Links sein ist wieder massentauglich.

Robert Misik ist "genial dagegen".

Unter dem nicht mehr ganz taufrischen Wortspiel „What’s left“ fragte kürzlich die Frankfurter Rundschau nach den alten Protagonisten der 68er-Zeit. Nicht auszuschließen, dass manchen FR-Leser dabei den Blues bekommen haben: Beim Marsch durch die Institutionen haben sich in vielen Fällen wohl eher die Marschierenden verändert als die Institutionen. Was ist von den Idealen von damals noch übrig geblieben? Ganz anders der österreichische Publizist Robert Misik: Der sucht nicht bei den Lichtgestalten von gestern Orientierung und Vergewisserung, sondern beim popkulturellen Zeitgeist, der seiner Meinung nach kräftig nach links gerückt ist. Er hat ein Buch geschrieben über neue linke Popkultur. Christoph Fleischmann hat es gelesen:

Robert Misik hat sich viel vorgenommen. Er möchte in seinem neuen Buch mit dem Titel „Genial dagegen“ zeigen, wie man auf kluge Weise links sein kann:

O-Ton 1
Was man beachten muss, um klug links zu sein? [...] Man braucht, wenn man so will, ein Sensorium für Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten, Paradoxien. Auch eine gewisse Freude am Widersinn, würde ich sagen. Nichts ist heute dröger als so’n plattes Linkssein, so ein gegen alles Böse in der Welt, ein relativ manichäisches Bild, das nur das Schlechte am Schlechte sieht und nicht in Erwägung zieht, welche paradoxen unintendierten überraschenden Resultate auch schlechte Dinge zeitigen können.

Das Schlechte ist für viele Linke spätestens seit Adorno die Massenkultur. Gerade dort aber findet Misik eine Menge Überraschendes: Gesten des Protestes und das Unbehagen an der herrschenden Ordnung finden einen Ausdruck im kulturellen Mainstream. Mit viel Sympathie beschreibt Misik die Protagonisten der neuen linken Popkultur: Den Filmemacher und Spaßguerillero Michael Moore, den slowenische Philosophie-Entertainer Slavoj Zizek, den theoretischen Bestseller „Empire“ von Toni Negri und Michael Hardt, die Popband „Wir sind Helden“ und den Theatermacher Rene Pollesch – und natürlich finden auch die vielen jungen Leute, die sich als Globalisierungsgegner engagieren und Che-Guevara-T-Shirts tragen, Misiks Aufmerksamkeit und Wohlgefallen. Dagegen zu sein sei ein Gefühl für die Massen geworden.
Aber Misiks Sinn für Widersprüche geht noch tiefer: Der Kapitalismus selbst sei es, der seine eigene Kritik produziert:

O-Ton 2
Würde der Kapitalismus sprechen können, [...] was würde er sagen? Er sagt: Entwickel Deine Potenziale, sei Du selbst, sei kreativ, bringe Dich ein 24 Stunden am Tag. Mach Dein Ding. [...] Was heißt das? Das heißt, diese Gesellschaftsformation hat den radikalen Individualismus [...] zu seiner zentralen Ideologie entwickelt. Zugleich bringt er die Leute immer wieder in Situationen, wo er diese Kreativität, diesen Individualismus, den man ihnen anempfiehlt, geradezu aufdrängt, nicht entwickeln können. Die einen können’s besser, die anderen weniger. Bei jedem gibt es täglich drei bis dreißig Situationen, wo Unbehagen entsteht. Und dieses Unbehagen kann Unbehagen bleiben, es kann aber auch umschlagen in eine konkretere Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen. Und das meine ich, wenn ich sage, dass der Kapitalismus seine Kritik selbst mitproduziert.

Der Kapitalismus könne seine Glücksversprechen nicht für alle halten. Diesen Selbstwiderspruch erführen besonders die 25 bis 35jährigen: Im verschärften ökonomischen Wettbewerb werde es immer schwieriger, „sein Ding“ zu machen. Freilich die Volten und Widersprüche sind damit für Misik noch nicht zu Ende:

O-Ton 3
Was natürlich auch wiederum seinen Umkehrschluss hat, seinen paradoxen Widersinn: dass noch die Kapitalismuskritik ein Produkt des Kapitalismus ist und wie jedes Produkt des Kapitalismus auch zur Ware werden kann; zur Masche und zu einer Celebrity zu werden.

Das aber bereitet Misik nun kein Unbehagen, dass die Kritik zur gut verkäuflichen Ware wird. Man müsse nur um die Volten und Selbstwidersprüche wissen.

Das hat was für sich: Während man die 68er noch damit verunsichern konnte, dass man sie als „Trittbrettfahrer des Systems“ beschimpfte, gibt sich die Frontsängerin der „Band Wir sind Helden“, Judith Holofernes trotzig und problembewusst: „Wir sind nicht konsequent“; sagt sie, „wir können es gar nicht sein, aber wir machen es trotzdem.“

Damit gibt sie Robert Misik das Stichwort vor: immer radikal, niemals konsequent. Im zweiten Teil seines Buches beschreibt Misik sogenannte „linke Mythen“, von denen man sich verabschieden müsse. Er nennt also den Brautpreis, den die Linke zu zahlen hat, wenn sie sich mit dem Mainstream vermählt: Dazu gehört für Misik die unheimliche Konsequenz, mit der Linke gegen ihre Gegner vorgingen. Die Gewalttäter der linken Bewegungen sind für Misik keine Verirrten gewesen, sie waren konsequent: Wer die Geschichte auf seiner Seite weiß, kann die Gegner des historischen Prozesses aus dem selben herausmorden. Darum tritt Misik auf die Bremse: Wir kennen die neue Gesellschaft noch nicht, und den Weg dorthin kennen wir auch nicht. Obwohl das natürlich alle brennend interessiert:

O-Ton 4
Wenn ich meine Bücher vortrage [...]. Irgendwann mal fragt jeder, und wenn ich irgendwo in einem Dorf im Flachland bin: ja wie kommen wir jetzt, von dem jetzigen zur guten Gesellschaft? Und da steckt sozusagen dieses schlechte Utopiehafte drinne, dass man wissen muss, wenn wir von heute weggehen, wie genau der Weg zur guten Gesellschaft ist. Und solange wir nicht den genauen Weg wissen und eine ganz präzise Landkarte zur Hand haben, brauchen wir gar nicht weggehen und ist ohnehin alles aussichtslos.

Nein aussichtslos geht es bei Robert Misik nicht zu. Auch nach dem Ende der revolutionären Landkarten gebe es Protest - aber er habe eine andere Form als früher: Die Protestgeneration von heute bläst nicht zum Sturm auf das System, sondern sucht nach Räumen jenseits der ökonomischen Logik, die sie selber füllen können mit eigenen Lebensentwürfen. Sie bleiben dem Hedonismus treu, den der Kapitalismus predigt – auch darin sind sie Kinder der kapitalistischen Gesellschaft – sie suchen „ihr Ding“, aber sie suchen es in anderen alternativen Formen: In den Nischen der Kulturindustrie, in prekärer Selbständigkeit, die Raum lässt eigene Ideen zu verwirklichen, in einem veränderten Konsumverhalten, in alternativen Lebensformen, beim Demo-Event.

O-Ton 5
Also da gibt es ein paradoxes Zusammenwachsen von Millieus, also einerseits die neuen Selbständigen, die sich am neuen Markt ganz gut zu bewegen verstehen und auf der anderen Seite diese postautonomen Milieus, Kunstszene, die sich eigentlich von ihrem Gestus radikal jenseits des Marktes verorten und in Wirklichkeit natürlich auch ganz gut mit den [...] Elementen von Nische und Markt etcetera etcetera zurecht kommen.

Gut geschulte linke Theoretiker mögen über Misiks Begeisterung für diese Melange spotten; aber eine zentrale Einsicht von Karl Marx erfüllt die linke Popkultur: „Die ‚Idee’, schrieben Marx und Engels in der „Deutschen Ideologie“, „Die ‚Idee’ blamierte sich immer, soweit sie von dem ‚Interesse’ unterschieden war.“ Auch wenn der Protest der Pokultur oft unspezifisch ist und nicht mit allen Wassern der Gesellschaftskritik gewaschen ist, die Tatsache, dass er sich mit einem soliden Eigeninteresse verbindet, sollte Anlass zur Hoffnung geben. Robert Misik hat einen Essay geschrieben, der Lust macht, die von ihm beschriebenen Protagonisten der neuen Linken genauer kennen zu lernen. Dass er dabei manchmal in die Sprache der beschriebenen jungen Protestler fällt, ist überflüssig, aber verzeihlich. Er macht Lust auf politisches Leben in der Nische.

Robert Misik: Genial dagegen. Kritisches Denken von Marx bis Michael Moore, Aufbau Verlag Berlin 2005, 196 Seiten, € 17,90.

SWR 2 Forum Buch / 30.4.2005


Stichworte:
Linke Theorie