Recht auf eine eigenständige Entwicklung?

Vandana Shiva beklagt die "geraubte Ernte".

In den Supermärkten liegen schon lange Papayas und Litschis; der Fisch auf unserem Teller kommt aus dem Pazifischen Ozean und das Rindersteak aus Argentinien. Unser Essen wird weltweit produziert und auf dem globalen Markt gehandelt. Das setzt den heimischen Landwirten zu, die gegen die Billigkonkurrenz aus Entwicklungsländern nur mit reichlichen EU-Subventionen bestehen können. In der Welthandelsorganisation fordern die Länder des Südens deswegen gleichberechtigten Zugang zum Absatzmarkt Europa. Aber nicht alle sehen das Heil der Entwicklungsländer auf dem Weltmarkt. In Ihrem neuen Buch plädiert die indische Umweltaktivistin Vandana Shiva für eine eigenständige Ernährungspolitik im Süden; eine Politik, die sich nicht nach den Bedürfnissen des globalen Marktes orientiert. Christoph Fleischmann hat es gelesen.

In den Fischerdörfern an der Südwestküste Indiens kann man Kinder mit roten Haaren sehen. Das ist keine aus dem Westen importierte Mode, sondern ein Zeichen für Eiweißmangel. Eiweißmangel in Fischerdörfern! Fisch liefert weltweit 17 Prozent des tierischen Proteins in der Nahrung. Aber offensichtlich nicht in den indischen Fischerdörfern. Wer diese rotbeschopften Kinder einmal gesehen hat, ahnt, was die indische Wissenschaftlerin Vandana Shiva meint, wenn sie ihr neues Buch „Stolen Harvest / Geraubte Ernte“ nennt.

Shiva findet Gründe für die rothaarigen Kinder: Zum ersten die Exportorientierung der indischen Landwirtschaft: 1991 musste Indien einen Kredit beim Internationalen Währungsfonds aufnehmen. Eine der Bedingung war, dass die bis dahin vom Weltmarkt stark geschützte indischen Wirtschaft mehr für den Export produzieren müsse – auch die Landwirtschaft. Als Grundlage der Ernährungssicherheit galt nicht mehr, genug Reis für die eigene Bevölkerung zu produzieren, sondern genug Dollars zu erwirtschaften, um überall auf der Welt Nahrungsmittel kaufen zu können. Allein: die Dollars landeten bei Großunternehmen, aber nicht bei den indischen Kleinbauern.

Ein weiteres Problem sieht Shiva in der fortgesetzten Industrialisierung der Landwirtschaft mit ihren ökologischen und sozialen Folgen. Die Mechanisierung der Landwirtschaft, Indiens sogenannte „Grüne Revolution“, wurde durch westliche Entwicklungshilfe angestoßen und sollte die Produktivität steigeren. Shiva rechnet vor, dass Steigerungen auf der einen Seite mit Verlusten auf der anderen erkauft wurden: Reissorten, die mehr Ertrag bringen, liefern weniger Stroh für die Fütterung der Tiere. Mit mechanisierten Booten überfischte Gewässer führen zu Ausfällen in den Fischerdörfern - und schließlich verlieren durch mechanisierte Prozesse viele Bauern ihre Arbeit. Ein ernstes Problem in einem Land, in dem 75 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben.

Die Spitze allen Übels sieht Shiva in der Einführung genmanipulierten Saatgutes, das die Kleinbauern in die Abhängigkeit von Agrarkonzernen bringt: Die patentgeschützten Samen erlauben es nicht, dass die Bauern einen Teil ihrer Ernte als neues Saatgut verwenden; sie müssen jedes Jahr neu die Samen der Agrarfirmen kaufen. Zudem warnt die indische Wissenschaftlerin vor den ökologischen Nebenwirkungen genmanipulierter Pflanzen.

Dagegen setzt Shiva die traditionelle Wirtschaftsweise der indischen Kleinbauern, in der selbst religiöse Tabus wie das Verbot der Kuhschlachtung Sinn machen: Die Kuh liefert bis ins hohe – scheinbar unproduktive – Alter den kostenlosen Dünger für die Reisfelder. Es geht Shiva um nichts weniger als um ein alternatives Wirtschaftsmodell. Dafür kämpft sie als Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin zusammen mit Antiglobalisierungsgruppen in aller Welt. Man kann das als Modernitätsverweigerung sehen. Schließlich führt jede Modernisierung dazu, das Arbeitskräfte überflüssig werden und meistens hat jede technische Revolution auch ökologische Nebenwirkungen. Will man deswegen auf Fortschritt verzichten?

Andererseits muss man redlicherweise auch sagen, dass das westlich-industrielle Entwicklungsmodell nicht so alternativlos ist, wie es gerne behauptet wird. Müssen alle Entwicklungsländer die selben Prozesse nachholen, die die Industrieländer durchgemacht haben? Die Probleme liegen ja auf der Hand: Arbeitslosigkeit ist bei uns längst nicht mehr konjunkturell bedingt, sondern ein Dauerphänomen. Die Lebensmittelindustrie produziert einen Skandal nach dem anderen; so dass bei uns der Ruf nach gesunder Nahrung und mehr Biolandwirtschaft laut wird. Und trotzdem sollen die Entwicklungsländer erst mal die industrielle Landwirtschaft einführen? Sollen die Menschen in Indien wirklich die selben Fehler machen wie wir?

Und: Muss Indiens Landwirtschaft wirklich zu unserem Nutzen auf den Weltmarkt gezwungen werden: Als billiger Lebensmittellieferant und als Absatzmarkt für die westliche Biotech-Industrie, die mit genmanipuliertem Saatgut nicht den Welthunger bekämpfen, sondern zuerst mal Geld verdienen will? Kurz: Haben die Entwicklungsländer nicht doch ein Recht auf eine eigenständige Entwicklung? Dafür streitet jedenfalls Vandana Shiva – manchmal polemisch überzeichnet, aber nicht ohne harte wirtschaftliche Fakten. Dass der globale Weltmarkt allseits Gewinner hervorbringt, ist noch keineswegs ausgemacht – die rothaarigen Kinder in den indischen Fischerdörfern sind ein warnender Fingerzeig.

Vandana Shiva, Geraubte Ernte. Rotpunktverlag,16,80 €.

SWR 2 Buchkritik / 17.3.2005