Der Zwang zum Wachstum.

"Die Wachstumsspirale" von Hans Christoph Binswanger.

Die Grenzen des Wachstums waren nicht so schnell erreicht, wie es der berühmten Club of Rome-Bericht aus dem Jahr 1972 vorhersah. Aber die Welt war alarmiert und die Frage nach dem Ressourcenverbrauch wurden in Konzepte wie „nachhaltige Entwicklung“ oder „qualitatives Wachstum“ integriert. Einer der Ökonomen, die die ökologische Frage in die Wirtschaftswissenschaften gebracht hat, ist Hans Christoph Binswanger – einer der Gründungsdirektoren des Instituts für Wirtschaft und Ökologie an der Universität Sankt Gallen. Nun hat der Emeritus seinen wissenschaftlichen Werdegang zusammengefasst in einem Buch, das den Anspruch erhebt eine neue Wirtschaftstheorie zu präsentieren: es heißt „Die Wachstumsspirale. Geld, Energie und Imagination in der Dynamik des Marktprozesses“. Christoph Fleischmann hat mit Binswanger darüber gesprochen:

O-Ton 1 Binswanger
Es ist zuzugeben, dass in der Wirtschaft auch absolute Werte [...] verfolgt werden, vielleicht ohne dass man es [...] wahrnimmt, auf jeden Fall ist das heute das wirtschaftliche Wachstum, das als absolutes Ziel gilt, ohne dass es hinterfragt wird. Früher hat man das noch begründen müssen, heute muss man’s eigentlich gar nicht mehr begründen.

Warum das Wirtschaftswachstum das oberste Ziel von Managern und Politikern ist, das will Hans Christoph Binswanger erklären. Seiner Meinung nach ist es der Wirtschaftswissenschaft bisher nicht gelungen, das Wachstum der Wirtschaft sinnvoll in die Theoriebildung zu integrieren. Dafür müsse man die Bedeutung des Geldes verstehen. Für Binswanger ist das Geld der Wachstumsmotor des Wirtschaftens.

O-Ton 2 Binswanger
Es beginnt mit der Bank of England, die gegründet wurde 1692 und seit 1696 eben Papiergeld ausgegeben hat, das ursprünglich in [...] Gold einlösbar war; und dann natürlich es ermöglicht hat, dass man mehr Papiergeld schuf als Gold und Silber dahinter stand. [...] Man konnte das 20 und 30 fache an Geld schöpfen gegenüber dem Goldvorrat der bei der Bank von England war.

Das heißt, es werde mehr Geld geschaffen als Gegenwert vorhanden sei – ein Prozess der sich in der Kreditschöpfung bis heute fortsetze. Der Gegenwert müsse erst durch Investitionen geschaffen werden; so käme das Wachstum in Gang. Also steht das Kapital für Binswanger nicht nur historisch, sondern auch sachlich am Anfang: Der Unternehmer brauche Kapital bevor er anfangen könne zu produzieren. Und die, die ihm Kapital geben, hofften auf Gewinne in der Zukunft.

O-Ton 3 Binswanger
Aktien sind so viel wert wie man erhofft daraus gewinnen zu können. Diese Gewinne projiziert man in die unendliche Zukunft, das heißt, die unendliche Zukunft wird gegenwärtig im heutigen Wert der Aktien. Das heißt, man stellt sich vor, dass das immer weiter geht in die Unendlichkeit, diese Gewinne, und tut die Summe aller künftigen Gewinne [...] im Aktienwert kristallisieren und kann es verkaufen. Die Aktie ist eigentlich ein Wert, der ins Unendliche geht, aber heute schon einen endlichen Wert hat

Anders formuliert: Die Aktienbesitzer seien bestrebt, Ihre Aktien zu „verewigen“ und durch immer neue Investitionen die Gewinne zu steigern. Das nennt Binswanger einen Wachstumsdrang. Dabei erklärt er, wie der Gewinn- und Investitionsprozess in Aktiengesellschaften sich kumuliere und die Profite tendenziell steigen. Eine Hilfe den aktuellen Trend einer steigenden Renditeerwartung in der Weltwirtschaft zu analysieren. Gravierender als der Wachstumsdrang aber sei der Wachstumszwang, der darin bestehe, dass Unternehmen – aufgrund des Vorschusses an Geld, den sie in der Vergangenheit bekommen hätten – immer weiter wachsen müssten, um mit den Gewinnen von heute die Investitionen von gestern zu rechtfertigen. Stabilität und Null-Wachstum seien demnach keine Möglichkeiten mehr.

O-Ton 4 Binswanger
Es gibt durchaus eine echte Notwendigkeit des Wachstums zu einer minimalen Wachstumsrate, die nicht beliebig hoch sein muss, aber eine minimale Wachstumsrate darf nicht unterschritten werden, aus dem Grunde dass wir in einer Geldwirtschaft sind, [...] bei der die Unternehmungen finanziert werden müssen durch Geldkapital.

In seinem neuen Buch hat Binswanger versucht diese minimale Wachstumsrate zu berechnen; und kommt dabei auf 1,8 %, die die Weltwirtschaft insgesamt wachsen müsse – einzelne Regionen könnten ruhig darunter liegen. Binswanger ist kein Alarmist: Noch seien die Grenzen des Wachstums nicht erreicht, aber er fordert den Zwang zum Wachstum nüchtern zu erkennen, um dann abzuwägen: Sind die ökologischen und sozialen Folgen des Wachstumszwangs so gravierend, dass man aus der Wachstumsspirale aussteigen muss?

Bisher sei es so, dass die Politik mit wachstumskonformen Mitteln versuche die ökologischen oder sozialen Kollateralschäden des Wachstums abzumildern – indem man zum Beispiel ein „nachhaltiges Wachstum“ anstrebt. Binswanger sieht aber nüchtern, dass die Politik sich im Falle eines Konfliktes zwischen Wachstum und seinen negativen Folgen immer für das Wachstum entscheiden werde. Wer das ändern wolle, müsse der Wachstumsdynamik der Wirtschaft an die Wurzel gehen, also den Kapitalismus – wie wir in kennen – verändern.

O-Ton 5 Binswanger
Ich habe eine Idee, die ich immer wieder sage, die sollte man prüfen, und das wäre die Frage, ob die Aktiengesellschaft heute eigentlich noch die richtige Form ist der betriebswirtschaftlichen Einheit. Die Aktiengesellschaft ist per se auf Wachstum angewiesen. [...] Und die Frage ist, ob man die Aktiengesellschaft nicht eher ersetzen sollte durch eine Stiftungsform der Unternehmung, die dann eher ausgerichtet ist auf das, was man produziert und macht.

Marxistisch gesprochen: Der Gebrauchswert einer Ware würde sich wieder gegenüber dem Tauschwert durchsetzen. Aber das würde Binswanger nicht sagen. Marxistische Terminologie liegt im so fern wie schnelle Lösungen. Er tritt mit dem Anspruch auf eine neue, bessere Wirtschaftstheorie zu entwerfen. Aber er entwirft sie insofern als kritische Theorie, als dass er das, was er beschreibt, nicht rechtfertigt wie viele andere Ökonomen und daraus auch keine „ehernen Gesetze“ macht. Binswanger gibt die Fragen, die sich aus dem Ist-Zustand ergeben, wieder an die Gesellschaft zurück.

O-Ton 6 Binswanger
Wir stehen also in einem Dilemma, dass wir einerseits gezwungen sind immer weiter zu wachsen mit einer minimalen Wachstumsrate. [...] Wir haben auch Freude daran, wir sehen aber auch, dass negative Kollateralschäden damit verbunden sind – eben die Zerstörung der Umwelt; unter Umstände auch soziale Probleme. Aber wir können eigentlich diesen Prozess nicht stoppen, wenn wir nicht in Kauf nehmen, dass dann auch gewisse Innovationen, dass wir gewisse Vorteile die wir damit haben, wegfallen und wir nicht mehr in den Genuss diesen weltweiten Wachstums kommen, dass auch positiv ist.

Das Buch von Binswanger ist keine leichte Lektüre. Aber durch seine sehr übersichtliche Gliederung erlaubt es den Lesern, die Kapitel mit den komplizierten Rechenbeispielen zu überspringen und dort weiterzulesen, wo Binswanger mit Sätzen von schlichter Schönheit den Lauf der Wirtschaft erklärt. Kein Buch das lautstark aktuelle Entwicklungen beschreit, sondern grundlegende Kategorien erarbeitet. Aber genau deswegen ist es politisch brisanter als vieles, was sonst publiziert wird.

Hans Christoph Binswanger, Die Wachstumsspirale. Geld, Energie und Imagination in der Dynamik des Marktprozesses, (Metropolis Verlag) Marburg 2006, 434 Seiten, € 24,80.

SWR 2 Forum Buch / 12.08.06

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Stichworte:
Geld, Kapitalismus, Wachstum