Seitz, Berlin 2016 + 2017, 328 + 380 Seiten, je 26,90 €.

WDR 3 Gutenbergs Welt / 18.6.2017


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Glaube, Natur, Thoreau, USA